Literaturzeitschrift Walthari

begründet 1984, Herausgeber: Prof. Dr. Erich Dauenhauer

Alte Textdokumente in Auszügen

Synthetische Biologie und der Roman

›Stimmen im Labyrinth‹

Von Erich Dauenhauer

Meist hinkt die Literatur den Realitäten hinterher. Geschildert werden dann in Romanen, wie es einmal war. Balzac, Fontane und Thomas Mann stehen für Hundertschaften von Schriftstellern, die im Rückblick ihre ästhetischen Nester bauten. Der Leser kann sich darin sozialkritisch oder einfach nostalgisch wärmen.

Riskanter und meist gar nicht wärmend sind Romane, die den Blick in die Zukunft wagen. Riskant, weil sie von künftigen Ereignissen gnadenlos widerlegt werden können. Im günstigen Fall teilen sie das Schicksal des Vergessens, ansonsten steht der Autor blamiert da (Autorinnen wagen sich kaum an Zukunftsromane). Wärmen kann man sich an prognostischer Literatur deshalb selten, weil der Leser zu vieles mental und emotional umsortieren muß. Nestbauten trifft man auf diesem Feld nicht an.

Mit der poetischen Collage (Untertitel) ›Stimmen im Labyrinth‹ habe ich einen solchen literarischen Blick in die Zukunft gewagt. Seither blicke ich gespannt auf die neuesten Forschungsergebnisse derjenigen Wissenschaften, die für Zukunftsszenarien bedeutsam sind. In der Zeitschrift ›Science‹ (Nr. 336/2012, S. 341) konnte man jüngst lesen, daß zwei Entwicklungssprünge gelungen seien:

(1) Im Labor gelang es, künstliche Nukleinsäuren mit eigens dafür erzeugten Enzymen in DNA zu übersetzen und (2) aus der so entstandenen DNA weitere künstlichen Nikleinsäuren zu erzeugen. Herkömmliche Bio-Bausteine (Zellen) können somit um künstliche Nukleinsäuren ergänzt werden (Fall 1) und aus deren Nachkommen völlig neue biologische Einheiten (Fall 2). Damit sind die naturhaften Erbmoleküle DNA (Desoxynukleinsäure) und RNA (Ribonukleinsäure) nicht mehr die einzigen Moleküle, die genetische Informationen speichern und weitergeben können! Im neuen Baustein XNA steht X als Platzhalter für sechs Zuckervarianten, darunter TNA: T = Threose.

Die Sensationsmeldung in ›Science‹ sorgt unter Wissenschaftlern für gehörige Aufregung, war aber in den Plappermedien allenfalls eine Randnotiz wert. Immerhin handelt es sich um den Startschuß für neues, künstliches Leben, wie es die Evolution in Jahrmillionen nicht hervorgebracht hat.

Aber nicht nur in der Medienszene, auch in der Literaturszene wird der Entwicklungsbruch in der Menschheitsgeschichte kaum wahrgenommen. Was die synthetische Biologie auf ihrem zukünftigen Entwicklungsprogramm hat, ist mit plastischen Schilderungen im Roman ›Stimmen im Labyrinth‹ seit 2010 zu besichtigen, und zwar genau in den beiden oben geschilderten Gestaltvarianten. Homun gehört zur ersten neuen Homokategorie, Technovero zur zweiten. Wie die neue Welt um Althomo …

Rezensionen von Erich Dauenhauer

Taylor, Ch.: Das sprachbegabte Tier

Grundzüge des menschlichen Sprachvermögens

Aus dem Englischen von Joachim Schulte, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 656 Seiten, 38,- Euro, ISBN 978-3-518-58702-7

Buchbesprechung von Erich Dauenhauer, 16. Mai 2018

Das Original erschien 2016 mit einem Untertitel (›The Full Shape of Human Linguistic Capacity‹), der in der deutschen Vorlage nicht nur unkorrekt übersetzt wurde; übergangen wird dadurch auch das Hauptanliegen Taylors: die vollständige (!) Gestalt des menschlichen Sprachvermögens. Diese nämlich erschöpft sich nicht im Codieren und Vermitteln von Informationen, wie es die ältere Sprachtheorie von Hobbes, Locke und Condillac behauptet hatte. Darüber ist die Bewußtseinsphilosophie und Kognitionswissenschaft hinweggegangen. Die Gegenposition vertraten allerdings schon früh deutsche Aufklärer (Hamann zuerst), Romantiker und Klassiker, die Taylor ausführlich zitiert und die er für die argumentationsstärkeren hält. Um diese holistische Version zu verdeutlichen, holt der Autor weit aus, zieht neben Philosophen, Naturwissenschaftlern, Dichter, Komponisten und sogar Religionsstifter heran. Sprache ist nicht allein ein Instrument der Benennungen und Vermittlung von Dingen außerhalb ihrer, sie selber erschafft Bedeutungen im (!) Sprachgehäuse, darunter moralische, ästhetische und rechtliche Konstituenten. Auf diesem Erkenntnisstand angekommen, sieht man sich, über Taylor hinaus, zwei besonderen Problematiken gegenüber, erstens dem Verhältnis von unbestreitbaren Phänomenen (mit Aristoteles) und Konstituenten, zweitens dem Verhältnis von Konstituenten und dem Konstruktivismus, der mehrere Welten hervorbringt und Sprache als originäre Erschafferin von Welten betrachtet, während Phänomenologen von einer Welt ausgehen. Der Sachverhalt verkompliziert sich noch einmal um eine Stufe, bedenkt man, daß das Sprachvermögen trotz aller evolutionärer Entwicklungsschübe von Voraussetzungen (Apriori) ausgehen muß, die auch bei Kontingenzannahme nicht allein naturalistisch herleitbar sind. Taylor tippt diese Problematik, die der holistischen (!) Konstitutionstheorie der Sprache immanent ist, nur an, wenn er fragt, warum wir trotz der behaupteten Vielzahl von Welten, auf einen universalistische Moral- und Rechtsrahmen setzen, um human zu bleiben. Gänzlich übersieht Taylor den Neuen Realismus (Markus Gabriel), der die deutsche Philosophenszene seit Jahren befeuert. Und nicht erst »in den 1790er Jahren in Deutschland« entwickelte sich die holistische Sprachtheorie, sondern mit Herder schon 1772 (›Über den Ursprung der Sprache‹).

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate.

Baldwin, James: Von dieser Welt, Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow, Mit einem Vorwort von Verena Lueken, dtv Verlagsgesellschaft, München 2018, 318 Seiten, 22,- Euro, ISBN 978-3-423-28153-9

Buchbesprechung von Erich Dauenhauer, 16. Mai 2018

Der Roman erschien zuerst 1953 in New York und gilt als Klassiker amerikanischer Gesellschaftsverhältnisse bis in die Gegenwart. Darauf verweist das Vorwort (über 11 Seiten!) von Verena Lueken, um Leser, die das nicht wissen, auf die Lektüre einzustimmen. Sind schon die Platzierung und Länge des Vorworts ungewöhnlich, so erst recht die sonstige Besorgtheit des Verlages: der Leser wird auf Hintergrundmaterial verwiesen und mit allerhand Empfehlungstexten auf dem Umschlag bedacht.

Baldwin gewährt Einblicke in die Tiefenschichten der US-Gesellschaft aus der Perspektive der Afroamerikaner, nur eine der zahlreichen Minderheiten im Lande, die sich mit Identitätsproblemen plagen und sich häufig in Parallelgesellschaften abschotten. Unter den tiefsitzenden Kränkungen sind die Sklavenvergangenheit und die Niederwerfung der Urbevölkerung (Indianer) die nachwirkendsten. Beide nationale Verletzungen sind bis heute nicht ausgeheilt, zum einen, weil das Sklavenbewußtsein als mentales Erinnerungsmuster nicht heilbar ist, zum anderen, weil die Nachkommen der weißen Eroberer sich nur halbherzig der Vergangenheit stellen. Hinzu kommt die asiatische Kränkung (pazifische Einwanderer zeigen sich den Schwarzen karrieristisch meist überlegen). Verstärkt wird das Identitätsproblem durch andere Minderheiten (aus Mittel und Südamerika) und dem anhaltenden Einwanderungsdruck. Die Ungleichheiten und die daraus sich ergebenden Spannungen erzeugen eine explosive Dauerstimmung im Lande, die sich sichtbar im Waffengebrauch und in Trumps Politik äußert. Das alles sollte man vor Augen haben, wenn man Baldwin (1924-1987) zu lesen beginnt.
Schon nach wenigen Seiten spürt man hinter den Alltagsschilderungen das Vibrieren der nervösen Seelenlage. Die Handlung fällt schlicht aus: John, ein schwarzer Junge, lebt in einer bigottischen Familie und Umgebung, die seine Selbstfindung erschweren. Da er seinem Verstand mehr vertraut als den üblichen Aggressionsmustern, plagen ihn Zweifel über sich, über die Kirche und sein Milieu. Er wird »von Visionen überschwemmt« (118) und bricht schließlich aus – wie Baldwin selber, der nach Europa umsiedelte, nachdem sein Versuch, die negride Kultur umzugestalten, gescheitert war. Auch die Hauptfigur (John) versteht man besser, wenn man weiß, daß Baldwins Vater Prediger und sein Sohn jugendlicher Laienprediger waren. Daraus speist sich das Romanmilieu, das durch die einseitige Opferneigung an Spannung verliert. In diese Kerbe schlägt auch Lueken, die der »weißen Kultur« alle Schuld zuschiebt, wo doch die Sache komplex ist und sich seit 1953 gewandelt hat.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate.

Kaube, Jürgen: Die Anfänge von allem

Rowohlt Verlag, Berlin 2017, 3. Auflage, 448 Seiten, 24,95 Euro,
ISBN 978-3-87134-800-6

Buchbesprechung von Erich Dauenhauer, 14. Mai 2018

Da hat sich der Feuilleton-Chef und Mitherausgeber der FAZ ein gewaltiges Vorhaben aufgeladen. Es liegt nichts weniger vor als der Versuch einer Universalgeschichte, an die sich neuere Historiker nicht mehr wagen.

Die weite Bogenerzählung (sie beginnt mit 3,6 Millionen Jahren vor unserer Zeit) muß sich auf archäologische Befunde und zugleich auf Hypothesenkonkurrenzen berufen, d. h. unzählige Wissenslücken spekulativ schließen oder sich an nicht wenigen Stellen schlicht zu einem Nichtwissen bekennen. Die Befunde sind häufig deutungs- und zeitoffen, lassen also erhebliche Spielräume. Kaube entschied sich für eine narrative Geschichtsschreibung, welche die Lesbarkeit und die Publikumserreichbarkeit erhöht, sich aber gleichzeitig auf das unsichere Feld der spekulativen Geschichtsphilosophie begeben muß, denn Narrative ohne Verlaufs- und Zielspekulationen verlören ihre ›Seele‹.

Wie Kaube mit dieser komplexen Konstellation zurechtkommt, kann man in den sechzehn Buchkapiteln anschaulich erfahren. Lockere Überschriften locken den Leser: ›röhrende Hirsche‹, ›Bordell vor dem Jenseits‹, ›Die Königsmafia‹ u.a. Der immense Stoff soll auf diese Weise attraktiver gemacht werden. Dazu macht es sich der Autor nicht leicht: fünfzig Seiten Anmerkungen, vierzig Seiten Literaturangaben. Wie ein beruflich ausgelasteter Feuilletonchef dafür allein die Lesezeit aufbringen kann, von der Textgestaltung ganz abgesehen, läßt sich kaum ausdenken. Damit unterstelle ich nicht, daß Kaube insgeheim den Text sich hat schreiben lassen, vielmehr bewundere ich die rätselhafte Zeithandhabe. Für die Gesamtperspektive entscheidend ist die Grundeinstellung des Autors: Referiert er als naturalistischer Positivist oder als geistbewegter Evolutionist? Im ersten Fall sollen Sprache, Bewußtsein usw. aus der Materie hervorgegangen sein, im zweiten Fall ist der Geist der primäre Entwicklungsbeweger, wie es z.B. Thomas Nagel zum Schrecken aller Biologisten vermutet (in: ›Geist und Kosmos‹, Berlin 2013; vgl. meine Rezension in diesem Walthari-Portal vom 10.12.2013). Kaube übergeht dieses ›Wendebuch‹. Das Testkapitel dafür lautet bei ihm ›Der Anfang der Sprache‹ (81 ff.). Gleich der erste Satz beantwortet die obige Frage: »Am (!, also nicht ›Im‹) Anfang war es vielleicht (?) wüst und leer, aber am (!) Anfang war nicht das Wort«, also nicht der Logos, kein Schöpfergeist, sondern in logischer Ableitung ex nihilo das pure Materiewunder (wobei Wunder schon geistaffin ist). Damit übergeht Kaube den kontingenten dialektischen Entwicklungsprozeß, wie er sich aus der Quantentheorie schöpfungsnotwendig ergibt. So liest sich das Schlüsselkapitel als Unsinns-Spiel geistloser Materie (Sinn hat nur der Geist). Bei Nagel wird der »universellen Intelligenz« noch etwas zugemutet, bei Kaube hängt das Materie-Spiel im naturgesetzlichen Nichts, dazu im Selbstwiderspruch, denn universelle Naturgesetze setzen eine universelle Schöpfungsintelligenz voraus. Liest man das Sprachkapitel (und andere) mit einem Metablick, stößt man auf Fallen wie in dem Satz, daß Sprache »über Bilder und Zeichen hinaus aus Zeichen« besteht, die sich von den Sachverhalten (darunter auch die Materie, E.D.) ablösen, die sie bezeichnen« (82 f.). Eine klassische Geistbewegung. Die Sprachgewalt des Autors bietet beim Lesen dennoch gute Unterhalteng.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate.

Schrott, Raoul: Erste Erde Epos.

Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2018, 844 Seiten, 30,- Euro
ISBN 978-3-423-14627-2

Buchbesprechung von Erich Dauenhauer, 27. März 2018

Um dieses großformatige und voluminöse Buch durchzulesen, muß man drei Wochen ansetzen. Beim Lesen erfährt man eine weitere Leserbeschränkung: Ohne außerordentlich gehobene Allgemeinbildung sind weite Textteile nicht zugänglich. Nimmt man, drittens, die vom Verlag übernommene Wendung »Eine Bibel für Atheisten« hinzu, läßt sich der beschränkte Leserkreis unschwer ausdenken. Dieser aber wird für einen außerordentlichen Leseaufwand belohnt, auch wenn man nicht mit allem einverstanden sein kann. Schrott hat die halbe Welt bereist und versucht nichts weniger, als das »Wissen über die Welt« vom Urknall bis in die Gegenwart nachzuerzählen, und zwar naturwissenschaftlich und zugleich literarisch. Die Bücher sind zeitlich gegliedert, vom Urknall vor 13,82 Jahrmilliarden bis zum Anthropozän. Danach folgt ein Anhang von Seite 687 bis 844. Die thematische Vielfalt ist gigantisch und wird von endlosen naturwissenschaftlichen Datenreihen unterfüttert. Darin liegt das große Risiko der Überholbarkeit, denn die Wissenschaften lassen auch scheinbar unverrückbare Erkenntnisse hinter sich: man denke an das Schicksal der Newton-Physik durch die Quantenphysik und die Relativitätstheorie. Das mag Schrott nicht stören, weil er das Werk literarisch immunisiert und hoffen kann, daß ›Erste Erde‹ als Epos den Sachstand zu Beginn des 21. Jahrhunderts notiert und später so als historisches Inventar gelesen werden kann wie Vieles in der Wissenschaftsgeschichte. Trotz der ausladenden Gliederung (S. 5-15) ist es nicht leicht, den Überblick zu behalten, zumal der Textband verschachtelt ist und Fakten und Fiktionen häufig verschränkt werden, so etwa wenn es heißt: »Die unterschiedlichen Definitionen von Leben lassen sich… mit der Form des Gedichtes abgleichen – Zellen von Worten, die dem Rohmaterial der Aussenwelt mittels ihres Stoffwechsels zu einem Innenleben verhelfen« (als Kommentar von S. 8 in den Seiten 201 bis 209). Mancher Text hat die Form eines tagebuchartigen Reiseberichts, andere Texte erscheinen stichwortartig hingeworfen, häufig verziert mit Randnotizen: »Fussspuren am Strand von Formby, 5.000 Jahre alt« (S. 618). Der Leser wird ordentlich durchgeschüttelt, er kann sich zwischendurch erholen, wenn Schrott im Anhang aus dem Eposlabyrinth heraustritt und zur Alltagssprache zurückfindet. Dort entfaltet er auf mehr als 150 Seiten einen lehrbuchartigen Unterricht über das Werden der Welt und des Lebens. Viel Biologie und Chemie. Der Autor will sich nichts entgehen lassen und dem Leser nichts schenken.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate.

Morsbach, Petra: Justizpalast.

Roman. Knaus Verlag München, 4. September 2017, 480 Seiten, Fadenbindung, 25. Euro, SBN 978-3-8135-0373-9

Buchbesprechung von Erich Dauenhauer, 25. März 2018

Die deutsche Justiz ist gewiß eine der angesehensten der Welt, aber zugleich auch mit allen System- und Mentalmängeln befallen, die einem durch Gesetz geschützten Unabhängigkeitssektor eigen sind. Fehlurteile, selbst existenzvernichtende und ganz offensichtliche, werden nur widerwillig eingestanden, häufig auch beschwiegen (parochial silence). Ich habe selbst erlebt, wie ein Obergericht einem unsäglich falschen Sachverständigengutachten blind glaubte und sich in ökonomische Begründungen verstieg, die keinem Ökonomikstudenten im ersten Semester unterlaufen dürften. Mit Überlastung der Justiz ist das so wenig zu rechtfertigen wie die immanente spezifische Gesinnung. Richter haben bei ihrer Rechtfindung bekanntlich keine Vorgesetzte, und oberhalb des Bundesverfassungsgerichts gibt es nur den freien Himmel. Das prägt. Auch der Justiz gegenüber ist daher ein skeptisches Vertrauen angebracht, und sogenannte Justizromane sollten sich daher eher der negativen Ästhetik als einer noch so versteckten Akklamation verpflichtet fühlen. Zwischen beiden Erzählhaltungen liegen Welten. Die Autorin hat zehn Jahre an dem Roman gearbeitet und hospitierte an einem Gericht, um eine Binnensicht zu erfahren. Das verlangt Entgegenkommen in der Grundhaltung, auch wenn ein realistisches Bild vermittelt. Realistisch – soll das überhaupt ein Roman? Eine gerechtigkeitsfanatische Richterin wird desillusioniert. In wechselnder Perspektive läuft die Handlung nicht chronologisch ab. Es werden Fälle aus dem Zivil- und Verwaltungsrecht geschildert, wobei es sehr menschlich zugeht. Die Richterin identifiziert sich stark mit dem Recht, verzichtet also auf Distanz, die im Rechtsberuf durchaus erforderlich ist. Denn die konstruierte Rechtswelt der Gesetze deckt die weit komplexere Lebenswelt nicht ab. Die Richterin leidet unter den Verhältnissen, findet aber aus der Gerechtigkeitsmaschine selbst mental, auch nicht rechtsphilosophisch heraus (spurenhaft auf S. 201). Besonders die Justizszene in München wird weiterhin den Roman goutieren.

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate

Literaturbriefe

27. Januar 2012

Sehr geehrter …,
in einem Feuilletonbeitrag haben Sie, nach drei Jahren der Abstinenz, zu einem Rundumschlag ausgeholt … es verstärkt die öffentliche Debatte, die in Deutschland längst nicht so heiß und aktuell geführt wird wie in Frankreich.

Sie beklagen die Kluft zwischen Arm und Reich, den »Ruin des Sozialstaates«, »die Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche«, »die Blindheit für den Rechtsextremismus«, »das Geschwafel der Medien«, »die offene und verdeckte Zensur« u.a.m. Die Politiker seien gar nicht mehr in der Lage, sprachlich die Wirklichkeit abzubilden, womit Sie sich an die Verhältnisse wie einst in der DDR erinnert fühlen – ein scharfer Hieb, den Sie sich als ehemaliger DDR-Bürger erlauben können. Der Hieb trifft ebenso ins Schwarze wie Ihr Satz: »Unser Gemeinwesen wurde und wird von den demokratisch gewählten Volksvertretern systematisch gegen die Wand gefahren…« Auch dies kein neuer Befund, doch kann man nicht oft genug darauf hinweisen.

Indes regt sich Widerstand allerorten, freilich diffus und nicht selten mit Altmüll belastet. Häufig geistlos und ohne historische Bildung. Die Netzposteingänge und das »Geschwafel der Medien« belegen es täglich. Man muß sich im Klaren sein: Wer das Fernsehen einschaltet, hat es mit einem kollektiv meinungsprägenden Giganten zu tun, der ohne Abnehmerkontrolle sein Geschäft betreibt. Vermutlich nur wenigen Lesern der überregionalen Presse ist bewußt, daß sie großkalibrige Infogeschütze in Händen halten, deren Feuerkraft soziale Existenzen auslöschen und Firmen ruinieren können. Feuern sie abgestimmt, wie derzeit im Falle des Bundespräsidenten, erschüttern sie, um ihre Macht zu demonstrieren, die halbe Republik und jagen den Bürgern Angst und Schrecken ein. So wenig das Verhalten des Bundespräsidenten Anlaß gibt, ihn zu verteidigen: die Dauerkampagne ekelt vermutlich die meisten Bürger an und zeugt von einer demokratieverachtenden Medienhybris. Quotengeilheit und Wirkungshybris sind die antreibenden Mediengötter. Die großen Meinungsmacher bestimmen, was kollektiv gedacht werden darf und was nicht.

Sie schreiben: »Der Bürger wird auf den Verbraucher reduziert.« Genau so schlimm ist, daß er am medialen Gängelband geführt wird, täglich, ja stündlich. Geschickt präsentieren sich die Mediengrafen als schlichte Zeitgenossen, harmlos wie freundliche Nachbarn, wo sie doch über eine gewaltige und gewalttägige Feuerkraft verfügen, der keine wirksame Gegenmacht gegenübersteht.

Es grüß Sie
Erich Dauenhauer

Glossen – Interpretationen – Tagebuchnotizen

10. Oktober 2017

Grande Nation trickst

Das Gastland auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist Frankreich. Nach den Regeln soll die Literatur des jeweiligen Landes vorgestellt werden. Paris hat sich herausgenommen, nicht Frankreich, sondern gleich die gesamte Frankophonie vorzustellen, also alle Länder und Regionen auf der Welt, die ganz oder teilweise französisch geprägt sind. Das reicht von Afrika über Europa bis nach Kanada. Bekanntlich fühlen sich die gallischen Oberen als kulturelle Missionare, weshalb die Frankophonie zur Staatsräson rechnet. Kultureller Rassismus. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels läßt sich diese Hybris gefallen.
Gewiß: Die Literatur Frankreichs ist ein kultureller Schatz, ihre politische Instrumentalisierung eine Aufnötigung.

28. Juni 2017

Gefälle Stadt – Dorf.

Die Mehrheit der Menschen in ›entwickelten‹ Staaten wohnt in Städten. Die Gründe wurden in diesem Walthari-Portal schon öfter genannt: Nähe der Berufs- und Versorgungsstätten, kulturelles Angebot, Anonymität u.a.m. Die Nachteile: erhöhte Kriminalität, wenig Natur, geringes Nahklima, verödete Innenstädte, erhöhte Lebenshaltungskosten usw. Immer stärker treten urbane Kosmopoliten gegen sog. dörfliche Banausen an und umgekehrt, vor allem politisch bei Wahlen. Die Abgehängten rächen sich und befördern so den Trennungsprozeß. In den lange gerühmten kosmopolitischen Stadträumen ist es ungemütlich geworden, die Toleranz gegenüber den prägenderen Minderheiten schrumpft, und die Terrorgefahr ist in Städten viele Male höher als auf dem Lande.

Sprachmanipulierer. Aus Migranten wurden Flüchtlinge, aus diesen Geflüchtete und aus diesen Schutzsuchende. Dahinter steckt eine gendergeprägte Ideologie, die auch ansonsten unsägliche sprachliche Tricksereien feilbietet. Die evangelische Kirche und die Universitäten sind bevorzugte Exerzierfelder.

Genetische Narrative. Unter jüdischen Wissenschaftlern wird über die Bestimmung der jüdischen Identität heftig diskutiert. Da jeweils die jüdische Mutter maßgebend ist, fühlen sich die Biologisten im Vorteil. DNA-Tests sollen die Einwanderungsaussichten nach Israel erleichtern. Man stelle sich eine ähnliche Debatte in Deutschland vor. Das Schwingen der Rassismuskeulen schwärzten den Himmel ein.

Exzentrischer Literaturbetrieb. Es scheint, daß alle Motive und Stoffe literarisch durchgespielt sind und daß die Wiederholungen langweilen. Wer das so sieht, sucht Zuflucht zur Exzentrik, als Person und in seinen Werken. Der Kampf um Aufmerksamkeit überwuchert die stille Arbeit an der Textqualität.

31. März 2018

Tagebuchnotiz: Seitenlicht

Der agile Schweizer Literat Thomas Hürlimann hat der NZZ ein Interview gegeben (8. Februar 2018, S. 19, ganzseitig), das die Thematik meiner Autobiographie (›Mein sonderbares Leben‹, 2018) berührt. Er wie ich in einem katholischen Internat. Hürlimann lehnte sich exzessiv auf: Fluchtversuch, Fremdlektüre während des Gottesdienstes, subversive Oppositionsgesinnung (Mitbegründer eines Atheisten-Clubs), Pauschalurteile (»…der Katholik ist nicht, wie der Protestant, seinem Gewissen verpflichtet…«) usw..

Bei aller Distanz: auf all das wäre ich nicht gekommen, war ich doch froh, den beschwerlichen Bildungsgang für das Abitur nehmen zu dürfen. Bei Hürlimann keine Spuren von Dank oder Neugier auf theologisch-philosophische Schätze. Zudem widerspruchsvoll: einerseits empfand er die tägliche Messe als »Gehirnwäsche«, andererseits preist er die abgeschaffte Tridentinische Messe als »großes Kunstwerk“.

26. Mai 2014

Bildbetrachtung der antiken Dichterin Sappho

Man weiß sehr wenig Verläßliches über diese Lyrikerin: geboren im späten 7. Jahrhundert vor Christus auf der Insel Lesbos, wo sie, unterbrochen von einem kurzen Sizilienaufenthalt, einen Kreis von Mädchen und Frauen um sich scharte, um ein Leben in Verehrung der Musen und der Göttin Aphrodite zu führen. Von ihren neun Büchern sind nur wenige Gedichte erhalten. Die Dichterin widmete der Göttin ein Kultlied, worin sie bat, sie von einer unerwiderten Liebe zu erlösen. Daraus entstand die Legende, daß sie sich in einen Jüngling verliebt hatte und sich aus unglücklicher Liebe von einem Felsen stürzte.

Ein klassischer Fall für die Fruchtbarkeit von Nichtwissen, wie ich es in Heft 59/2013 der Literaturzeitschrift Walthari beschrieben habe. Wissenslücken regen zur Legendenbildung und spekulativen Interpretationen an. Seit mehr als zweieinhalb tausend Jahren zieht Sappho einen Schweif aus beiden Elementen hinter sich her. Herodot spekulierte über sie, und der Dichter Anakreon (geboren um 570 v. Chr.) interpretierte Sapphos Liebeszeilen für Mädchen als homoerotisch. Doch die Verse geben das nicht her. Auf griechischen Vasenbildern ist die rezitierende und singende Dichterin abgebildet. Besonders anrührend das Duo Alkaios (geboren um 630 v. Chr.), die Lyra zupfend, und die singende Sappho auf einem Weinkübel des Brygos-Malers (um 470 v. Chr.). Auf einem pompejanischen Fresco (um 50 v. Chr.) ist eine sinnende Frau mit einem Schreibstift in der einen Hand und mit mehreren Schreibtäfelchen in der Linken abgebildet, die man als Bildnis der Sappho deutet – ein hochatmosphärisches Porträt, das die NZZ mitten in ihren Bericht über einen jüngst entdeckten Papyrusfund stellt (Nr. 43/2014, S. 24). Der Papyrus diente als Mumienkartonage und wurde radiometrisch auf die Zeit 100 – 300 n. Chr. datiert. Der Schreiber orientierte sich an einer Originalvorlage, in der Sapphos Brüder Charaxos und Larichos erwähnt werden. Angerufen werden die Götter, um »aus unserer Schwermut erlöst« zu werden, sobald Charaxos von einer langen Reise (vermutlich Ägypten) heil heimkehrt. Statt Liebeslyrik die Sehnsucht nach einer schützenden Familie.