Walthari Wissenschaftsforum

Fachbeiträge

1. Oktober 2012

Heis Demos – Heis Theos

Über einen Grundcode gelebter Humanität

Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Der Konvertit Erik Peterson hat in seinem grundlegenden und dennoch viel zu wenig beachteten Werk ›Heis Theos‹ (ausführlich besprochen in diesem WALTHARI-Portal) die antike Akklamationsformel Heis Theos auch in einem politischen und rechtlichen Kontext gesehen. Gelebte Humanität ist auf Nähe, Transparenz und Zustimmung angewiesen, wofür die griechischen Polis-Strukturen und die Stadtkulturen in der Renaissance geradezu Idealfälle waren. Je anonymer und damit undurchschaubarer gesellschaftlich-politische Formationen organisiert sind, um so größer die Gefahr, daß Humanität nicht gelebt werden kann. Nähe und Transparenz rechnete Claude Lévy-Strauß zu den anthropologischen Konstanten. In den Kapiteln 17 bis 23 meiner Buchveröffentlichung ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹ (2007) habe ich grundweisende Umsetzungskonzepte dazu vorgestellt, ohne daß ich damals die Peterson-Veröffentlichung kannte.

Mit Ausnahme Luxemburgs, der Schweiz und anderer Kleinstaaten entsprechen die gegebenen politischen Strukturen nicht den anthropologischen Konstanten, im Gegenteil: Vor allem in der Europäischen Union herrscht die Tendenz zur großstaatlichen Überwölbung und damit der Bürgerentmündigung. Kaum einer der 500 Millionen EU-Bürger hat persönlichen Kontakt zu einem Brüssel-Beamten oder EU-Parlamentarier. Das Großsystem bleibt anonym, unübersichtlich, oktroianfällig, weil entfernt vom Bürgersouverän.

Die dramatische Lage zeigt sich erst, wenn die dritte anthropologische Konstante ins Spiel kommt: Heis Demos – Heis Theos…

Historisches und Aktuelles aus der Welt der Wissenschaften

Epochengestalten

22. November 2013

Giovanni Boccaccio

gest. 1375

Vor siebenhundert Jahren wurde er geboren – man kann es kaum glauben angesichts der Frische seines Decamerone. Unehelicher Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns, Kindheit in Florenz, Banklehrling in Neapel, Jurastudent dortselbst und fleißiger Leser antiker Literatur. 1441 Rückkehr nach Florenz, wo er die Pestepidemie 1348 überlebte, die als Rahmenhandlung seines Dekamerone diente. Sieben Frauen und drei Männer haben sich zehn Tage (gr. deka – zehn; hemera – Tag) zurückgezogen und erzählen sich nach thematischen Vorlagen aufregende Geschichte: groteske, ironische und schlüpfrige, allesamt Milieuschilderungen. Zuvor hatte der zum Diplomaten gewordene Dichter eine Petrarca-Biografie geschrieben und danach eine Dantebiografie. In einer Kirche begann er im Alter eine Lesereihe aus Dantes Göttlicher Komödie.

Der Freund Petrarcas gab vor, in Paris gezeugt worden zu sein, als sich sein Vater mit einer Tochter des französischen Königs eingelassen haben soll. Das erleichterte ihm den Einstieg in die Hofgesellschaft Neapels. Florenz war noch nicht die glanzvolle Stadt des Humanismus und der Renaissance, das 14. Jahrhundert gehört noch zum Mittelalter, dem allerdings das neapolitanische Königshaus ein glanzvolles Schlußlicht aufsetzte. Boccaccio stieg zum Berater der Königs auf und benutzte dessen große Bibliothek für seine Studien. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er dessen Kontor, ohne allerdings sein gesellschaftliches Leben und das Lesen und Schreiben zu vernachlässigen.

Eine Bankenkrise zwang ihn zum Jahreswechsel 1340/41 zurück nach Florenz, wo er öffentlich tätig wurde und von der Stadt mit diplomatischen Missionen häufig unterwegs war, so zum Papst nach Avignon. Dem Dekamerone liegt eine komplizierte Struktur…
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

5. Oktober 2012

Bernard Bolzano

geb. am 5. Oktober 1781 in Prag, gest. am 18. Dezember 1848

Über einhundert Jahre hat es gedauert, bis der Sohn eines italienischen Kunsthändlers und einer Prager Kaufmannstochter unter Mathematikern zu Ruhm gekommen ist. Die Mengenlehre Georg Cantors z.B. hat von Bolzano profitiert, der zugleich als Theologe und Philosoph tiefe Spuren hinterlassen hat, die nur unter Fachleuten bekannt sind. Mit 24 Jahren wurde er zum katholischen Priester geweiht und im gleichen Alter zum Professor für philosophische Religionslehre ernannt. Seine rationalistische Religionsauffassung führte auf Betreiben Wiens zur Amtsenthebung, was sich als Glücksfall für die Mathematik und Philosophie erwies; denn 22 Jahre lang arbeitete er als Privatier in Südböhmen. Erst 1841 kehrte er als Sekretär der mathematischen Abteilung der Königlichen Böhmischen Gesellschaft nach Prag zurück. Philosophisch variierte er Kant mit dem Satz: »Wähle von allen die möglichen Handlungen immer diejenige, die, alle Folgen erwogen, das Wohl des Ganzen, gleichviel in welchen Teilen, am meisten befördert.« Religionsphilosophisch vertritt er eine rationalistische Glückslehre, die ihn als einen der Urväter der instrumentellen Religionsauffassung im kritischen Rationalismus ausweist, ihn aber zugleich außerhalb der biblischen Offenbarungslehre stellt. ›Von dem besten Staat‹ lautet der Titel einer kleinen Schrift, worin er sozialutopische Vorstellungen entwickelt.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer – Aus: www.walthari.com

29. August 2011

John Locke

geb. am 29. August 1632 in Wrington, gest. am 28. Oktober 1704 in Oates

Der heut vor 379 Jahren geborene Philosoph hat wie nur wenige andere die Geistesgeschichte Europas geprägt. Auf ihn geht die Trennung von Staat und Gesellschaft zurück, die sich in den aufgeklärten Verfassungen niederschlug und deren Mißachtung eines der politischen Grundübel unserer Epoche ist. Der Gesellschaft ein weitgehend autonomes Recht auf Selbstorganisationen einzuräumen war eine der Grundideen des englischen Enzyklopädisten. Nur so bleiben Staaten stabil, wobei die Herrscher ihre Legitimation von der Gesellschaft einholen müssen und nicht umgekehrt, wie es modern weitgehend der Fall ist. Denn der ›moderne Staat‹ hat in raffinierter Weise die Gesellschaft von sich abhängig gemacht (mit Subventionen usw.).

Wie schon vor ihm Thomas Hobbes, lehnte John Locke eine universitäre Dauerstellung ab und beschäftigte sich privatim mit Medizin, Mathematik, Pädagogik, Theologie, Philosophie, kurz: mit allen Disziplinen (daher Enzyklopädist) und war zudem als Arzt, Erzieher, Politiker, Diplomat und Geschäftsmann tätig. Wissenschaft und Philosophie entsprangen für ihn aus dem praktischen Tätigsein. Seine Idee vom bürgerlichen Subjekt und von der Volkssouveränität prägte die europäische Aufklärung insgesamt und schlug bis in Lessings ›Nathan‹ und Schillers ›Don Karlos‹ durch. Nach. J. Locke müssen Subjekte sich selbst verantworten: ökonomisch und politisch. Kants berühmtes Mündigkeitsdiktum vom 5. Dezember 1783 (»Aufklärung ist…«) fußt auf Lockes liberalistischem Konzept, das…

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

13. Juli 2009

Hans Blumenberg

geb. am 13. Juli 1920 in Lübeck, gest. am 28. März 1996 in Altenberge

Der Philosoph wäre heute 89 Jahre alt geworden. Ich habe ein halbes Dutzend seiner Bücher studiert und staune darüber, daß ich auf keine Texte über die Person gestoßen bin. Er war kein sog. Öffentlichkeitsintellektueller und erreichte daher außerhalb der Bildungselite keine größere Bekanntheit. Nachdenklichkeit im Stillen, um den Kairos zu erhaschen, fern allem Arenalärm analytisch-mechanistischen Denkens. Geschichte und Judentum bleiben lebenslang Zentren. Seit 1960 Universitätslehrer an verschiedenen Orten. Statt großer Systeme scharfsinnige Untersuchungslinien, auch im ironischen und anekdotischen Tonfall. Daß die technische Zivilisation die Erde ruiniert, hat ihn ebenso beunruhigt wie die Bildungs- und Geschichtsauszehrungen. Geschichts- und Sprachphilosophie fallen bei ihm ineins. Vier Schriften zur Metaphorologie, um verborgene Sinnmitteilungen bloßzulegen. Die metaphorische Methode versteht sich als Widerpart zur technizistischen Erzwingung der Sache. Was sind schon die Müllberge der empirischen Methode gegen die »absolute Methapher«, die in eine bleibende Grundvorstellung über historische Einheiten eingepackt ist. »Stellrahmen« statt Statistik. Jene zu orten, bringt Ordnung. Sinn birgt der Mythos, dem Blumenberg durch »Arbeit« offenbar werden läßt, in Begleitung von Schelling und Heidegger vor allem. Sie alle blicken in die polytheistische Welt der altgriechischen Götter, die bis heute den mythischen Teppich des Abendlandes mitflechten. Dabei garantiert »Bedeutsamkeit« gegenüber der »Benommenheit« (in den Mythen und in der Härte der Wirklichkeit) ein freies Leben. Mit Gedanken über »Lebenszeit« und »Weltzeit« verabschiedete sich Blumenberg. In der Geschichte sah er »auch das Entkräftete immer noch als potentielle Anamnesis«.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

11. Februar 2009

Hans-Georg Gadamer

geb. am 11. Februar 1900 in Marburg/Lahn, gest. am 13. März 2002 in Heidelberg

Das Leben des Heidegger-Schülers deckt ein ganzes Jahrhundert ab. Sein Hauptwerk ›Wahrheit und Methode‹ (1960) wirkt weit über die Philosophie hinaus, weil darin der universale Aspekt des Verstehens in den ›Räumen‹ der Sprache und Tradition beschrieben wird, der alle Wissenschaften, insbesondere aber die Geisteswissenschaften betrifft. Im Prüfrahmen dieser Hermeneutik werden Verstand und Vernunft gezähmt, d.h. ihr Geltungsanspruch an der kulturellen Entwicklung (seit der Antike) gemessen. Gadamer studierte in Breslau und Marburg u.a. bei Martin Heidegger, Paul Natorp und Nikolai Hartmann. Nach Habilitation und Privatdozentur wurde er 1937 zum Professor ernannt, lehrte ab 1939 in Leipzig und ging während des Krieges in die innere Emigration. 1946/47 wurde er Rektor in Leipzig, 1947 Nachfolger von Karl Jaspers in Heidelberg. Hegel, Schleiermacher, Dilthey und Husserl stehen im Mittelpunkt seines Interesses, daneben Hölderlin, Goethe und Rilke, die seine Kunstauffassung beeinflußten. Hermeneutik überschreitet die Interpretationsgrenze von Texten und wird zur Bedingungsanalyse für Verstehen unter verschiedenen historischen Horizonten. Seine Hauptthese lautet: Tradition ist nicht vorschnell als feste Größe zu begreifen, vielmehr produktiv zu erschließen für offene Möglichkeitssichten – jeweils im ›Raum‹ der Sprache als unhintergehbarer Horizont.

Diese Auffassung mußte ihn in Konflikt mit linken Ideologien und aufgeklärt sich wähnenden Geschichtsphilosophien bringen, die auf Traditionsbrüche und absolute Vernunftgläubigkeit ausgerichtet waren. Enttäuscht vom geistigen Klima der 70er Jahre in Deutschland wandte sich Gadamer zunehmend dem Ausland zu, lehrte in den USA und in Paris. Seine ›Gesammelten Werke‹ (1995 abgeschlossen) sind eine solide Basis für die Fortsetzung einer außerordentlichen Wirkungsgeschichte.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

8. Februar 2009

Diadochus Proklos

geb. am 8. Februar 412 in Konstantinopel, gest. am 17. April 485 in Athen

Mit der gegenwärtig verstärkten Rückbesinnung auf die deutschen Mystiker wird der Name Proklos auch für Nichtphilosophen zum Begriff. Meister Eckhart und sein Schüler Heinrich Seuse haben sich auf den byzantinisch-hellenistischen Platoniker berufen und gerieten ins Visier der Kirche (die Schriften Eckharts wurden verurteilt, Seuses akademische Karriere verhindert). Proklos hat in Alexandria studiert und wurde 447 Leiter der Platonischen Akademie in Athen. Über sein Leben weiß man zuverlässig nicht viel. Seine Schüler waren von seiner Lehrart begeistert, fürchteten aber wohl gleichzeitig seinen streng geregelten Tagesablauf. Die von Proklos geprägte Trias der Wirklichkeit wirkt bis in die Gegenwart nach: das Eine ist absoluter, universaler »Grund« von allem, geschieden von allen anderen Wirklichkeiten (absolute Transzendenz, unsagbar, allenfalls negativ zu bestimmen). Aus dem Einen entfalten sich über Zwischenformen der Vielheiten in Richtung Leben und Geist. Alle Wirklichkeitsformen bleiben kreishaft verbunden, so daß der »Grund« in allem Anderen anwesend bleibt, nicht freilich als pantheistische Identität, sondern als All-Einfassung. Jede Wirklichkeitsstufe hat ihren eigenen ontologischen Status und steht dennoch in einer dynamischen Korrelation zu jeder anderen Stufe. Die Rückbindung an das Eine erlaubt es dem Menschen, den »Grund« in sich selber zu entdecken und damit auch seinen transzendentalen Ursprung, wenigstens in zeit-freien punktuellen Momente (ekstatisches Innesein). Für Proklos ist die Philosophie nichts anderes als der Weg zum Einen, das auch schon irdisch geahnt und geschaut werden könne. Damit entmythologisiert Proklos die griechische Götterwelt, die nunmehr als bloße Allegorie erscheint; andererseits re-mythologisiert er Leben und Denken auf einen monotheistischen Grund zu, der kultisch erfahren wird. Seine Philosophie stellt er vor allem in Kommentaren zu Platons Dialogen vor. Thomas von Aquin machte Proklos kirchlich hoffähig. Albertus Magnus und Meister Eckhart dachten ebenso proklisch wie Heinrich Seuse, Johannes Tauler und Nikolaus von Kues (»das Eine in uns«). Auch Schellings und Hegels (nach Feuerbach der »deutsche Proklos«) Weltsysteme fußen auf der Triade des spätantiken Denkers.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

7. Januar 2009

Christian Garve

geb. am 7. Januar 1742, gest. am 1. Dezember 1798

In Breslau geboren und gestorben, erscheint der als Popularphilosoph geschmähte Meditationsdenker in jeder Hinsicht als provinziell. Aufgabe der Philosophie sei es, Lebenshilfen zu geben und sich nicht zu sehr in abstrakten Spekulationen zu ergehen – eine Spitze gegen Kant. Seine Philosophieprofessur in Leipzig mußte Garve aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Verarmt lebte er bis zu seinem Tod in seiner Geburtsstadt, wo er sich mit Übersetzungen (Edmund Burke, Adam Smith, Cicero u.a.) über Wasser hielt. Unter dem Einfluß von Kant u.a. blieb Garves Anstoß zu mehr Empirie und Pragmatismus in Politik und Gesellschaft ungehört, zumal er den Fürsten ein machiavellistisches Verhalten zubilligte und damit gegen den aufkommenden Zeitgeist (um 1789) verstieß. Vom Gesichtskrebs schwer gezeichnet, schrieb er bemerkenswerte Bücher: ›Über die Geduld‹ (1792), ›Über Gesellschaft und Einsamkeit‹ (1797/98) und ›Übersicht der vornehmsten Prinzipien der Sittenlehre‹ (1798). Garve zählt zu den fast gänzlich vergessenen Denkern im deutschen Geisteshaushalt. Daß er höfisch geprägten Umgangsformen sympathischer gegenüberstand als bürgerlichen Direktheiten, hat ihn seit zweihundert Jahren nicht nur in seiner Zunft entfremdet.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Hermann Samuel Reimarus

geb. am 22. Dezember 1694 in Hamburg, gest. am 1. März 1768 in Hamburg

Der Orientalist gehört ins Pantheon deutscher Gelehrsamkeit. Lessing lobte ihn als »wahren gesetzten Deutschen«, weil er seine »Gesinnungen« gerade heraussage und den »Beifall seiner Leser« nicht zu »erschmeicheln« suchte. Reimarus löste den brisantesten Religionsstreit im 18. Jh. aus. Nach dem Studium der Philosophie, Theologie und Philologie unternahm er Bildungsreisen nach Holland und England (die Italienmode war noch nicht angebrochen) und wurde Rektor zuerst in Wismar, dann (auf Lebenszeit) am Hamburger Johanneum. Zugleich übernahm er den Vorsitz der ›Hamburgischen Gesellschaft zur Beförderung der Kunst und nützlichen Gewerbe‹. Reimarus vertrat den englischen Deismus, der Gott aus Vernunftgründen statt aus Offenbarungen annahm und allen denkenden Menschen zugänglich sei. Diese Auffassung vertrat der gläubige Protestant in seiner erst posthum veröffentlichten, anonymen Schrift »Fragmente eines Ungenannten‹ (auszugsweise zwischen 1774 und 1777 veröffentlicht). Die darin geäußerte Bibelkritik löste »nicht Geringeres als einen Hauptsturm auf die christliche Religion« aus, wie Lessing schrieb, wodurch sein berühmter Streit mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze ausgelöst wurde. Aus dem Wortkampf zwischen kirchlicher Orthodoxie und Aufklärung gingen Lessings wirkungsmächtigen Polemiken hervor. Von Reimarus gehen wichtige Impulse für die Bibelexegese aus. In der langen Diskussionslinie zum Verhältnis von Vernunft und Religion nimmt Reimarus eine herausragende Stellung ein. Albert Schweitzer und Rudolf Bultmann wurden von ihm beeinflußt. Wenn Papst Benedikt XVI. das Thema in die Mitte seiner Theologie rückt, weiß kaum jemand, welche Vordenkerrolle Reimarus gespielt hat. Schon Lessing nannte ihn einen »bekannten Unbekannten«.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Jacques Lacan

geb. am 13. April 1901 in Paris, gest. am 9. September 1981 in Neuilly

Arzt und Psychiater, als Guru bewundert und auch zum Harlekin erklärt. Wollte die Psychoanalyse nicht mehr nur als Therapie verstehen, sondern auch als neue Philosophie. die um Hegel kreist. Auf vielen anderen Wissenschaftsgebieten aktiv: Soziologie, Ethnologie, Linguistik, Literaturwissenschaft u.a. Großen Einfluß auf den Poststrukturalismus. Zeitlebens ein unruhiger Geist, den man aus Fachvereinigungen ausschloß, der aber eine herrschende Denkströmung in Frankreich (Lacanismus) auslöste, obschon seine Schriften schwer lesbar sind. Meister der Selbstinszenierung. Jesuitenschüler, Freundschaft mit Künstlern und aneren Zeitgrößen. Erfinder der Theorie des Spiegel-Ichs (vgl. WALTHARI-Heft 50). Wollte tatsächlich eine »psychoanalyse à la française« begründen, gestützt auf die These, daß das Unbewußte ein Produkt der Sprache sei und ausschließlich über diese erfahrbar. Lacan wird in Deutschland oft zitiert, aber wenig gelesen.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Arnold Gehlen

geb. am 29. Januar 1904 in Leipzig, gest. am 30. Januar 1976 in Hamburg

Seine Verwicklungen im Nationalsozialismus erschweren bis heute eine objektive Rezeption. 1933: Mitglied im NS-Dozentenbund, 1940: sein Hauptwerk ›Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt‹, worin die NS-Ideologie legitimiert wurde (ab der 4. Auflage umgearbeitet). Dennoch, so das mehrheitliche Philosophenurteil heute, bleibt Gehlen in der Sache eine bedeutende Epochengestalt, weil er auf existenzielle Fragen bedenkenswerte Antworten gibt. Seine philosophische Anthropologie kreist um drei Fragen: Wie kann man Philosophie ohne Metaphysik betreiben? Wie lassen sich Philosophie und empirische Wissenschaften verbinden? Womit schafft man Lebensorientierungen? Gehlen bereichert wirkungsmächtig die Ethik, Ästhetik, Soziologie und Sozialpsychologie und gilt als einer der Väter der Kulturwissenschaften. Er veränderte die Sicht auf das menschliche Bewußtsein, das nach dem cartesianischen Dualismus dem Körper gegenübergestellt war. Nach Gehlen ist es jedoch ein aus dem Handeln abgeleitetes Phänomen, also ein Prozeßergebnis. Bewegungen und Überlegungen fallen in eins. Handlung, nicht Bewußtsein ist dabei erkenntnisprimär: »Der Mensch ist das handelnde Wesen.« Damit wird eine Brücke von den empirischen Wissenschaften zur Philosophie hergestellt, die mit der aktuellen Hirnforschung neue Aktualität gewinnt. Zusammen mit der biologischen Verhaltensforschung seiner Zeit (Adolf Portmann u.a.) arbeitet Gehlen spezifisch menschliche Entwicklungen und Eigenschaften heraus, so mit dem Begriff des Mängelwesens, der Instinktreduktion, der Unspezifität und der Retardierung. Damit greift Gehlen auf Herder und Nietzsche (der Mensch als »nicht festgelegtes Tier«) zurück. Zum Ausgleich besitzt der Mensch das Wunderorgan Gehirn, das ihn überleben laßt durch Lernfähigkeit und intelligente Anpassung. Die Menschen streben Entlastung an, indem sie Institutionen bilden und sich die Natur dienstbar machen. Daraus resultiert der Dauerkonflikt zwischen Kultur und Naturbewahrung, ebenfalls ein hochaktuelles Thema. Für Gehlen sind Triebüberschuß und Plastizität (Weltoffenheit) stets auch kulturelle Gefährdungsmomente. Mit seinem Reduktionsbild sieht er den Wohlfahrtsstaat voraus. Seine Kritik an der Hypermoral (›Moral und Hypermoral‹, 1969) prognostiziert das Scheitern des ethischen Universalismus’, weil dieser die familiäre Sympathie ins diffuse Globale überdehnt. Hellsichtig auch der sozialdarwinistische Hinweis im Verhältnis von Staat (Institutionen) und Gesellschaft. Gehlens Institutionenlehre favorisiert den Staat als Ordnungshüter und wirkt in Luhmanns Systemtheorie nach, zum Ärger der sog. Frankfurter Schule. Institutionen bieten Entlastung und Orientierung, neigen aber zur bürgerlichen Entmündigung, was Gehlen nicht deutlich wahrnimmt, im Gegenteil: Der Mensch erscheint ihm als »das Wesen der Zucht«, das von außen zu ›züchtigen‹ sei statt von innen durch Lern- und Reifeprozesse. Da offen ist, ob die Mehrheit der Menschen zur Binnenleitung überhaupt fähig ist, richtet die Reizüberflutung und technische Versuchung gesellschaftlichen Schaden an, der durch die erweiterten Möglichkeiten noch gesteigert wird und zur »Übersteigerung der Subjektivität« führt, woraus die bekannte »Primitivisierung« (Boulevard) entsteht. Der Mangel an Binnenhalt zwinge zum harten institutionellen »Außenhalt«. Gehlen liefert eine Reihe weiterer Analysen, die von starker Wirkung sind, so im Rahmen seiner Kunstkritik (›Zeit-Bilder‹, 1960) und Kristallisationsthese, nach der es einen historischen Zeitpunkt gibt, ab dem alle kulturellen Möglichkeiten durchgespielt sind und ein Untergang unausweichlich ist. Insgesamt ist das Gehlen’sche Anregungspotenzial enorm und allermeist aktuell geblieben, aber infolge des NS-Schattens unausgeschöpft, weil unter Dauerverdacht. Überreichlich ausgebeutet hat ihn die modische Handlungstheorie, die, zeitkorrekt imprägniert, ihn kaum zitiert. In der Sache widerspricht seine Subjektivitätskritik der methodisch-biologistischen Handlungsauslegung.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

19. Januar 2008

Auguste Comte

geb. am 19. Januar 1798 in Montpellier, gest. am 5. September 1857 in Paris

Mitarbeiter des Grafen Saint-Simon, Vertreter des Dreistadiengesetzes (zur Entwicklung des Individuums und der Menschheit) und des Enzyklopädischen Gesetzes (beide längst widerlegt). Erfand die soziale Physik, die von nun an Soziologie hieß. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse: Die geistige Entwicklung des Menschen eilt seiner moralischen voraus, woraus sich Instabilitäten ergeben. Aufgabe der Zivilisation sei es, Ordnung und Fortschritt zugleich zu befördern. »In der positiven Philosophie sind Ordnung und Fortschritt die beiden untrennbaren Seiten desselben Prinzips.« Der Atheist Comte ließ sich katholisch trauen, glaubte an Naturgesetze auch im Sozialen. Chaotisches Privatleben, mit phasenweisem Aufenthalt in einer Irrenanstalt. Der Spezialist für Soziales vergriff sich bei der Wahl seiner Frau.1854 : ›Système de politique positive‹ (4 Bde.). Wagte Prophezeiungen, die sämtlich nicht eintraten, ihm aber unter seinen Anhängern dennoch den Status eines Hohenpriesters der Menschheit einbrachten. Auch im heutigen sozialwissenschaftlichen Betrieb eine gängige Referenzautorität.

Rudolf Fr. A. Clebsch

geb. am 19. Januar 1833 in Königsberg, gest. am 7. November 1872 in Göttingen

Einer der großen Unbekannten: Begründer der algebraischen Geometrie, die er mit der Funktionstheorie verknüpfte. Zuerst Realschullehrer, ab 1858 Professor in Karlsruhe, später in Gießen und Göttingen. Früher Tod durch Diphtherie. Mitbegründer der heute bestehenden ›Mathematischen Annalen‹ (seit 1868).

Johann E. Bode

geb. am 19. Januar 1747 in Hamburg, gest. am 23. November 1826 in Berlin

Bedeutender Astronom, Herausgeber eines Himmelsatlas’, führte die Abstandsregel der Planetenbahnen ein. Ab 1787 Direktor der Berliner Sternwarte. Der von W. Herschel 1781 entdeckte Uranus erhielt diesen Namen auf Bodes Vorschlag.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

3. Januar 2008

Heraklit

um 500 v. Chr.

Über das Leben dieses Philosophen weiß man wenig, von seinen Schriften sind nur Fragmente erhalten. Schon in der Antike waren die Nachrichten über ihn spekulativ.: Sprößling einer aristokratischen Familie, er wurde vermutlich sechzig Jahre alt (ergibt sich aus Hinweisen auf Olympiaden). Er soll auf die Königswürde zugunsten seines Bruders verzichtet haben.

Bis heute ist Heraklit auf den Panta-Rhei-Spruch festgelegt, beginnend mit Platon. Doch der einfache Gedanke des Alles-Vergeht überdeckt andere Einsichten, so diese, daß eine Polis (Gemeinwesen) nur überleben kann, wenn seine Gesetze (nomoi) es erlauben, daß der Fähigste regiert. Als einsamer Mahner kritisierte der Philosoph Homer, Hesiod und Pythagoras, weil sie über Götter und Menschen zuviel Falsches berichteten. Über Homer: Man sollte ihn »von den Wettkämpfen ausschließen und ihn mit Ruten züchtigen«. Darin kann eine frühe Religionskritik gesehen werden.

Am nachhaltigsten wirkte im Altertum seine Naturlehre, deren Anhänger eine Schule bildeten (Herakliteer). Seine Schrift über die Natur soll er im Tempel der Artemis hinterlegt und dieser Göttin geweiht haben. Aus den überlieferten Fragmenten rekonstruiert man eine Natur- und Logoslehre, eine Kosmologie, Theologie, Politik und Ethik, die er sämtlich im Spruchstil (Gnomen) formulierte und ihm den Vorwurf der Dunkelheit eintrug. Beispiel: Das Fragment Nr. 53 spricht vom Krieg als »Vater Aller«, fälschlicherweise übersetzt als: Der Krieg ist der Vater aller Dinge.

Heraklit unterschied zwischen Streit (eris) und Krieg (polemos); solange ersterer als Wettbewerb angenommen wird, bereichert er die Polis – ein urdemokratischer Gedanke, den Heraklit auch in der Logoslehre aktiv sieht: der Widerstreit als Grundfigur der Vernunft, worauf sich später Schelling und Heidegger beziehen. Nietzsche war von der antiidealistischen Perspektive Heraklits beeindruckt. Insofern kann Heraklit als Vater der nüchternen Weltsicht gelten, die es gleichzeitig nicht versäumt, auf die verborgenen Strukturen der Welt zu achten. Dazu seien aber nur Wenige fähig.

Aus dem Widerstreitcharakter von Natur und Kultur leitet Heraklit den zentralen Gedanken des Ausgleichs ab, der sich ergibt, weil Gegensätze ein Gemeinsames haben. Nikolaus von Kues nahm später den Gedanken als Coincidentia oppositorum auf. Identität entsteht aus geheilten Differenzen, so in der Natur und unter den Menschen. Gerechtigkeit ist demnach ein Prozeßergebnis, kein festes Maß. Darauf verweist die berühmte Flußmetapher: »Denen, die in die selben (!) Flüsse hineinsteigen, strömen andere und wieder andere Wasserfluten zu« (Fragment 12).

Gott ist nach Heraklit das »ewige Feuer«, an dem die menschliche Seele Anteil hat und deshalb unsterblich ist. Weil aber das Höchste unbestimmt (unerkannt) bleibt (apeiron), ist es für die Menschen nicht ratsam, sich spekulativ daran zu binden. Diesen Abstand forderten die Epikureer später noch deutlicher. Zu dieser Haltung sind nach Heraklit nur wenige Menschen fähig, geben sich doch die »Vielen vollgefressen wie das Vieh« (Fragment 29).

»Esel mögen Spreu lieber als Gold.«
»Vermessenheit ist zu löschen mehr als Feuersbrunst.«
»Mehr als sichtbare gilt unsichtbare Harmonie.«
»Das Wesen der Dinge versteckt sich gern.«
»Der schönste Affe ist scheußlich im Vergleich zum Menschen.«
»Dem Blöden fährt bei jedem sinnvollen Wort der Schrecken in die Glieder.«
»Denn Hunde kläffen sogar an, wen sie nicht kennen.«
»Ich habe mir selbst nachgeforscht.«

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

1. Januar 2008

Christian Thomasius

geb. am 1. Januar 1655 in Leipzig, gest. am 23. September 1728 in Halle

Das historische Gewicht dieses Voraufklärers steht in krassem Gegensatz zu seiner allgemeinen Bekanntheit. 1691 veröffentlichte er seine ›Vernunftlehre‹, dessen erstes Hauptstück überschrieben ist: ›Von der Geschicklichkeit, die Wahrheit durch eigenes Nachdenken zu erlangen.‹ Das war rund einhundert Jahre vor Kants berühmter Antwort auf die Frage ›Was ist Aufklärung‹. Thomasius kämpfte gegen die »selbst verschuldete Unmündigkeit« (Kant) vor allem an der eigenen Universität, wo er provozierend als ›homme galant‹ und nicht im Talar auftrat und über Samuel Pufendorf Vorlesungen hielt – 1687 als erster in deutscher Sprache. Das war eine Kampfansage an das Monopol des Lateinischen. 1688 wehrte sich Thomasius gegen das Kesseltreiben der Kollegen, indem er eine Monatsschrift herausgab: ›Schertz- und Ernsthafter… Gedanken…‹ war die erste wissenschaftliche Zeitschrift in deutscher Sprache und die Vorgängerin des späteren Feuilletons. Akademische »Pendanterie und Heuchelei, die den Titel der Gelehrsamkeit und Tugend mißbrauchen«, widerten ihn an, ebenso die französische Zeitmode, die an den Höfen und Universitäten herrschte. Seinen berechtigten Spott mußte er mit einer Flucht nach Berlin (1690) bezahlen. Der preußische Friedrich III. richtete ihm eine Professur in Halle ein. Er wandte sich gegen die Herrschaft der Theologie über die Philosophie, forderte die Trennung von Kirche und Staat und wollte christliche Moral und profanes Recht getrennt wissen. Was Thomasius weiterhin so außergewöhnlich erscheinen läßt: Eigene Fehler gestand er öffentlich ein. Im Unterschied zu dem französisierenden Leipniz sah Thomasius in der deutschen Sprache und im Bürgertum seine geistige Heimat. In der heutigen Welt des Denglischen, der Modul-Pedanterie an den Hochschulen und der Bildungsheuchelei mangelt es an Gelehrten vom mutigen Schlag eines Thomasius.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

21. Dezember 2007

Giovanni Boccaccio

geb. im Juni/Luli 1313 in Paris oder Certaldo, gest. am 21. Dezember 1375 in Florenz

Heute vor 632 Jahren starb in Florenz eine der größten Dichtergestalten des Abendlandes. Unehelich geboren, Banklehre in Neapel, Studium des kanonischen Rechts, des klassischen Lateins und der Literatur. Schon mit der ersten literarischen Arbeit (›Der Filostrato‹, 1337-1339) erweist sich Boccaccio als Vorbote des Humanismus. Wechselnde Aufenthalte in Florenz, Ravenna, Padua und Avignon, wohin der Papst von der französischen Krone gezwungen worden war. Auf der Flucht vor der Pest (ab 1348) schrieb er zwischen 1349 und 1351 die Novellensammlung ›Das Dekameron‹ (hundert Geschichten), die erst 1470 veröffentlicht wurden. Sieben Frauen und drei Männer sind vor der Pest aufs Land geflohen und erzählen sich im Laufe von zehn Tagen aufregende Geschichten. Jede Person hat einen Erzähltag zu einem vorgegebenen Thema. So entstehen Abenteuer-, Liebes- und Ehegeschichten usw. Berichtet wird realistisch-ironisch für »edle Frauen und Jungfrauen«, die kein Latein beherrschen.

»So wie die Torheit oft manchen um sein Glück bringt und ihn in tiefes Elend stürzt, so zieht den Weisen sein Verstand aus den augenscheinlichsten Gefahren und gewährt ihm vollkommene Ruhe und Sicherheit«. Giovanni Boccaccio, aus: ›Das Dekameron‹

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

21. November 2007

Schleiermacher, Fr. D. E.

geb. 21. November 1768 in Breslau, gest. 12. Februar 1834 in Berlin

Voltaire, d.i. Arouet, Fr. M.

geb. 21. November 1694 in Paris, gest. 30. Mai 1778 in Paris

Der Gegensatz zwischen den beiden Epochengestalten könnte nicht größer sein. Der Deutsche: Theologe, Philosoph, Prediger, einer der Referenzväter des Protestantismus. Zwei Ansprüche machten ihn populär: »Universalisierung der Humanität« und »Alle Menschen sind Künstler« (womit er J. Beuys um fast 200 Jahre vorwegnahm). Erzogen von der Herrnhuter Brüdergemeinde bei Görlitz, nach dem Studium zunächst Hauslehrer, danach Prediger an der Charité in Berlin, fleißiger Besucher von Salons, Bekanntschaft mit den Romantikern, Übersetzer der Dialoge Platons (ab 1804), Verfasser der berühmten ›Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern‹, die ihm den Vorwurf des Pantheismus einbrachte, weil er eine anthropologische Konstante beschrieb, die heute unbestritten ist (vgl. WALTHARI-Heft 49): Glauben können aus dem »Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit« von einem unendlichen Absoluten. Aus dieser Selbstevidenz ergeben sich Freiheit und Sozietät. Nach Tätigkeiten in Stolp (Pommern) und Halle wieder in Berlin, wo er mit W. v. Humboldt die Universität begründete und ab 1810 als Professor tätig war. Gilt als einer der Väter der Hermeneutik.

Der Franzose: scharfer Religionskritiker, forderte eine natürliche Moral, die an der sozialen Relevanz zu messen sei; einer der geistigen Väter der Französischen Revolution (1789). Reisender in Sachen Vernunftreligion, die das Bürgerglück forderte, sich gegen den Adel und die kirchliche Dogmatik richtete, Zögling eines liberalen Jesuitenkollegs. Seine Spottlust brachte ihn mehrfach ins Gefängnis, wo er u.a. Theaterstücke schrieb. Einfluß Newtons. Mit seiner ›Abhandlung über die Metaphysik‹ prägte er entscheidend das Aufklärungsdenken im 18. Jh.: Gott müsse aus Vernunftgründen und aus der Erkenntnis der kosmischen Vorgänge angenommen werden, aber ohne Zusatzspekulationen (unsterbliche Seele u.a.). Seit 1750 am preußischen Hof, wo er die Freiheit des Redens genoß, die ihm am französischen Hof verweigert worden war. In seinem ›Dictionnaire philosophique‹ faßte er die Summe seines antichristlichen Denkens zusammen, das ihn als Deisten, nicht als Atheisten ausweist. Nach dem Tod des Preußenkönigs verspottete Voltaire auch seinen Gönner als ›Salomon des Nordens‹. Der Spötter nahm sich Gott und die Welt vor: Descartes, Rousseau, La Mettrie u.v.a. Er glaubte in der menschlichen Natur unveränderliche Gesetzmäßigkeiten gefunden zu haben, welche die Geschichte dirigieren wie die Naturgesetze die physikalische Welt. Unerklärlich, warum der Vernunftprediger die Existenz von Vernunftwahrheiten bestritt und die ›philosophie de l’histoire‹ dazu berufen sah, das Bürgertum aus den Fesseln der Theologie und des Absolutismus zu befreien. Neigung zum Determinismus. Rückzug nach Genf und Mitarbeit an der ›Encyclopaidie‹. Streit mit den Genfer Calvinisten. Durch Finanzspekulationen reich geworden, erwarb er auf der französischen Seite des Genfer Sees ein Schloß samt dazugehörigem Dorf und führte ein luxuriöses Leben. Zuletzt militanter Antiklerikalismus mit Ausrottungsaufrufen: ›Ecrasez l’inf?me!‹

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

15. November 2007

Albertus Magnus

Am 15. November 1280 starb Albertus Magnus in Köln. Seine Bedeutung für die kulturelle und geistige Entwicklung des Abendlandes ist kaum zu überschätzen und wurde schon zu seinen Lebzeiten erkannt. Den Beinamen ›der Große‹ vergab man lediglich an weltliche und geistliche Herrscher, und dabei häufig zu Unrecht. Daß man einen Wissenschaftler ›den Großen‹ nannte und heute noch so nennt, hat bei Albert seine Berechtigung.

Zur Vita: Vor 1200 im schwäbischen Lauingen/Donau geboren, als Sprößling einer ritterbürgerlichen Ministerialfamilie, die ihn zunächst zu weltlichen Studien nach Oberitalien schickte. Angetan von der religiösen Armutsbewegung, trat er 1223 dem jungen Dominikanerorden bei. Wirkungsstationen: Hildesheim, Regensburg (wo er als Bischof wirkte), Straßburg, Paris und Köln. 1245 Lehrstuhl in Paris, wo er mit seinem aristotelischen Programm begann, das er bis zu seinem Tod konsequent fortsetzte. Die Grundlinie dieses epochalen Vorhabens bestand darin, Philosophie und Naturwissenschaften nicht mehr der Offenbarungstheologie zu unterstellen, sondern der Vernunft, wie es Aristoteles gefordert hatte. Das war mutig und riskant, denn es widersprach der Weltschöpfungs- und Gotteslehre der Amtskirche. In dem Werk ›Summa de creaturis‹ werden Philosophie, Theologie und Naturwissenschaften von einander getrennt und einer je spezifischen Sichtweise unterstellt. Das war revolutionär, ebenso die Erkenntnis, daß Wissen und Glauben zwei verschiedene Weisen zur Erschließung (Erfahrung) der Welt sind. Damit nahm er die Lehre von Francis Bacon (1561-1626) um Jahrhunderte vorweg, auch Lehrstücke von Kant, Hegel u.a., ohne daß die epochalen Vorarbeiten angemessen gewürdigt wurden und bis heute werden. Obschon die Werke Aristoteles’ kirchenamtlich verboten waren, begann Albert mit einem Aristoteleskommentar. Sein Einfluß auf Meister Eckhart wurde an anderer Stelle in diesem WALTHARI-Portal geschildert. Ulrich von Straßburg: »Mein Lehrmeister, der Herr Albert, ehemals Bischof von Regensburg, war ein in jeglicher Wissenschaft geradezu göttlicher Mann, so sehr, daß er mit Recht als Staunen erregendes Wunder unserer Zeit bezeichnet werden kann.«

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Epochentexte

2. Januar 2008

Rechtfertigung der Emser Depesche

»Schon in der Tatsche, daß das französische Kabinett sich erlaubte, die preußische Politik über die Annahme der Wahl zu Rede zu stellen, und zwar in einer Form, welche durch die Interpretation der französischen Blätter zu einer öffentlichen Bedrohung wurde, schon in dieser Tatsache lag eine internationale Unverschämtheit, welche für uns nach meiner Ansicht die Unmöglichkeit involvierte, auch nur um einen Zoll breit zurückzuweichen. Der beleidigende Charakter der französischen Zumutung wurde verschärft durch die drohenden Herausforderungen nicht nur der französischen Presse, sondern auch durch die Parlamentsverhandlungen und die Stellungnahme des Gramont-Ollivierschen Ministeriums zu diesen Manifestationen. Die Äußerungen Gramonts in der Sitzung des gesetzgebenden Körpers vom 5. Juli:

›Wir glauben nicht, daß die Achtung vor den Rechten eines Nachbarvolkes uns verpflichtet zu dulden, daß eine fremde Macht einen ihrer Prinzen auf den Thron Karls V. setze… Dieser Fall wird nicht eintreten, dessen sind wir ganz gewiß… Sollte es anders kommen, so würden wir… unsre Pflicht ohne Zaudern und ohne Schwäche zu erfüllen wissen.‹

Schon diese Äußerung war eine amtliche internationale Bedrohung mit der Hand am Degengriff. Die Phrase: ›La Prusse cane‹ (Preußen kneift) bildete in der Presse eine Erläuterung zu der Tragweite der Parlamentsverhandlungen vom 6. und 7. Juli, die für unser nationales Ehrgefühl nach meiner Empfindung jede Nachgiebigkeit unmöglich machte.«

Aus: Otto von Bismarck: ›Gedanken und Erinnerungen‹, Kapitel ›Die Emser Depesche‹, Münchener Ausgabe 1962, S. 338 f.
WALTHARI-Zeitung

14. November 2007

Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?

»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben…«

I. Kant am 5. Dezember 1783, in: ›Berlinische Monatsschrift, S. 516.

Aus dem akademischen Leben

Teil 45 der Artikelserie ›Aus dem akademischen Leben‹

Entgleiste Campuskultur. Die ehemalige US-Außenministerin und heutige Stanford-Professorin, Condoleezza Rice, beklagt die Gefahr, die von Political Correctness (PC) für die Universitäten ausgeht. PC bedrohe »die Existenz von Universitäten«, weil sie die Denkfreiheit beschränke und die Kreativität unterbinde. Eine Universität sei keine »Wohlfühlzone«, vielmehr gelte: »Niemand hat das Recht, nicht beleidigt zu werden.« Das zu sagen wagt an deutschen Unis niemand. Vielmehr sucht man den Juristen Thomas Rauscher, Professor an der Universität Leipzig, zu verjagen, weil er getwittert hatte: »Wir schulden den Afrikanern und Arabern nichts. Sie haben ihre Kontinente durch Korruption, Schlendrian, ungehemmte Vermehrung und Stammes- und Religionskriege zerstört und nehmen uns nun weg, was wir mit Fleiss aufgebaut haben.«

Koffeinwasser. Eine Studentin an der Uni Basel liest unter dem Titel ›Die gute Studentin trinkt Koffeinwasser‹ ihresgleichen kräftig die Leviten. Kalorienfreies Koffeinwasser zur Selbstoptimierung sei der „Renner«. Aushangtauglich.

Sprachverödung. Ein Großteil der Studierenden beherrscht die deutsche Sprache nur mangelhaft. Ein Großteil! Multiple Choice als eine der Ursachen. Aber auch die Lehrenden tragen zur Verkümmerung des Deutschen bei, indem sie immer häufiger auf das Englische umsteigen: in Vorbereitungspapieren für Vorlesungen und Prüfungen, mit Empfehlungen englischer statt deutscher Lehrbücher, mit langen englischen Passagen in Seminaren usw. Was dabei verlorengeht, hat Winfried Thielmann, Professor an der TU Chemnitz, dramatisch beschrieben: »Wird der deutschen (und der europäischen) Wissenschaft das Englische durchgehend verordnet, wird sich das angelsächsische Monopol, das bei den ›international refereed Journals‹ und den Zitationsindizes besteht, auch auf die gesamte Theoriebildung ausdehnen. Ausgerechnet der konkurrenzorientierte Wissenschaftsdiskurs wird sich in Europa dann so abspielen, dass angelsächsische Theorien und Terminologien autoritativen Status besitzen und Wissenschaft hierzulande dann bestenfalls noch in der Nachahmung besteht. Dies würde zu autoritätsbasierten Strukturen führen, wie sie für die Scholastik charakteristisch sind, und diejenige Pluralität verhindern, ohne die neuzeitliche Wissenschaft nicht denkbar ist. Damit sind diejenigen kanonischen Verhältnisse wiederhergestellt, denen man einst durch Mehrsprachigkeit entkommen ist: Scholastik statt Neuzeit.

Denkt man dies weiter, so ist man rasch bei einer Wissenschaftsdiktatur amerikanischer Prägung, die ihre Theorien, Termini und Traditionen weltweit durchsetzt und die Voraussetzungen dafür schafft, dass eine externe, das heißt andere (und eben auch anderssprachigen) Traditionen sich verdankende Kritik nicht mehr möglich ist« (FAZ v. 22. März 2018, S. 6).

Szientokratie. Die angelsächsische »Wissenschaftsdiktatur« (W. Thielmann) mit der Folge eingeschränkter Kreativität in anderen Sprachen hat zur Großprojektemanie außerhalb des angelsächsischen Dominanzmilieus geführt, um Defizite auszugleichen. Das wird vom »Kollaps der Fähigkeit zur Distanzahme« begleitet (vgl. Strohschneider, P.: ›Über Wissenschaft in Zeiten des Populismus‹, Festvortrag des DFG-Präsidenten am 4. Juli 2017, im Internet verfügbar).

Unliebsame Konkurrenten. Große Konzerne (VW u.a.) bieten Promotionsprogramme an, die sie selbst nicht erfüllen können, weil nur Hochschulen promovieren können. Um den Hohen Schulen Beine zu machen, benutzen sie Druckmittel: Drittmittel gegen Doktorväter. Die Konzerne geben vielfach den Kandidaten und das Thema ohne Absprache mit den Betreuern vor. Die »Unsitte der Kuckucksei-Promotionen« hat sich insbesondere bei Technischen Hochschulen eingeschlichen; sie untergräbt die Hochschulautonomie (vgl. HB vom 13. Dez. 2017, S. 10).

6. Mai 2014

Im 86. Semester

Teil 41 der Artikelserie ›Aus dem akademischen Leben‹

Der bekannte Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht (Stanford Universität) berichtet in ›Forschung & Lehre‹, Heft 4/2014, sicherlich zum Erstaunen seiner deutschen Kollegen: »Ich gebe eine gute Hälfte« (meines Institutsgeldes) »für Abend- und Mittagessen aus, bei denen wir ohne Zeitdruck, intensiv (und mit Kollegen und Doktoranden gerne auch über einer Flasche Rotwein) intellektuelle Problem diskutieren, an denen uns liegt.« Und die Universität erkenne keine Veruntreuung, weil es »zur Lebensform der ›Humanities and Arts‹« gehöre. »Ich beschreibe sie gerne als Kontemplation.« Darin sehe ich eine kollegiale Bestätigung meines Buches ›Die Universität als Lebensform und Reformopfer‹ (2002)

Kritikscheu. Angesichts institutioneller Abhängigkeiten im Bologna-Rahmen sei es nicht opportun, sich kritisch zu äußern, sagte mir vor Jahren ein Kollege, der mir vorhielt: »Als Emeritus können Sie sich eine offene Kritik erlauben.«. Der Kollege irrte: Auch schon vor meiner Emeritierung habe ich mich intern und extern hochschulpolitisch-kritisch geäußert (vgl. dazu die Buchveröffentlichung ›Dreißig Jahre Landauer Lehrstuhl‹, 2001)

Streitkultur. Das Juni-Heft/2013 von ›Forschung & Lehre‹ des Deutschen Hochschulverbandes (DHV) widmete sich ganz dem Thema ›Streitkultur‹. Erkennbar sah sich der Verband, dem über 28.000 Universitätsdozenten angehören, veranlaßt, an ein Wesensmerkmal von Wissenschaft zu erinnern. Er widersprach damit dem Selbstverständnis der HRK; diese versteht sich als »die (!) Stimme der Hochschulen«.

Im Jahre 2012 arbeiteten 688.000 Akademiker in Niedriglohnsektoren mit Stundenlöhnen unter zehn Euro brutto (Quelle: Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen). Frauen waren fast doppelt so häufig betroffen wie Männer. 191.000 Akademiker waren arbeitslos, während Handwerksgesellen allerorten gesucht sind und in der Regel das Mehrfache eines Mindestlöhners verdienen. Hat die Studienberatung versagt?

Die Regelstudienzeit wird bei zahlreichen Studiengängen stark verfehlt: mit rund fünfzig Prozent in der Erziehungswissenschaft und Psychologie, zu rd. zwei Dritteln in der Mathematik, in den Sozial- und Politikwissenschaften sowie in der Informatik. Insgesamt schlossen im Jahr 2012 nur 39,3 Prozent aller Hochschulabsolventen ihr Studium innerhalb der Regelstudienzeit ab (Quelle: Statistisches Bundesamt, interpretiert in: Campus/FAZ Nr. 5/2013). Diese Zahlen erstaunen angesichts des modulisierten Regelwerks.

Akademisierungswahn. Unter diesem Schlagwort hat der bekannte Philosoph J. Nida-Rümelin jüngst für Furore gesorgt und nebenbei ein Projekt der gleichmacherischen Bildungspolitik unterlaufen: das Studieren ohne Abitur; ein Meisterbrief genügt und sogar ein Gesellenbrief (nach zwei bis drei Jahren Berufserfahrung). Obschon das Projekt seit Jahren propagiert, liegt der Anteil nur bei 1,5 Prozent der 2,5 Mio. Studenten (2013, Statistisches Bundesamt). Die Politik gibt den Hochschulen die Schuld für den geringen Anteil und will ihnen im Hochschulpakt (der Großen Koalition) ›Meister‹-Beine machen. Noch eine Hochschulreform, die alles über den didaktischen Leisten ziehen will.

Doktor (FH). Die wegen Plagiatsvorwürfen zurückgetretene Bundesbildungsministerin Annette Schavan bezeichnete das autonome FH-Promotionsrecht als »Evaluation«. Der DHV-Präsident B. Kempen sieht die Universitäten »ihres Markenkerns beraubt«. Schon längst können Fachhochschulen in Kooperation mit Universitäten promovieren lassen, aber das genügt der Politik und FH-Lobby nicht. Der Dr. (FH) käme in der Tat einem Dammbruch gleich, weil damit das Promotionsrecht auch außerhochschulisch installiert würde (Wiss. Akademien, MPI’s usw.). Was bliebe dann noch den Universitäten als Alleinstellungsmerkmal?

Auf einer Professorentagung im März 2014 in Bonn lernte ich Stiftungsmodelle zur Wahrung wissenschaftlicher Nachlässe kennen. Auf dem Hintergrund eines Vorgangs, bei dem ein amtlich bestellter Testamentsvollstrecker den wertvollen Nachlaßbestand eines mir nahen Fachkollegen entsorgte, ohne zuvor Dritte zu informieren, war die Tagung lehrreich.

Eine Stiftung mit hohem Kapitalstock hinterließ einer meiner Fachkollegen. In die Verwaltung ist seine Universität satzungsgemäß eingebunden, die bei seiner Beerdigung… Bis heute fehlen mir die Worte.

Studienberatungen mit Eltern nehmen in Basel und zunehmend auch an anderen Universitäten zu. Hochschul-Reife der Studierwilligen?

Eine scharfe Abrechnung mit den OECD-Statistiken nahm Rainer Bölling (FAZ Nr. 73/2014, S. 6) vor. Er legte methodisch offen, was ich bildungspolitisch seit den 90er Jahren der OECD vorhalte (in: ›Berufsbildungspolitik‹, 4. Auflage): Sie verkennt den Stellenwert der dualen Betriebslehre, indem sie seit Jahrzehnten nur die Hochschulreife und den akademischen Abschluß als Fortschrittsmaßstäbe gelten läßt. Professorales Gegen-Geflüster: rund ein Dritte der Studierenden besitzt nicht…

Open Access, Open Science, Science 2.0: Der heftige Streit könnte mit der gerade anrollenden Industrie 4.0 bald Geschichte sein. Wenn alle Dinge internetal vernetzt sein werden und die digitalen Großmächte (Google, NSA & Co) ungezähmt bleiben, huscht schon der erste Satz in einem Forschungsbericht ins Überwachungssystem. Vermutlich macht sich keine Hochschule heute eine Vorstellung davon, was auf der Cebit 2014 in Hannover sich ankündigte.

Schon um das Jahr 2000 experimentierte das ehemalige Landauer IWW (inzwischen aufgelöst) mit Online-Lehr-Lern-Angeboten. Mittlerweile bieten fast 200 Hochschulen in den USA mit Courser, EDX u.a. Kurse an. In Deutschland arbeiten zwei Dutzend Hochschulen mit Inversity und erfassen mit 28 Kursen fast eine halbe Million Studierende. Was bleibt vom atmosphärischen ›Gesicht‹ einer personalen Lehrveranstaltung?

Streitfall Bologna-Reform: In mehreren Folgen dieser Artikelserie habe ich in den vergangenen Jahren die Schwächen der Bologna-Reform beschrieben und auf die negative Kosten-Nutzen-Bilanz hingewiesen. Dabei durfte ich mich zu den »ewigen Gestrigen« (Annette Schavan) rechnen, über die auch die HRK und zahlreiche Bildungspolitiker herfielen. Inzwischen haben die Fakten auch die HRK und Politiker zu erstaunlichen Eingeständnissen verholfen. Die HRK-Arbeitsgruppe ›Europäische Studienreform‹ verabschiedete am 19. Nov. 2013 »Empfehlungen«, in denen eingestanden wird, daß die von ihr geschürte »Erwartungshaltung« dazu geführt habe, »dass der Bologna-Prozeß von Beginn an (!) überfrachtet wurde«. Von Beginn: die HRK und andere Reformbetreiber haben es also gewußt oder wissen können. Und nun machen sie für »Fehlentwicklungen« die Universitäten verantwortlich und suchen Systemfehler lediglich im Prozeß und in Akzidenzien. Sie beschönigen, wenn sie feststellen, »dass die durch ›Bologna‹ eröffneten Spielräume zu wenig genutzt und oft durch Bürokratie, Detailsteuerung und nicht immer geglückte Umsetzung wieder eingeengt wurden. Dies gilt einerseits für die oft unnötig detaillierten internen und externen Vorgaben für die Gestaltung von Bachelor- und Masterstudiengängen und für die Qualitätssicherung. Es gilt andererseits auch für Fehlentwicklungen auf der operativen Ebene, die innerhalb der Hochschulen selbst verursacht wurden und deshalb auch dort korrigiert werden müssen. Dabei sind grundsätzlich alle Ebenen und Einheiten der Hochschule angesprochen, von der Leitung der Hochschule und der Fakultäten und Fachbereiche bis hin zur Hochschulverwaltung und den einzelnen Hochschullehrerinnen und -lehrern« (Hervorhebung nicht im Original). Da reibe ich mir schon die Augen. »Warum universitäre Großreformen meist scheitern«, ist ein Unterkapitel in ›Die Universität als Lebensform und Reformopfer‹ (2002, S. 6 ff.) überschrieben.

Zerstörung: In ›Forschung & Lehre‹, Heft 5/2014, kann man auf Seite 37 lesen: »Durch die Abschaffung des klassischen einphasigen Studiums, das in Deutschland und anderen kontinentaleuropäischen Ländern mit einem Diplom, Lizenziat, Magister oder einem Staatsexamen endete, sowie durch ein zweiphasiges Bachelor-Master-System nach angloamerikanischem Vorbild wurde der Bildungsauftrag der Universität und damit das kontinentaleuropäische Konzept zerstört.« Professor Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg; zitiert nach ›Die Welt‹ vom 13. April 2014.

Gelehrtenverspottung. Jean Paul schrieb über die deutschen Gelehrten: »sie wollen wie die Metaphysiker alles von vorn an wissen, recht genau, in Großoktav, ohne übertriebene Kürze und mit einigen citatis. Sie versehen ein Epigramm mit einer Vorrede und ein Liebemadrigal mit einem Sachregister« (in: ›22. Hundposttag‹, Sämtliche Werke, Bd. I, München 1060, S. 817).
Und Ludwig Börne setzte noch eins drauf: »Steif wie eine lateinische Deklination schreitet die deutsche Gelehrsamkeit einher und fällt jedesmal zu Boden, sooft sie es wagt, ein Kompliment zu machen« (in: ›Über Theorie und Praxis in der Politik. Das Leben und die Wissenschaft‹ [1808], Sämtliche Schriften, Bd. I, Düsseldorf 1964, S. 113.

Landau, Wintersemester 2002/03

Rezensionen

27. September 2018

Krauss, L.M.: Das größte Abenteuer der Menschheit.

Vom Versuch, das Universum zu entschlüsseln.

Aus dem Englischen von Helmut Reuter, Knaus Verlag, München 2018, 384 Seiten, 26,- Euro, ISBN 978-3-8135-0660-0

Der Autor ist ein beinharter Empirist. Alle nicht skalierbaren Phänomene (Religion, Geist usw.) stellt er unter den Verdacht der Behinderung von Wissenschaft, wobei beim Spießroutenlaufen beide Seiten, die Spießer und die Routenschwinger, eine schlechte Figur machen, wenn man den logischen Argumentationsbau sauber analysiert. »Ohne die Bereitschaft, alle Arten von Glaubensüberzeugungen… aufzugeben wäre dieser Prozess der Aufklärung nicht möglich gewesen«, heißt es gleich zu Anfang. Natürlich haben religiöse, mythische und wissenschaftliche Dogmatisierungen die (Natur-)Wissenschaften oft behindert. Aber mit dem klassischen Fehlschluß ›pars pro toto‹, plädiert er für einen Kehraus von Religion, Geisteswissenschaften usw. »… als Leitfaden zum Verständnis der Welt ist die Bibel erschreckend widersprüchlich« (12) – wie jede Wissenschaft mit ihren Thesen und Antithesen. Davon legt Krauss selber beredtes Zeugnis ab, etwa wenn er seine »tiefe Spiritualität« an die »reale Welt« und an die »Kraft des (naturwissenschaftlichen) Experiments« binden will (12), gleichzeitig aber eingesteht, daß die Wissenschaft die »verborgenen Wirklichkeiten der Natur« noch gar nicht tief genug erkannt hat (16). Entgegen dem Verlauf der Wissenschaftsgeschichte glaubt der Autor an die Letztherrschaft der Empirie und an die totale Aufklärungsfähigkeit mit Hilfe der Ratio. Damit negiert er nicht nur den gesamten Bereich der intuitiven Realitätserfassung, er bekämpft alle Formen nichtempirischer, qualitativer Welterfassung. Ein Großteil kontinentaler Wissenschaftsleistungen stellt er unter Generalverdacht: »Jene verborgene Welt können wir nicht durch intuitives Erfassen verstehen, das allein auf direkter Wahrnehmung beruht« (17). »Ein Universum ohne Zweck« (17), obschon die Naturgesetze selbst sehr zweckorientiert sind? Wie paßt die gesamte Beweisführung zu dem Satz: »Der Triumph der menschlichen Existenz bestand darin, sich von den Ketten zu befreien, die uns von unseren eingeschränkten Sinnen auferlegt sind, und intuitiv erkannt zu haben, dass jenseits unserer Erfahrungswelt eine Wirklichkeit liegt…? (362). Intuitiv erkannt zu haben! Gewiß, die Bibel ist voller Widersprüche (364), aber die Story Krausses auch, weil er Hegel nicht kennt. Dennoch lohnt die Lektüre der 23 Kapitel, weil Krauss seine Sache flott vorträgt.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate

26. September 2018

Schulz, Thomas: Zukunftsmedizin.

Wie das Silicon Valley Krankheiten besiegen und unser Leben verlängern will

Deutsche Verlags-Anstalt, München 2018, 288 Seiten, 20,- Euro, ISBN 978-3-421-04811-0

Ein flott geschriebenes Buch des Spiegeljournalisten, der sich unter Medizingrößen gründlich umgesehen hat. Schulz beschreibt die derzeitigen Anfänge der digitalen Medizin, die schon manches erreicht hat und vieles verspricht. Die weltweit vernetzte Forschung verschlingt Milliarden, doch die gewaltigen Summen sind besser investiert als bei mancher modischen Großinvestition, darunter der ins Gigantische anwachsende Luftverkehr, der am Ruin der Erdatmosphäre beteiligt ist. Neben der Einleitung erwarten den Leser neun Kapitel:

  • Digitale Biologie
  • Maschinen-Medizin
  • Angriff der Tech-Riesen
  • Das Zeitalter der Genetik
  • Der Kampf gegen Krebs
  • Synthetische Biologie
  • 200 Jahre leben
  • Der digitale Patient
  • Medizin im Jahr 2030

Ein umfangreiches Register (277-286) erleichtert die Orientierung und die Fundstellensuche. Das Buch ist auch für medizinische Laien gut verständlich geschrieben und für Mediziner schon deshalb, weil der Autor stets eine kritische Distanz wahrt, so besonders im Kapitel ›200 Jahre leben‹, das sich mit immortalistischen Forschungen der ›Silicon Valley-Utopisten‹ auseinandersetzt (2006-230). Der Autor hat sich einer Genanalyse unterworfen, deren Ergebnisse er teilweise mitteilt: »Ich habe deutlich weniger Neanderthaler-Varianten in meinen Genen als fast 90 Prozent der Menschen: Nur vier Prozent meines Genoms lassen sich zu den Neanderthalern zurückverfolgen. Meine Abstammung ist zu 50,2 Prozent deutsch und französisch, zu 11,4 Prozent skandinavisch, zu 4,8 Prozent britisch und zu 14,9 Prozent osteuropäisch. Mein Erbgut enthält keine Varianten für Sichelzellenanämie, Bloom-Syndrom oder autosomale Nierenkrankheit. Gluten und Laktose sollten kein Problem für mein Verdauungssystem sein. Meine Muskeln sind zusammengesetzt wie die eines Top-Athleten. Mein Ohrenwachs ist feucht, und dank meines Erbguts habe ich wenige Haare auf dem Rücken. Am wichtigsten aber: Ich trage keine genetischen Marker, die auf ein erhöhtes Risiko für Parkinson oder Alzheimer hinweisen.«

Daraus erwächst eine Fülle von Problemen, nicht nur der Datenschutz, sondern auch die Analysezuverlässigkeit und die psychischen Folgen (sich selbsterfüllende Erwartungen bei Defekten) auf die der Autor nicht eingeht. Deutschland ist auf die Gesundheitsevolution nicht ausreichend vorbereitet (258 ff.), weder finanziell noch sozialpolitisch. Mitverantwortlich dafür ist nach Schulz »der in Deutschland so ausgeprägte Zukunftspessimismus« (275).

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate

12. August 2018

Wickham, Chris: Das Mittelalter. Europa von 500 bis 1500.

Aus dem Englischen von Susanne Held, Verlag Klett-Cotta, Cotta‘sche Buchhandlung, Stuttgart 2018, 506 Seiten, 35,- Euro, ISBN 978-3-608-96208-6

Der Autor wirft einen neuen Blick auf die Epoche zwischen dem Untergang des weströmischen Reiches und der Reformation. Trotz aller berechtigten Einwände gegen diese Periodisierung plädiert er für die Milleniumseinteilung 500 und 1500, weil die historischen Einschnitte dieses Jahrtausends mehr ins Gewicht fallen als andere Zeiteinteilungen. Das begründet er ausführlich in der langen Einleitung (7 – 38), worin er darüber hinaus sein geschichtstheoretisches Konzept darlegt. Dazu gehört auch die geographische Verortung ›Europa‹. Trotz aller Offenheit gegenüber der östlichen Landmasse und der Verflechtung mit dem Vorderen Orient erscheint Europa als kontinentale Halbinsel mit abgrenzenden Gemeinsamkeiten kultureller, politischer usw. Art. Europa ist ein relativ geschlossener Mentalitätsraum, auch wenn die Bezeichnung nicht immer denkleitend war. Entscheidend sind nach Wickham gemeinsame Strukturmuster, so die radikale Dezentralisierung, die Leitfunktion des Christentums, die technische Kreativität, die politische Evolution in Richtung Urbanisierungen, die Aufklärungsbewegung und reformatorische Bewegungen. Trotz ähnlicher Ansätze in anderen Weltgegenden – diese Strukturmerkmale können als Alleinstellungsmerkmale Europas angesehen werden. Auch im Islam gab es Aufklärungsbewegungen, aber bei weitem nicht so durchschlagend wie nach dem Mittelalter des Westens. Ob Universitäten oder Naturforschung, das europäische Mittelalter bereitete dazu den Boden. Diese Epoche kann nach Wickham nicht mehr als »eine lange, dunkle Phase der Willkürherrschaft« betrachtet werden (11). So eingestimmt, kann man in die Großkapitel einsteigen:

• Rom und seine Nachfolger
• Krise und Wandel im Osten, 500-850/1000
• Das karolingische Experiment, 750‒1000
• Die Expansion des christlichen Europa, 500‒1100
• Die Umformung Europas, 1000‒1150
• Der lange Wirtschaftsaufschwung, 950‒1300
• Die Zwiespältigkeiten politischen Neuaufbaus, 1150‒1300
• 1204: Aus Mangel an Alternativen
• Definitionen einer Gesellschaft: Gender und Gemeinschaft im spätmittelalterlichen Europa
• Geld, Krieg und Tod, 1350‒1500
• Politik wird neu gedacht, 1350‒1500

Professionelle kontinentale Historiker werden andere Akzente setzen und auch Lücken entdecken, die dem englischen Blick mangels kontinentaler Nähe entgehen. Dazu gehört sicherlich die Gründung der Karlsuniversität (1348), deren Folgewirkungen in den deutschsprachigen Gebieten für das Geistesleben von Wickham unterschätzt wird. Doch der überwiegende Vorzug des Buches besteht in der sprachlichen Zugänglichkeit auch für historische Laien. Wer einmal zu lesen angefangen hat, kommt schwer davon los.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate

3. Juli 2018

Thaler, R.: Misbehaving. Was uns die Verhaltensökonomik über unsere Entscheidungen verrät

Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt, Siedler, Verlag, München 2018, 510 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 28,- Euro, ISBN 978-3-8275-0120-2

Der Haupttitel verstört (als gäbe es für deutschsprachige Leser keinen eigenen, sprachlich passenden Titel), und der Untertitel erstaunt, wie Thaler seine Verhaltensökonomie anbietet, nämlich in Form einer ausführlichen Lebensreportage von 1970 bis heute. Der werbliche Hinweis ›Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft 2017‹ tut ein Übriges, um Leser für das Buch zu interessieren. Viele Leser werden enttäuscht sein, denn der Stoff wird nicht systematisch präsentiert, sondern biographisch-narrativ. Daraus werden über fünfhundert Seiten, was man in aufbau-logischer Fassung auf weit weniger Seiten hätte darstellen können. Für ökonomische Laien liest sich das Buch wissenschaftsbiographisch, für wissenschaftliche Ökonomen langatmig und historisch. Beispiel: ›Mein Tag bei GM« (166 ff.). Vergeblich sucht man in dem historischen Requisitentext eine verhaltensökonomische Erkenntnis. Die Überschriften der acht Kapitel lauten:

I. Anfänge: 1970 – 1978
II. Mentale Buchführung: 1979-1985
III. Selbstkontrolle: 1975-1988
IV. Meine Zusammenarbeit mit Danny: 2984-1985
V. Kontroversen mit anderen Wirtschaftswissenschaftlern: 1986-1994
VI. Finanzökonomik: 1983-2003
VII. Willkommen in Chicago: 1955- Heute
VIII. Anwendung in der Praxis: 2004 – Heute

Allein schon die aufzuwendende Zeit für die Lektüre der mehr als fünfhundert Seiten ist verhaltensökonomisch kaum zu rechtfertigen. Ein Blick in die umfangreiche ›Bibliografie‹ (471-497) macht deutlich, daß eine angelsächsische Orientierung dominiert (99 Prozent in englischer Sprache, meist auch bei den wenigen nichtangelsächsischen Autoren, z.B. Ernst Fehr & Co.). Die US-Dominanz bestätigt sich im Personenregister: Beim bio-bibliographischen Prozesse wurde der Rest der Welt ausgeblendet. Da fragt man sich schon, welche deutschsprachigen Leser das autistische ›Misbehaving‹ ansprechen soll, Leser, die ihren fachlichen und kulturellen Horizont so mißachtet sehen. Thaler zeigt sich gegenüber Vorhersagen zurecht sehr skeptisch (435). Ökonomisches Verhalten läßt sich weder mechanistisch noch erwartungs- oder gewohnheitssicher berechnen. Die Verhaltensökonomik bewegt sich demnach nur historisch auf einigermaßen sicherem Boden, aber auch dann noch vorausgesetzt, sie präpariert wenigstens die wichtigsten Erklärungsfaktoren heraus. Sie lebt in allen Fällen von der Annahme, den unsichersten Kantonisten, den Menschen, im ökonomischen Spiel entscheidungsrelevant zu durchschauen. Wer der entgegenstehenden Realgeschichte nicht glaubt, sollte in die Literaturgeschichte schauen: Dortige Figuren (als Spielarten der Realität) lassen sich verhaltensökonomisch nur unzureichend deuten.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate

27. Juni 2018

Mehring, R.: Martin Heidegger und die »konservative Revolution«

Verlag Karl Alber, Freiburg 2018, 232 Seiten, 32,- Euro, ISBN 978-3-495-48979-6

Die seit Jahren in Gang befindliche Wende von der links-grünen Dominanzideologie zu konservativen Weltanschauungen und der sie begleitenden Praxis spielt sich auf jeweils vier Feldern ab: wissenschaftlich-literarisch (Felder wl1 und wk2), medial (Felder ml3 und mk4), politisch (Felder pl5 und pk6) und gesellschaftlich (Felder gl7 und gk8). Das gesamte Universitätsmilieu z.B. (wl1) ist dominant links-grün geprägt und zeigt sich einer Transformation nach wk2 besonders widerständig, desgleichen der Prozeß von ml3 nach mk4. Die Medien agieren also weitgehend links-grün, ebenso die politischen Parteien, die in Merkel eine verdeckte pk6-Agentin gefunden haben. Die seit Jahrzehnten anhaltende links-grüne Felderdominanz schlägt auch gesellschaftlich durch, wobei die dortige Korrekturbewegung insbesondere durch die Flüchtlingskrise und den hegemonialen EU-Ehrgeiz angetrieben wird. Dieses Ordnungsschema sollte man im Kopf haben, wenn man Mehrings Ausführungen zur ›konservativen Revolution‹ zu lesen beginnt. Seine Analysen beziehen sich auf historische und zeitgeschichtliche Quellen im Feld wk2. Bekanntlich gehen starke Wechselantriebe von den Wissenschaften und der Literatur aus, die in den Jahrzehnten nach 1945 bekanntlich die allgemeine links-grüne Dominanz auf allen acht Feldern befördert und begleitet hat. Seit etwa einem Jahrzehnt verstärkt sich eine Wechselstimmung, wobei die Treibkräfte weniger von den Wissenschaften und der Literatur ausgehen als vielmehr von handfesten gesellschaftlichen Abwendungen. Das erklärt auch den quälenden Übergang: denn die stimmungsprägenden Wechselkräfte sind wissenschaftlich-literarisch und medial verankert. Die konservative Revolution kann nicht auf eine vergleichbar gebündelte Legitimation zurückgreifen wie im links-grünen Überbau. Genau darüber verschafft Mehring ein aufschlußreiches Bild. Die meisten stabilisierenden Hauptkandidaten im konservativen (= k) Spektrum erscheinen allesamt als unsichere Kantonisten: Hölderlin, Nietzsche, Thomas Mann u.a. Die weltanschaulich stabilisierenden Haltepunkte bei Heidegger, Carl Schmitt und Ernst Jünger werden eifrig dekonstruiert (antisemitisch oder utopisch). Heidegger bzw. Marquard statt Habermas ist selbst für liberal-konservative Zeitgenossen noch keine philosophische Alternative, ebensowenig literarisch wie diejenige zwischen Jünger und Grass. Mehring trägt dazu bei: »Heidegger repräsentiert einen Irrweg der deutschen Geisteswissenschaften« (13, gemeint ist wohl ein viel weiteres Spektrum). Nur Friedrich Kittler und einige Nebenfiguren sieht er für geeignet, »das neuhumanistische Erbe der Weimarer Klassik« fortzuführen. Doch der esoterische Status dieser Denker (wer kennt sie schon außerhalb von Intellektuellenzirkeln) fällt wirkungsmäßig weit zurück im Vergleich zu den mächtigen links-grünen Milieuwächtern. Nicht alles, was Mehring schreibt, steht auf festen Füßen. Allzu hurtig werden nationale Interessen als rechtspopulistisch und antiuniversalistisch abgestempelt, wo doch Nationen die unüberwindbaren Ankerzentralen sind, wie die miserable EU-Lage aktuell erneut belegt. Was verbietet die Möglichkeit, anstelle der krisengebeutelten, weil utopieangereicherte EU-Konstruktion einen national verankerten Staatenbund zu installieren, der den Brüsseler und gallischen Zentralismus im Zaum hält? Das wäre wohl der optimale politische und gesellschaftliche Rahmen, in welchem auch ein humanistischer Konservatismus einen Platz hätte. Doch die wissenschaftlichen, literarischen und medialen Zustände bieten dafür (noch) wenig Hoffnung.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate

6. Juni 2018

Schaeffler, R.: Phänomenologie der Religion. Grundzüge ihrer Fragestellungen

Verlag Karl Alber, Freiburg und München 2017, 214 Seiten, 34,- Euro, ISBN 978-3-495-48900-0

Die Verwiesenheit der Religion auf die Philosophie ergibt sich aus drei Gründen:

1. Philosophie animiert von außen zur Kritik und intern zur Selbstkritik,
2. die religiöse Immanenz profitiert von philosophischen Begrifflichkeiten und Methoden und
3. aus philosophischen Überlegungen können religiöse Postulate abgeleitet werden, ohne daß die Schwelle zur Transzendenz überschritten wird.
Diese Verwiesenheit ist Teil des Programms der Religionsphilosophie. Schaeffler wählte bereits 1983 den phänomenologischen Ansatz, der sich an die Erscheinungsweisen der Religion (Sprache, Kultus usw.) hält und es vermeidet, »den Selbst-Aussagen der Religion ins Wort zu fallen und ihr mit apriorischen Argumenten vorzuschreiben, wie sie über Gott, die Welt und den Menschen zu reden habe«. Auf diese Weise lasse sich »die für die Religion spezifische Korrelation von Noesis und Noema« beschreiben, »die das Thema einer Phänomenologie der Religion ist« (13 f.). Es geht darum, »die Bedingungen religiösen Sprechens und Handelns« und »Fehlgestalten des Religiösen« freizulegen. Schaeffler entfaltet sein religionsphilosopisches Programm in fünf Kapiteln:

1. Methoden der Religionsphilosophie
2. Die religiöse Sprache ‒ Gestalt, Funktion, Bedeutung
3. Der Kultus als Ausdruck religiösen Weltverstehens
4. Religiöse Traditionen und Institutionen – Aufgaben und Kriterien ihrer Beurteilung
5. Die ›Götter der Religionen‹, der ›Gott der Philosophen‹ und der ›Gott der Bibel‹.

Im Abschlußkapitel wird eine »weiterentwickelte Postulatenlehre und ein programmatischer Dialog zwischen Religion und säkularer Vernunft vorgestellt. Daß dieser dichte und stringent aufgebaute Text nicht nur für Theologen und Philosophen von hohem Interesse ist, zeigt sich besonders in den Teilen 2 und 3 des 5. Kapitels, wo Gottesvorstellungen und das Proprium Christianum (die »Fülle«) erörtert werden. »Die Botschaft von der Torheit des Kreuzes« (198 ff.) spricht jeden Christenmenschen an und ist jedem sprachlich halbwegs gebildeten Gläubigen gut zugänglich. Zentral der kurze Schlußtext über das »Heilswirken Gottes und die Freiheit seiner Geschöpfe« (205 f.). »Gottes ›Torheit‹ und ›Ohnmacht‹ (sind) heilschaffend wirksam« (204), insofern sie auch »das Ergebnis einer antwortenden Selbstgestaltung« verstanden werden. »Aus diesem Eigenstand der vernunftbegabten Kreatur geht eine Freiheit her vor, die freilich einem endlichen Wesen zugehört« und die eine »fehlerhafte, fehlerfähige Freiheit ist« (206). Schaefflers Religionsphilosophie wird den drei eingangs genannten Gründen gerecht und läuft am Schluß auf eine Postulatenlehre hinaus. Eine ihrer Aussagen lautet: »Eine Religion, die ›nichts wäre als Religion‹, wäre auch als Religion defizitär« (210).

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate

6. Juni 2018

Langthaler, R.: Kant über den Glauben und die »Selbsterhaltung der Vernunft«

Sein Weg von der »Kritik« zur »eigentlichen Metaphysik« – und darüber hinaus

Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2018, 398 Seiten, 36,- Euro, ISBN 978-3-495-48985-7

Das hochgelehrte Buch des Philosophieprofessors (an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien) beschreibt die ewig offene Wunde, die sich aus der Spannung zwischen Wissen und Glauben ergibt. Schon antike Denker hielten es für einen wachen Geist nicht hinnehmbar, an Götter zu glauben. Diese Zweifels- bzw. Ablehnungslinie setzte sich bis in die Gegenwart fort, so etwa wenn man Anthropologie an die Stelle der Metaphysik setzt (E. tugendhart, 2007) oder wenn man die »Grundlagen des theologischen Denkens« durch die neuzeitlichen Wissenschaften als »unterminiert« sieht (H. Albert, 2017). Langthaler hält mit Bezug auf Kant akribisch dagegen, obschon der Königsberger Philosoph im »Maßstab der christlichen Dogmatik… kein ›rechtgläubiger Christ‹ war«. Das, was Kant zum Verhältnis von Wissen und Glauben schrieb, hält Langthaler für einen »Meilenstein in der neuzeitlichen Religionsphilosophie«, der nach wie vor höchst aktuell ist. Dazu entfaltet der Autor eine komplexe Beweisstrategie in drei Haupt- und zahlreichen Unterkapiteln, deren Fußnoten- und Verweisdichte dem Leser signalisiert: hier wird ein Denkraum speziell für Philosophen und akademisch tätige Theologe präsentiert. Der Leserkreis bleibt auch deshalb beschränkt, weil der Autor keine Zwischenergebnisse und keinen Gesamtüberblick anbietet. Die Unterkapitel sind derart verschachtelt, daß beim Lesen leicht der Faden reißt. Kant entwickelt eine komplexe Metaphysik, um das Vermögen des »Naturwesens« Mensch, der zu naturübersteigenden Freiheit, Moral usw. fähig ist, nicht »in den Schlund des zwecklosen Chaos der Materie« als Endzweck der Schöpfung stürzen zu lassen. Der Mensch dürfe nicht der »stummen Indifferenz des Universums« preisgegeben werden (203 ff.). Das gebiete die »Vernunftnatur« (nicht also die biblische Offenbarung) und entspreche dem »Bedürfnis der fragenden Vernunft« und die »Aussicht in eine höhere, unveränderlichen Ordnung, in der wir jetzt schon (!) sind«. Er dachte wohl an die Ordnung der Naturgesetze, die den »Machtanspruch der Vernunft« mit der Forderung rechtfertige: »ich will daß ein Gott sei« (206). Dieser »Vernunftglaube« als ein »reflektierender Glaube« ist natürlich vom christlichen Offenbarungsglauben essentiell verschieden, der den Glauben zwar ebenfalls reflektiert, die Vernunft also im Spiel läßt, aber diese nicht, wie bei Kant, zum religiösen Fundament hat. Die Kreuzestheologie z.B. ist kategorial verschieden von Kants »Glauben denken« und von seinem Als-ob-Glauben« aus rationalen und moralischen Gründen, so etwa wenn sich Kants Gott »in der moralisch-praktischen Vernunft und dem kategorischen Imperativ« offenbart (267). Für Kant ist Religion »Erkenntnis (!) unserer Pflichten als göttliche Gebote« (268 f.). Der Philosoph sieht den ganzen Zweck der Metaphysik »im postulatorischen Ermöglichungsgrund« (R. Langthaler) eines »Endzwecks der Schöpfung« (Kant, 270 f.). Der Autor billigt zurecht der von Kant gedachten »Verankerung der Religion in der Moralität« eine Profilierung des Gottesbegriffs zu, der auch beim Offenbarungsglauben als Wissen über das mit Gott Gemeinten voraussetzt (273 f.). Insofern ist Langthalers Kantschrift nicht nur für Philosophen und Theologen aktuell. Wer immer zu diesem gedankendichten Buch greift, muß gelernt haben, dicke Bretter zu bohren.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate

25. April 2018

Thanner, V. u.a. (Hrsg.): Die Wirklichkeit des Realismus,

Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2018, 296 Seiten, 49,90 Euro, ISBN 978-3-7705-6269-8

Einen Großteil der neunzehn Beiträge lese ich als Literat und Ökonom mit großer Neugier. Als Literat, der gerade einen neuen Roman in Arbeit und mit den Formen des fiktionalen Realismus ganz praktisch zu tun hat. Als Ökonom, der sich seit Jahrzehnten mit dem Verhältnis zwischen dem ontologischen und dem Modellrealismus auseinander setzen muß. Was bringt die Lektüre dieses Sammelbandes, der aus Sichtweisen verschiedener geisteswissenschaftlicher Sparten (Literatur-, Medien-, Kunst-, Geschichts- und Kulturwissenschaft sowie der Mathematik und Philosophie) geschrieben wurde? Wenn Leser es noch nicht gewußt haben: Jenseits des materiellen Realismus existieren mehrere andere Formen des Realen, so in mathematischen Zahlenwerken (277 ff,.), in Geschichtsrekonstruktionen (27 ff.), in Filmen und Romanen (mehrere Beiträge), in Mikrologien (153 ff.), in Grotesken und Politik (213). Im Kern geht es (1) um das Verhältnis zwischen dem, was als empirische Wirklichkeit erscheint einschließlich seiner gestaltapriorischen Wahrnehmung sowie (2) um die Infragestellung dieses Verhältnisses generell und spezifisch durch Wahrnehmungsstörungen infolge systematischer und gewollter Unschärfen. Im letzten Fall kann der Standpunkt »konstitutive Nicht-Feststellbarkeit des Realen (A. Koschorke) eingenommen werden, woraus sich unendlich viele fiktionale Freiheitsgrade ergeben, Damit öffnet sich das Exerzierfeld des Konstruktivismus, der sich hier nicht auf die Quantenpragmatik beruft (dort herrschen unendliche Freiheitsgrade zwischen Wahrscheinlichkeiten und Ontologie), sondern auf die ästhetische Phantasie oder auf regelgebundene Entwürfe (wie in der Mathematik oder bei Superrechnern). Weil man dabei leicht die Schwere der gewordenen Realien aus dem Auge verliert (G. Böhme), hat sich zum Widerpart der Neue Realismus installiert (Markus Gabriel), auf den der kluge Beitrag von Joseph Vogl leider nicht eingeht (269 ff.). Dieser Autor macht spekulativ deutlich, wohin es führt, wenn sozial- und naturwissenschaftliche Perspektiven geisteswissenschaftlich übergangen werden.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate

8. April 2018

Bauer, M. (Redaktion): Mittelweg 36

Heft 4-5 (Oktober 2017), Schwerpunktthema: Antiakademismus, mit mehreren Abbildungen, Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, 189 Seiten, 18,- Euro, ISSN 978-3-86854-743-0

Nach dem Vorwort von Hanna Engelmeier und Philipp Felsch sind die zehn Beiträge »weder (als) Antiintellektualismus noch (als) aggressive Bildungsferne« zu lesen, sondern als »wissenschaftliche Projekte, intellektuelle Ambitionen und Profile, die ihre Profile über die Negation der real existierenden Universitäten gewonnen haben« (5). Die These lautet: Wissensproduktion und Widerstand gehören dialektisch zusammen. Daraus dürfe nicht allein Negation abgeleitet werden, sondern auch Reformbewegungen (7). Unter den vier Begründungstypen wäre die Selbstzerstörungswille mangels Widerstand gegen die Bildungspolitik (s. Bologna-Reform) hinzuzufügen. Antiakademische Muster hätten Familienähnlichkeit und Stilwille, Subjektivität und politische sowie existenzielle Dringlichkeit zu Merkmalen, »die sich in der Distanz zum Akademischen« manifestieren (10). Nicht erst den 68er Protestlern seien die Lehrenden als geborene Antiakademiker vorgekommen, deren »intellektuellen Fähigkeiten… sie bestenfalls zu mittelmäßigen wissenschaftlichen Leistungen« befähigt hätten. Engelmeier und Flesch hegen mit »von uns gewählt(en) Optik« die Hoffnung, »die Entstehung neuer Wissensformen zu erfassen« (11), wobei »Negation… als treibende Kraft« ist (11): Da wird nicht nur weit ausgeholt, sondern auch in absolute (also reine) Anfänge abgehoben (»Grundsätzliche Frage«, Krise der Legitimität von Gerichten usw.). Zum Schluß fragen sich die beiden Autoren allerdings, ob Antiakademismus nicht ein allzu »wohlfeile Position darstellt« (13). Es ist ihnen »schmerzlich bewußt…, wie fragil Institutionen sind, von deren Erhalt unsere Lebensbedingungen … abhängen.« Als ein seit bald fünfzig Jahren lehr- und forschungsaktiver Universitätslehrer wundere ich mich immer wieder über überschießende Sehnsüchte und Generalisierungen. Widerstand war und ist gewiß meine zweite Natur auch an der Universität (vgl. die Schrift ›Mein sonderbares Leben‹, Walthari-Verlag, 2018), doch das Revolutionäre sollte kein ideologisches Gewand tragen, wenn es nicht zur (auch fundamentalistischen und gewaltbereiten) Auskehr kommen soll (wie bei der Bologna-Reform und den Achtundsechzigern). Unter diesem Motto lese ich die weiteren Beiträge in diesem Sammelband. Dabei geht es u.a. um Streithähne, Junghegelianer und Pseudowissenschaftler. Eva Geulen liefert eine kräftige Gegenstimme. Ich habe die ersten Jahre nach 1968 als Professor noch erlebt, und wundere mich über manche Aussagen im Interview mit W. Kraushans.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate

18. März 2018

Körtner, U. H. J.: Für die Vernunft.

Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche

Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017, 172 Seiten, 15,- Euro, ISBN 978-3-374-04998-1

Als Bundeskanzlerin Merkel im Herbst 2015 angesichts der illegalen Masseneinwanderung nach Deutschland die hochemotionale Willkommenskultur ausrief, hielt ihr der damalige Bundespräsident Gauck keineswegs schlimmen Rechtsbruch vor, sondern sprach von einem Akt der Menschlichkeit. Moral also vor Recht. Als der Flughafen Hahn aufgrund der Regierungsnaivität in Mainz in eine Investorfalle aus China geriet, zeigt sich die SPD-Ministerpräsidentin Dreyer zutiefst betroffen, statt die Verantwortung zu übernehmen. Gefühl statt Vernunft, gespielte Moral statt Recht. Solche raffinierten Ablenkungsmuster findet man täglich in der Politik und in kirchlichen Kreisen. Der Theologe Körtner (Wien) entfaltet die Problematik systematisch und anhand aktueller Beispiele. Er hält es gegen Küng für »eine trügerische Hoffnung«, die »divergierenden Ethiken in ein universales Weltethos« aufheben zu können (29). Moral, Gefühle und Emotionen müssen vor dem Tribunal der Vernunft bestehen, ein Test, den Merkel, Gauck & Co. bei der Flüchtlingskrise 2015 nicht bestanden haben. Körtner zitiert Jüngels provokanten Satz: »Werteethik und christlicher Ethos sind einander feind« (34). Er warnt vor der »Gefahr einer Tyrannei der Werte«. Jedes »Wertedenken (sei) seiner Tendenz nach eminent aggressiv« (35). Mit Luhmann gesprochen: »Aufgabe der Ethik als kritische Theorie der Moral ist es, ›vor Moral zu warnen›.« (37).

Das Taschenbuch sollten Politiker, Unternehmer und Kirchenleute ständig in der Jackentasche bereithalten, auch wenn Körtner strenge Begriffsdifferenzierungen vornimmt und zum Konstruktivismus neigt (34, 55 et passim). , weshalb es gleichgültig sei, ob eine Demokratie «homogen oder pluralistisch, mono- oder multikulturell entworfen« sei (55). In diese Falle ist Böckenförde mit seinem berühmten Zitat nicht geraten, wenn er als Prämisse »von innen her… (eine) Homogenität der Gesellschaft« voraussetzt. Der Neue Realismus (vgl. Markus Gabriel) erinnert an die verlorene ontologische Basis, die man bei Körtner auch dort vermißt, wo er auf den Islam eingeht (u.a. 62). Den Kirchenleuten wird es schwer aufstoßen zu erfahren, daß jede Hypermoral zur Reduktion und Funktionalisierung der essentiellen (!) christlichen Botschaft führt.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate

18. März 2018

Tegmark, M.: Leben 3.0 – Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz.

Aus dem Amerikanischen von Hubert Mania, Ullstein Verlag, Berlin 2017, 3. Auflage, 528 Seiten, Hardcover, gebunden, 26,- Euro, ISBN 978-3-550-08145-3

Der Autor ist Professor für Physik am MIT und wird, blickt man auf das Echo nach der 1. Und 2. Auflage, als exzellenter Kenner der Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz (KI) gepriesen. Das Buch besteht aus acht Kapiteln und einem je ausführlichen Vor- und Nachwort. Es ist auch für KI-Laien geschrieben, was allein schon daran erkennbar ist, daß nach jedem Kapitel ein Fazit gezogen wird. Tegmark geht in mehrfacher Hinsicht ins Grundsätzliche und äußert sich über künftige Zustände einer überschießenden KI (infolge selbstlernender Systeme), über einen möglichen Kollaps und über die egalitäre Utopie, in der eine Superintelligenz ein friedliches Nebeneinander von kybernetischen Organismen und Menschen beschrieben wird. Zentral geht es um die Formen des Bewußtseins, das sich beim Menschen auf biologischer Basis entwickelt hat und das nun mit Hilfe des Menschen auf materielle Systeme übertragen werden kann, die den Homo cupidus zu versklaven drohen. Anthropologisch drängt sich die Frage auf, wie sich das traditionelle Menschenbild (der Mensch als ›technisches‹ Mängelwesen) und kybernetischer Systemüberlegenheit (Superrechner erweisen sich dem Menschen ›technisch‹ weit überlegen) einpendelt. Die nicht-technischen Qualitäten (Gewissen, Moral, Gefühle usw.) des Althomo (vgl. die Figur in meinem Roman ›Stimmen im Labyrinth‹, Walthari-Verlag, Münchweiler 2010) kommen unter die Räder der Technoveros (KI-Spezies). Tegmark geht viele denkbare Folgen und Utopien durch und bespricht sie kritisch, freilich nicht unter dem Aspekt der Religions- und Kulturphilosophie, die doch zu dem überschäumenden KI-Szenario vieles zu sagen haben. Das Defizit zeigt sich eindrucksvoll an Aussagen über die Religion und die Freiheit. Der Autor denkt sich Szenen mit einer »Schutzgott-KI« aus (265 ff.), die doch recht oberflächlich ausfallen (etwa beim Theodizee-Problem), weil der ganze spirituelle und mythologische Tiefenraum unberücksichtigt bleibt. Bei der KI-Dynamik ist es wahrscheinlich, daß die technisch nur unvollkommen faßbaren Gebiete (vgl. 400 ff.) links liegenbleiben, da die halbgebildete Menschheit der Faszination des Techno-Zaubers noch mehr unterliegt als heute. Das wird sich rächen. Tegmark sollte man lesen, um nicht allzu überrascht zu sein.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate

18. März 2018

Mayer-Schönberger, V. und Thomas Ramge: Das Digital.

Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus

Econ Verlag, Berlin 2017, 3. Auflage, 304 Seiten, Hardcover, gebunden, 25,- Euro,
ISBN 978-3-430-20233-6

Nach der bekannten angelsächsischen Erzählart wird der Leser mit Beispielen in die Materie der zehn Kapitel eingeführt. Die Kapitelüberschriften lauten und sagen schon damit einiges über die Reichweite aus:

1. Datenkapitalismus
2. Koordination
3. Märkte
4. Datenreichtum
5. Unternehmen
6. Automatisierung
7. Geld
8. Feedback
9. Arbeit
10. Freiheit.

Mayer-Schönberger hat in Oxford einen Lehrstuhl für Internet Governance inne, der Journalist Ramge schreibt u.a. für den Economist. Das Leitbeispiel in Kapitel 4 veranschaulicht den Stil und die neue Marktidee. Berichtet wird über die Leistungen der Künstlichen Intelligenz in Gestalt eines Rechners namens Libratus. Der Supercomputer zeigt sich beim raffinierten Pokerspiel seinen menschlichen Partnern überlegen. »Seit 1996 haben Menschen keine Chance mehr gegen Schachcomputer« (74). Aus den selbstgelernten strategischen Eigenschaften ziehen die Verfasser Konsequenzen für das Marktgeschehen (77 ff.). Traditionelle Märkte leiden unter Informationsdefiziten und orientieren sich zu sehr am Preis. Dem können elektronische Datenverarbeitungen abhelfen, indem sie Profile erstellen über Begleitfaktoren, die in die Entscheidungen eingehen. Beim Hemdenkauf: »Größe, Stoff, Farbe, Paßform, Ärmellänge, Kragenform und Marke« (80). Der Online-Händler bestückt seine Produkte mit diesen Zusatzdaten, und Käufer können ihr Wunschpaket ins Netz setzen und nach Deckungsgleichheit suchen. Entscheidend ist die Kategorisierbarkeit der Produkteigenschaften. Bei Büchern, Sportartikeln, Haushaltsgeräten u.a. sind solche Muster einfach, bei Wohnungseinrichtungen, Partnerwünschen u.ä. dagegen nicht. Nicht der Datenreichtum erschweren die Bildung des Algorithmus, sondern offene Präferenzen. »Amazon sucht in Daten nach Mustern, die unsere Vorliebe verraten«, wir müssen gar nicht erst befragt werden (89). Gewiß mögen auch Datenmuster gut ermittelbar sein, sie erfassen doch nur unvollkommen die Denk- und Gefühlsmuster, die permanent wechseln. Mit den technischen Zugriffen gehen die kulturell so wichtigen Ambivalenzen und Existenzialen verloren. Dazu lese man das Kapitel ›Freiheit‹. Bildung z.B. ist mehr als Lernoptimierung.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate

VERANSTALTUNGSANGEBOTE

im Rahmen des Studiums generale

VORLESUNGEN VON 2004 BIS 2018

Prof. em. Dr. E. Dauenhauer

Sommersemester 2004
Wirtschaftskategorien und Wirtschaftsdidaktik

Sommersemester 2006
Virtuelle Oikos-Strategien in Zeiten der Lehr-Lern-Krise

Sommersemester 2007
Bürgerlichkeit in Zeiten der globalisierenden Ökonomie

Sommersemester 2008
Ökonomische Denk- und Handlungsmuster in Theologie und Kirche.
Entfremdet sich die Religion im Oikos von ihrem Auftrag?

Sommersemester 2009
Wirtschaft und Literatur – Ästhetische Oikos-Provokationen

Sommersemester 2010
Universalistische Labyrinthe
inmitten des ökonomischen Universalismus

Sommersemester 2011
Grenzprobleme und Grenzüberschreitungen
des ökonomischen Denkens und Handelns

Sommersemester 2012
Das Ökonomische der Ökonomie
zwischen stabiler Ordnung und aktueller Verwilderung

Sommersemester 2013
Ökonomiekonzepte im Spiegel fundamentalkritischer Analysen

Sommersemester 2014
Oikodizee. Über den ethischen Umgang
mit ökonomischen Paradoxien

Sommersemester 2015
Alternative Ökonomik als System- und Lebensstilkritik

Sommersemester 2016
Das Unbewußte als Agens ökonomischer Prozess

Sommersemester 2017
(DE-)Konstruktion ökonomischer Mythen
im Kontext des Neuen Realismus

Sommersemester 2018
Epoche der Digitalisierung – Kulturökonomische Auswirkungen

Letzte Vorlesung im Sommersemester 2018 im Rahmen des Studiums generale

von Univ.-Prof. em. Dr. E. Dauenhauer an der Universität in Landau

Epoche der Digitalisierung – kulturökonomische Auswirkungen

Thema am 5. Juli 2018: Anthropologische Auswirkungen der Digitalisierung

Literaturhinweise

Dauenhauer, E.: Literatur in Digitalistan, Walthari-Heft 65/2018
Dauenhauer, E.: Kultur- und Kunstökonomie, Teil I und II, Landau 1992/93
Dauenhauer, E.: Kulturökonomie, Artikel in: Lexikon der ökonomischen Bildung, München 2008, 7. Auflage, Seite 354 ff.
Glunk, Fr., R.: Schattenmächte. Wie transnationale Netzwerke die Regeln unserer Welt bestimmen, München 2017
Groh, M.: Realität als Relation, Münster 2015
Jaeger, Fr. und Liebsch, B. (Hrsg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Band 1 – 3, Stuttgart/Weimar 2004 ff.
Konersmann, R. (Hrsg.): Handbuch Kulturphilosophie, Stuttgart/Weimar 2012
Mayer-Schönberger, V. und Ramge, Th.: Das Digital, München 2017
Riesenwieck, M.: Digitale Drecksarbeit, München 2017
Sprenger, R. K.: Radikal digital, München 2018
Tegmark, M.: Leben 3.0 – Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz, Berlin 2017

Landau / Münchweiler, 1. Juli 2018
Univ.-Prof. em. Dr. E. Dauenhauer