Walthari

Besprechungen

 
18. Dezember 2017
    
Korte, M.: Wir sind Gedächtnis.
Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017, 376 Seiten,
27 Abbildungen s/w, gebunden  mit Schutzumschlag,
ISBN  978-3-04435-8
 
Dieses Buch ist so voller Anregungen, daß man es nach dem ersten Lesen nicht weglegt. Vielmehr wird man immer wieder zum ›Korte‹ greifen, etwa um das Kreativitätstraining auf den Seiten 220 ff. Schritt für Schritt fortzusetzen.  Der Autor stellt nicht nur das Komplexe Gedächtnissystem vor, er geht auch ganz praktisch zur Sache. Die Textpräsentation fällt abwechslungsreich aus, garniert mit Zitaten und Abbildungen. Leider fehlt ein Stichwortverzeichnis, es wird durch ein ausführliches Inhaltsverzeichnis (sechs Seiten) nur ungenügend ersetzt.

Kapitel 1: Wie wir werden, wer wir glauben zu sein – über das autobiographische Gedächtnis

Kapitel 2: Gewohnheiten, Routinen und Süchte
Kapitel 3: Neuronale Paläste der Erinnerung
Kapitel 4: Ein Traum wird wahr: Lernen im Schlaf
Kapitel 5: Kreativität und Wissen: Geschwister, nicht Feinde!
Kapitel 6: Müssen wir noch wissen? Von myMemory zu iMemory
Kapitel 7: Unzeitgemäße Betrachtungen über die Kunst des Vergessens
Kapitel 8: Gedächtnisdiebe
Kapitel 9: Training, Tricks, Techniken: So bleibt das Gedächtnis agil
 
Neben einem kreativen Training wird der Leser zum richtigen Schlafen und über die Kunst des Vergessens angeregt. Korte schildert die Alzheimererkrankung als Gedächtnisdiebstahl wie ein Krimi. Er geht auf die Risikofaktoren ein: wenig körperliche Betätigung, Bluthochdruck, niedriger Bildungsstand (will sagen: geringere Gehirntätigkeit) u.a. (328). Zum Schluß bringt er zehn Gebote zum Gedächtniserhalt, darunter: »Mache dir das Brechen mit Gewohnheiten zur Gewohnheit!« Wer tiefer im Text bohren will, merkt erst, wie sehr er das fehlende Stichwortverzeichnis vermißt, etwa beim Thema des Unbewußten, das über das ganze Buch streut (explizit und implizit).
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



7. Dezember 2017

 
  Goebel, F.: Im Umkreis von Anselm.
Biographisch-bibliographische Porträts von Autoren
aus Le Bec und Canterbury, Fuldaer Hochschulschriften 60,
Echter Verlag, Würzburg  2017, 237 Seiten, 16,80 Euro
ISBN 978 3-429-04381-0
 
Der Autor, Professor für Philosophie und Geschichte der Philosophie an der Theologischen Fakultät Fulda, bietet religionshistorische Feinkost für Spezialisten der Epoche um Anselm von Canterbury (1034-1109). Man sollte schon mit der Vita, der Theologie und Philosophie Anselms vertraut sein, um den Aufwand des Autors würdigen zu können (darunter ein England-Aufenthalt). Goebel geht es um die Widerlegung einer These der Anselmforschung: »Er war allein.« In Wahrheit »zeichnete sich bei genauerem Hinsehen doch eine Gruppe von Personen ab, die einen intellektuellen Umkreis markieren: Schüler und Freunde, Kritiker und Verehrer, Biographen und Historiographen, Gesprächspartner, Mitarbeiter, Herausgeber« (11).  Ein so gewaltiges Lebenswerk, wie es Anselm hinterlassen hat, ist ohne ein unterstützendes Umfeld nicht denkbar. Goebel stellt die wichtigsten Helfer in Gruppen vor:
1.     Hagiographen und Historiker, Musiker und Dichter
2.     Mitarbeiter und Herausgeber
3.     Theologen und Philosophen.
Um sich besser zurechtzufinden, fügt der Autor ein Verzeichnis der Orte, ein Verzeichnis antiker und mittelalterlicher Personen und ein Verzeichnis neuzeitlicher und moderner Personen an (acht Seiten). »Bei den meisten Kapiteln dieses Buches handelt es sich um vollständig überarbeitete, aktualisierte und zum Teil stark erweiterte Versionen von Beiträgen für das ›Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon‹.« (24).
Anselm ist bis heute aktuell geblieben u.a. mit seiner These, mit den Mitteln der Logik Gott und die Überlegenheit des christlichen Glaubens gegenüber Moslems und Juden beweisen zu können (vgl. Henrich, D.: Der ontologische Gottesbeweis, 1967, 2. Auflage). »Ich glaube, um zu erkennen« (credo, ut intelligam«) ist eine seiner Kernbotschaften. Goebel schreitet den Umkreis ab und verdeutlicht das Anselm-Bild.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



7. Dezember 2017

 
Suwandy, A. E.: Religionsfreiheit in Indonesien,
Mainzer Beiträge zur Kirchen- und Religionsrecht,
Echter Verlag, Würzburg  2017, 144 Seiten, 14,90 Euro
ISBN 978 3-429-03991-2
 
Diese preisgekrönte Magisterarbeit, erstellt an der Universität Mainz (2015), belegt detailliert, was das allgemeine Publikum aus den Medien pauschal erfährt: Es gibt in dem mehrheitlich muslimisch geprägten Land Indonesien keine (negative) Religionsfreiheit. Das steht in der Tradition der ›Kairoer Erklärung‹ (1990), die »nicht einmal allen Menschen die gleiche Würde« zubilligt (63). Ein Recht auf Glaubenswechsel oder atheistische Einstellungen haben danach »offiziell keine Daseinsberechtigung« (125). Die Autorin referiert aus der Sicht der katholischen Kirche, holt daher weit aus, um die Verhältnisse in Indonesien richtig einordnen zu können:
- Religionsfreiheit im Verständnis der Katholischen Kirche,
- Der lange Weg zur Religionsfreiheit als internationales Menschenrecht,
- Religionsfreiheit in islamischen Menschenrechtserklärungen.
 
Danach erst (ab S. 65) geht es um die Religionsfreiheit in Indonesien. Die Rechtsverhältnisse  sind wenig überschaubar und voneinander abweichend, aber genau das ist typisch islamisch: Verwirrung zu stiften, um den wahren koranischen Kern zu verdecken, nämlich sogenannte Ungläubige zu bekämpfen und die Menschheit letztlich zu islamisieren. Die Autorin entwirrt die verknäuelte Rechtslage, die den imperialen islamischen Anspruch musterhaft durchscheinen läßt. Die Errichtung von Gebetsstätten ist stark eingeschränkt (104 ff.), das Blasphemiegesetz gewährt keine negative Religionsfreiheit (90 ff.), Christen werden diffamiert und verfolgt usw. Es hilft alles nichts: Der islamischen Verschleierungstaktik muß die aufgeklärte Welt schonungslos und energisch begegnen.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, Aus: www.walthari.com
 



6. Dezember 2017

   
Denker, A. und Zaborowski, H. (Hrsg.)::
Heidegger und der Humanismus, Heidegger-Jahrbuch 10, 
Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2017,
293 Seiten, Fadenbindung, Hardcover, 50,- Euro,
ISBN 978 3-495-45710-8
 
Die kleine Schrift ›Über den Humanismus‹ von Martin Heidegger (ich benutze die 9. Auflage von 1991 des Verlags Vitorio Klostermann, 57 Seiten, 1. Auflage 1949) zählt weltweit zu den klassischen Schriften nicht nur in der Philosophie. Nach fünfzehnjährigem Schweigen hatte sich Heidegger nach dem Zweiten Weltkrieg wieder vernehmbar gemacht und gleich mit einem Textschwergewicht, das eine mittlerweile unüberschaubare Interpretationsliteratur nach sich zieht. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, kann auf das ›Heidegger-Handbuch‹ (2003) zurückgreifen, dort findet sich eine Analyse von Dirk Mende auf den Seiten 247 bis 259.
Der ›Brief‹ umkreist die Schwerpunkte Sprache, Machen, Maß, Denken, Techne, Sein, Seiendes, Öffentlichkeit, Subjektivität, Sorge, Metaphysik, Kategorie, Ex-sistenz, Kehre, Lichtung und natürlich ›humanitas des homo‹. Diese und weitere Schlüsselwörter decken einen Großteil der Philosophie Heideggers ab. Wendungen wie »Die Sprache ist das Haus des Seins« oder »Das Sein ist das Nächste. Doch die Nähe bleibt dem Menschen am weitesten« oder die These, daß der Mensch mehr sei als »ein Lebewesen unter anderen«, bestimmen bis heute die Debatte. Das vorliegende ›Heidegger-Jahrbuch 10‹ greift mit achtzehn Beiträgen einige Schwerpunkte heraus und kann auf dem Hintergrund gelesen werden, daß die Referate auf einer Konferenz der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar im Dezember 2012 gehalten wurden. Das erklärt, warum in einem Beitrag die Gottesfrage explizit gestellt wird. Ben Vedder kommentiert zusammenfassen seinen Text (288): »Für Heidegger ist die Frage nach Gott verbunden mit der Frage nach dem Sein.  Die Frage nach Gott hängt seiner Meinung nach von der Nähe des Seins ab. Es  ist in dieser Nähe, dass eine Entscheidung über die Frage, wie Gott zu nennen sei und was die Bedeutung von ›Gott‹ sei, vollzogen werden kann. In dem ›Brief‹ wird gesagt, dass ein bedeutungsvolles Verständnis des Begriffes Gottes nur innerhalb eine Erfahrung des Heiligen entwickelt werden kann.« Daneben wird Humanität u.a. in Verbindung mit Ek-sistenz (Eduard Zwierlein), Metaphysik (Charles Bambach), ›Sein und Zeite‹ (Günther Neumann) und Ethik (Werner Moskopp) referiert. Jens Zimmermann kritisiert die Auflassung Heideggers, wonach »jeder Humanismus… eine die Seinswahrheit verstellende Metaphysik repräsentiere«. Heidegger versuche, mit dem Seinsbezug de Humanität »der Objektivierung der menschlichen Existenz in der Moderne entgegenzuwirken« (290). Der Philosoph verzerre damit den Renaissancehumanismus. Man muß schon von dieser Kurzfassung auf den Haupttext umsteigen, um zu verstehen, wie Zimmermann die Fehlinterpretation begründet: Weil der Mensch sich selber anstelle des Seins in den Mittelunkt stelle (Anthropologie), konnte es, so Heidegger, zur instrumentellen Vormacht von Wissenschaft und Technik kommen. Diesen anthropozentrischen Objektivismus unterwirft Zimmermann einer tiefgreifenden Kritik (229 ff.,). Auch jeder Fachwissenschaftler sollte zu diesem Jahrbuch greifen, um z.B. nicht in Empirismus zu verfallen.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 





6. Dezember 2017

 
  Hasse, Jürgen: Die Aura des Einfachen.
Mikrologien räumlichen Erlebens, Band 1,
Fadenbindung Hardcover, Verlag Karl Alber,
Freiburg/München 2017, 344 Seiten, 34,- Euro
ISBN 978 3-48852-2
 
Das Buch kann man einmal als intelligenten Protest gegen die zivilisatorischen Rasereien lesen, aber auch, in epikureischer Verfassung, als Lehrgang der Aufmerksamkeitsschulung, schließlich als lebensphilosophisch-wissenschaftliche Unterrichtung über eine spezifische Phänomenologie, die, nur mal grob gesagt, ›die Aura des Einfachen‹ aufschlüsseln möchte. Ich habe mehrere Leseanläufe genommen, ermuntert von oft zitierten alten Lesebekannten wie Gernot Böhme, Hermann Schmitz, Otto Friedrich Bollnow, Ferdinand Fellmann u.v.a., die sich mit der Materie schon beschäftigt haben. Philipp Lersch, den Hasse ebenfalls heranzieht, habe ich in München an der LMU noch als Student gehört. Hasse lehrte in Frankfurt/Main ›Human Geography‹ und erweist sich als Spezialist für räumliches Erleben auf mikrologischer Ebene. Er führt den Leser umsichtig in die sensible Gemengelage ein, ehe er in vier umfangreichen Beispielkapiteln veranschaulicht, worum es konkret geht. Kapitel 5 handelt von Gerüchen, Kapitel 5 von den ›Räumen der Stille‹, Kapitel 6 von der ›Macht des Windes‹ und Kapitel 7 von der Atmosphäre einer Airport-Wartezone. Was so einfach, ja profan klingt, hat es lebensphilosophisch und auch -pragmatisch in sich.  Unter Mikrologien sind atmosphärische Lebensmilieus in überschaubaren Raum-Typen zu verstehen. Flughäfen, Kirchen, im Grund jedes Ort mit einer gewissen Geschlossenheit, also auch Gerichtssäle, Schulen usw. Bei wissenschaftlich vorgebildeten Lesern stellt sich ein halbes Dutzend Fragen ein, darunter etwa, warum die sozialempirischen Methoden nicht wirklich greifen. Zurecht weist der Autor darauf hin, daß der erlebnisspezifische Sachverhalt methodenmetrisch nicht angemessen zu erfassen sei und letztlich nur evidenzbasierte Antworten möglich mache (so etwa S. 87). Er grenzt mikrologische Erlebnisse von meditativen ab, weil im Erleben immer noch Rationalität gegenwärtig ist. Auf die erkenntnistheoretische Hauptfrage habe ich allerdings keine Antwort gefunden: Wie läßt sich die naturalistische Grundeinstellung Hasses mit seinem deutlichen Hang zum Konstruktivismus vereinbaren? Beides zusammen geht nicht. Die quantenphilosophische Ebene spart er völlig, die spirituelle weitgehend aus, ebenso die Entfaltungsgebiete Kunst und Literatur. Ich werde in meinem Walthari-Projekt die Probe machen.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com




8. November 2017

 
Rass, Fr., Horn, A. S. und  Braunschweig, M. U. (Hrsg.):
Entzug des Göttlichen. Interdisziplinäre Beiträge zu
Jean-Luc Nancys Projekt einer »Dekonstruktion des Christentums«
Karl Alber Verlag, Freiburg und München 2017, 175 Seiten, 24,99 Euro
ISBN 978 3 495-48824-9
 
Religionen existieren immer im Krisenmodus, weil ihre transzendentale Gehalte mit dem Dasein der Immanenz im Dauerkonflikt leben. Einzelne und auch ganze Gesellschaften können bei dieser Dauerkonfrontation ermüden und sich abwenden, d.h. sich ganz im Diesseits ergehen. Das ist die Lage aktuell besonders in westlichen Demokratien, die trotz Glaubensfreiheit die religiöse Chance nur grenzwertig wahrnehmen. Zur Verwirrung und Abwendung tragen auch Kirchenführer bei, man kann es fast täglich in den Medien vernehmen. Um die Orientierung nicht zu verlieren, wendet man sich an Philosophen und gelehrte Theologen. Davon liefert dieses Buch einen Beleg, der es in sich hat. »Das Christentum… hat nichts von einer Religion« (166 f.). Wer darüber nicht erschrecken will, muß sich in die elf Beiträge einlesen. Eine Schar junger Wissenschaftler hat sich aufgemacht, in das  komplizierte Textgebäude des französischen Denkers einzudringen und ihn am Schluß zu befragen. Durchgehendes Analyseinstrument ist Dekonstruktion, ein leitender Begriff in den Kulturwissenschaften und in der French theory. Das Gedankengewebe ist subtil bis verwirrend. So heißt es in der Einleitung der Herausgeber: »Nancy verbindet… die Dekonstruktion des Christentums als vorgegebene, positive Größe mit Überlegungen zum dekonstruktiven Wesen des Christentums selbst, sodass Dekonstruktion als Erweis des genuin christlichen Konfliktes von religiöser Integration in säkulare Strukturen dienen kann. Indem Dekonstruktion somit eine dem Christentum wesentliche, reflexive Spannung darstellt, welche zugleich über es selbst hinausweist, lässt sich nach Nancy das Wesen des Christentums schließlich als Öffnung, als ›Ent-schließung‹ (déclosion) im Gegensatz zu einem abschließenden, dogmatischen Wesen fassen« (11).
Stefan Berg referiert über die ›Autodestruktion des Christentums‹, Fana Schiefen über die ›Öffnung und Selbstüberschreitung des Christentums‹ und Hartmut von Saaz über die Dekonstruktion des Gebets. Dekonstruktion ist nach Nancy dem Christentum eingeschrieben als »Hang dazu, sich selbst zu zersetzen« (Berg, 17). Damit ist nicht ein Verwerfen gemeint, sondern ein Auseinandernehmen, »um zwischen den Teilen dieser Zusammenfügung eine Möglichkeit spielen zu lassen« (20). Nancy präsentiert kühne Thesen, denen die Autoren durchaus kritisch gegenüberstehen: »Monotheismus ist in Wahrheit Atheismus« (22). Es bedarf schon im Buch einer Begriffsakrobatik und einer konstruktivistischen Phantasie, um noch die religiöse Kurve zu kriegen.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com







29. November 2016 /  31. Oktober 2017
 
Kaufmann, Th.: Erlöste und Verdammte.
Eine Geschichte der Reformation,
mit 103 Abbildungen, davon 58 in Farbe,
C.H. Beck Verlag, München 2016, 512 Seiten, 26,95 Euro

 
Um das Gesamturteil vorwegzunehmen: Wer das umfangreiche Buch für einen wahrlich nutzerfreundlichen Preis erwirbt, hält einer der besten, wenn nicht die beste Darstellung der ersten hundert Reformationsjahre in Händen. Darüber hinaus bietet der Kirchenhistoriker Kaufmann in den beiden Abschlußkapiteln einen Überblick über die Zeit danach, am Schluß nicht ohne davor zu warnen, im ›Lutherjahr‹ 2017 die Reformation falsch zu vereinnahmen. Um auf einen unstillbaren Lesegeschmack zu kommen, sollte man, nach einem Einblick in das umfangreiche Inhaltsverzeichnis und  in den voluminösen Apparat (über 70 Seiten, mit Zeittafel, Orts- und Personenverzeichnis, Bildnachweis, lediglich ein Stichwortverzeichnis fehlt) mit dem kurzen Epilog (425-427) beginnen, worin es programmatisch heißt:
»In gewisser Weise ist die frühe Reformation so etwas wie der Mythos des neuzeitlichen Protestantismus geworden. Der Reiz, sich auf diesen Mythos zu beziehen, besteht darin, dass in ihm vieles lebendig und möglich ist.. Die frühe Reformation scheint die polypotente Zelle des Protestantismus zu sein. Wohl nur deshalb können sich Erwartungen mit dem Jubiläum des Jahres 2017 verbinden, die eine abgeklärte historische Vernunft für schwärmerisch halten wird… 
Was könnten wir in der frühen Reformation finden?
  • Eine Organisationsvision der Kirche, die von der Gemeinde her gedacht und angelegt ist, nicht von einer klerikalen Funktionärshierarchie;
  • ein gärendes Christentum, das von begeisterten und beunruhigten Laien beiderlei Geschlechts getragen und entscheidend gestaltet wird;
  • eine wagemutige, streitbare evangelische Geistlichkeit, die mit überkommenen Rollenmustern bricht und in der seelsorgerlichen Predigt und der theologischen Argumentation ihre Hauptaufgabe, ihr Kerngeschäft sieht;
  • eine gegenüber der Judenheit dialogisch gesinnte, lautere, hörend-lernbereite, ehrliche und entschieden nicht triumphierende Kirche;
  • eine heilsame Konzentration der theologischen Lehre auf Gottes in seinem Sohn Jesus Christus nahe gekommene, unverdiente Gnade, auf das menschliche Ungenügen und auf die Liebe zu den näheren und ferneren Nächsten; eine Frömmigkeit, die nicht bei sich selber bleibt, sondern in die Welt zieht, ökumenische Gemeinschaft sucht und schafft, die Grenzen des Anderen respektiert oder überwindet;
  • eine bunte, vielstimmige Sprache, die aus der Begegnung mit dem biblischen Wort erwächst und Herzen und Hirne erreicht.
Diese Reformation steht noch aus.«
So eingestimmt kann das Leseabenteuer beginnen, linear mit den Hauptkapiteln:
I.                   Luther und die Reformation
II.                Die Europäische Christenheit um 1500
III.             Die frühe Reformation im Reich bis 1530
IV.            Das Reformatorische Europa bis 1600
V.               Die Reformation und die Neue Zeit
VI.            Die Wahrnehmung der Reformation in der Neuzeit

Wohl nur wenige Leser werden die insgesamt achtzehn Unterkapitel von Anfang an durchlesen, vielmehr einzelne Kapitel herausgreifen, so etwa:
  • Erhoffte und gewordene Reformation
  •  Dreizehn stürmische Jahre
  •   Luthers Bruch mit dem Papst
  •   Innerreformatorische Zerwürfnisse
  •   Johannes Calvin und die reformierte Internationale
  •   Die Transformation des römischen Katholizismus
  •    Deutung und Debatte.
Auch für das Reformationsjahr gilt die Kluft zwischen dem deutungsoberflächlichen »Wildwuchs« (Fr. Lau), der aus der Reformationsgeschichte herausholt, was ihm gefällt, und dem wahren Gesamtbild mit hellen und schwarzen Seiten. Beim reformatorischen Aufbruch spielten die historisch  herangereiften politischen sozialen und kulturellen Faktoren neben den persönlichen Aktivitäten eine große Rolle. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis sich die Einsicht durchgesetzt hat, daß die Reformation den päpstlich organisierten Katholizismus gerettet hat, der sonst in Nationalkirchen aufgegangen wäre. Und es wird vermutlich noch lange dauern, bis die durch Luther beförderte staatliche Obrigkeitsmentalität (die ironische Halbschale zur katholischen Hierarchie) sich dem theologischen Direktverhältnis zu Gott angeglichen hat. Als Pfälzer rege ich an, die gerade erschienene Aufarbeitung (von B. Bonkhoff) bei einer Neuauflage einzuarbeiten.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



23. Oktober 2017

   
Roeck, B.: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance.
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung

C. H. Beck, München 2017, 1.332 Seiten, mit 115 Abbildungen,
davon 32 in Farbe, Leinen 44,- Euro, E-Book 36.99 Euro
ISBN 978 3 406 698767
 
Es gibt Bücher (nicht viele), die den Leser vor Respekt erstarren lassen. Der an der Universität Zürich lehrende Autor, Professor für Neuere Geschichte, hat beim altehrwürdigen Beck-Verlag ein solches Buch vorgelegt. Schon die Seitenzahl zeugt angesichts der Kurztext-Mode auch in den Wissenschaften von Mut, erst recht das Vorhaben, die wohl komplizierteste und vielfältigste Epoche der Geschichte in eine Monographie zu bannen. Mit dem Opus magnum, das zu einem niedrigen Preis zu bestaunen ist, kann dieses Vorhaben schon formal als gelungen gelten.
Die Renaissance ist eine der drei hochkulturellen Epochen des Abendlandes (neben Athen und der Deutschen Klassik / der Deutschen Romantik / dem Deutschen Idealismus). Die Dichte und Vielfältigkeit der jeweiligen Ereignisse ragen als Spitzen der mehr als zweieinhalbtausendjährigen Geschichte Europas heraus. Auch aufgrund ihrer Wirkungen sind sie bis heute von  herausgehobener Größe und Bedeutung. Aus dieser weltgeschichtlichen Trias haben sich die heutigen Standards für eine humane Welt entwickelt: der demokratische Gedanke, die Menschenrechte, die Wissenschaften, die Philosophie, Technik, der offene Bildungsgedanke u.a.m..
Unter den drei Höhepunkten nimmt die Renaissance zweifellos eine Sonderstellung ein, sowohl was die Länge (sie begann nach Roeck mit den Karolingern und endete mit den Religionskriegen) als auch was die Vielfalt anbelangt. Bei außereuropäischen Kulturen spricht man ebenfalls von Renaissanceperioden, aber sie währten weder tausend Jahre, noch besaßen sie eine vergleichbare Vielfalt und sind erst recht nicht vergleichbar, was die weltgeschichtliche Wirkung betrifft. »Nirgendwo sonst auf der Welt gab es Bildungs- und Forschungseinrichtungen, die eine ähnlich große Zahl an Disziplinen beherbergten« (1161). Die singuläre historische Epoche wachzuhalten, dient nicht nur der europäischen Identität, es könnte auch bei den Nutznießern auf anderen Kontinenten zur Selbstbesinnung und zum Respekt beitragen. Mittlerweile ist nämlich die einstige Überheblichkeit Europas (nicht nur im folgenden Kolonialzeitalter) einer Selbstunterschätzung gewichen – aus historischer Scham und Vergeßlichkeit. Dem kann mit der Lektüre dieses Opus magnum abgeholfen werden, wahrhaft ein großer Wurf. Der Autor läßt seiner stupenden Gelehrsamkeit freien Lauf, ohne die Strukturierung des gewaltigen Stoffes zu vernachlässigen.
In Teil I werden Grundlagen gelegt: Von den Anfängen (in der Antike) bis zur Jahrtausendwende (im Mittelalter).
Teil II: ›Entfaltung der Möglichkeiten: 1000 - 1400‹.
Teil III: ›Verwirklichung der Möglichkeiten: 1400 - 1600‹ (darin das zentrale Kapitel ›Hochrenaissance‹ (637 - 702).
Teil IV: »Ausblicke: Der ›Westen und der Rest‹ (mit sechs Unterkapiteln, darunter Ausleger über Rußland und China).
Der Blick bleibt also keineswegs auf Europa beschränkt. Roeck bezieht den Vorderen Orient, Indien und China mit ein. Die Kapitelüberschriften locken den Leser zum Einstieg: ›Honig und Gift: Das Erbe Christi‹; ›Christus in den Wäldern‹; ›Triumpf des Tintenstaates‹; ›Italienische Rochaden‹; ›Am Ende schöner Tage‹; ›Der Gottlose: Leonardo‹ u.a. Ein so weit ausgreifendes Epochenwerk muß auswählen und vereinfachen, sollte aber dennoch streng zwischen Fakten, Wertungen und Spekulationen unterscheiden und den Gelehrtenton beibehalten. Das ist nicht immer der Fall. Über Leonardo wird überzogen spekuliert. Und im Kapitel über Augustinus heißt es: »Das Leben im diesseitigen Provisorium aus Licht und Dreck… gleicht in Augustinus‘ Sicht einer flüchtigen Pilgerschaft…« (97). Dreck statt Profanität und dazu kein Bezug zur Augustinus-Forschung (vgl. das fortgeschrittene Augustinus-Lexikon).
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



2. Oktober 2017
 
 Hartlaub, F.: Don Juan d’Austria und die Schlacht bei Lepanto,
hrsg. von Wolfram Pyta und  Wolfgang, M. Schwiedrzik,

Edition Mnemosyne, Neckargemünd & Wien 2017, 291 Seiten,
24, Euro, ISBN 978-3-934012-30-1

 
Der 7. Oktober 1571 war einer der Tage, an dem sich das Schicksal des christlichen Europas entschied. Eine vereinigte Flotte katholischer Mächte (Spanien, italienische Städte, der Vatikan) stand einer übermächtigen Kriegsflotte des Osmanischen Reiches gegenüber, die als unschlagbar galt. Das listige Frankreich und das ebenfalls katholische Portugal sowie die protestantischen Mächte (vor allem England) beteiligten sich mit ihrem Politschacher nicht. Philipp II. und Papst Pius V. vertrauten das Kommando der Liga dem gerade 24 (vierundzwanzig) Jahre alten Don Juan d’Austria an – ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen. Der militärstrategische Geniestreich hätte heute noch anstelle der vielen Trauertage einen dankbaren Gedenktag verdient, denn bei verlorener Schlacht hätte sich das Osmanische Reich bald über zwei Drittel Europas ausgedehnt. Man muß schon den Ort des Geschehens besucht haben (wie der Rezensent), um tief genug zu begreifen, was damals auf dem Spiel stand. Die Dissertation Felix Hartlaubs, die er  1939 abschloß, beschreibt die dramatischen Vorbereitungen und den noch dramatischeren Schlachtablauf. Die beiden Herausgeber ordnen Hartlaubs militärhistorische Schrift ausführlich und gehen auch auf sein Lebenswerk ein, das sich insoern ebenfalls spannungsreich liest, als Hartlaub mit Tarnkappe im innersten NS-Zirkel tätig war und sein literarisches Werk unvollendet blieb. Mitherausgeber Schwiedrzik verweist auf strukturelle Ähnlichkeiten des islamischen  Imperialismus von  damals und heute (ab 33 ff.) und ist zurecht erstaunt darüber, daß der damals mitkämpfende Cervantes Lepanto nicht als literarische Vorlage gewählt hat (38). Man kann über noch viel mehr erstaunt sein, wenn man das Buch liest, darunter die Blindheiten und Vergeßlichkeiten damals wie heute. Merkels Tapsigkeit und Erdogans Dreistigkeit – ein Don Juan d’Austria ist noch nicht in Sicht.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 
 

  
22. Juni 2017

 
Horst, U.: Thomas von Aquin. Predigtbruder und Professor,
Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017, 338 Seiten, 69,- Euro,
ISBN 978-3-506-78679-1
 
Während der Aquinate im kirchlichen Leben (vgl. die Gesangbücher) und in der Theologie seit mehr als siebenhundert Jahren eine Dauerpräsenz beansprucht, scheint seine Wahrnehmung in der Philosophie und in den Wissenschaften Konjunkturen zu unterliegen. Derzeit wird in philosophischen Zeitschriften und in Feuilletons auf Thomas (1224/25 – 7. März 1274) erstaunlich oft Bezug genommen, selbst Literaten zitieren selbstkritisch den Satz kurz vor seinem Tod: »…alles, was ich geschrieben habe, scheint mir wie Stroh zu sein«. Und er hat wahrlich viel geschrieben, an seiner ›Summa theologicae‹ bis fast zum letzten Atemzug. Die Wirkungsgeschichte widerlegt seine Skepsis, Thomas ist wohl der herausragendste Philosoph und Theologe im Mittelalter, vergleichbar nur mit Augustinus am Ausgang der Antike. Noch bevor die aktuelle Thomas-Konjunktur einsetzte, hatte ich die Bände der ›Summa theologicae‹ gekauft und hielt Ausschau nach hilfreichen Kommentaren, ohne die der Aufbruch im 13. Jahrhundert nicht zu verstehen ist. Da kommt das Thomas-Buch des Dominikaners Ulrich Horst (Blieskastel) gerade recht. Der Spezialist für mittelalterliche Philosophie und Theologie leitete an der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) in München  ein Institut mit gleichem Schwerpunkt und  ist Verfasser zahlreicher Texte zur Thomasforschung. Der vorliegende Band enthält vierzehn Texte von Erstveröffentlichungen aus der Zeit von 1974 bis 2010, ein Beitrag wird hier erstmals veröffentlicht, ein anderer ist in englischer Sprache gehalten. Das Themenspektrum ist anlaßspezifisch weit, manche Texte werden nur Theologen, Philosophen und Historiker interessieren, doch einige Aufsätze sprechen auch den gebildeten Laien an, sofern er die Rolle der Kirche und Theologie für die Ideengeschichte Europas erkennt und des Lateinischen einigermaßen mächtig ist. Horst übersetzt nämlich die häufigen in Latein gehaltenen Fußnoten nicht und listet im Anhang auch nicht Publikationsorgane auf, mit deren Abkürzungen gebildete Laien wenig anfangen können. Ein Sammelband also doch nur für Spezialisten? Nein, wenn man tiefer bohren will und einen Lese-Einstieg über Persona wählt:
1.  Was hat Thomas von Aquin veranlaßt, in den Predigerorden einzutreten?
3,  Thomas von Aquin und der Predigerorden
7.  Thomas von Aquin – Professor und Consultor
15. Thomas von Aquin – Person und Werk .

In diesen Beiträgen werden die Persönlichkeit, ihre Epoche und die damaligen Mentalitätsräume deutlich. Der sechsjährige Thomas wird von seinen adeligen Eltern als ›Gottesgabe‹ den Benediktinern in Montecassino übergeben, doch wenige Jahre später wechselt er, gegen den Widerstand der Eltern, zum Predigerorden der Dominikaner über, weil diese im damals sich ausbreitenden Städtewesen freiere Entfaltungsmöglichkeiten boten. Der Aquinate bleibt ein Leben lang eine Stadtfigur: als Student, Prediger und Universitätslehrer in Neapel, Köln, Paris, Orvieto, Rom und wieder Paris und Neapel. Zentral bleiben die Ideen von der nachfolge Christi und der Organisation der Papskirche. Ihr widmet Horst vier weitere Beiträge (Nr. 5, 8, 11. 13), die bis heute aktuell geblieben sind, darunter die ›Sonderstellung des Bischofs  in der Kirche‹ /Nr. 8) und der päpstliche Primat (Nr. 13).
Wie weit die Gedankenwelt des Heiligen von der Diesseitigkeitsverhaftung der Moderne entfernt ist, wird beim Lesen des Textes über ›Wunder und Bekehrung‹ (Nr. 10) überdeutlich. Doch der ›instinctus interior‹ sucht sich in allen Zeiten seinen Weg.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
Münchweiler bei Pirmasens; Universität Landau/Pfalz