Walthari

Besprechungen

 
11. Oktober  2017
 
Max Himmelheber-Stiftung (Hrsg.):
Scheidewege, Jahresschrift für skeptisches Denken,
Jahrgang 2017/2018, Heft 47,
Redaktion: M. Hauskeller und W. Sauer
S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2017, 407 Seiten, 37,90 Euro 
 
Mit Band 47 des ›Scheidewege‹ ist die erwartete Herbst- und Winterlektüre 2017/18 eingetroffen. Kenner der Buchreihe werden sich wie üblich in das Kabinett des skeptischen Denkens zurückziehen, um den externen Bühnen- und Medienlärm hinter sich zu lassen. Nicht weniger als siebenundzwanzig Gesprächspartner halten sich bereit, um mit ihnen das skeptische Denken aus allerlei Anlässen und Ansprüchen zu üben. Unter Generalsverdacht stehen blinde Fortschrittseuphorie und eine Technik-, Wirtschafts- und Politikgläubigkeit, die den Blick auf die Folgewirkungen und das Grenzen scheut. Das läuft auf eine philosophische und anthropologische Selbstvergewisserung hinaus. In diesen Prüfungsrahmen lassen sich auch diesmal alle Beiträge einordnen. Michael Hauskeller stimmt mit dem Beitrag ›Menschen-Bilder‹ die Lektüre ein, worin er sich auf Walter Benjamin und Roland Barthes beruft, um das Zenhafte von Photographien (›Menschen-Bilder‹) zu beschreiben. Beim Betrachten solcher (auch fremder) Bilder kann die Zeit stillstehen. In den vier folgenden Beiträgen geht es ganz und gar nicht beschaulich zu. Im Mittelpunkt stehen Migration, Europa und der Islam, lauter heiße Stoffe, die nicht wenige Leser herausfordert. ›Scheidewege-Leser sind allerdings darin geübt, dem gängigen politischen, gesellschaftlichen usw. Postulat der Einebnung zu widerstehen und statt dessen auf Differenz und Widerspruch zu setzen. Genau darin ist ja eine Signatur der Skepsis zu sehen. Burkhard Liebsch überdreht die Gastlichkeit so sehr, daß er sie nur als Überforderung gelten läßt (29) und spricht von einem »armseligen nationalen Selbst«, wenn es auf Grenzen setzt (31). Dagegen kann man mit einem bekannten Philosophen einwenden, daß es aus hypermoralischen Gründen kein Recht auf nationale Selbstpreisgabe gibt. Die Vorstellungen Harald Seuberts über Europa gipfeln in der Anregung, »Israel in vertieftem Sinn an die Europäische Union« heranzuziehen (42). Das hieße wohl, den kriegsgeplagten Nahen Osten indirekt in die EU zu importieren. Im skeptischen Kontrast zu den beiden Utopie-Überschüssen, die noch aus der Tradition der überschwenglichen French theory und der Kulturwissenschaften notiert sind (vgl. den Neuen Realismus von M. Gabriel), erinnert Mayer-Tasch an die »unübersehbare Faktizität« (54) der historischen Migrations- und Integrationserfahrungen, die wegen ihrer Grausamkeiten und unsäglichen Kulturvernichtungen keineswegs als Vorbilder gelten können. Doch auch Mayer-Tasch, der neben dem Nibelungenlied (50) das mehr als 400 Jahre früher und als Vorlage dienende Walthari-Epos hätte erwähnen können, unterliegt noch der utopischen Versuchung, wenn er als Fazit »weite Verhaltensräume« eröffnet sieht. Im Rausch von Migrationsüberwältigungen regieren Zwänge, historisch hundertfach und auch aktuelle belegt ist. Wohltuend kritisch der Beitrag über die ›Wertschätzung der Arbeit im Islam‹ von H.-G. Deggau. »Die Bekundung, Muslim zu sein, darf nicht als abstraktes (besser: privates) Bekenntnis mißverstanden werden« (61). Daran hängt alles, sogar die sog. islamischen Wissenschaften, die behaupten, daß alle wissenschaftlichen Erkenntnisse »bereits vor 1400 Jahren antizipiert wurden« (Quelle: Oxford-Lexikon)., Auch am Beispiel Arbeit wird deutlich, »daß der Abstand der westlichen Welt von der Arbeit der islamischen Welt gewaltig ist« (73). So geht es weiter auf der Themenliste im skeptischen Kabinett: Ethik und Ekel, Leib und Körper, Stadt und Tierhaltung, Kitsch und Radikalisierung u.v.a.m. Ewig aktuell das Thema des Schlußbeitrags von A. Woyke über Rechthaberei im Leben und in der Politik. Er zitiert B. Russel, nach dem wir uns »über intelligenten Widerspruch (mehr freuen sollten) als über passive Zustimmung«.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 









2. Oktober 2017

 
 Hartlaub, F.: Don Juan d’Austria und die Schlacht bei Lepanto,
hrsg. von Wolfram Pyta und  Wolfgang, M. Schwiedrzik,

Edition Mnemosyne, Neckargemünd & Wien 2017, 291 Seiten,
24, Euro, ISBN 978-3-934012-30-1

 
Der 7. Oktober 1571 war einer der Tage, an dem sich das Schicksal des christlichen Europas entschied. Eine vereinigte Flotte katholischer Mächte (Spanien, italienische Städte, der Vatikan) stand einer übermächtigen Kriegsflotte des Osmanischen Reiches gegenüber, die als unschlagbar galt. Das listige Frankreich und das ebenfalls katholische Portugal sowie die protestantischen Mächte (vor allem England) beteiligten sich mit ihrem Politschacher nicht. Philipp II. und Papst Pius V. vertrauten das Kommando der Liga dem gerade 24 (vierundzwanzig) Jahre alten Don Juan d’Austria an – ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen. Der militärstrategische Geniestreich hätte heute noch anstelle der vielen Trauertage einen dankbaren Gedenktag verdient, denn bei verlorener Schlacht hätte sich das Osmanische Reich bald über zwei Drittel Europas ausgedehnt. Man muß schon den Ort des Geschehens besucht haben (wie der Rezensent), um tief genug zu begreifen, was damals auf dem Spiel stand. Die Dissertation Felix Hartlaubs, die er  1939 abschloß, beschreibt die dramatischen Vorbereitungen und den noch dramatischeren Schlachtablauf. Die beiden Herausgeber ordnen Hartlaubs militärhistorische Schrift ausführlich und gehen auch auf sein Lebenswerk ein, das sich insoern ebenfalls spannungsreich liest, als Hartlaub mit Tarnkappe im innersten NS-Zirkel tätig war und sein literarisches Werk unvollendet blieb. Mitherausgeber Schwiedrzik verweist auf strukturelle Ähnlichkeiten des islamischen  Imperialismus von  damals und heute (ab 33 ff.) und ist zurecht erstaunt darüber, daß der damals mitkämpfende Cervantes Lepanto nicht als literarische Vorlage gewählt hat (38). Man kann über noch viel mehr erstaunt sein, wenn man das Buch liest, darunter die Blindheiten und Vergeßlichkeiten damals wie heute. Merkels Tapsigkeit und Erdogans Dreistigkeit – ein Don Juan d’Austria ist noch nicht in Sicht.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 
 


29. August  2017

 
Bollnow, O. Fr.: Schriften Bd. IX,
Sprache und Erziehung. Das Verhältnis zur Zeit. Vom Geist des Übens,
 hrsg. von Ursula Boelhauve u.a., Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2017,
375 Seiten, 39,80 Euro,
, ISBN 978-3-8260-4266-9

Welch eine Weite des Gedankens und der Humanität! Schon das Inhaltsverzeichnis (über acht Seiten) sendet Botschaften wie aus einer versunkenen Welt im Vergleich zu den heutigen Zuständen. Das gilt sowohl für das Hauptkapitel ›Sprache und Erziehung‹ als auch den ›Beitrag zur pädagogischen Anthropologie‹, vor allem aber für die Ausführungen im dritten Hauptkapitel ›Vom Geist des Übens‹. Da preist der große Philosoph und Pädagoge doch tatsächlich die Methode und Mühe des Übens, erinnert an die seelische Verfassung beim Üben, und lobt die innere Freiheit und die Gelassenheit nach dem Schritt vom Üben zum Können – lauter Gedanken und Forderungen, die der Theorie und Praxis der heutigen Pädagogik weitgehend fremd sind. Üben, um sprachliche Sicherheit zu gewinnen? Wie es darum steht, belegt meine Erfahrung, wonach ein Großteil der Studierenden ihre Muttersprache nicht beherrscht (vgl. ›Literatur in Digitalistan‹, Heft 65 der von mir herausgegebenen Literaturzeitschrift ›Walthari‹). Üben in multikulturellen Klassen? Üben ist notwendiger Teil der pädagogischen Anthropologie, doch das Menschenbild und die Ziele Bollnow haben mit der politisch herbeigeschlamperten Wirklichkeit nur noch wenig zu tun. Man hat ja außerdem sein elektronisches Rechtschreibprogramm und die sonstigen digitalen Helfer, um sich nicht anstrengen zu müssen. In dem Kosmos der gebildeten Humanität, den Bollnow in diesem Band IX beschreibt, bewegen sich weder die Universitäten (Bologna-Reform) noch die Schulen (endlose Reformen) noch die Bildungspolitiker. Wie auch, wenn der Bildungskanon durch multikulturelle Verwehungen verblaßt ist. Bildungsgesättigte »Forderung des Menschen durch die Sprache« in Twitter-Zeiten? Noch weiter entfernt von der Realität und den Zielen sind wohl die Ausführungen über die Zeit. Dafür hat z. B. die häufige Abschaffung der Geschichtsinstitute an Universitäten gesorgt, so daß sich das Kapitel über die Vergangenheit (201 ff.) wie ein fernes Seminarpapier liest. In Zeiten der aus dem Bildungsruder gelaufenen Gegenwart nehmen sich die großartigen ›Gemälde‹ Bollnows wie Anklagen aus. Vermutlich nicht in einem einzigen der Studienseminare werden die angehenden Lehrer durch diese ›Gemäldesammlung‹ geführt. Kein Ehrgeiz bei Fachleitern, aber wohl auch nicht in der Lehrerfortbildung und an Universitäten. Zu anstrengend, was Bollnow vorschlägt, und nicht umsetzbar, wird es angesichts des Durchlaufdrucks heißen. Bei Bollnow muß man in der Tat verweilen können.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com




29. August  2017
   
Buchholz, R.:  Falsche Wiederkehr der Religion
Zur Konjunktur des Fundamentalismus
Echter, Verlag, Würzburg 2017, 296 Seiten, 20,50 Euro
ISBN 978-3-429-04354-4
 
Wache Zeitgenossen, die das Spektakel der falschen Aufklärung und der neomythischen ›Vernunft‹ hinter sich gelassen haben, empfehle ich, mit dem letzten Unterkapitel zu beginnen: ›Kein Opium bitte‹. Der nüchterne Bundespartner Gottes‹. Der kurze Text (237-256) führt nämlich in die zentrale Problematik, an der die esoterisch vielfältige Wiederkehr der Religion scheitert. Auf der monotheistischen Teststrecke, in die letztlich alle Selbst- und Gottesbilder einmünden (schon weil das Selbst an Person gefesselt ist), findet der eigentliche Wettstreit unter Menschen sowie zwischen ihnen und ihren Gottesvorstellungen und -erfahrungen statt. Mit Vorstellung ist das konstruktivistische Gefecht, mit Erfahrung das substanzielle, gemeint die Doppelnatur der Existenz im philosophischen Sinne. Buchholz versucht nun, mit Berufung auf zahlreiche Mitstreiter aus der Bibel und den Wissenschaften, den Wettstreit zu versachlichen, indem er eine evolutionäre Strategie, die das Überleben sichert, ins Spiel bringt: das Bündnishandeln. In der Bibel ist es der alles tragende Gedanke, ein gegenseitig verbindendes und verbindliches Verhältnis zwischen Gott und seinen Geschöpfen. Im Kontrakt sollen die Freiheit und Gleichheit der Vertragspartner vorausgesetzt werden (241), um überhaupt zu ermöglichen, daß der Mensch mit Gott in den Handel treten kann (242; 251). Die Heiligkeit Gottes darf dabei den Menschen nicht überwältigen. Was daraus und aus den folgenden Ausführungen folgt, irritiert manche Leser nicht nur theologisch (die Offenbarung sei nicht als unmittelbare Mitteilung Gottes zu verstehen, 245), sondern auch logisch (das Absolute Gottes als irdisches Gegenüber angesichts der Eigenmacht des Menschen, 246; nicht Glaube, sondern Gerechtigkeit »steht im Zentrum«, 250; Gott als Schuldner, 251 usw.). Die vertragskühle Levinas gegen die Theologie Meister Eckharts, der sich weniger logisch verstrickt. Mit der »monotheistischen Aufklärung« kommt viel Debattenstoff auf den Tisch, ebenso damit, was Buchholz in den fünf Vorkapiteln referiert, darunter seine postdemokratische These (127 ff.). Buchholz Marktschelte liegt dabei im fundamentalistischen Trend.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



15. August  2017

 
Schrenk, M. (Hrsg.):  Handbuch Metaphysik
Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2017, 449 Seiten, Hardcover,
79,95 Euro, ISBN 978-3-476-02512-8
 
Im Vorwort nimmt der Herausgeber zögernde Leser gleich zur Hand: »Ziel des Handbuches ist es, Fachkolleginnen und -kollegen ebenso wie den Angehörigen anderer Disziplinen ein Referenzwerk an die Hand zu geben, das es möglich macht,  sich rasch fundierte Kenntnisse zu Einzelaspekten der Metaphysik anzueignen. In gleichem Maße soll es Studierenden in Master- und Promotionsstudiengängen  von Nutzen sein, die sich mit metaphysischen Fragen konfrontiert sehen und philosophische Grundkenntnisse mitbringenDas Handbuch wendet sich also nicht nur an Berufsphilosophen, es stellt sich als Referenzwerk für Fachwissenschaftler und sogar für Studierende vor. Dazu bietet der Herausgeber eine Armada von Universitätslehrern der Philosophie auf: 65 Mitautoren meist aus dem deutschsprachigen Raum. Der Fokus liegt auf der westlichen und zeitgenössischen Philosophie, was nicht heißt, daß die Geschichte der Metaphysik ganz ausgeblendet wird, vielmehr ist ihr im 2. Kapitel eine systematische Betrachtung gewidmet (12-84), und in den Folgekapiteln fließt sie unvermeidlich mit ein, so Thomas von Aquin im 28. Kapitel unter ›Götter‹- Da ein Stichwortverzeichnis leider fehlt, muß der Leser, weil er ja das Handbuch nicht linear liest, sondern anlaßbedingt, selber Querverbindungen suchen und kann dann lediglich auf das Inhalts- und Personenverzeichnis zurückgreifen. Für philosophische Begriffe muß er auf Lexika zurückgreifen, ebenso für Philosophie-Entwürfe einzelner Denker, die ihm das Studium von Originalwerken erleichtern. Was das Handbuch speziell bietet, sind Übersichtartikel, die man in den vorgenannten Werken nur ansatzweise findet. Dafür verschafft die Gliederung mit ihren 62 Kapiteln ein eindrucksvolles Bild. Neben der Geschichte stehen folgende Hauptkapitel:
-  Was gibt es?
-  Was heißt es zu sein?
-  Wie hängt alles zusammen und wo ist es verortet?
-  Philosophische Logik und Semantik
-  Methoden und Kritik der Metaphysik .

Das Besondere des Handbuchs erbringt ein einfacher Vergleich. Das ›Lexikon Philosophie‹, ebenfalls im Metzler-Verlag erschienen, erläutert den Begriff Kategorie auf einer halben Spalte (dort S. 287). Boris Hennig beschreibt den Begriff auf dreieinhalb Seiten unter den Überschriften
(1)   Kategorien als Dimensionen sprachlicher Bestimmtheit,
(2)   Kategorien als gegenstandskonstitutive Begriffe und
(3)   Kategorien als Klassen dessen, was es gibt (86 ff.).
Bei Relationen (eine Kategorie schon bei Aristoteles) hätte man sich gewünscht, daß Philipp Blum auf die Quantentheorie und auf die Philosophie von Kitarô Nishida eingeht, wo jeweils die Beziehungsstrukturen und Überlagerungen eine zentrale Rolle spielen und metaphysische Fragen aufwerfen (vgl. Groh, M.: ›Realität als Relation‹, 2015). Die Lesespur führt über den Hinweis auf den Strukturrealismus zum Eintrag über Realismus/Anti-Realismus (von Markus Seidel). Der anspruchsvolle Text liefert ein Muster für philosophische Abwägungen und endet mit einer Kurzbeschreibung des aktuellen Strukturenrealismus (242). Empirisches Arbeiten kommt an dieser Analyse nicht vorbei, sie geht jedoch mit keinem Wort auf metaphysische Aspekte ein und übergeht die heftige Diskussion um den Neuen Realismus (vgl. M. Gabriel). Referiert wird über Eigenschaften (86 ff.), Identität (224 ff.),  Zeit und Raum (244 ff.), Naturgesetze (299 ff.,), Wahrheit (338 ff.) und zahlreiche andere Leitbegriffe. Literaten werden den Sprachbetrachtungen (359 ff.,) nicht viel abgewinnen können. Es geht abstrakt-logisch zu, wo doch die Sprache mehr ist als Form
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 


  
22. Juni 2017

 
Horst, U.: Thomas von Aquin. Predigtbruder und Professor,
Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017, 338 Seiten, 69,- Euro,
ISBN 978-3-506-78679-1
 
Während der Aquinate im kirchlichen Leben (vgl. die Gesangbücher) und in der Theologie seit mehr als siebenhundert Jahren eine Dauerpräsenz beansprucht, scheint seine Wahrnehmung in der Philosophie und in den Wissenschaften Konjunkturen zu unterliegen. Derzeit wird in philosophischen Zeitschriften und in Feuilletons auf Thomas (1224/25 – 7. März 1274) erstaunlich oft Bezug genommen, selbst Literaten zitieren selbstkritisch den Satz kurz vor seinem Tod: »…alles, was ich geschrieben habe, scheint mir wie Stroh zu sein«. Und er hat wahrlich viel geschrieben, an seiner ›Summa theologicae‹ bis fast zum letzten Atemzug. Die Wirkungsgeschichte widerlegt seine Skepsis, Thomas ist wohl der herausragendste Philosoph und Theologe im Mittelalter, vergleichbar nur mit Augustinus am Ausgang der Antike. Noch bevor die aktuelle Thomas-Konjunktur einsetzte, hatte ich die Bände der ›Summa theologicae‹ gekauft und hielt Ausschau nach hilfreichen Kommentaren, ohne die der Aufbruch im 13. Jahrhundert nicht zu verstehen ist. Da kommt das Thomas-Buch des Dominikaners Ulrich Horst (Blieskastel) gerade recht. Der Spezialist für mittelalterliche Philosophie und Theologie leitete an der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) in München  ein Institut mit gleichem Schwerpunkt und  ist Verfasser zahlreicher Texte zur Thomasforschung. Der vorliegende Band enthält vierzehn Texte von Erstveröffentlichungen aus der Zeit von 1974 bis 2010, ein Beitrag wird hier erstmals veröffentlicht, ein anderer ist in englischer Sprache gehalten. Das Themenspektrum ist anlaßspezifisch weit, manche Texte werden nur Theologen, Philosophen und Historiker interessieren, doch einige Aufsätze sprechen auch den gebildeten Laien an, sofern er die Rolle der Kirche und Theologie für die Ideengeschichte Europas erkennt und des Lateinischen einigermaßen mächtig ist. Horst übersetzt nämlich die häufigen in Latein gehaltenen Fußnoten nicht und listet im Anhang auch nicht Publikationsorgane auf, mit deren Abkürzungen gebildete Laien wenig anfangen können. Ein Sammelband also doch nur für Spezialisten? Nein, wenn man tiefer bohren will und einen Lese-Einstieg über Persona wählt:
1.  Was hat Thomas von Aquin veranlaßt, in den Predigerorden einzutreten?
3,  Thomas von Aquin und der Predigerorden
7.  Thomas von Aquin – Professor und Consultor
15. Thomas von Aquin – Person und Werk .

In diesen Beiträgen werden die Persönlichkeit, ihre Epoche und die damaligen Mentalitätsräume deutlich. Der sechsjährige Thomas wird von seinen adeligen Eltern als ›Gottesgabe‹ den Benediktinern in Montecassino übergeben, doch wenige Jahre später wechselt er, gegen den Widerstand der Eltern, zum Predigerorden der Dominikaner über, weil diese im damals sich ausbreitenden Städtewesen freiere Entfaltungsmöglichkeiten boten. Der Aquinate bleibt ein Leben lang eine Stadtfigur: als Student, Prediger und Universitätslehrer in Neapel, Köln, Paris, Orvieto, Rom und wieder Paris und Neapel. Zentral bleiben die Ideen von der nachfolge Christi und der Organisation der Papskirche. Ihr widmet Horst vier weitere Beiträge (Nr. 5, 8, 11. 13), die bis heute aktuell geblieben sind, darunter die ›Sonderstellung des Bischofs  in der Kirche‹ /Nr. 8) und der päpstliche Primat (Nr. 13).
Wie weit die Gedankenwelt des Heiligen von der Diesseitigkeitsverhaftung der Moderne entfernt ist, wird beim Lesen des Textes über ›Wunder und Bekehrung‹ (Nr. 10) überdeutlich. Doch der ›instinctus interior‹ sucht sich in allen Zeiten seinen Weg.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
Münchweiler bei Pirmasens; Universität Landau/Pfalz

 


17. April 2017
  Jaspers, K.:  Vom Ursprung und Ziel der Geschichte,
hrsg. von Kurt Salamun, Gesamtausgabe 1/10,
ISBN 978-3-7965-3429-4
Schwabe Verlag, Basel 2017, 284 Seiten, 84,- Euro (D) / sFr. 84,-
 
Zwischen den Jahren 1955 bis 1960 war für uns Studenten in München Karl Jaspers einer der vier philosophischen Fixpunkte neben Guardini (vor Ort), Heidegger und Adorno. Wir hatten von den Spannungsfeldern und der tiefgründigen Geisteslandschaft natürlich wenig Ahnung. Originaltexte konnten wir uns finanziell nicht leisten, in der Bibliothek waren die interessanten Titel ausgeliehen, also blieb alles flüchtig orientiert und damit um so neugieriger gemacht, was im Diskussionskreis nach einer Guardini-Veranstaltung (-Predigt) angetippt wurde. Jaspers ›Vom Ursprung und Ziel der Geschichte‹ (1949) war insofern eine Hintergrundfolie, weil sie von der christlichen Geschichtsphilosophie, vertreten von Guardini, abwich. Der Kirchenvater Augustinus hatte den linearen heilsgeschichtlichen Verlauf vorgezeichnet (in: ›De civitate dei‹). Jaspers rechnet den Kirchenlehrer zwar zu den »fortzeugenden Gründern des Philosophierens‹ (neben Platon und Kant) und kommt in seiner Ursprungsschrift (bes. S. 64 f.) und in ›Die großen Philosophen‹ auf Augustinus mehrfach zu sprechen. Die Grundidee bei Jaspers ist eine gemeinsame Achsenzeit im zivilisatorischen Verlauf. Diese ist gekennzeichnet durch Brüche und Phasen, zunächst  zwischen 800 und 200 v. Chr. In dieser Epoche entwickeln sich gleichzeitig in China, Indien, Japan, Palästina und Griechenland Hochkulturen. »In diesem Zeitalter wurden die Grundkategorien hervorgebracht, in denen wir bis heute denken und die Ansätze der Weltreligionen geschaffen« haben. Es entstand ein strukturell Gemeinsames der Menschheit, das als Einheit der Weltgeschichte verstanden werden kann: Erwachen zum Sein, Grenzbewußtsein u.a. Eine zweite Achsenzeit von welthistorischem Gewicht läßt Jaspers mit dem Siegeszug der Naturwissenschaft und Technik beginnen. Im Gegensatz zu ihrer antiken Vorgängerin dominieren nicht das Geistige und Religiöse, sondern der rechnende Verstand. Das führt nach Jaspers zur Gefahr der Leere und Selbstzerstörung. Die Einheit der Menschheitsgeschichte könnte dennoch zu einer »zweiten Achsenzeit der eigentlichen Menschwerdung« führen, wenn die Gefahr erkannt und auf humanistische Universalien umgesteuert wird.
 
Die aktuelle Krise des politischen, rechtlichen und ökonomischen Universalismus belegt die fortdauernde Aktualität der Jasper’schen Überlegungen, auch wenn die Geschichtsphilosophie gegenüber Periodisierungen, ordnenden Geschichtskräften usw. skeptisch geworden ist.  Sie bewegt sich im Mittelbereich zwischen den Extremen ›Geschichte als Chaos‹ und ›einheitsstiftendem Sinnverlauf‹. Jaspers interpretiert Geschichte strikt antideterministisch, erkennt aber regulative Ideen an, die von Menschen entwickelt werden. Nach ihm gibt es keinen immanenten Sinn der Geschichte und damit auch keine historische Vollendung wie bei Augustinus. Ihre Entwicklung sei ebenso offen wie die Evolution der Menschheit (bes. 40 ff.). Diese Einschätzung sieht sich mit dem Sinnstiftungsfuror seit dem evolutionären Erwachen des Geistes (wozu sollte er sonst erwacht sein?) und den immanenten Logiken der Naturgesetze (wozu sonst ihr einheitlicher Geltungsanspruch) usw. konfrontiert. Sie sind der Geschichte immanent. Gewiß liegt der Natur- und Menschheitsgeschichte kein detailliert deterministisches Entwicklungsgesetz zugrunde, aber in den offenen Möglichkeitsräumen herrschen, ohne Zutun der Menschen, Kontingenzen (von contingere – zusammenhängen), die zum Sinn anstiften, wie der Geschichtsverlauf empirisch belegt. Die Sache ist also komplexer, als es sich Jaspers noch 1945 ausdachte.
 
Jaspers Schrift liest sich auch für geschichtsphilosophisch wenig geschulte Leser gut verständlich, ebenso der Stellenkommentar (255-281), der nicht den Anspruch einer historisch-kritischen Einordnung erhebt. Eine Lektüre der umfangreichen Einleitung des Herausgebers (15 Seiten) ist ratsam. Was hätten wir Studentendrum gegeben, in der frühen Nachkriegszeit eine Vorlesung hören zu können, worin Jaspers Geschichtsphilosophie im Studium generale ausgebreitet worden wäre!
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com