Walthari


Rezensionen / Medienschau

Rezensionen
 
11. Oktober 2017
   
Holzbrecher, S. und Seiler, J. (Hrsg.): Aussöhnung im Konflikt. Historische Perspektiven
auf den Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe 1965,

Erfurter Theologische Schriften, Bd. 41,

Echter Verlag, Würzburg 2017, 260 Seiten, 16,50 Euro,
ISBN 978-3-429-04360-5
 
Die Lektüre steht unter dem aktuellen politischen Geschehen. Polen führt staats- und parteioffiziell eine Kampagne gegen Deutschland. Ohne rechtliche Grundlage werden, mehr als siebzig Jahre nach dem Krieg, Reparationsforderungen bis zu einer Billion Euro gestellt. Der Sammelband fokussiert sich zwar auf die historische Perspektive im Zusammenhang mit dem »Briefwechsel zwischen den polnischen und deutschen Bischöfen 1965«, aber die andauernden Warschauer Eskapaden erinnern an eine Konstante in der polnischen Mentalität, wodurch Versöhnungsversuche handherum weggewischt werden. Zurecht daher der Haupttitel ›Aussöhnung im Konflikt‹, wohl besser: im Dauerkonflikt. Zum eingeübten antideutsch genährten Nationalismus ließen sich mehr als einmal sogar Oberhirten zu haßerfüllten Predigten hinreißen (darunter Kardinal Glemp 1984 (243-245). Die Schlüsselsätze für die kaum auf Versöhnung ausgerichtete kollektive polnische Mentalität stehen auf den Seiten 246 ff.: Der wirtschaftlich überlegene Kriegsverlierer (Deutschland) spendet Polen laufend finanzielle Hilfe in beträchtlichem Umfang, seit Jahren auf dem Umweg über die EU, wodurch sich der pathologisch anmutende polnische Nationalstolz permanent beleidigt fühlt. Obschon die vielfältigen nationalen Asymmetrien nicht ausräumbar erscheinen, ist Versöhnung hartnäckig und permanent angesagt, was aber durch das soeben genannte Metalitätsparadoxon nicht so schnell, wenn überhaupt, zu einem nachbarschaftlich verträglichen Umgang führen wird. Wenn sich schon die auf Vergebung verpflichtete katholische Kirche Jahrzehnte lang schwer tat, wie könnten sich dann kollektive Mentalitätsmuster überhaupt ändern? Abertausende Kontakte und beträchtliche Finanzgaben schafften das bisher nicht. Der damalige Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe veranlaßte seinerzeit die polnische Regierung zu einer Hetzjagd gegen die Verfasser. Wäre es heute unter Kascynski anders? Über Jahrzehnte hat man die kommunistische Ideologie für die Tiraden gegen Deutschland verantwortlich gemacht, doch wer polnische Führungsstimmen aus den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kennt, verortet die Ausbrüche in einer verhärteten polnischen Mentalität, die angstvoll eingeklemmt ist zwischen zwei größeren Nachbarn. Wie sehr die polnische Seite selbst auf einer aktuellen christlichen Versöhnungstagung ihrem eigenen nationalistischen Mentalitätsdruck unterliegt, belegt das Referat von Konrad Glombik und sein beschönigender Referatstitel DieCausa Hlond‹. Darstellung in der polnischen Historiographie. Rainer Bendel referiert ›aus deutscher Sicht‹, ganz so, als zählten nicht Fakten, sondern nur Sichtweisen, die faktenverdrehend bis heute in polnischen ›wissenschaftlichen‹ Veröffentlichungen (etwa in der ›Katholischen Enzyklopädie‹) anhalten. Kardinal Hlond war ein Deutschenhasser mit kriminellen Anmaßungen und Handlungen. Solange Fakten nicht zählen, bleibt Versöhnung auf der Strecke. Jüngst haben die polnischen Bischöfe in einem Brief gegen die eigene Regierung protestiert (September 2017). Doch auch die Oberhirten scheuen, den Warschauer Kampfparolen (Reparationen, Schadenersatz, Wiedergutmachung usw.) klar zu widersprechen. Die dreizehn Beiträge im Sammelband gehen auf Tagungsreferate anläßlich des 50. Jahrestages des oben genannten Briefwechsels zurück. Zu Wort kommen im Rückblick beide Seiten. Keine ermutigende Bilanz,
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com
 





7. Oktober 2017

 
Winkler, H. A.: Zerbricht der Westen?
Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika
Verlag C. H. Beck, München 2017, 493 Seiten, gebunden, 24,95 Euro,
ISBN 978-3-406-7113-2
 
Krisen sind ein Dauerzustand im Politischen. Mal weichen sie mehr, mal weniger ab von den gesetzten Standards des Rechts, der Menschenwürde zumal, des Wohlergehens usw. In Kriegsfällen brechen nahezu alle Dämme, aber auch in Friedenszeiten kann es zu fundamentalen Brüchen kommen, so die massenhaften Rechtsbrüche bei den grenzenlosen Migrationswellen 2015/2016 nach Deutschland. Daß die Verantwortlichen für diese massenhaften Rechtsbrüche bisher juristisch nicht belangt wurden, sagt mehr aus über die vielfältige aktuelle Krisenlage als Hunderte Seiten eher referierender  als analytischer Beschreibungen. Winkler, ein einflußreicher Großhistoriker, ist Teil des Systems, das er mitgeprägt hat und das wiederum seine Perspektive bestimmt. Es wird bei Winkler mehr referiert und bewertet als strukturell analysiert. Das verleitet ihn gelegentlich zu oberflächlichen Urteilen: »Sie (die direkte Demokratie) ist… keine authentischere Form der Demokratie als die repräsentative« (406). Nicht nur die Schweiz widerlegt nachdrücklich diesen machtstützenden Vorbehalt der Repräsentanten. Merkel als Repräsentantin entschied autoritär über die Grenzöffnung, über die Energiewende u.a.m. Bürgerauthentische Einsprüche hätten auch bei der Euroeinführung, bei den zahlreichen EU-Rechtsbrüchen im Zusammenhang mit den sog. fiskalischen Rettungsaktionen usw. das dramatisch gesunkene Rechtsvertrauen verhindern können. Der Schaden ist immens, weil der politische Blutkreislauf von der Basis nach oben und zurück unterbunden wird, er wird nur zugelassen bei periodisch weitem Abfragen an Wahltagen. Nach aller historischen Erfahrung und nach dem Erkenntnisstand der politischen Ideengeschichte ist für die Stabilität von Demokratien ein autonomer Überbau zweifellos unverzichtbar, so in Gestalt einer Gewaltenteilung (darunter einer unabhängigen Justiz), in Gestalt der Grundrechte und Pressefreiheit. Die politische Repräsentanzen in Gestalt der Parlamente und Regierungen brechen jedoch, abgehoben, systemanfällig allzu leicht aus dem Recht aus (s. oben) und bedürfen daher der jederzeitigen Basiskontrolle bei fundamentalen Angelegenheiten.  Selbst die Justiz (an der Spitze durchaus politisch mitbestimmt durch die Wahlausschüsse) erweist sich gelegentlich als politisch zu konform (man denke an die Durch-Wink-Urteile des EU-Gerichtshofs). Nicht ohne Grund beginnt daher das GG mit dem Satz »Alle Gewalt geht vom Volke aus«, auf dessen Wohl und Sicherheit es ankommt. Man kann daher Gewalt nicht vertrauensselig sekundären  Gewaltlegitimierten überlassen. Diesem komplizierten Verhältnis widmet Winkler in seinem ausholenden Referatsrahmen zu wenig Raum (ein strukturelles Defizit), er hat sich vorab für Institutionendominanz entschieden und die direkte Demokratie in die Nähe des Populismus gerückt.
Das Trump-Phänomen ist darauf zurückzuführen, daß der politische und finanzkapitalistische Überbau Millionen Bürger negiert hat. Ähnlich beim Brexit. Winkler findet allen Ernstes lobende Worte für die Geldpolitik der EZB, obschon sie allein dem deutschen Steuerzahler bisher mehr als dreihundert Milliarden Euro entzogen hat (Zinsentgang). An diesem skandalösen Fall wird besonders deutliche, welcher horrende Basispreis für Institutionenautonomie gezahlt wird. Es zeigt auch, in welche Bürgerferne sich autonome Überbauten verirren  können, wenn man den Überbausystemen basisfreien Lauf läßt. Die EZB handelt übrigens keineswegs politikfern, wenn sie Geld- und Fiskalpolitik rechtswidrig vermischt und dabei von keinem Kontrollmechanismus davon abgehalten werden kann. Die europäische und weitergehende internationale Perspektive, die Winkler einnimmt, verstrickt sich im Netz eines institutionellen Machbarkeitsoptimismus, der von den Fakten konterkariert wird. Ein zentralistisches Macron-Europa ist unrealistisch und wäre eine Arena für schwerste Dauerkrisen über die aktuellen polnischen Eskapaden hinaus. Es hilft alles nichts: Allein die Nationalstaaten bieten politische Basisfundamente. Wenn extremistische Staatführungen ausscheren, bedarf es spürbare Sanktionen. Ohne solche Züchtigungen konnte China Tibet besetzen und die Türkei den Norden Zyperns. Daß die westlichen Demokratien in die Defensive geraten seien, wie Winkler mehrfach schreibt, ist nur bedingt richtig. Nicht die Menschen in diesen Staaten sind plötzlich demokratisch unsichere Kantonisten, es sind die Irrtümer der abgehobenen Überbauten, welche Krisen herbeigeführt haben. Der anhaltende Eifer der ›Eliten‹ ohne Basisrückkoppelungen läßt nichts Gutes erwarten.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com
 



20. September 2017

 
  Münster, A.: Angst vor Deutschland. Ursachen und Hintergründe der neuen Germanophobie.
Welche Zukunft für Europa
?
Aus dem Französischen übersetzt von Arno Münster,
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2017, 185 Seiten, 17,80 Euro
ISBN 978-3-8260-6297-1
 
Der Autor, emeritierter Philosophieprofessor und Spezialist für zeitgenössische Denker seines Faches, kennt die französische Mentalität aus ihren historischen und unbewußten Tiefen heraus. Bekanntlich beginnt der deutsch-französische Zwist mit den Karlsenkeln im 9. Jahrhundert und speist sich aus Asymmetrien: Frankreich fühlt sich, als Miterbe der hochkultivierten Römer, Deutschland kulturell überlegen, während es ökonomisch umgekehrt ist. Frankreich war große Kolonialmacht, Deutschland in diesem Unterdrückungsgeschäft ein Krämer. Das zentralistische Frankreich leidet außerdem unter den föderalistischen Wettbewerbsgewinnen der Deutschen usw. Der Streit wird oberflächlich überdeckt durch die politische EU-Romantik, denn Mentalitäten und kollektive Tiefenmuster lassen sich durch Verträge, Brüsselverordnungen und schönes Reden nicht auslöschen. In den Augen Deutschlands haftet dem offiziellen Frankreich etwas Listiges, Missionarisches und Imperiales an, in der überbordenden EU-Bürokratie exemplarisch zu besichtigen. Der napoleonoide Macron gegen die fleißige, aber betuliche Merkel – gleichsam die Verkörperung der ewigen Gegensätze. Es spricht Bände, daß Macron 2015 den Franzosen zurief, ihnen fehle ein König. Mit der Hinrichtung Ludwig XVI. sei ein emotionales Vakuum entstanden. Als Pfälzer denke ich sofort an die Verwüstungen der Pfalz durch französische Truppen auch in Friedenszeiten. All dies und auch die verbrecherischen Aggressionen Frankreichs gegenüber Deutschland (et vice versa) wurden in diesem Walthari-Portal mehrfach beschrieben, es lohnt sich dennoch, die kompakte aktuelle Version Münsters zu lesen. Wer, wie der Autor, die in Frankreich verbreitete Germanophobie schonungslos beschreibt, ist noch lange kein Feind Frankreichs oder des Europaprojekts, ganz im Gegenteil: erst bei nüchterner Bilanzierung kann man herausfinden, was möglich ist und stabil bleibt. Zur Bilanz gehört: das Projekt der Moderne (das universalistische Konsensmodell Habermas‘) ist ebenso gescheitert wie das Projekt EU (als völkerfernes Parteienvorhaben). Leider schert Münster auf die utopische Habermas-Schiene (25 f.) ein, die mit ihren Transferströmen immerwährenden Sprengstoff enthält. Schon das Wort Bismarckhering erzeugt gallische Wallungen von der Linken bis zur Rechten. Da sollte man doch bei einem Europa der souveränen Völker und Regierungen bleiben, die in einem konföderativen Modell zusammenarbeiten und gemeinsame Sache nur in dafür geeigneten Sektoren machen (Marktunion, Personenfreizügigkeit usw.). Münster zieht die falsche Lehre aus den Fakten, wenn er allen Ernstes fordert, daß »es dringend erforderlich (sei), die Kompetenzen und Perspektiven der EU zu erweitern« (25). Er hat von dem schönen Nizza aus (wo er wohnt), noch nicht bemerkt, daß Habermas, Beck u.a. hierzulande vermehrt als Richtungsdenker von gestern angesehen werden. Ihre Utopien haben Europa in eine schwere Krise gestürzt (Brexit, polnischer u.a. Extremismus). Macron, der königbegeisterte, will aus den Trümmern eine neues Projekt bauen, wohl als eine Erweiterung der Frankophonie. Wer daran zweifelt, lese auf Seite 91 über die tief verwurzelte gallische Sprachüberheblichkeit. Der mentale Graben scheint fast genetisch angelegt.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com
 



23. Juli 2017
 
Plickert, Ph. (Hrsg.): Merkel.. Eine kritische Bilanz.
Mit Beiträgen von Thilo Sarrazin, Necla Kelek,
Cora Stephan, Norbert Bolz, Roland Tichy und anderen,
FinanzBuch Verlag, München 2017, 254 Seiten, 19,99 Euro
ISBN 978-3-95972-065-6
 
Einundzwanzig Autor(inn)en von teilweise hohem Bekanntheitsgrad leuchten den politischen Scheinriesen  Angela Merkel von verschiedenen Seiten kritisch aus und hinterlassen ein Gesamtbild aus Biederkeit, Schläue, Raffinesse, Täuschungen, Aktivismus und strategischem Mangel. Allein die schweren Folgen der unkontrollierten Flüchtlingsströme nach Deutschland (2015) hätte bei einer entwickelten politischen Kultur genügt, die Bundeskanzlerin abzulösen. Trotz schwerster weiterer Fehlentscheidungen tritt´Merkel zur Bundestagswahl 2017 ein weiteres Mal an und erweist der Demokratie, die vom Wechsel lebt, durch ihren machtbewußten Langzeitehrgeiz einen schlechten Dienst. Der Herausgeber Philip Plickert (FAZ-Journalist) rechnet schon im Vorwort schonungslos ab: Sie habe Europa, Deutschland und die CDU gespalten, die Plan- statt Marktwirtschaft favorisiert usw. Man frage sich, wie und warum sich das einst als naiv sich gebende ›Kohl-Mädchen‹ aus der DDR dennoch so lang an der Macht bleiben konnte und in Umfragen gute Aussichten auf eine weitere Kanzlerschaft hat. Dazu kommt vieles zusammen, darunter die machtvolle Organisation ihrer eigenen Partei, die Kritikschwäche vieler Medien, die Alternativdummheiten der Konkurrenzparteien und nicht zuletzt die politische Halbbildung vieler Wähler, denen das Mädchenlächeln Merkels gefällt und die ihren autoritären machtpolitischen Stil (Norbert Bolz) hinnehmen. Wolfgang Ockenfels legt das schräge »politische (!) Christentum« der Kanzlerin bloß, Ralf Georg Reuth zeigt auf die Folgen ihrer »DDR-Prägungen« und Justus Haucap ihre unsägliche Energiepolitik. Necla Kelek spießt die verfehlte Integrationspolitik auf und Erich Vad die verfehlte Sicherheitspolitik. Anthony Glees macht Merkel für den Brexit mitverantwortlich und David Marsh für das Desaster in der Währungsunion. Hart trifft die Kritik Rafael Seligmanns, der ihr eine Entfremdung von den Juden vorhält, wo sie doch gleich zweimal einen (wohl auch militärischen) Beistand Deutschlands für den Fall angekündigt hat, daß der Staat Israel in Gefahr gerät. Dieses Versprechen machte sie autoritär zur deutschen Staatsräson. Mit den Hunderttausenden immigrierten Muslimen importierte sie Antisemitismusanfälligkeit. Unter allen Einträgen der vernichtendste: Ralf Georg Reuth stellt Merkel als intelligente Opportunistin im SED-Regime vor. Der Historiker setzt zum finalen Schlag an. Hat man sich durchgelesen, findet man die Zusammenfassung des Herausgebers bestätigt:  »Läßt man die Merkel-Jahre Revue passieren, findet man reihenweise planlose, undurchdachte Entscheidungen und abrupte, opportunistische Wenden – mit gravierenden Konsequenzen für Deutschlands gesellschaftliche Stabilität und Wohlstand. Das von ihren Spin Docotors gezeichnete Bild einer Kanzlerin, die alle Dine ›vom Ende her denkt‹, die quasi kühl-naturwissenschaftlich die Konsequenzen, Chancen und Risiken abwägt, ist Fiktion. Vielmehr hat Merkel in entscheidenden Phasen – in der Euro-Krise, bei der Energiewende und in der Asylkrise – ohne Plan gehandelt. Sie fuhr in der Euro-Krise ›auf Sicht‹ und hat sich verirrt. Bei der Energiewende hat sie sich von Ängsten in Medien und Bevölkerung leiten lassen. Und nicht zuletzt bei der Migrationskrise hat sie kopflos gehandelt und ganz Europa ein gewaltiges Problem aufgeladen« (8). Viele dieser Anklagepunkte waren in diesem Walthari-Portal schon seit Jahren zu lesen, zuletzt in dem Beitrag ›Merkels miese Momentum-Masche‹.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com




12. April 2017
 
Alter, P.: Nationalismus. Ein Essay über Europa, mit 11 Abbildungen,
Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2016, 190 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-520-71301-8

 
Das Taschenbuch lese ich auf dem Hintergrund der sog. Schieder-Debatte auf dem 150. Historikertag im Jahre 1998 in Frankfurt/Main und der Arbeiten des australischen Historikers Christopher Clark. Peter Alter hatte zusammen mit Theodor Schieder im Jahre 1974 das Buch ›Staatsgründungen und Nationalstaatsprinzip‹ herausgegeben (München/Wien), ist also im Umkreis Schieders anzusiedeln, dessen unsägliche Verstrickungen in den Nationalsozialismus (vgl. Götz Aly: ›Theodor Schieder‹, Frankfurt/Main 2000) erst lange nach seinem Tod (1984) öffentlich wurden. Schieder war in der Nachkriegszeit einer der einflußreichsten deutschen Historiker und hinterließ mit Broszat, Mommsen, Wehler, Nipperdey, Gall  u.a. eine trendprägende Schülerschaft, die mit den Arbeiten von Christopher Clark (›Die Schlafwandler‹, 2013 u.a.) erheblich an Ansehen verlor (vgl. meine Rezension in diesem Walthari-Portal). Die deutsche  Historikerzunft hatte 1945 die NS-Einbindungen weitgehend verschwiegen und  unterwarf sich der Siegermentalität und dem Europamythos unkritisch. Das Taschenbuch Peter Alters schreibt ideengeschichtlich fort, was über Jahrzehnte Konsens war: Abschaffung der Nationalstaaten zugunsten eines utopischen Europagebildes. Der Nationalismus dient dazu als legitimierendes Feindbild (161 ff.). Obschon Alter differenziert, plädiert er mehr oder weniger offen für ein transnationales Europa und stellt historische Erfahrungen auf den Kopf: Nicht multikulturelle Formation erzeugen Konfliktfelder, sondern »formell unabhängige Nationalstaaten« (165). Dazu beschwört er eine »rechtspopulistische« Gefahr. Könnten damit nicht eher die Nationalstaaten als ein abstrakter EU-Überstaat damit fertig werden? Zählt es bei Alter wenig, in welchen miserablen Zustand die EU systembedingt (!) geraten mußte? Und daß die EZB allein die deutschen Sparer um 100 Mrd. Zinserträge jährlich bringt und die Deutsche Bundesbank mit 900 Mrd. Euro gegenüber anderen EU-Staaten haftet (und damit der Steuerzahler hierzulande)? Ohne die oben angeführte historische Einordnung werden Leser leicht irregeleitet. »Der große britische Staatsmann Winston Churchill…« (171) – doch wohl nicht für die Hunderttausende Zivilopfer eines Bombenkriegs auf Städte und Dörfer, lauter Massenmorde ohne militärische Rechtfertigung (auch ich kam dreimal gerade noch davon), für die Churchill mitverantwortlich ist. Nicht nur die Zeit und die Fakten sind über Alters Text hinweggegangen (Brexit u.a.), auch der Systemansatz ist veraltet.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer,  ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com






Medienschau

 
»Die Medien dienen nicht, sie herrschen… Gefordert und gefördert wird nicht Wissen, sondern Glauben… Wäre es nicht an der Zeit, … einen neuen Versuch mit der Aufklärung zu machen – die Aufklärung allerdings nicht mit den Medien, sondern über sie und deshalb oft genug auch gegen sie?«
Konrad Adam, Journalist,
in einem Vortrag in Düsseldorf im Mai 2009.