Walthari

Glossen /  Tagebuchnotizen / Skandalchronik

 
 
Glossen

1. Mai 2018
 
Idolensturz. Die hochgelobte und vielzitierte Bulgarin Julia Kristeva (geb. 1941) wird gerade krachend von ihrem hohen Denkmalsplatz gestürzt. Nach ihrer Emigration nach Frankreich machte sie eine akademische und öffentliche Karriere, indem sie sich ›als Frau‹ ganz der sog. französischen Theorie (ein Gemisch aus Psychoanalyse, Linguistik, Feminismus, Philosophie und Hegelianismus/Marxismus) hingab. Nun wurde bekannt, daß sie 1971 vom bulgarischen Auslandsgeheimdienst angeworben wurde, um unter dem Decknamen ›Sabina‹, in Paris eigene Landsleute auszuspionieren. Sie streitet alles ab. Der bulgarische Schriftsteller Ilja Trojanow rechnet mit ihr belegreich so sehr ab, daß Kristeva ihre vielen Ehrungen (Ordre National du Mérite, Holberg-Preis usw.) zurückgeben sollte.
 
Reparaturkolonne nach einem Denkmalsturz. Einhundert Anhänger eines einstigen Pädagogik-Idols (Hartmut von Hentig) arbeiten eifrig an einer Reputationsreparation. Der im letzten Drittel trendbestimmende Starpädagoge war der Mitwissenschaft des hundertfachen sexuellen Mißbrauchs seines Lebensgefährten Gerold Becker beschuldigt worden. Becker war Leiter der Odenwaldschule und ebenfalls ein Idol der damaligen reformpädagogischen Bewegung. Daß ein Lebensgefährte von den Mißbrauchspraktiken seines Partners nichts davon gewußt haben soll, erscheint unwahrscheinlich. Dennoch betont Hentig in einem Buch seine Unschuld. Die Reparaturkolonne (darunter auch Professoren) wollen den hundertfachen Mißbrauchs Beckers an Schülern seiner Schule als »pädagogischen Eros« umdeuten und zum Bestandteil ihrer pädagogischen Theorie reinstallieren.
 
Parteiendämmerung. In Italien und Frankreich schrumpften einst regierungsmächtige Parteien zu politischen Zwergen. Die SPD hat seit 1989 die Hälfte ihrer Wähler verloren. Sie regiert unter der machtversessenen Merkel überproportional mächtig mit: Mit 20 Prozent Wählerzustimmung erreichte die SPD 70 Prozent im Koalitionstext. Eine Wählerverachtung auf dem Merkel-Konto.
 
Rassistischer Konstruktivismus. Nichts  weniger wirft der bekannte Harvard-Professor David Reich der herrschenden Rassentabuisierung vor, eine über gleiche Menschenwürde für alle (das gilt ohne jeden Zweifel) hinausgehend gleichpotenziale Ausstattung aller Menschen irrtümlich zu behaupten. Bekanntlich fällt, wer am zuletzt genannten Postulat zweifelt,  in schlimme Ungnade, so auch der Genetiker Reich, der in der New York Times es gewagt hatte zu vermuten, daß nicht nur kulturelle Einflüsse, sondern auch meßbare genetische Unterschiede bestehen, die sich auch kognitiv niederschlagen. Ein Sturm der Entrüstung der Zeitgeistwächter brach über Reich herein, obschon die Beweislage ihn stützte.
 
Fast-Journalism. So geschmacklos wie Fast-Foot kann Fast-Journalism sein, dieser wie jener ein US-Import der Billigzivilisation. Twittereien, SMS u.a. holpern über jeden Sprachgeschmack, sie ergehen sich mit Vorliebe in Superlativen und Anglizismen.
 
Kleine Länder sind wirtschaftlich und kulturell erfolgreicher als mittel- und megagroße Staatsgebilde. Mehr Transparenz, Effizienz und menschliche Nähe. Der Brüsseler Gigantismus ist vormodern. Diese Einsicht ist in den Walthari-Foren seit Jahrzehnten zu lesen.
 
Westlicher Lebensstil. Er ist historisch ein Ausnahmefall, weil er luxuriösen Wohlstand auch großen Gesellschaftsteilen zukommen läßt. Zahlreiche Gründe sprechen dafür, daß er nicht auf längere Dauer zu halten ist: die Endlichkeit der Ressourcen, globale Verteilungskämpfe infolge der mehrheitlich Abgehängten usw.
 
FAZ-Wende. Über Jahrzehnte wetterte diese Zeitung gegen Skeptiker der übertriebenen Einkaufstouren ausländischer Investoren in Deutschland. Komparative Kostenvorteile durch grenzenlose Globalisierung über alles. Nun liest man in dieser Zeitung erst Wendetexte: China kaufe zu viele deutsche Schlüsselfirmen, die meisten Dax-Firmen seien mehrheitlich in ausländischen Händen usw. Späte Einsichten.
 
FAZ-Schaum. Ein Feuilletonredakteur dieser Zeitung überschäumt giftig einen bekannten deutschen Philosophen (in Nr. 83/2018, S. 9), der in der NZZ die zunehmende gesellschaftliche Nervosität »durch die Migrationsdynamik« analysierte. Der FAZ-Mann nennt den Gescholtenen »Panikmacher« und wirft ihm eine »philosophische Enthemmung« vor. Weit weg vom alten Feuilletonstil.  
 
Dauergereiztheit. Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, vor allem aber die globale Medienwelt (einschließlich der elektronischen Netze) ergehen sich in dauernder Gereiztheit, Empörung, Anklage usw. Das hochnervöse Klima überfordert den Homo sapiens und verdrängt kulturelle Lebensformen, die auf Gelassenheit und Weisheit angewiesen sind. Die Übersteigerungsdynamik hat den Produktions- und Konsumbereich erfaßt und läuft infolge der Digitalisierung (mit selbstlernenden Rechnern) einem Kipp-Punkt zu. Irgendwann wird die Blase platzen.
 
Trampelnder Trump. Der derzeitige US-Präsident lehrt der Welt das Fürchten: stilistisch (Twitterei), radikalistisch (Kahlschläge), taktisch (Klima der Unsicherheit) und hemdsärmelig nach Westernart. Die politischen ›Eliten‹ geraten außer Takt, und die Feindenker predigen frustriert eine Zeitenwende. Den Staat könne nicht wie eine Immobilienfirma führen, wie es Trump schnoddrig praktiziert, er denke und handle nach dem kalten Dealprinzip. Doch die ›normale‹ Politik verfährt nicht anders, nur formkultiviert und verdeckter, indem sie Freundschaften zwischen Staaten predigt, wo es in Wahrheit doch nur nackte Interessen gibt. Bei vielen US-Wählern gilt Trump als ehrlicher. Hier läuft im Politikbetrieb vieles aus dem Ruder.




18. Mai 2018
 
Integrationsillussion. Die Multikulti-Ideologie lebt von zwei Annahmen: daß sich religiös, kulturell, ethnisch usw. unterschiedliche Gesellschaftsgruppen auch in Konfliktzeiten vertrügen und daß ein Mindestmaß an Integration in den notwendigen leitkulturellen Kern des Gemeinwesens gelänge. Die Bilanz in beiden Fällen entlarvt seit Jahrhunderten beide Annahmen als Illusion. Ein aktuelles Beispiel dafür bietet die Lektüre des Buches ›Lehrer über dem Limit. Warum die Integration scheitert‹ (München 2018). Doch Ideologien sind dafür bekannt, Fakten zu negieren, zumal dann, wenn sie zur Staatsdoktrin gehören.
 
Rassistischer Konstruktivismus II. Rassismus ist ein Totschlagargument, mit dem auch unbestreitbar unterschiedliche genetische und phänotypische menschliche Ausstattungen negiert werden (vgl. Eintrag oben). Wer auf diese Fakten aus wissenschaftlicher Erkenntnis hinweist, bestreitet keineswegs die gleiche Würde aller Menschen mit all ihren rechtlich usw. zwingenden Folgen. Wer allerdings beide Ebenen (bewußt?) nicht unterscheidet, betreibt nicht nur einen profanen Rassismus unter Mißachtung der doppelten Faktenlage, er selber entpuppt sich als Rassist, weil er die rechtlichen und kulturellen Würdepotenziale, mit denen biologische und soziale Unterschiede angeglichen oder gemindert werden können, überspielt. Ein groß angelegtes empirisches Datenset (mit 800.000 Probanden in 76 Ländern) belegt, daß Klima und Geographie für ökonomisches Verhalten von Bedeutung sind. Risikobereitschaft, Geduld, Vertrauen und andere Wirtschaftskategorien sind in Ländern der sog. Dritten Welt weniger stark ausgeprägt als in westlichen oder konfuzianischen Ländern (vgl. die Untersuchung der Verhaltensökonomen von Armin Flak & Co von der Universität Bonn). US-Amerikaner sind 26-mal reicher als Nigerianer, obschon in beiden Ländern die Landesressourcen die gewaltigen Unterschied nicht erklärbar machen. Die übliche Rassismuskeule verdeckt die Fakten und Potenziale.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
 



24. Januar 2018

 
Politische Lügen haben lange Beine
Die Westverschiebung Polens gilt als Ausgleich für das »verlorene Ostpolen an Rußland«. Dabei war »Ostpolen« stets Teil von West-Weißrußland, der Westukraine und von Teilen Litauens, so Prof. Dr. W. Müller-Michaels in der FAZ vom 27. August 2015, S. 25.
Die zweite Geschichtslüge: Pommern, Ost- und Westpreußen sowie Schlesien seien, so die offizielle Darstellung der heutigen polnischen Machthaber, stets Teil Polens gewesen. Was 1939 Stalin mit Hitler verbrecherisch vereinbarte, diente nach 1945 als Grund für die Westverschiebung Polens. Ein Viertel des deutschen Reichsgebietes wurde entgegen der Bevölkerungs- und Kulturgeschichte kassiert. Die Vertreibung von Millionen Deutschen sollte allein schon deswegen in Erinnerung bleiben, weil das heutige Polen die Flüchtlingsquoten der EU ablehnt und gleichzeitig Milliarden Euro aus EU-Kassen erhält, ein Viertel davon stammt vom deutschen Steuerzahler. Die Befriedungsidee im grenzenlosen EU-Rahmen greift nicht bei Chauvinisten, deren Herrschaft auf politischen Lügen beruht.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com 
 
 Post-mortem-Peinlichkeiten um Altkanzler Kohl
Die medialen und politischen Szenenbeherrscher schaffen es nicht, mit dem Ableben des langjährigen Bundeskanzlers Helmut Kohl (2017) würdevoll umzugehen. Peinlich, weil stillos genug, daß der Bundestag seine Gedenkpraxis in die Tagesordnung von Beratungspunkten einfügte. Es ist mehr als nur ein Charakterspektakel, wenn Merkel, die Kohl einst vom Sockel stürzte, den Verstorbenen salbungsvoll zu ehren versucht. Mag die Kohlfamilie sich auch ungewöhnlich verhalten und der pfälzische Politiker robuste Spuren hinterlassen haben: die Würde des historischen Augenblicks hätte zumindest Redlichkeit beim Einordnen von Verdiensten, Verfehlungen und Beinstellern verlangt. Kohls große politische Tat war sein Beitrag zur  deutschen Wiedervereinigung. Seine folgenreichste Fehlentscheidung: die Einführung der Eurowährung, die er als EU-Katalysator in einer Rede am 30. April 1998 euphorisch pries und dabei die Faktenlage wider besseres Beratungswissen falsch darstellte. Es lohnt sich den Redetext (in: Bulletin des Presse- und Informationsdienstes der Bundesregierung Nr. 40/1998, S. 521-528) nachzulesen. Beschrieben wird ein  zum Scheitern verurteiltes politisches Lebensprogramm als Planungsübel.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
 
Bundeswehr-Säuberung
War schon die Abschaffung der Wehrpflicht ein schwerer Mißgriff und das Abschmelzen des Wehretats zugunsten des aufgeblasenen Sozialetats eine politische Dummheit, so sind die Säuberungsaktionen der ahnungslosen Verteidigungsministerin ein Fanal. Erstmals wehren sich Offiziere gegen parteipolitisches Eiferertum, das Traditionen (sie reichen bis zu Carl von Clausewitz) in mentale Giftschränke verbannen will. Adenauer und seine Generäle waren aus dieser Sicht Rechtsextremisten.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
 
Profilpreise
Netzoligopolisten greifen weltweit und ohne die Eigentümer zu befragen Daten ab und erstellen persönliche Profile, die sie heimlich teuer verkaufen.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
 
Minderheitenwildwuchs
Zurecht gilt die Toleranz gegenüber Minderheiten aller Art als Zeichen einer reifen politischen Kultur. Wenn aber Minderheiten den Mehrheitston angeben, und das ist zunehmend der Fall, dann wird die Schieflage irgendwann explosiv.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com 
 







23. Januar 2018

Peinliche Trump-Schelte
Der US-Präsident ist wirklich eine peinliche Figur, aber peinlich fallen auch undiplomatische Trump-Beschimpfungen aus. Noch als Bundespräsident verglich Joachim Gauck den US-Wahlausgang indirekt mit den »großen Beunruhigungen« durch die Nazis. Der jetzige Bundespräsident nannte  als früherer Außenminister Trump einen »Haßprediger«. Der jetzige Außenminister Sigmar Gabriel, ehemals Wirtschaftsminister: »Trump ist eine Warnung an uns.« Wie werden diese unbeherrschten Herrschaften dem US-Präsidenten unter die Augen treten?
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
 
 
Nackte Maria Theresia
Sie war und ist im Volk beliebt und wurde von preußischen Oberen verspottet. Für heutige Feministinnen war sie eine Unperson (16 Kinder) und für manche Historiker eine starke Frau neben ihrem Ehemann, einem schwachen Gemahl (Kaiserin war sie nur im Ehefrau-Titel). Sie hatte viele Sterbefälle zu verkraften, neben Zehntausenden gefallener Soldaten auch nahe Personen, was ihr den Titel »schwarze Witwe“ eintrug. Als ob das Bild nicht verzerrt genug wäre, fügen Spätaufklärer abstoßenden Farben hinzu: Protestanten- und Judenpeinigerin, Bigotterie, drakonische Sexualmoral, rabiate Niederwerfung von Aufständen usw. Die Eintrübungen (»barocke Glucke«, »Matrone der Gegenaufklärung« usw.) gehen so weit, daß man in Österreich an Umbenennungen und Denkmalstürze denkt. Immer noch ist sie im Volk beliebt. Tu felix Austria…
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
 
 
 


Tagebuchnotizen

15. Oktober 2017

Populismuskeule. Im etablierten und sich gegenseitig stützenden Medien- und Politikbetrieb gelten, nach schweren Enttäuschungen, Wahlen und andere Volksabstimmungen als Drohung und Bedrohung des Systems. Permanent schwingen daher die Enttäuschten die Populismuskeule und brandmarken Abweichler als Dummköpfe oder Extremisten. Die selbsternannten Volkserzieher wissen allein, was gute Politik ist, dem Volk (populus) muß man es erst beibringen. Die Obrigkeitsarroganz erweist sich bei näherem Hinsehen als »Komparserie des Mainstreams« (Bodo Hombach). Der eherne demokratische Grundsatz, daß hinter allem, was im Namen des Volkes geschieht, auch das Volk stehen muß, wurde bei der Euroeinführung, der Energiewende u.v.a. in den Populismuswind geschlagen.
 
Moralismus statt nüchterne Interessen. Die Medien- und Politherrschaften sprechen von populistischen Entrüstungspotenzialen, wenn sich der Druck von unten Luft verschafft. »Masse, Meute, Mob« titelte sogar die NZZ (vom 10. Jan. 2017), worin schon ohne Kommentar viel Verachtung steckt. Doch die Vorzeigemoralisten sitzen ganz oben.
© Walthari®. Aus: www.walthari.com




3. November 2015
   
Nach einhundertjähriger Vorplanung eroberte im 17. Jahrhundert Frankreich das Elsaß, das seit dem Jahre 870 (Vertrag von Meerssen) ununterbrochen dem Deutschen Reich angehört hatte, überfallartig. Die Freie Reichsstadt Straßburg, die acht Jahrhunderte Mittelpunkt der Region links und rechts des Oberrheins war, wurde mit Gewalt von französischen Truppen eingenommen und unverzüglich französisiert. Die große Tradition des Luthertums und des deutschen Humanismus um Martin Butzer (1491-1551) wurde ausgelöscht. Die Lutheraner hatten schon 1529 im Straßburger Münster den protestantischen Ritus eingeführt, allerdings nicht ohne Bilderstürmerei. 1534 erstellte Straßburg zusammen mit Konstanz, Lindau und Memmingen ein eigenes Glaubensbekenntnis, ein Zeichen, daß das Elsaß mit Baden und bald auch mit der Kurpfalz eng verbunden war, also nicht mit Frankreich. Der erste Weihnachtsbaum überhaupt stand 1539 im Straßburger Münster und wurde alsbald zum deutschen und weltweiten Festsymbol, später auch unter Katholiken. Am 23. Oktober 1681 feierte Ludwig XIV. mit einer Messe im Münster die Rekatholisierung und die Französisierung des Elsaß unter den Klängen des ›Te Deum laudamus‹. Während der Terrorherrschaft der Revolution 1789 ff.  wurde das Straßburger Münster zum Tempel der Vernunft umgestaltet. 1940 erhob Adolf Hitler bei seinem Besuch das Münster zum ›Nationalheiligtum des deutschen Volkes‹ und verstärkte den antideutschen Effekt.
 
Das Elsaß entwickelte sich konfessionell zweigeteilt. Im Bewußtsein der Elsässer bleibt die große humanistische Tradition ausgelöscht, weil schon in den Schulen die achthundertjährige deutsche Vergangenheit ausgespart wird. Wer zwischen Colmar und Weißenburg kennt schon Butzer! Oder Sebastian Brant?
© Erich Dauenhauer. Aus: www.walthari.com

 

Skandalchronik