Walthari



 

Grundsatztexte

 

 

 18. April 2018
 
Der Papst-Franziskus-Code
Anti-Multikultis gegen Ambivalenzler
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
  
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Mit diesem Grundsatztext soll auf eine der gefährlichsten Ideologien unserer Zeit hingewiesen werden. Ihre zur Praxis gewordenen Auswirkungen sind verheerend. Die Ideologie agiert unter den Bezeichnungen Ambiquität, Äquivalenz, Mehrdeutigkeit, Vielfalt oder bunte Verhältnisse. Sie zieht kulturvergessene Menschen magisch an und favorisiert Multikulturalität, die in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, kurz: in allen Lebensbereichen in hohem Ansehen steht und vergessen läßt (verdrängt), daß, ohne Differenzblick, die gewaltige Opferbilanz  jede kulturelle Identität im Kern auflöst.
 
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Die Kunst der Unterscheidung ist hier von besonderer Bedeutung. Multikulturelle Verhältnisse sind in Elitenbereichen ein Segen. Ob Forschergruppen, Konzertmitglieder oder Sportlergruppen – hier arbeiten Eliten nach strengen Regeln zusammen und beflügeln sich gegenseitig. In einem Orchester musizieren Instrumentalisten verschiedener Herkunft und Weltanschauung, sie verständigen sich auf hohem Niveau und unterwerfen sich der Interpretation des Dirigenten. Der Fehler der multikulturellen Ideologie besteht darin, diese stark regel- und kompetenzgebundenen Sonderbereiche zum allgemeinen gesellschaftlichen Musterfall zu erklären. Da die beiden wichtigsten Voraussetzungen (Regelstrenge und hohe Kompetenz) dafür fehlen, sind historisch sämtliche multikulturelle Gesellschaften auf längere Frist gescheitert. Was in wirtschaftlich guten Zeiten noch funktioniert, artet in schlechten Zeiten in schwere Konflikte aus, Mord, Totschlag und Vertreibung eingeschlossen. Der Befund ist historisch hundertfach belegt und kann in der Gegenwart in Dutzenden Ländern anschaulich besichtigt werden: auf dem Balkan, im Nahen Osten, auch in Frankreich und in zahlreichen afrikanischen Ländern. Die multikulturellen Opferbilanzen in der Geschichte und Gegenwart fallen erschreckend hoch aus. »Alles so schön bunt hier« - ein zynischer Werbespruch angesichts der schlimmen Fakten. Bereits 1993 habe ich in der Publikation ›Kultur- und Kunstökonomie‹, Band II, den Sachverhalt ausführlich beschrieben (Walthari-Verlag, S. 43 ff.).
 
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Trotz der schlimmen Befunde werden Multikulti- und  Ambivalenztoleranz wissenschaftlich zu salvieren versucht. Ein neueres Beispiel dafür liefert ein Islamwissenschaftler an der Universität Münster (Thomas Bauer) mit seinem Reclam-Büchlein ›Die Vereindeutigung der Welt‹ (2018). Untertitel: ›Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt.‹ Der Islam und die katholische Kirche hätten nur überlebt, so Bauer, weil sie auf Ambiquitätstoleranz setzten. In der Moderne und Nachmoderne hingegen sei es zu einem dramatischen Verlust an Vielfalt und Mehrdeutigkeit gekommen, woraus sich die bekannten Krisenphänomene ergäben: in der Politik (geringe Wahlbeteiligung), in der Religion (Gleichgültigkeit), in der Wirtschaft (Vereinheitlichung) usw. Daß diese Grundthese die Realitäten verfehlt, ist schon augenscheinlich an der Waren- und Konsumvielfalt und an der Geschlechterexplosion (nach Genderansicht: über fünfzig Varianten) abzulesen. Noch nie gab es so viele Auto- und Konsumartikelvarianten wie heute,. Daß es dabei auch zur Artenreduktion gekommen ist (bei Tomaten, Kartoffeln – Bauer favorisiert solche Spartenphänomene), kann als Unterphänomen der Vielfaltexplosion bewertet werden. Mit seiner Grundthese stellt Bauer die Realitätsentfaltungen auf den Kopf, weil er Mehrdeutigkeit und Vielfalt kategorial gleichstellt. Alles Reale ist mehrdeutbar, weil Realität und Geist (Deutungsfähigkeit) in einem erkenntnistheoretisch offenen Verhältnis stehen. Das hat aber wenig mit der realen Vielfalt und zugleich Reduktion zu tun, die sich aus mehreren anderen Quellen speisen. Daraus die Vorteilsthese von der Ambiquitätstoleranz zu zimmern ist ontologisch und erst recht kulturpraktisch mehr als kühn. Die dahinter sich verbergende Realitätsverachtung läuft zwangsläufig auf Multikultur alismus hinaus, dessen Verheerungen nicht geringer sind als diejenigen aus vereinfachender Orthodoxie und falsch verstandener Authenzität. Thesenartig zu behaupten, »daß unsere Zeit eine Zeit geringer Ambiguitätstoleranz ist« (30), entspricht dem Weltbild eines Einäugigen. Die Zusammenhänge sind viel zu komplex, als daß man sie auf den Generalnenner der Reduktion bringen könnte. Bauer predigt Ambiquitätsverlust, eine Generalthese, die selber vereinheitlicht und als ungewollt ironische Selbstwiederlegung verstanden werden kann. Was Bauer über den Markt und Musik sagt (38 et passim), ist mehr als nur einseitig und hält der Philosophie des Neuen Realismus nicht stand, den Bauer negiert. Seine Ausführungen werden augenscheinlich schon durch die explosionsartige postmoderne Vielfalt widerlegt, die den Homo sapiens überfordert: im TV- und Radiobetrieb: mehr als tausend Sender, im Supermarkt: Tausende Warenvariationen usw. Dem Gemisch aus unüberschaubar vielen virtuellen Realitäten (im Netz usw.) und realen Vielfältigkeiten (auf den Märkten usw.) ist mit einseitigen Thesen nicht beizukommen. Die Klage über angeblichen Ambiquitätsverlust ist schon ein erkenntnistheoretisch mißlungener und kulturpraktisch ein folgenschwerer Mißgriff. Einen Blinddarm kann man zwar auf verschiedene Weise operieren (Vielfalt), ambivalent ist aber der Operationsbefund nicht.   
 
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Thomas Bauer hebt insbesondere den angeblichen Erhaltungsgewinn bei Religionen durch ambivalente Aussagen hervor. Er verweist auf deren hohen Ambiquitätsgehalt hin, wobei er neben dem Islam als Musterfall auch die katholische Kirche nennt. Religiöse Gründungstexte seien »mit literarischen Texten« vergleichbar, deren Qualität bekanntlich in ihren vielfältigen Auslegungsmöglichkeiten bestehe (35). Der Koran ist in der Tat mit vielen, teils sich widersprechenden Textvarianten überliefert, die nicht »als gleichermaßen gültig zu erklären« seien. »Man wählt… einen Mittelweg« (36), schränkt damit Vielfalt ein, läßt aber viele Lesarten zu, die in ihrer Konkurrenz einander ergänzen, nicht ausschließen sollen (36). Daß daraus sowohl liberale als auch mörderische orthodoxe Auslegungen im Koranangebot enthalten und legitimierbar sind, sollte die Legitimität der Ambiquität unheilbar beschädigen. Die IS-Ideologie ist aus dem Koran ebenso ableitbar wie der Sufismus oder Salafismus. Dagegen hält Bauer das Toleranzgebot, doch Toleranz ist im Koran ein knappes Ideologem. Bauer leitet sogar aus der Koranvielfalt die generelle These ab: »Wenn Ambiquitätstoleranz schwindet, dann verliert Religion ihre Mitte« (37). Uneindeutigkeit als Kernbestand der Religion? Was lebenspraktisch daraus wird, belegen die unendlichen Kriege innerhalb des Islam seit seinem Bestehen und die verheerenden islamischen Terroranschläge in der ganzen Welt. Das Töten von Ungläubigen ist mühelos mit dem Koran zu rechtfertigen. Aus Ambiquität/Ambivalenz kann sich eben Gegensätzliches ergeben. Toleranz als Bollwerk gegen Orthodoxie zu fordern ist angesichts der Verwüstungen ein schwaches Tugendpostulat.
 
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Daß nun ausgerechnet die katholische Kirche für Bauers Ambivalenzideologie herhalten muß, ist eine verwegene Auslegung von der Religionsgeschichte. Im Namen von Päpsten wurden Kriege geführt und ganze Völker (wie in beider Amerika) unterjocht, es gab den Inquisitionsfuror und die schlimmen europäischen Religionskriege im 17. Jahrhundert,  alles Auswüchse einer Orthodoxie, dem Gegenteil von Äquivalenz. Zwar läßt sich die Negativbilanz der katholischen Kirche nicht entfernt mit der ununterbrochenen Kriegsgeschichte des Islam seit seinem Begründer (schon Mohamed führte über achtzig Schlachten, Jesus keine einzige) vergleichen, aber von Ambivalenz als Markenzeichen des Katholizismus zu sprechen wird allein schon durch dessen Katechismus widerlegt, erst recht von der Kirchengeschichte. Ambivalenz zum Kernelement des Katholizismus zu erklären, widerspricht fundamental dessen Geschichte und Lehre. Erst Vaticanum II hat sich zur Religionsfreiheit bekannt, und wiederverheiratete Geschiedene läßt Rom heute noch nicht am gemeinsamen Kommunionsempfang teilnehmen. Die intensiv betriebene Ökumene wäre ohne die Toleranzdefizite gar nicht notwendig. Der tiefste Grund, der gegen die Ambivalenz in der Papstkirche spricht, ist in der Bibel zu suchen und in der Lehramtstradition: der biblische Monotheismus duldete keine schwebende Verhältnisse im Gottesbild (»Du sollst keine anderen Götter neben mir haben«). Die römisch ausgerichtete Kirche hat daher alle Abweichungen stets verdammt. Wenn dennoch in manchen Entscheidungsfällen eine gewisse Unentschiedenheit praktiziert wird, so hat das praktische, keine fundamental theologische Gründe, wie am Beispiel der Anfrage einiger deutscher Bischöfe zum Kommunionsempfang Geschiedener zu ersehen ist. Der Vatikan hat die Anfrage an die Oberhirten zurückgegeben, in anderen Fällen antwortet er gar nicht. Papst Franziskus übt sich häufiger in Ambivalenz, indem er mal dies, mal das Gegenteil anregt. Das entspricht alter jesuitischer Praxis in Missionsgebieten und in Streitfällen, wie die Vergangenheit lehrt, hat aber nichts mit der lehramtlichen Glaubenslehre zu tun. Um in der Mission erfolgreich zu sein, integrierten besonders Jesuiten auch lehrunverträgliche Praktiken des Animismus (in Afrika und Südamerika), des Zen (in Japan) und Konfuzianismus (in China). Was sich ambivalent ausnimmt, ist in Wahrheit Taktik unter Wahrung des einzigen eigenen Wahrheitsanspruchs. Ambiquität als Quelle religiöser Synergie zu sehen widerspricht dem religiösen Kern des Katholizismus.  Der Franziskus-Code ist ein aktuelles Randsignal aus Verzweiflung angesichts der Säkularisierungswelle. Der jetzige, jesuitisch geprägte Papst erhofft sich offenbar durch ambivalente Anstöße (»kreative Lösungen« genannt) ein Überleben in Zeiten der kirchlichen Auszehrungen. Nochmals: Dem steht die monotheistische Ambivalenzablehnung als kirchliches Kernpostulat entgegen. Was in den zeitgeistbeflissenen Medien mit konservativer Fraktion abschätzig abgetan wird, entspricht der lehrauthentischen Tradition, die sich nur lebensweltlich (taktisch) ambivalent, nicht jedoch theologisch ambivalent verhalten kann, wenn sie ihr biblisches Gesicht wahren will. Was im Islam zur koranischen ambivalenten Grundstrategie gehört (anpassen, solange Muslime in der Minderheit sind u.v.a.), beschränkt sich beim Katholizismus (noch) auf wenige Ambivalenzler (nicht zu verwechseln mit den Gleichgültigen), die nun ausgerechnet vom jesuitischen Papst Franziskus ermutigt werden. Der Unterschied macht‘s: Im Islam werden Orthodoxie und Ambivalenz lehrfundamental von Anfang an gemischt; beide erweisen sich als konfliktreich. Die katholische Orthodoxie wurde durch die Aufklärung, wenn auch spät (Vaticanum II), entschärft und damit das daraus sich ergebende Konfliktpotenzial entscheidend reduziert. In dieser Kirche nun Ambivalenz zum Kernelement zu erheben, ermöglichst ein neues Konfliktpotenzial, wie es dem Islam wesenseigen ist.
 
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Die Ambivalenzmode und der Franziskus-Code werden verständlicher, wenn man sie in den größeren Rahmen der postfaktischen Weltanschauungsauffassung einordnet, die seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts die Geistes- und Sozialwissenschaften sowie die Medien, Politik und die Lebensverhältnisse erfaßt haben. Diese Welt-Anschauungen nahmen ihren Ausgang von der French Theory, die in Frankreich von der Posthistoire und vom Poststrukturalismus angetrieben wurden und bis heute fast die gesamte geistige westliche Welt überschwemmt. Ausgangsunkt waren die traumatischen Hinterlassenschaften des französischen Postkolonialismus und der Schreck der sich anbahnenden virtuellen Realität im Netz sowie der ›Methodenfreigabe‹ (Alles geht). Im Zusammenspiel von Postmarxisten, Feministinnen und defätistischen Spätmodernisten entstand ein Klima, für dessen Verwaltung einflußreiche Denker wie J. Derrida, M. Foucault, G. Deleuze u.a. das Vokabular bereitstellten. Ziel war und ist, Fakten und mentale Einstellungen zu dekonstruieren und alles Kulturelle und Gesellschaftliche als bloße Konstrukte zu entlarven. Es wurde ein postfaktisches Zeitalter ausgerufen, in welchem Fundamentalkategorien wie Wahrheit, Grund, Sinn, Identität, Moral usw., die seit der Antike die abendländische Kultur prägten, ausgehebelt werden. Weder soll es einen absoluten Wahrheitsanspruch noch eine feste Geschlechtsidentität geben. Alles sei im Fluß (fluid, hybrid), postfaktisch eben und fast beliebig dekonstruierbar und neu konstruierbar. Der pluralistische Konstruktivismus führte zur doppelten Staatsbürgerschaft (als Massenphänomene‹) ebenso wie zur übertriebenen Inklusion an Schulen, zur Ehe für alle und zu unzähligen weiteren Planierungen. Das politisch linke und grüne Spektrum hat sich diese Weltanschauung seit Jahrzehnten zu eigen gemacht und dominiert mittlerweile den gesamten Medienbetrieb. In den Sozial- und Geisteswissenschaften haben die Cultural Studies die Herrschaft übernommen und den lukrativen staatlichen Förderbetrieb weitgehend in Händen. In der Politik herrschen postfaktische Verhältnisse so sehr, daß sich die meisten Parteien kaum noch unterscheiden und Politiker es sich straflos leisten können, gleichzeitig für und gegen eine Sache zu sein (so Merkel bei der Abstimmung über die Ehe für alle). Changieren statt dicke Bretter bohren (Max Weber) ist gängige Praxis in Parteien, Medien, in der Gesellschaft und sogar in den Wissenschaften (man verfaßt kurze Wirkungstexte, statt sich der Mühe von Monographien zu unterziehen). Rechtswidrige Abweichungen werden geduldete (Plagiate), harte Fakten verunglimpft (vgl. NZZ vom 21.04 2018, S. 22: ›Verbotene Erkenntnis‹). Auf dem Rutschbrett der Ambiquität gedeihen Diversität und Multikulturalismus prächtig, weil Maßstäbe planiert werden (so bei der Inflation der Abiturnoten u.v.a.). Zum Erstaunen der Ambivalenzer trägt dieser ontologische Kehraus allerdings nicht zur allgemeinen Befriedung bei, ganz im Gegenteil. Noch nie in den letzten fünfzig Jahren waren die allgemeinen Verhältnisse so überdreht, aggressiv und verwirrend. Die Zustände in den Kirchen, Parteien, Medien, im Netz und Sport sowie in Institutionen (Asylanträge wurden massenhaft durchgewinkt) und in der Wirtschaft (Dieselaffäre) führen es anschaulich vor Augen.
© Walthari®,  ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 
Man lese dazu die Ambivalenzschelte in der FAZ vom 30. Mai 2018.
Im gleichen Blatt wurde Th. Bauers Ambivalenzlobgesang wohlwollen rezensiert.





31. Dezember 2012
 
Angst als Mittel der Politik
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Angst als Mittel der Politik ist das wirksamste Instrument der Macht-Haber, wirksamer als Haß, Vorurteile u.a. Es handelt sich um eine anthropologische Konstante, die beim Gang der Evolution das Überleben mitsichern half, neben dieser Funktion aber auch verheerende Effekte auslösen konnte und immer noch kann. Irenaus Eibl-Eibesfeld und Christa Sütterlin haben dem Doppelphänomen ein ganzes Buch gewidmet (›Im Banne der Angst. Zur Natur- und Kunstgeschichte menschlicher Abwehrsymbolik‹, München 1992). Die evolutionäre Kollektivgeschichte der Angst hat nach Jahrtausenden genetische Spuren hinterlassen, Dispositionen, die vom Säuglingsalter an aktiviert werden (Verlust der Mutternähe) und vermutlich schon bei der Geburt traumatische Spuren hinterlassen (Verlust der Geborgenheit im Mutterleib). Die individuelle Angstgeschichte macht in der Kindheit weiter Karriere; denn selbst bei einer sog. behüteten Kindheit gehören Angsterlebnisse zum Programm des Heranwachsens. Im Jugend- und Erwachsenenalter kommen neue Ängste hinzu. Besonders zentriert treten sie in der Pubertät und später bei sog. Lebenseinschnitten auf (Arbeitslosigkeit, Scheidung u.a.).

Individuelle Ängste können sich zu kollektiven Trends summieren und zu hochenergetischen Effekten führen. Die Geschichte liefert dafür unzählige Beispiele. Die Skala reicht von Weltuntergangsängsten, die Menschen in den Tod trieben, bis zu Ängsten vor Klimakatastrophen und Geldverlust (Inflationsängste). 
Aus alledem läßt sich ableiten: Der Mensch lebt mit einer ständigen Angstbereitschaft, die genetisch disponiert, lebensgeschichtlich ›ernährt‹ und kollektiv ständig am Leben erhalten wird. 

Dieses Menschenbild hatten und haben gelernte Macht-Haber stets vor Augen: Sie spielen auf der Angstklaviatur wie ein Virtuose auf dem Klavier. Mittelalterliche Theologen hielten die Menschen mit Höllenängsten in Schach; Diktatoren aller Zeiten schürten Ängste, um ihre Macht zu erhalten. Aber auch politische Parteien in Demokratien beherrschen das Angstspiel perfekt. Raffiniert befeuern sie Terrorängste, Altersarmutsängste usw., um über Gesetze und Wahlverhalten Ihre Machtbasis zu sichern. Die Angst vor Seuchen, Waldsterben u.v.m. werden »«zu existenziellen Krisen hochstilisiert…, um genügend Angstpotenzial zu entwickeln, damit sie von den Regierenden zur Lenkung der Massen, Bildung der politischen Meinung und letztlich zum Geldverdienen genutzt werden können« (Schulze, H., in: ›Universitas‹, Heft 9/2011, S. 81). 

Mit dem Angstcode ›9/11‹ hält man die USA permanent auf Panikniveau. In Deutschland übernimmt das Dauerschüren der ›Angst vor rechter Gewalt‹ diese Rolle. Es hilft wenig, daß ein ehemaliger Generalbundesanwalt faktennüchtern dagegenhält (SWR-Interview vom 27. Dez. 2012); den Angstschürern geht es um Wahlverhalten und Quoten (bei den Medien), nicht um die wahre Lage. Raffinierter treiben es Politiker vom Schlage…
© WALTHARI® – Aus: www.walthari.com


5. Januar 2011

Politik frißt das Politische
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer 

Wieder einmal ruft »die deutsche Wirtschaft« nach Zuwanderern, um den Fachkräftemangel beheben zu können.

Der Ruf setzt auf Vergessen oder Volksverdummung. Er will entweder die schlimmen, bis heute anhaltenden Folgen der Zuwanderungswellen ab den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts vergessen machen. Man hatte Hunderttausende ›Gastarbeiter‹ ins Land geholt, um sie, wenn man sie nicht mehr brauchte, ins Sozialsystem auf Kosten des Steuerzahlers abzuschieben. Wenn bis heute rd. 40 Prozent aller Hartz-IV-Empfänger Immigranten sind, ist das eine dieser schlimmen Folgen. 

Oder aber es geht um Volksverdummung: Sie ist darin zu sehen zu unterschlagen, daß der Fachkräftemangel selbstverschuldet ist. Die »deutsche Wirtschaft« gilt als eine der Hauptantreiberinnen des sog. Bologna-Prozesses, welcher der Facharbeiterausbildung (im Dualen System) systematisch und massenhaft Humankapital entzieht, indem immer mehr junge Menschen in die Hochschulen gelockt werden, wohin ein Großteil mangels Studierfähigkeit nicht gehört. Dadurch hat sich die Qualifikationsstruktur der jungen Generation weg von wirtschaftspraktischen Kompetenzen, wie sie in der Betriebslehre vermittelt werden, hin zu akademischem Modulwissen entwickelt, das auch im Bachelorformat nicht berufsanschlüssig ausfällt. Wozu sonst die teuren Einschulkurse für Hochschulabsolventen in der Wirtschaft? 

Was hier ansteht, ist ein klassischer Fall von Verdrängung des Politischen durch verlogene Politik. Das Politische zielt auf die Kategorienebene politischen Zusammenlebens, das auf Universalien ausgerichtet sein muß, wenn es stattfinden soll. Zu den politischen Kategorien gehören Basislegitimation (direktdemokratische Elemente nicht nur als Zierrat), verantwortungsethische Sanktionen (wer entscheidet, muß auch die Folgen tragen) u.a.m. In meiner Veröffentlichung ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹ (2007) habe ich den Sachverhalt erläutert.

Im Unterschied zum Politischen setzt Politik auf Taktik, Halbwahrheiten, Symbolhandeln, Volksverdummung usw. Die demokratische Basis wird weitgehend abgekoppelt, um windige Politikerpolitik und Wirtschaftlerpolitik machen zu können. Nach Carl Schmitt tötet so die Politik das Politische (vgl. Quelle oben, S. 113 ff.). Dieser antidemokratische Prozeß findet gerade in besonders perfider Version beim Thema Fachkräftemangel statt. Horst Seehofer, bayerischer Ministerpräsident, sagt hierzu ausnahmsweise mal treffend: »Wir dulden es nicht, wenn unter dem Deckmantel des Fachkräftemangels billige (d.h. ungelernte) Arbeitskräfte nach Deutschland geholt werden, die dann später in unseren Sozialsystemen landen« (in ›Bild am Sonntag‹ v. 2. Januar 2011). Wirtschaftlicher Eigennutz »der deutschen Wirtschaft« auf Kosten des Gemeinnutzens – ein bekanntes Muster.

Der Fall läßt sich verallgemeinern. Auf allen gesellschaftlichen und sogar kulturellen Feldern findet, anthropologisch bedingt, eine Verdrängung der Kategorienebene durch die Funktionsebene statt. Hauptsache, es funktioniert, will sagen: egoistische Partialziele werden erreicht. Auf dieser Ebene tummeln sich seit je abenteuerliche Gestalten. Wölfe im Schafspelz. Ob Fachkräftemangel, Gerechtigkeitslücke u. ä. – mit solchen Schutzvokabeln betreibt die Funktionselite ihr Geschäft und blendet das Publikum. 

Die WALTHARI-Beiträge in diesem Portal zielen seit 1998 darauf ab, die Funktionsbetreiber in Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, im Sport usw. zu demaskieren. Der Kampf findet zwischen dem Schelling’schen Grund und Abgrund einerseits und den Myriaden von Funktionsprogrammen statt. Ohne lebensphilosophische Verwurzelung ist dieser Kampf…
© WALTHARI®  – Aus: www.walthari.com
 



 
 

Erich Dauenhauer
 

Spannungsfeld 
Familie und Beruf 

Ein Breviar
für Führungskräfte
 
 
 

1999

WALTHARI

 
Aus dem Inhalt
  • Spannungsfeld Familie und Beruf
  • Divergierende Interessen und Anforderungen 

  • von Familie und Beruf
  • Rollenvielfalt, Rollenwahrnehmung, Rollen-»Spiele«
  • Zentrale Engpässe im Konfliktmanagement
  • Partnerkonzepte im Ensemble unterstützender Faktoren
  • Netzkonzepte als Klammer und Hilfsmittel
  • Sinnkonzepte: Bedeutung, Dimensionen, Erfolgsfaktoren
  • Vertrauenskultur: das stabilste Fundament im Spannungsfeld
  • Erwartungen und Visionen
  • Familie und Beruf als besondere Herausforderung des Zeit- und Persönlichkeitsmanagements

  •  

55 Seiten, flexibler Einband
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