Walthari

Besprechungen

 
12. August 2018
 
Wickham, Chris:  Das Mittelalter. Europa von 500 bis 1500.
Aus dem Englischen von Susanne Held,
Verlag Klett-Cotta, Cotta‘sche Buchhandlung, Stuttgart 2018,
506 Seiten, 35,- Euro,  ISBN 978-3-608-96208-6
 
Der Autor wirft einen neuen Blick auf die Epoche zwischen dem Untergang des weströmischen Reiches und der Reformation. Trotz aller berechtigten Einwände gegen diese Periodisierung plädiert er für die Milleniumseinteilung 500 und 1500, weil die historischen Einschnitte dieses Jahrtausends mehr ins Gewicht fallen als andere Zeiteinteilungen. Das begründet er ausführlich in der langen Einleitung (7 – 38), worin er darüber hinaus sein geschichtstheoretisches Konzept darlegt. Dazu gehört auch die geographische Verortung ›Europa‹. Trotz aller Offenheit gegenüber der östlichen Landmasse und der Verflechtung mit dem Vorderen Orient erscheint Europa als kontinentale Halbinsel mit abgrenzenden Gemeinsamkeiten kultureller, politischer usw. Art. Europa ist ein relativ geschlossener Mentalitätsraum, auch wenn die Bezeichnung nicht immer denkleitend war. Entscheidend sind nach Wickham gemeinsame Strukturmuster, so die radikale Dezentralisierung, die Leitfunktion des Christentums, die technische Kreativität, die politische Evolution in Richtung Urbanisierungen, die Aufklärungsbewegung und reformatorische Bewegungen. Trotz ähnlicher Ansätze in anderen Weltgegenden – diese Strukturmerkmale können als Alleinstellungsmerkmale Europas angesehen werden. Auch im Islam gab es Aufklärungsbewegungen, aber bei weitem nicht so durchschlagend wie nach dem Mittelalter des Westens. Ob Universitäten oder Naturforschung, das europäische Mittelalter bereitete dazu den Boden. Diese Epoche kann nach Wickham nicht mehr als »eine lange, dunkle Phase der Willkürherrschaft« betrachtet werden (11). So eingestimmt, kann man in die Großkapitel einsteigen:
  •    Rom und seine Nachfolger
  •    Krise und Wandel im Osten, 500-850/1000
  •    Das karolingische Experiment, 750‒1000
  •    Die Expansion des christlichen Europa, 500‒1100
  •    Die Umformung Europas, 1000‒1150
  •   Der lange Wirtschaftsaufschwung, 950‒1300
  •   Die Zwiespältigkeiten politischen Neuaufbaus, 1150‒1300
  •   1204: Aus Mangel an Alternativen
  •   Definitionen einer Gesellschaft: Gender und Gemeinschaft im spätmittelalterlichen Europa
  •  Geld, Krieg und Tod, 1350‒1500
  •  Politik wird neu gedacht, 1350‒1500.
Professionelle kontinentale Historiker werden andere Akzente setzen und auch Lücken entdecken, die dem englischen Blick mangels kontinentaler Nähe entgehen. Dazu gehört sicherlich die Gründung der Karlsuniversität (1348), deren Folgewirkungen in den deutschsprachigen Gebieten für das Geistesleben  von Wickham unterschätzt wird. Doch der überwiegende Vorzug des Buches besteht in der sprachlichen Zugänglichkeit auch für historische Laien. Wer einmal zu lesen angefangen hat, kommt schwer davon los.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com

 












3. Juli  2018

 
Thaler, R.: Misbehaving. Was uns die Verhaltensökonomik über unsere Entscheidungen verrät. Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt, Siedler Verlag, München 2018, 510 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 28,-  Euro,  ISBN 978-3-8275-0120-2
 
Der Haupttitel verstört (als gäbe es für deutschsprachige Leser keinen eigenen, sprachlich passenden Titel), und der Untertitel erstaunt, wie Thaler seine Verhaltensökonomie anbietet, nämlich in Form einer ausführlichen Lebensreportage von 1970 bis heute.  Der werbliche Hinweis ›Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft 2017‹ tut ein Übriges, um Leser für das Buch zu interessieren. Viele Leser werden enttäuscht sein, denn der Stoff wird nicht systematisch präsentiert, sondern biographisch-narrativ. Daraus werden über fünfhundert Seiten, was man in aufbau-logischer Fassung auf weit weniger Seiten hätte darstellen können. Für ökonomische Laien liest sich das Buch wissenschaftsbiographisch, für wissenschaftliche Ökonomen langatmig und historisch. Beispiel: ›Mein Tag bei GM« (166 ff.). Vergeblich sucht man in dem historischen Requisitentext eine verhaltensökonomische Erkenntnis. Die Überschriften der acht Kapitel lauten:
I.                            Anfänge: 1970 – 1978
II.                         Mentale Buchführung: 1979-1985
III.                      Selbstkontrolle: 1975-1988
IV.                     Meine Zusammenarbeit mit Danny: 2984-1985
V.                        Kontroversen mit anderen Wirtschaftswissenschaftlern: 1986-1994
VI.                     Finanzökonomik: 1983-2003
VII.                  Willkommen in Chicago: 1955- Heute
VIII.               Anwendung in der Praxis: 2004 - Heute .

Allein schon die aufzuwendende Zeit für die Lektüre der mehr als fünfhundert Seiten ist verhaltensökonomisch kaum zu rechtfertigen. Ein Blick in die umfangreiche ›Bibliografie‹ (471-497) macht deutlich, daß eine angelsächsische Orientierung dominiert (99 Prozent in englischer Sprache, meist auch bei den wenigen nichtangelsächsischen Autoren, z.B. Ernst Fehr & Co.). Die US-Dominanz bestätigt sich im Personenregister: Beim bio-bibliographischen Prozesse wurde der Rest der Welt ausgeblendet. Da fragt man sich schon, welche deutschsprachigen Leser das autistische ›Misbehaving‹ ansprechen soll, Leser, die ihren fachlichen und kulturellen Horizont so mißachtet sehen. Thaler zeigt sich gegenüber Vorhersagen zurecht sehr skeptisch (435). Ökonomisches Verhalten läßt sich weder mechanistisch noch erwartungs- oder gewohnheitssicher berechnen. Die Verhaltensökonomik bewegt sich demnach nur historisch auf einigermaßen sicherem Boden, aber auch dann noch vorausgesetzt, sie präpariert wenigstens die wichtigsten Erklärungsfaktoren heraus. Sie lebt in allen Fällen von der Annahme, den unsichersten Kantonisten, den Menschen, im ökonomischen Spiel entscheidungsrelevant zu durchschauen. Wer der  entgegenstehenden Realgeschichte nicht glaubt, sollte in die Literaturgeschichte schauen: Dortige Figuren (als Spielarten der Realität) lassen sich verhaltensökonomisch nur unzureichend deuten.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 





27. Juni 2018
 
Mehring, R.: Martin Heidegger und die »konservative Revolution«
Verlag Karl Alber, Freiburg 2018, 232 Seiten, 32,- Euro,
ISBN  978-3-495-48979-6
 
Die seit Jahren in Gang befindliche Wende von der links-grünen Dominanzideologie zu konservativen Weltanschauungen und der sie begleitenden Praxis spielt sich auf jeweils vier Feldern ab: wissenschaftlich-literarisch (Felder wl1 und wk2), medial (Felder ml3 und mk4), politisch (Felder pl5 und pk6) und gesellschaftlich (Felder gl7 und gk8). Das gesamte Universitätsmilieu z.B. (wl1) ist dominant links-grün geprägt und zeigt sich einer Transformation nach wk2 besonders widerständig, desgleichen der Prozeß von ml3 nach mk4. Die Medien agieren also weitgehend links-grün, ebenso die politischen Parteien, die in Merkel eine verdeckte pk6-Agentin gefunden haben. Die seit Jahrzehnten anhaltende links-grüne Felderdominanz schlägt auch gesellschaftlich durch, wobei die dortige Korrekturbewegung insbesondere durch die Flüchtlingskrise und den hegemonialen EU-Ehrgeiz angetrieben wird. Dieses Ordnungsschema sollte man im Kopf haben, wenn man Mehrings Ausführungen zur ›konservativen Revolution‹ zu lesen beginnt. Seine Analysen beziehen sich auf historische und zeitgeschichtliche Quellen im Feld wk2. Bekanntlich gehen starke Wechselantriebe von den Wissenschaften und der Literatur aus, die in den Jahrzehnten nach 1945 bekanntlich die allgemeine links-grüne Dominanz auf allen acht Feldern befördert und begleitet hat. Seit etwa einem Jahrzehnt verstärkt sich eine Wechselstimmung, wobei die Treibkräfte weniger von den Wissenschaften und der Literatur ausgehen  als vielmehr von handfesten gesellschaftlichen Abwendungen. Das erklärt auch den quälenden Übergang: denn die stimmungsprägenden Wechselkräfte sind wissenschaftlich-literarisch und medial verankert. Die konservative Revolution kann nicht auf eine vergleichbar gebündelte Legitimation zurückgreifen wie im links-grünen Überbau. Genau darüber verschafft Mehring ein aufschlußreiches Bild. Die meisten stabilisierenden Hauptkandidaten im konservativen (= k) Spektrum erscheinen allesamt als unsichere Kantonisten: Hölderlin, Nietzsche, Thomas Mann u.a.  Die weltanschaulich stabilisierenden Haltepunkte bei Heidegger, Carl Schmitt und Ernst Jünger werden eifrig dekonstruiert (antisemitisch oder utopisch). Heidegger bzw. Marquard statt Habermas ist selbst für liberal-konservative Zeitgenossen noch keine philosophische Alternative, ebensowenig literarisch wie diejenige zwischen Jünger und Grass. Mehring trägt dazu bei: »Heidegger repräsentiert einen Irrweg der deutschen Geisteswissenschaften« (13, gemeint ist wohl ein viel weiteres Spektrum). Nur Friedrich Kittler und einige Nebenfiguren sieht er für geeignet, »das neuhumanistische Erbe der Weimarer Klassik« fortzuführen. Doch der esoterische Status dieser Denker (wer kennt sie schon außerhalb von Intellektuellenzirkeln) fällt wirkungsmäßig weit zurück im Vergleich zu den mächtigen links-grünen Milieuwächtern. Nicht alles, was Mehring schreibt, steht auf festen Füßen. Allzu hurtig werden nationale Interessen als rechtspopulistisch und antiuniversalistisch abgestempelt, wo doch Nationen die unüberwindbaren Ankerzentralen sind, wie die miserable EU-Lage aktuell erneut belegt. Was verbietet die Möglichkeit, anstelle der krisengebeutelten, weil utopieangereicherte EU-Konstruktion einen national verankerten Staatenbund zu installieren, der den Brüsseler und gallischen Zentralismus im Zaum hält? Das wäre wohl der optimale politische und gesellschaftliche Rahmen, in welchem auch ein humanistischer Konservatismus einen Platz hätte. Doch die wissenschaftlichen, literarischen und medialen Zustände bieten dafür (noch) wenig Hoffnung.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 





6. Juni 2018
 
Schaeffler, R.: Phänomenologie der Religion.  
Grundzüge ihrer Fragestellungen,

Verlag Karl Alber, Freiburg und München 2017, 214 Seiten, 34,- Euro,
ISBN  978-3-495-48900-0
 
Die Verwiesenheit der Religion auf die Philosophie ergibt sich aus drei Gründen:
  1. Philosophie animiert von außen zur Kritik und intern zur Selbstkritik,
  2. die religiöse Immanenz profitiert von philosophischen Begrifflichkeiten und Methoden und
  3. aus philosophischen Überlegungen können religiöse Postulate abgeleitet werden, ohne daß die Schwelle zur Transzendenz überschritten wird.
Diese Verwiesenheit ist Teil des Programms der Religionsphilosophie. Schaeffler wählte bereits 1983 den phänomenologischen Ansatz, der sich an die Erscheinungsweisen der Religion (Sprache, Kultus usw.) hält und es vermeidet, »den Selbst-Aussagen der Religion ins Wort zu fallen und ihr mit apriorischen Argumenten vorzuschreiben, wie sie über Gott, die Welt und den Menschen zu reden habe«. Auf diese Weise lasse sich »die für die Religion spezifische Korrelation von Noesis und Noema« beschreiben, »die das Thema einer Phänomenologie der Religion ist« (13 f.). Es geht darum, »die Bedingungen religiösen Sprechens und Handelns« und »Fehlgestalten des Religiösen« freizulegen. Schaeffler entfaltet sein religionsphilosopisches Programm in fünf Kapiteln:
  1.  Methoden der Religionsphilosophie
  2. Die religiöse Sprache  ‒ Gestalt, Funktion, Bedeutung
  3.  Der Kultus als Ausdruck religiösen Weltverstehens
  4.  Religiöse Traditionen und Institutionen – Aufgaben und Kriterien ihrer Beurteilung
  5. Die ›Götter der Religionen‹, der ›Gott der Philosophen‹ und der ›Gott der Bibel‹.
Im Abschlußkapitel wird eine »weiterentwickelte Postulatenlehre und ein programmatischer Dialog zwischen Religion und säkularer Vernunft vorgestellt. Daß dieser dichte und stringent aufgebaute Text nicht nur für Theologen und Philosophen von hohem Interesse ist, zeigt sich besonders in den Teilen 2 und 3 des 5. Kapitels, wo Gottesvorstellungen und das Proprium Christianum (die »Fülle«) erörtert werden. »Die Botschaft von der Torheit des Kreuzes« (198 ff.) spricht jeden Christenmenschen an und ist jedem sprachlich halbwegs gebildeten Gläubigen gut zugänglich. Zentral der kurze Schlußtext über das »Heilswirken Gottes und die Freiheit seiner Geschöpfe« (205 f.). »Gottes ›Torheit‹ und ›Ohnmacht‹ (sind) heilschaffend wirksam« (204), insofern sie auch »das Ergebnis einer antwortenden Selbstgestaltung« verstanden werden. »Aus diesem Eigenstand der vernunftbegabten Kreatur geht eine Freiheit her vor, die freilich einem endlichen Wesen zugehört« und die eine »fehlerhafte, fehlerfähige Freiheit ist« (206). Schaefflers Religionsphilosophie wird den drei eingangs genannten Gründen gerecht und läuft am Schluß auf eine Postulatenlehre hinaus. Eine ihrer Aussagen lautet: »Eine Religion, die ›nichts wäre als Religion‹, wäre auch als Religion defizitär« (210).
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



6. Juni 2018
 
Langthaler, R.:  
Kant über den Glauben und die »Selbsterhaltung der Vernunft«.  
Sein Weg von der »Kritik« zur »eigentlichen Metaphysik« - und darüber hinaus
Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2018, 398 Seiten, 36,- Euro,
ISBN  978-3-495-48985-7
 
Das hochgelehrte Buch  des Philosophieprofessors (an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien) beschreibt die ewig offene Wunde, die sich aus der Spannung zwischen Wissen und Glauben ergibt. Schon antike Denker hielten es für einen wachen Geist nicht hinnehmbar, an Götter zu glauben. Diese Zweifels- bzw. Ablehnungslinie setzte sich bis in die Gegenwart fort, so etwa wenn man Anthropologie an die Stelle der Metaphysik setzt (E. tugendhart, 2007) oder wenn man die »Grundlagen des theologischen Denkens« durch die neuzeitlichen Wissenschaften als »unterminiert« sieht (H. Albert, 2017).  Langthaler hält mit Bezug auf Kant akribisch dagegen, obschon der Königsberger Philosoph im »Maßstab der christlichen Dogmatik… kein ›rechtgläubiger Christ‹ war«. Das, was Kant zum Verhältnis von Wissen und Glauben schrieb, hält Langthaler für einen »Meilenstein in der neuzeitlichen Religionsphilosophie«, der nach wie vor höchst aktuell ist. Dazu entfaltet der Autor eine komplexe Beweisstrategie in drei Haupt- und zahlreichen Unterkapiteln, deren Fußnoten- und Verweisdichte dem Leser signalisiert: hier wird ein Denkraum speziell für Philosophen und akademisch tätige Theologe präsentiert.  Der Leserkreis bleibt auch deshalb  beschränkt, weil der Autor keine Zwischenergebnisse und keinen Gesamtüberblick anbietet. Die Unterkapitel sind derart verschachtelt, daß beim Lesen leicht der Faden reißt. Kant entwickelt eine komplexe Metaphysik, um das Vermögen des »Naturwesens« Mensch, der zu naturübersteigenden Freiheit, Moral usw. fähig ist, nicht »in den Schlund des zwecklosen Chaos der Materie« als Endzweck der Schöpfung stürzen zu lassen. Der Mensch dürfe nicht der »stummen Indifferenz des Universums« preisgegeben werden (203 ff.). Das gebiete die »Vernunftnatur« (nicht also die biblische Offenbarung) und entspreche dem »Bedürfnis der fragenden Vernunft« und die  »Aussicht in eine höhere, unveränderlichen Ordnung, in der wir jetzt schon (!) sind«. Er dachte wohl an die Ordnung der Naturgesetze, die den »Machtanspruch  der Vernunft« mit der Forderung rechtfertige: »ich will daß ein Gott sei« (206). Dieser »Vernunftglaube« als ein »reflektierender Glaube« ist natürlich vom christlichen Offenbarungsglauben essentiell verschieden, der den Glauben zwar ebenfalls reflektiert, die Vernunft also im Spiel läßt, aber diese nicht, wie bei Kant, zum religiösen Fundament hat. Die Kreuzestheologie z.B. ist kategorial  verschieden von Kants  »Glauben denken« und von seinem Als-ob-Glauben« aus rationalen und moralischen Gründen, so etwa wenn sich Kants Gott »in der moralisch-praktischen Vernunft und dem kategorischen Imperativ« offenbart (267). Für Kant ist Religion »Erkenntnis (!) unserer Pflichten als göttliche Gebote« (268 f.). Der Philosoph  sieht den ganzen Zweck der Metaphysik »im postulatorischen Ermöglichungsgrund« (R. Langthaler) eines »Endzwecks der Schöpfung« (Kant, 270 f.). Der Autor billigt zurecht der von Kant gedachten »Verankerung der Religion in der Moralität« eine Profilierung des Gottesbegriffs zu, der auch beim Offenbarungsglauben als Wissen über das mit Gott Gemeinten voraussetzt (273 f.). Insofern ist Langthalers Kantschrift nicht nur für Philosophen und Theologen aktuell. Wer immer zu diesem gedankendichten Buch greift, muß gelernt haben, dicke Bretter zu bohren.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



25. April  2018
 
Thanner, V. u.a. (Hrsg.):  Die Wirklichkeit des Realismus,
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2018, 296 Seiten, 49,90 Euro,  ISBN  978-3-7705-6269-8
 
Einen Großteil der neunzehn Beiträge lese ich als Literat und Ökonom mit großer Neugier. Als Literat, der gerade einen neuen Roman in Arbeit und mit den Formen des fiktionalen Realismus ganz praktisch zu tun hat. Als Ökonom, der sich seit Jahrzehnten mit dem Verhältnis zwischen dem ontologischen und dem Modellrealismus auseinander setzen muß. Was bringt die Lektüre dieses Sammelbandes, der aus Sichtweisen verschiedener geisteswissenschaftlicher Sparten (Literatur-, Medien-, Kunst-, Geschichts- und Kulturwissenschaft sowie der Mathematik und Philosophie) geschrieben wurde? Wenn Leser es noch nicht gewußt haben: Jenseits des materiellen Realismus existieren mehrere andere Formen des Realen, so in mathematischen Zahlenwerken (277 ff,.), in Geschichtsrekonstruktionen (27 ff.), in Filmen und Romanen (mehrere Beiträge), in Mikrologien (153 ff.), in Grotesken und Politik (213). Im Kern geht es (1) um das Verhältnis zwischen dem, was als empirische Wirklichkeit erscheint einschließlich seiner gestaltapriorischen Wahrnehmung sowie (2) um die Infragestellung dieses Verhältnisses generell und spezifisch durch Wahrnehmungsstörungen infolge systematischer und gewollter Unschärfen. Im letzten Fall kann der Standpunkt »konstitutive Nicht-Feststellbarkeit des Realen (A. Koschorke) eingenommen werden, woraus sich unendlich viele fiktionale Freiheitsgrade ergeben, Damit öffnet sich das Exerzierfeld des Konstruktivismus, der sich hier nicht auf die Quantenpragmatik beruft (dort herrschen unendliche Freiheitsgrade zwischen Wahrscheinlichkeiten und Ontologie), sondern auf die ästhetische Phantasie oder auf regelgebundene Entwürfe (wie in der Mathematik oder bei Superrechnern). Weil man dabei leicht die Schwere der gewordenen Realien aus dem Auge verliert (G. Böhme), hat sich zum Widerpart der Neue Realismus installiert (Markus Gabriel), auf den der kluge Beitrag von Joseph Vogl leider nicht eingeht (269 ff.). Dieser Autor macht spekulativ deutlich, wohin es führt, wenn sozial- und naturwissenschaftliche Perspektiven geisteswissenschaftlich übergangen werden.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



8. April 2018

 
Bauer, M. (Redaktion): Mittelweg 36, Heft 4-5 (Oktober 2017).
Schwerpunktthema: Antiakademismus, mit mehreren Abbildungen,

Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, 189 Seiten,
18,- Euro, ISSN 978-3-86854-743-0
 
Nach dem Vorwort von Hanna Engelmeier und Philipp Felsch sind die zehn Beiträge »weder (als) Antiintellektualismus noch (als) aggressive Bildungsferne« zu lesen, sondern als »wissenschaftliche Projekte, intellektuelle Ambitionen und Profile, die ihre Profile über die Negation der real existierenden Universitäten gewonnen haben« (5). Die These lautet: Wissensproduktion und Widerstand gehören dialektisch zusammen. Daraus dürfe nicht allein Negation abgeleitet werden, sondern auch Reformbewegungen (7). Unter den vier Begründungstypen wäre die Selbstzerstörungswille mangels Widerstand gegen die Bildungspolitik (s. Bologna-Reform) hinzuzufügen. Antiakademische Muster hätten Familienähnlichkeit und Stilwille, Subjektivität und politische sowie existenzielle Dringlichkeit zu Merkmalen, »die sich in der Distanz zum Akademischen« manifestieren (10). Nicht erst den 68er Protestlern seien die Lehrenden als geborene Antiakademiker vorgekommen, deren »intellektuellen Fähigkeiten… sie bestenfalls zu mittelmäßigen wissenschaftlichen Leistungen« befähigt hätten. Engelmeier und Flesch hegen mit »von uns gewählt(en) Optik« die Hoffnung, »die Entstehung neuer Wissensformen zu erfassen« (11), wobei »Negation… als treibende Kraft« ist (11): Da wird nicht nur weit ausgeholt, sondern auch in absolute (also reine) Anfänge abgehoben (»Grundsätzliche Frage«, Krise der Legitimität von Gerichten usw.). Zum Schluß fragen sich die beiden Autoren allerdings, ob Antiakademismus nicht ein allzu »wohlfeile Position darstellt« (13). Es ist ihnen »schmerzlich bewußt…, wie fragil Institutionen sind, von deren Erhalt unsere Lebensbedingungen … abhängen.« Als ein seit bald fünfzig Jahren lehr- und forschungsaktiver Universitätslehrer wundere ich mich immer wieder über überschießende Sehnsüchte und Generalisierungen. Widerstand war und ist gewiß meine zweite Natur auch an der Universität (vgl. die Schrift ›Mein sonderbares Leben‹, Walthari-Verlag, 2018), doch das Revolutionäre sollte kein ideologisches Gewand tragen, wenn es nicht zur (auch fundamentalistischen und gewaltbereiten) Auskehr kommen soll (wie bei der Bologna-Reform und den Achtundsechzigern). Unter diesem Motto lese ich die weiteren Beiträge in diesem Sammelband. Dabei geht es u.a. um Streithähne, Junghegelianer und Pseudowissenschaftler. Eva Geulen liefert eine kräftige Gegenstimme. Ich habe die ersten Jahre nach 1968 als Professor noch erlebt, und wundere mich über manche Aussagen im Interview mit W. Kraushans.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com




18. März 2018
 
Körtner, U. H. J.: Für die Vernunft.
Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche,
Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017, 172 Seiten, 15,- Euro,
ISBN  978-3-374-04998-1
 
Als Bundeskanzlerin Merkel im Herbst 2015 angesichts der illegalen Masseneinwanderung nach Deutschland die hochemotionale Willkommenskultur ausrief, hielt ihr der damalige Bundespräsident Gauck keineswegs schlimmen Rechtsbruch vor, sondern sprach von einem Akt der Menschlichkeit. Moral also vor Recht. Als der Flughafen Hahn aufgrund der Regierungsnaivität in Mainz in eine Investorfalle aus China geriet, zeigt sich die SPD-Ministerpräsidentin Dreyer zutiefst betroffen, statt die Verantwortung zu übernehmen. Gefühl statt Vernunft, gespielte Moral statt Recht. Solche raffinierten Ablenkungsmuster findet man täglich in der Politik und in kirchlichen Kreisen. Der Theologe Körtner (Wien) entfaltet die Problematik systematisch und anhand aktueller Beispiele. Er hält es gegen Küng für »eine trügerische Hoffnung«, die »divergierenden Ethiken in ein universales Weltethos« aufheben zu können (29). Moral, Gefühle und Emotionen müssen vor dem Tribunal der Vernunft bestehen, ein Test, den Merkel, Gauck & Co. bei der Flüchtlingskrise 2015 nicht bestanden haben. Körtner zitiert Jüngels provokanten Satz: »Werteethik und christlicher Ethos sind einander feind« (34). Er warnt vor der »Gefahr einer Tyrannei der Werte«. Jedes »Wertedenken (sei) seiner Tendenz nach eminent aggressiv« (35). Mit Luhmann gesprochen: »Aufgabe der Ethik als kritische Theorie der Moral ist es, ›vor Moral zu warnen›.« (37).
Das Taschenbuch sollten Politiker, Unternehmer und Kirchenleute ständig in der Jackentasche bereithalten, auch wenn Körtner strenge Begriffsdifferenzierungen vornimmt und zum Konstruktivismus neigt (34, 55 et passim).  , weshalb es gleichgültig sei, ob eine Demokratie «homogen oder pluralistisch, mono- oder multikulturell entworfen« sei (55). In diese Falle ist Böckenförde mit seinem berühmten Zitat nicht geraten, wenn er als Prämisse »von innen her… (eine) Homogenität der Gesellschaft« voraussetzt. Der Neue Realismus (vgl. Markus Gabriel) erinnert an die verlorene ontologische Basis, die man bei Körtner auch dort vermißt, wo er auf den Islam eingeht (u.a. 62). Den Kirchenleuten wird es schwer aufstoßen zu erfahren, daß jede Hypermoral zur Reduktion und Funktionalisierung der essentiellen (!) christlichen Botschaft führt.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
   



18. März 2018
 
Tegmark, M.: Leben 3.0 
Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz.
Aus dem Amerikanischen von Hubert Mania
Ullstein Verlag, Berlin 2017, 3. Auflage, 528 Seiten,
Hardcover, gebunden, 26,- Euro, ISBN 978-3-550-08145-3
   
Der Autor ist Professor für Physik am MIT und wird, blickt man auf das Echo nach der 1. Und 2. Auflage, als exzellenter Kenner der Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz (KI) gepriesen. Das Buch besteht aus acht Kapiteln und einem je ausführlichen Vor- und Nachwort. Es ist auch für KI-Laien geschrieben, was allein schon daran erkennbar ist, daß nach jedem Kapitel ein Fazit gezogen wird. Tegmark geht in mehrfacher Hinsicht ins Grundsätzliche und äußert sich über künftige Zustände einer überschießenden KI (infolge selbstlernender Systeme), über einen möglichen Kollaps und über die egalitäre Utopie, in der eine Superintelligenz ein friedliches Nebeneinander von kybernetischen Organismen und Menschen beschrieben wird. Zentral geht es um die Formen des Bewußtseins, das sich beim Menschen auf biologischer Basis entwickelt hat und das nun mit Hilfe des Menschen auf materielle Systeme übertragen werden kann, die den Homo cupidus zu versklaven drohen. Anthropologisch drängt sich die Frage auf, wie sich das traditionelle Menschenbild (der Mensch als ›technisches‹ Mängelwesen) und kybernetischer Systemüberlegenheit (Superrechner erweisen sich dem Menschen ›technisch‹ weit überlegen) einpendelt. Die nicht-technischen Qualitäten (Gewissen, Moral, Gefühle usw.) des Althomo (vgl. die Figur in meinem Roman ›Stimmen im Labyrinth‹, Walthari-Verlag, Münchweiler 2010) kommen unter die Räder der Technoveros (KI-Spezies). Tegmark geht viele denkbare Folgen und Utopien durch und bespricht sie kritisch, freilich nicht unter dem Aspekt der Religions- und Kulturphilosophie, die doch zu dem überschäumenden KI-Szenario vieles zu sagen haben. Das Defizit zeigt sich eindrucksvoll an Aussagen über die Religion und die Freiheit. Der Autor denkt sich Szenen mit einer »Schutzgott-KI« aus (265 ff.), die doch recht oberflächlich ausfallen (etwa beim Theodizee-Problem), weil der ganze spirituelle und mythologische Tiefenraum unberücksichtigt bleibt. Bei der KI-Dynamik ist es wahrscheinlich, daß die technisch nur unvollkommen faßbaren Gebiete (vgl. 400 ff.) links liegenbleiben, da die halbgebildete Menschheit der Faszination des Techno-Zaubers noch mehr unterliegt als heute. Das wird sich rächen. Tegmark sollte man lesen, um nicht allzu überrascht zu sein.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



18. März 2018  

Mayer-Schönberger, V. und Thomas Ramge: Das Digital.  
Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus,  
Econ Verlag, Berlin 2017, 3. Auflage, 304 Seiten, Hardcover, gebunden,  25,- Euro,
 ISBN 978-3-430-20233-6

 
Nach der bekannten angelsächsischen Erzählart wird der Leser mit Beispielen in die Materie der zehn Kapitel eingeführt. Die Kapitelüberschriften lauten und sagen schon damit einiges über die Reichweite aus: 
  1. Datenkapitalismus
  2. Koordination
  3. Märkte
  4. Datenreichtum
  5. Unternehmen
  6. Automatisierung
  7. Geld
  8. Feedback
  9. Arbeit
  10. Freiheit.  
Mayer-Schönberger hat in Oxford einen Lehrstuhl für Internet Governance inne, der Journalist Ramge schreibt u.a. für den Economist. Das Leitbeispiel in Kapitel 4 veranschaulicht den Stil und die neue Marktidee. Berichtet wird über die Leistungen der Künstlichen Intelligenz in Gestalt eines Rechners namens Libratus. Der Supercomputer zeigt sich beim raffinierten Pokerspiel seinen menschlichen Partnern überlegen. »Seit 1996 haben Menschen keine Chance mehr gegen Schachcomputer« (74). Aus den selbstgelernten strategischen Eigenschaften ziehen die Verfasser Konsequenzen für das Marktgeschehen (77 ff.). Traditionelle Märkte leiden unter Informationsdefiziten und orientieren sich zu sehr am Preis. Dem können elektronische Datenverarbeitungen abhelfen, indem sie Profile erstellen über Begleitfaktoren, die in die Entscheidungen  eingehen. Beim Hemdenkauf: »Größe, Stoff, Farbe, Paßform, Ärmellänge, Kragenform und Marke« (80). Der Online-Händler bestückt seine Produkte mit diesen Zusatzdaten, und Käufer können ihr Wunschpaket ins Netz setzen und nach Deckungsgleichheit suchen. Entscheidend ist die Kategorisierbarkeit der Produkteigenschaften. Bei Büchern, Sportartikeln, Haushaltsgeräten u.a. sind solche Muster einfach, bei Wohnungseinrichtungen, Partnerwünschen u.ä. dagegen nicht. Nicht der Datenreichtum erschweren die Bildung des Algorithmus, sondern offene Präferenzen. »Amazon sucht in Daten nach Mustern, die unsere Vorliebe verraten«, wir müssen gar nicht erst befragt werden (89). Gewiß mögen auch Datenmuster gut ermittelbar sein, sie erfassen doch nur unvollkommen die Denk- und Gefühlsmuster, die permanent wechseln. Mit den technischen Zugriffen gehen die kulturell so wichtigen Ambivalenzen und Existenzialen verloren. Dazu lese man das Kapitel ›Freiheit‹. Bildung z.B. ist mehr als Lernoptimierung.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com