Walthari


Rezensionen / Medienschau

Rezensionen
 
4. März  2018
 
Bergman, R.: Der Schattenkrieg.
Israel und die geheimen Tötungskommandos des Mossad
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2018, 862 Seiten, gebunden, 36,- Euro
ISBN 978-3-421-04596-6
 
Nicht genug, daß die großen Netzabgreifer (Amazon & Co.) jeden Erdbewohner, der ein Handy benutzt oder auch nur telefoniert, quasi-geheimdienstlich erfassen (wer kennt schon sein Dossier bei Google u.a.?), auch Geheimdienste können an jedem Ort der Welt zugreifen, entführen und sogar töten. Wer nur wenige der 33 Kapitel dieses Buches gelesen hat, findet das auf erschreckende Weise bestätigt. Reichlich gedankenlos daher zu erklären, die Gefahr bestehe ja nur für Staatsfeinde, der normale Bürger müsse nichts fürchten. So lautete die Ausrede gegenüber den Medienoligarchen, bis man im eigenen Alltag spürte, welche Macht sie ausüben (bei der gezielten Werbung etwa nach erfaßten Persönlichkeitsprofilen). Geheimdienste schalten beileibe nicht nur Staatsfeinde aus, auch Wissenschaftler, die an interessanten Projekten arbeiten, können verschwinden und Journalisten erpreßt werden. Das vorliegende Buch ist von einem Szenenkenner und ehemaligen Staatsanwalt belegfest recherchiert und läßt auch verdachtsfreie Bürger erschrecken. Polen erwägt ein globales Netzsystem zum Abgreifen von sämtlichen Äußerungen über das Land, die gegen das selbstkonstruierte ›Polocaust‹ verstoßen. Wer solche Dossiers anlegt, hat was vor, die Gewaltformen nicht ausschließen. Ronen Bergman entfaltet ein empirisches Szenario, in dem das alles bereits Praxis ist. »Eine geheime Welt entsteht«, lautet das zweite Kapitel, worin die Entwicklung der unterirdischen Machtarmee geschildert wird. Schon früh lautete die Devise: »Eliminierung oder Gefangennahme der Führer der arabischen politischen Parteien…« (45). Das Selbstverteidigungsrecht Israels steht außer Frage, darunter eine robuste Abwehr (!) gegenüber fanatischen Staatsfeinden. Doch das geheime weltweite Machtprogramm der israelischen Regierung geht nach den geschilderten Fällen weit darüber hinaus, zumal dieses Machtgebaren keiner Rechtskontrolle unterliegt. Die interne »Rechtfertigung des Schattenreichs« lautet: »Gefährdung des Staates Israel« (56). Damit läßt sich mit unbegrenzter Selbstinterpretation jede Gewaltanwendung rechtfertigen, auch offensichtlich unangebrachte. Dafür liefert Bergman Beispiele, darunter eines im Kapitel ›Der Tod in der Zahnpasta‹. Man lese dazu exemplarisch die Seiten 261 bis 276, um zu erfahren, wie der Mossad vorgeht. Kritik an Israel ist nicht zu verwechseln mit Antisemitismus. Auf welcher Seite der Rezensent einzuordnen ist, geht exemplarisch aus seinen siebenfachen Rezensionen der ›Enzyklopädie der jüdischen Geschichte und Kultur‹ hervor, hrsg. von Dan Diner. Diese ›Enzyklopädie‹ führt zudem die Reihe der Bücher an, die den Rezensenten am meisten beeindruckten (in: ›Mein sonderbares Leben‹, 2018, S. 190).
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com
 



4. Februar 2018
 
Kepplinger, H. M.: Totschweigen und Skandalisieren.
Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken
Herbert von Halem Verlag, Köln 2017, 229 Seiten, 21,- Euro
ISBN 978-3-86962-284-2
 
Wohl selten wurde der mächtigen Journalistenzunft so schonungslos der eigene Spiegel vorgehalten. Die Hauptkapitel lesen sich wie ein Tribunal mit starken Argumenten:
-                     Fehlentwicklungen
-                     Skandalisieren
-                     Totschweigen
-                     Rechtfertigungen
-                     Typologie der Journalisten
-                     Hebelwirkungen.

Das Gewicht der Texte besteht nicht nur im Analytischen.  Kepplinger war an der Universität Mainz Professor für Empirische Kommunikationsforschung, er macht von dieser Wissenschaftspraxis auch hier Gebrauch. Er befragte Journalisten zu fünf Fällen von Skandalisierungen und von drei Fällen von Kommunikationssperren. Daraus wird ein Krimi im Tribunalgeschehen. Beispiel aus dem ersten Bereich: Die mutige Rede von Sybille Leitscharoff in Dresden 2014. Die Literatin wandte sich gegen die Machbarkeitsanmaßungen in der Medizin (Sterbehilfe usw.), gegen die Leihmutterschaft und Abtreibung (»Frauentümelei«), kurz: gegen das links-grüne Dominanzmilieu.  Unter dem Publikum regte sich kein Unmut, bis vier Tage später ein Theatermann die Empörungsmaschine anwarf (offener Brief), die der Schwulen- und Lesbenverband  als Transmissionsfaktor medial erweiterte.  Die Feuilletons bebten und sprengten den Pressecodex durch selektive Instrumentalisierung. Keppling traf  unter den befragten Journalisten auf unterschiedliche Meinungen, doch die Befragungsergebnisse decken sich nicht mit der gängigen Journalistenpraxis!.  Die Medienzunft  lebt nicht zum Wenigsten von einer Aufmerksamkeitserheischung durch Skandalisierung; sie ist tägliche Praxis und wird durch gezieltes Nachschieben von zurückgehaltenem Material im Feuer gehalten. Nicht weniger szenentypisch ist das »Verschweigen zur Verteidigung der Deutungshoheit«.  Kepplinger bringt haarsträubende Beispiele für gezieltes mediales Totschweigen.
Das Berufsverständnis der Journalisten gleicht zumindest in einem Punkt demjenigen von Richtern: eigene Fehler, die es zuhauf gibt, gibt man nur schwerlich oder gar nicht zu. In beiden Fällen wird man durch Fehlverhalten nicht bestraft, also fällt einhegendes Schweigen leicht. Kepplingers Schlußfolgerung: »Zweifel eines Teils der Bevölkerung an der Vertrauenswürdigkeit der Berichterstattung« seien verständlich. Ein mildes Urteil angesichts der Beweislage.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com




15. Januar 2018

   
Steingart, G.: Kopf hoch, Deutschland!
Mit dem Morning Briefing durch stürmische Zeiten,
Mit Karikaturen von Berndt. A. Skott,
Knaus Verlag, München 2017, 197 Seiten, 15,- Euro
ISBN 978-3-8135-0800-0
 
Montaigne steht Pate, worauf der Autor  mit dem Eingangsmotto freimütig hinweist. Die französischen Moralisten fanden reichlich Nachahmung, aber nur wenige erreichten das Ursprungsniveau. Steingart kann sich zu ihnen zählen. Dem Leser wird eine überarbeitete Kollektion des  ›Morning-Briefings‹ geboten, mit dem sich der Autor einen Namen gemacht hat als ein Journalist (einst beim ›Spiegel‹, jetzt  beim ›Handelsblatt‹, es gehört zu meinem Medienkonsum), der über das Tagesgeschäft hinausschaut und aphoristisch sowie essayistisch in die Welt schaut. Die Einträge sind alphabetisch sortiert, allerdings  ohne Stichwortübersicht am Ende, kein kleines Defizit für Leser, die systematisch suchen. Bei soviel Textsplittern kann es nicht anders sein: es gibt auch Leichname (Management),  Beigezogenes (Katholizismus), Mißratenes (Ehe für alle), Plattes (Steuerreform). Das allermeiste ist originell (Draghi, gleich zweimal u.v.a.).
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com



Medienschau

18. Juli 2018
 
»Die Demokratie ist in Not«, schrieb am 15. März 2018 der ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht, Paul Kirchhof, nachdem er eine gängige Parteienpraxis beschrieb, die den »Auftrag des Wählers an die Abgeordneten… belanglos« macht (FAZ, Seite 6). Diese fundamentale Parteienkritik wurde bezeichnenderweise medial beschwiegen, obschon sie eine demokratieverachtende, systematische (!) Parteienherrschaft beschreibt.
 
»Akademische Arbeiter-Darsteller«. Gunnar Heinsohn legte in der NZZ vom 16. September 2017, S. 26 f., die Mentalitätslandschaft der Grünen bloß, so daß man sich wundert, wer diese Partei noch wählt. Das Politgemisch kennt keine Scham.
Staatstrojaner. Auch »staatliche Akteure versuchen, Spionagesoftware auf digitalen Geräten zu hinterlegen« (Konstanze Kurz) – auch in Deutschland. Hier greift die Wächterfunktion der Presse.  
 
»Was ist die derzeit größte Bedrohung?« Auf diese Frage antwortete der Generalbundesanwalt Peter Frank im Juli 2018: »Der islamistische Terrorismus…« Im Koalitionsvertrag 2013 rangierte »Freiheit und Sicherheit« erst an fünfter Stelle (S. 144 ff.). Weltmeister im Verharmlosen, Wegschauen und Beschweigen.
Waltharius  – ©  https://www.walthari.com
 



»Die Medien dienen nicht, sie herrschen… Gefordert und gefördert wird nicht Wissen, sondern Glauben… Wäre es nicht an der Zeit, … einen neuen Versuch mit der Aufklärung zu machen – die Aufklärung allerdings nicht mit den Medien, sondern über sie und deshalb oft genug auch gegen sie?«
Konrad Adam, Journalist,
in einem Vortrag in Düsseldorf im Mai 2009.