Walthari


Sektion zeitkritische Schriften


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Erich Dauenhauer
 
 
 
 
 
 

Aktive Bürgergesellschaft
in einem gebändigten Staat
 
 
 
 
 
 
 

2007
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

WALTHARI

 
Aus dem Inhalt

Der Bürger: Mal in guter, mal in schlechter Gesellschaft, immer aber in parteienstaatlichen Händen?
Sieben Weisen: Welches ist der beste Staat?

I. Vor-Orientierungen

  • Was versteht man unter einer Bürgergesellschaft?
  • Aktive Bürgergesellschaft – eine Utopie in Zeiten des      Individualismus  und der globalisierenden Spätmoderne?
  • Lassen sich nationale und supranationale Staatsgebilde  bürgergesellschaftlich bändigen?
  • Was bedeutet aktives Da-Sein in einer Bürgergesellschaft?
II. Grundlagen
  • Repräsentanz und direkte Demokratie 
  • Unabhängige Eliten: die dritte Säule einer bürgergesellschaftlichen Demokratie
  • Die Rolle von Schulen, Medien, Verbände und Nichtregierungsorganisationen in einer aktiven Bürgergesellschaft
  • Strukturen, Auswüchse und Begrenzung der Parteiendemokratie
  • Vom Grundgesetz zu einer bürgergesellschaftlichen Verfassung
III. Einige ideengeschichtliche Herleitungen
IV. Grundweisende Bürgerlichkeitskonzepte
V. Bürgerliches und staatliches Mißlingen
  • Warum Gesellschaften und Staaten untergehen
  •  Konkrete Gefährdungen der Bürgerlichkeit
  • Parteienstaatliches Mißlingen
VI. Bürgerliches und staatliches Gelingen
  • Ideengeschichtliche Erkenntniserträge
  • Systemelemente einer gelingenden Bürgerlichkeit in einem gebändigten Staat
V. Anhang

233 Seiten, Hotmeldbindung, flexibler Einband  /   Direktpreis: 26,- Euro zzgl. Versandkosten



21. Mai 2009

5. Kapitel aus dem obigen Buch

Repräsentanz und direkte Demokratie

»Odi profanum vulgus et arceo.« 
Ich hasse das gemeine Volk und halte es fern.
Horaz, Oden, III, 1,1
1
Als der Bundesverfassungsrichter Hans-Joachim Jentsch im Jahre 2005 aus seinem Amt ausschied, hielt er eine denkwürdige Abschiedrede, die das Parteienkartell aufschreckte. Wie störend das Jentsch-Monitum empfunden wurde, war daran abzulesen, daß die Medien die Fundamentalkritik am Parteienstaat nur in einer Randnotiz wiedergaben (so die FAZ Nr. 282/2005, erst auf Seite 4). Der Verfassungsrichter beklagte die zu große Macht der Parteien und sprach sich für die Abschaffung der Listenwahl aus. Nur Abgeordnete mit einem Direktmandat könnten gegenüber ihren Parteien und Fraktionen jene Unabhängigkeit bewahren, wie sie das Grundgesetz vorsieht. Jentsch monierte, daß ›Listenabgeordnete‹ sich dem Partei- und Fraktionswillen allzu leicht fügen – aus Gründen der Dankbarkeit und der Hoffnung auf Wiederwahl auf einem sicheren Listenplatz bei kommenden Wahlen. Wohin das fast allmächtige Parteienwesen die Politik geführt hat, belegte Jentsch am aktuellen Beispiel des Koalitionsvertrags, den CDU/CSU und SPD im Herbst 2005 ausgehandelt hatten. Nur den »direkt Gewählten steht es zu, Regierung und Regierungsprogramm auszuhandeln, den Parteien (steht es nur zu), darauf Einfluß zu nehmen, nicht detailliert vorzuschreiben«, so Jentsch. Es sei eine historische Chance der großen Koalition, das Wahlrecht zu ändern. Das ist mitnichten geschehen und wird nicht geschehen, weil es einer Selbstentmachtung des Parteienkartells gleichkäme. 

2

Die seit der Antike bekannte und vieldiskutierte Spannung zwischen repräsentativer und direkter Demokratie hat sich mit dem Aufkommen des flächendeckenden Parteienwesens wesentlich verschärft. In das Spannungsdreieck Wahlvolk – Gewählte – Staat haben sich die Parteien robust hineingedrängt und den Staat unter ihre Herrschaft gebracht. Daneben suchen sie den Einfluß des Wahlvolkes Stück um Stück zu verringern: (1) durch die faktische Unmöglichkeit, parteienunabhängige Kandidaten in die Parlamente zu entsenden, (2) durch Verlängerungen der Wahlperioden, wodurch die Kontrolltermine des Verfassungssouveräns (des Volkes) verringert werden, (3) durch Listenwahlen, die eine Wählereinflußnahme minimieren, (4) durch gezielt parteienintern organisierte Kandidatenaufstellungen u.a.m. Im Ergebnis repräsentieren Abgeordnete primär den Willen der Parteien und nur schwach den Willen des Volkes. 
Folgende Hauptgründe für die Unersetzlichkeit des Parteienstaates, den man zu Unrecht als Parteiendemokratie bezeichnet, werden vorgebracht: (1) Moderne Massengesellschaften bedürften, um ihren politischen Willen zu profilieren und parlamentarisch verhandelbar zu machen, einer organisatorischen Bündelung; diese Interessenbündelung gelinge nur Parteien. (2) Die wechselnden Stimmungslagen der Wähler in den unruhigen Mediengesellschaften der Postmoderne seien politisch zu stabilisieren, was nur den Parteien als ›Wellenbrecher‹ gelänge. (3) Die politische Entscheidungsreife des Volkes sei nicht in allen Belangen und Bereichen gegeben; das ewig zerstritten Volk  bedürfe einer richtungsweisenden Führung. Auf die Gegenargumente komme ich an mehreren Stellen dieses Buches zu sprechen, hier fasse ich sie systematisch zusammen.
Zu 1: Interessenbündelungen sind notwendig, weshalb auf Parteien als mitwirkende Kräfte in der Tat nicht verzichtet werden kann. Doch müssen diese Organisationen in Basisinteressen direkt verhaftet bleiben und sich nicht herausnehmen, für eigene abgehobene Interessen Wählerstimmen nur periodisch einzusammeln. Diese Tendenz kann nur minimiert werden, wenn auch parteienunabhängige Kandidaten eine Wählbarkeitschance haben und wenn Volksentscheide den Übermut der Parteien in Schranken halten. 
Zu 2: Auch hier ist zu differenzieren. In fallaktuell aufgeheizten Stimmungslagen z.B. wird immer wieder die Todesstrafe gefordert. Eine Volksabstimmung in dieser Lage wäre nicht angebracht. Doch solche Extremfälle müssen dafür herhalten, der Wählerschaft eine generelle Entscheidungsirrationalität zu unterstellen. Zu bedenken ist zweierlei: Zum einen sind auch Parlamente und mehr noch Parteien stimmungsbefangen, zum anderen enthält der bürgerliche Gemeinsinn (Common sense) nicht weniger gesunden Menschenverstand als der durchgehend taktisch geprägte Machtsinn der Parteien. An der nüchternen Volksmeinung ist schon so mancher Fehlsinn großmächtiger Parteieninteressen gescheitert. 
Zu 3: Der dritte Haupteinwand gegen mehr direktdemokratische Einwirkungen wird parteienintern und auch unter Eliten meist drastischer formuliert: Die Masse sei politisch unreif, leicht verführbar und meist nicht sachkompetent genug für das politische Geschäft. Gewiß, in vielen Bereichen fehlen dem Wähler die Sachkompetenzen – so aber auch den meisten Abgeordneten. Man denke etwa an das komplizierte Steuerrecht. Die Wissensdefizite setzen sich also in Parteien und Parlamenten fort. Bei vielen Gesetzesvorlagen stimmen Abgeordnete nach Fraktionsvorgaben oder aufgrund eines Expertenrates ab (u.a. von wissenschaftlichen Mitarbeitern). Wähler können sich in Zeiten des Internets und der aufklärenden Medien durchaus kundig machen. Im übrigen sorgen öffentliche Debatten für eine allgemeine Aufklärung. Und was die Verführbarkeit von Wählern betrifft: Abgeordnete unterliegen einem viel stärkeren Interessendruck und zeigen sich durchaus als verführbar. In Berlin waren im Jahre 2005 etwa 5000 Lobbyisten tätig, in Brüssel und Straßburg rund 50.000 (fünfzigtausend). Bleibt noch das Verdikt einer (generell) fehlenden politischen Reife. Dabei ist an die parteieninterne Kandidatenauswahl zu erinnern, die mehr von Netzwerken und Proporzzwängen bestimmt wird als von Qualifikationsgesichtspunkten. Nicht ohne Grund wird die Mittelmäßigkeit von Repräsentanten im Parteiensaat allseits beklagt. 

3

Weder das Bündelungs- noch das Stimmungs-, erst recht nicht das Unreifeargument rechtfertigen also die gegebene Parteienherrschaft. Auch die Parteienforschung stellt dafür überzeugende Untersuchungsergebnisse bereit (so Kressel, D.: ›Parteigerichtsbarkeit und Staatsgerichtsbarkeit‹, Berlin 1998). Zu den allerschwächsten Einwänden zählt der ständige Verweis auf ›Weimar‹. Zu Unrecht muß diese historische Lage nach dem Ersten Weltkrieg dafür herhalten, vor direktdemokratischen Elementen zu warnen. Dabei wird geflissentlich übersehen: Nicht über Volksabstimmungen, sondern über Parteienvoten im damaligen Reichstag kam der Nationalsozialismus an die Macht. Hitler scheiterte kläglich bei Volksbegehren: 1928 (es ging um das Gesetz zum Panzerkreuzerverbot) und 1929 (Young-Plan). Hitler unterlag ebenso wie der Kommunist Thälmann dem Militär Hindenburg bei der Direktwahl zum Reichspräsidenten (1932). Schon gar nicht taugt die Schweiz als Abschreckungsmodell (Vorwurf: die dortige direkte Demokratie wirke sich innovationsfeindlich aus): Keine der von 1971 bis 2003 wirtschaftsbezogenen Voten wirkte sich wachstumsschwächend aus, im Gegenteil, eine Verringerung der Arbeitszeit z.B. wurde mit Volksentscheid abgelehnt (vgl. die Untersuchungsberichte in der NZZ Nr. 228/04, S. 19, sowie Nr. 2/05, S. 17). Zu bedenken sind schließlich, daß das Bildungsniveau der Wähler seit ›Weimar‹ gestiegen ist, so daß extremistische Verführungen unwahrscheinlich sind. Dennoch versperren die Parteien weitgehend direkte Mitwirkungswege der Wähler. Doch bei aller Verzögerungstaktik: Was die Bürger über das Internet in allen Lebensbereichen unmittelbar praktizieren, wird für die Politik nicht ohne Auswirkungen bleiben. Weil die parteien- und verbandsorganisierte Wählerrepräsentanz der Tendenz unterliegt, das Wählerinteresse durch Eigeninteressen zu verfremden, sind Möglichkeiten von Direktmandaten auch außerhalb des Parteienspektrums zu schaffen. Solche parteienunabhängige Wählermandate dienen der Disziplinierung von politischen Großorganisationen, die, binnensystembedingt, ein Eigenleben entwickeln und leicht vergessen, daß alle Staatsgewalt vom Volk auszugehen hat (GG Art. 20, Abs. 2). 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus:www.walthari.com


2. Juni 2007

Kesselflickerei am Grundgesetz

Artikel 38 Absatz 1 des Grundgesetzes (GG) lautet:»Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.« Trotz dieser klaren Aussage hat sich in der Parlamentspraxis ein Fraktionszwang eingespielt, der die Abgeordneten einer Partei dem Fraktionswillen unterwirft. Sog. Einpeitscher sorgen dafür, dass kein Mandatsträger von der Fraktionsdisziplin abweicht, um einheitlich abstimmen zu können. Der Sache nach handelt es sich damit um eine Weisung Dritter, nämlich der Fraktion. Auch wenn Diskussionen davor stattfinden, der einzelne Abgeordnete fügt sich, soweit er sich anders entscheiden möchte, letztlich dem Willen der Fraktion. 

Abweichler diszipliniert man mit dem Wink, dass ihre Wiederwahl von der Partei nicht mehr unterstützt werde, was ein sicherer Mandatsverlust bedeutet. Bei fortgesetztem Ungehorsam kann es auch zum Ausschluß aus der Fraktion und der Partei kommen.

Für Bürger mit gesundem Rechtsempfinden ist klar: Das Verbot des GG, wonach Abgeordnete »an Aufträge und Weisungen nicht gebunden« werden dürfen, ist mit dem Fraktionszwang nicht in Einklang zu bringen. Manche Staatsrechtler sehen das freilich anders. Prof. Dr. Josef Isensee z.B. hält den Vätern des GG sogar vor, für »Missverständnisse« gesorgt zu haben. Isensee sieht es allen Ernstes vom GG gedeckt (wo bitte), wenn ein Fraktionsvorsitzender vor einer Abstimmung im Bundestag seinen Fraktionsmitgliedern vorgibt, ob eine Gewissensentscheidung vorliege oder nicht.  Nur im Gewissensfalle ist dann ein persönliches Abstimmungsverhalten erlaubt. Sind nicht alle Abstimmungen von den »Vertretern des ganzen Volkes« Gewissensentscheidungen? Ein Abgeordneter sei kein »ethischer Autist«, so Isensee. Vielmehr existiere neben dem Privatgewissen auch ein »Amtsgewissen« des »Kollegialorgans« (Faktion). Im GG finden sich nicht die geringsten Spuren für diese Interpretation, im Gegenteil. Artikel 21 beschränkt die Macht der Parteien und damit der Fraktionen: Sie dürfen »bei der politischen Willensbildung des Volkes« ausdrücklich nur »mitwirken«. Der Fraktionszwang verstößt daher unzweifelhaft gegen Buchstaben und Geist des GG. Ihn als Fraktionskonsens auszulegen, verharmlost den Verfassungsverstoß und kommt einer Kesselflickerei am GG gleich. Kollege Isensee sollte bei Moralphilosophen bei Gelegenheit anfragen, ob es ein Gewissen extra personam geben kann. 

Schon andere unangenehme Vorschriften des GG hat man der Parlamentswirklichkeit geopfert, so die Artikel 115 und 146. Eine erwünschte Fortschreibung des GG zu einer bürgergesellschaftlichen Verfassung mit mehr direkter Demokratie (vgl. Kapitel 9 des Buches ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹) stellt die verfassungsrechtlichen Basisnormen nicht infrage. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com


26. Mai 2007

Richterbund bestätigt WALTHARI-Vorschlag

Auf seiner Bundesdelegiertenversammlung in Potsdam bestätigte der Deutsche Richterbund am 22. Mai 2007 das Kooptationskonzept, das in dem Buch ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹ (vgl. oben) und in mehreren WALTHARI-Beiträgen der vergangenen Jahre vorgeschlagen wird. Der Justiz sei schon bei der Richterernennung eine unabhängige Stellung einzuräumen, indem ihr in den Richterwahlausschüssen mehr Einfluß eingeräumt werden müsse. Demgegenüber schränke die Exekutive (d.h. der Parteienstaat) die richterliche Unabhängigkeit zunehmend ein. Unter Vorsitz des jeweiligen Parlamentspräsidenten (also der Legislative) sollten die Ausschüsse die Richter auswählen und befördern. Das ist eine scharfe Kritik an der vorherrschenden Parteienpraxis. 
© WALTHARI® – Aus: www.walthari.com

 



 

Erich Dauenhauer
 
 
 
 

Das veruntreute Land 
Wohin driftet Deutschland?
 
 
 
 

2. Auflage
1998
 
 
 
 
 

WALTHARI

Aus dem Inhalt
  • Amerikanisierung: Importierte Lebens-und Medienstile
  • Anglifizierung: Sprachfalle
  • Ausländer: Angst vor Überfremdung oder Ausländerfeindlichkeit?
  • Bekanntmachungsrituale: Alle mal herhören!
  • Bildungsreformen: Pädagogische Wendehälse
  • Bürgersouveränität: Eingeschränkte Mündigkeit
  • Bürgerhinrichtung: Wie man schlichte Bürger medienöffentlich hinrichtet
  • Events: Städtische Genußparadiese
  • Gemeinde: Schröpfgebühren der Gemeinden
  • Geschichtsverengung: Fixierung auf das schwärzeste deutsche Geschichtsloch
  • Gurus: Deutschland im Zerrspiegel ausländischer Scheltgurus
  • Interessensverleugnung: Rückwärts im gebückten Gang
  • Nationalstolz: Dürfen Deutsche patriotisch sein?
  • Quotengequengel: Gleichheit kontra Qualität

  •  

170 Seiten, Fadenbindung, flexibler Einband  /  Direktpreis: 8,- Euro zzgl. Versandkosten

Link zur Leseprobe:  aus Kapitel  Interessensverleugnung... 


Leseprobe
BWH 25 Das veruntreute Land

INTERESSENSVERLEUGNUNG

Rückwärts im gebückten Gang
Im Ausland reibt man sich seit Jahrzehnten vor Verwunderung die Augen: Wenn auf internationalen Tagungen oder in Gremien deutsche Interessen einmal hart zu vertreten wären, kuschen die Vertreter vom Rhein und von der Spree. Ich selber habe diese unbegreifliche Interessensverleugnung während einer Tagung des Europarats in Stockholm erleben müssen. Als die Konferenzsprache Deutsch, entgegen dem Einladungsausdruck, kurzerhand gestrichen werden sollte, protestierten nur der schweizerische und der österreichische Delegationsleiter; der in Nickdiplomatie geübte Herr aus Bonn freute sich zwar später über den Erfolg der alpenländischen Sprachgenossen, beteiligte sich aber nicht am Protest.
Die Fälle deutschen Nachgebens und Opferns eigener Interessen begleiten das offizielle Auftreten seit mehr als fünfzig Jahren. Als 1997 die Bundesregierung endlich den Mut fand, die eigenen, weit überhöhten EU-Beiträge infrage zu stellen, fiel ihr die deutsche Kommissarin in Brüssel in den Rücken. Während französische, englische, dänische u.a. Vertreter bei internationalen Organisationen immer auch (wenn nicht gar nur) die Anliegen ihres Herkunftslandes im Auge behalten, wandeln sich Deutsche flugs in Internationalisten um, die sich als Musterknaben des sozialen Weltgewissens gebärden. Man schaue sich die Bilanz des »ewigen« Nachgebers Deutschland an: Obschon er meist der Hauptzahler ist, hat er am wenigsten zu sagen, denn er verzichtet aus gelernter Selbstverleugnung auf eine angemessene Personalbeteiligung (so bei der UN und der EU) und auf eine nationale Ortspräsenz (Beispiel: Arte).
Im westlichen Ausland kursiert eine seltsame Verschwörungstheorie. Weil sichtlich nicht zu begreifen ist, warum deutsche Vertreter so wenig für die Interessen ihres eigenen Landes eintreten, vermutet man allen Ernstes eine große, wenn auch noch unbekannte Falle, in die Deutschland seine Partner locken will. Jüngstes Indiz: Die Bundesregierung betreibt eine deutsch-französische Hochschule mit Sitz in Weimar, deren Errichtung die Franzosen auch dann nur widerstrebend und ganz allgemein (also nicht für Weimar) zustimmten, als die Deutschen ihren Geldbeutel weit öffneten.
Unsere ausländischen Partner dürfen wir trösten: Nicht irgendwelche Verschwörungsgedanken treiben unsere offiziellen Außenvertreter an, sie werden vielmehr von einem ewig schlechten Nationalgewissen und von einem untadelig reinen Welt(verbesserungs)gewissen begleitet. Deutschen Vertretern im Ausland hat man zuhause offenbar eingehämmert, bei allen Entscheidungen zuerst an die Hitlergreuel, dann an den guten Zahlerruf und erst an dritter Stelle an berechtigte Landesinteressen zu denken. Der ehemalige britische Außenminister Hurt dachte halt noch zu kolonialistisch, als er 1993 sagte: »Die britische Außenpolitik hat die Aufgabe, britische Interessen zu schützen und zu fördern. Trotz des Wandels in der Welt hat sich an dieser grundlegenden Wahrheit nichts geändert. Die Frage, was das britische Interesse ist, muß in jeder Generation neu beantwortet werden.«

 MULTIKULTIS

Auf Sand gebaut
Eine Illusion geht um in Deutschland, von Friedensromantikern aller Schattierung in die Welt gesetzt und von den Medien mit kräftigen Resonanztönen begleitet. Die Illusion lautet: Je mehr eine Gesellschaft multikulturell, d.h. religiös, ethnisch usw. durchmischt werde, umso friedfertiger würden die Menschen. Ein Blick in die Geschichte und auf die Gegenwart belegt den grausamen Irrtum. An aberhundert Fällen läßt sich ablesen, daß multikulturelle Gesellschaftsformationen ein Doppelgesicht haben: Solange die verschiedenen Gruppen einander Nutzen stiften können, blüht die Gesellschaft insgesamt auf. Sobald aber Mängel zu verwalten sind, setzt ein Teufelskreis gegenseitiger Verdächtigungen und Schuldzuweisungen ein, der sich regelmäßig in Gewaltaktionen entlädt. Ob auf dem Balkan oder am Ural, ob in Afrika oder in Asien - seit Jahrhunderten fließt Blut aus den aufgebrochenen Wunden multikultureller Sozietäten. Das ist mehr als nur zu bedauern, ändert aber nichts an den Tatsachen, vor denen bisher alle Hoffnungen und Toleranzanstrengungen im Wind der Aggression zerstoben.
Als ich im Frühjahr 1998 in Südostasien weilte, fand gerade eine Hexenjagd auf die chinesischen Minderheiten statt, die in zahlreichen Ländern der Region das wirtschaftliche Rückrad bilden. Die Asienkrise hat meine These vom Doppelgesicht des Multikulturalismus1)  erneut bestätigt. Radikale Moslemführer riefen die chinesisch-stämmigen Geschäftsleute zu Sündenböcken aus, woraufhin Plünderungen stattfanden, so daß allen Ernstes eine rotchinesische Militäraktion angedroht wurde, um den in Not geratenen »Landsleuten« beizustehen. Aus der europäischen Geschichte kennen wir das Schicksal von Minderheiten in Krisenzeiten nur allzu gut. Wenn Hungersnöte oder Seuchen ausbrachen, machte man kurzerhand die Juden dafür verantwortlich. Allein schon deren Schicksal über zwei Jahrtausende sollte vor aller multikulturellen Euphorie warnen. Da die Epochen der Prosperität in der Geschichte meist kürzer waren als die Mangelphasen, hatten Idyllen der allseitigen Toleranz selten langen Bestand. Das gilt nicht weniger für die gerne angeführten Musterfälle Cordoba (während der arabischen Herrschaft) und Balkan (während der osmanischen Herrschaft). Selbst die Schweiz macht davon keine Ausnahme: zwar schlagen die vier Volksgruppen nicht aufeinander ein, aber seit der Wohlstandsanstieg abgebremst wurde, nehmen die innerschweizerischen Spannungen spürbar zu.
Auch andere Rechtfertigungsversuche können die Gefahren, die von einem ungebremsten Multikulturalismus ausgehen, nicht aus der Welt schaffen. Darauf verwies ich schon vor Jahren:2)  »Das häufige, ja fast regelmäßige Mißlingen multikultureller Lebensformen ist ein Skandal, den die Geschichte und das ausgehende 20. Jahrhundert drastisch inszenieren.3)  Unter der Wucht dieser weltweit blutigen Dauer-Realität drohen moralische und ästhetische Fundamente zu bersten, auf denen unser abendländisches Humanitätsgebäude errichtet wurde. Den Verteidigern des positivistischen aufklärerischen Glaubenssatzes, wonach die Konfliktträchtigkeit einer Gesellschaft mit fortschreitender Multikulturalität an Boden verlöre, schlägt die schlechte Wirklichkeit jedes ihrer Argumente gnadenlos aus der Hand. Internationale Besetzungen von Wissenschaftsgremien, Sportmannschaften, Orchestern usw., die gerne als gelungene Gegenbeispiele angeführt werden, können aus zwei Gründen nicht als Vorbilder für multikulturelle Alltagsmuster gelten: Jeweils handelt es sich um Elitegemeinschaften, bei denen die fachliche Kompetenz den sozialen Umgang bestimmt; und zweitens stehen sie unter höchstem Regeldruck, der zwischenmenschliche Spannungen im Zaume hält. Der Taktstock des Dirigenten und die strengen Regelvorgaben einer Partitur ebnen alle herkunftskulturellen Unterschiede von Orchestermitgliedern ein, es zählt allein die formstrenge Leistung, nicht die ethnische Herkunft (man denke an japanische Geiger oder englische Posaunisten in deutschen Orchestern). Auch die Sportwelt gaukelt Problemlosigkeit in dieser Frage vor: Das zeitlich begrenzte Zusammenwirken (etwa beim Eishockey) von Spielern aus aller Welt steht unter einem strengen Regelwerk und unter Erfolgszwang. Leistungen auf hohem und höchstem Niveau lassen Kultur, Religion, Hautfarbe usw. völlig in den Hintergrund treten. Was in den Leistungsgemeinschaften von Eliten gelingt, taugt nicht zum alltäglichen Lebensmuster in Indien, auf Sri Lanka, in Los Angeles, Berlin oder in Rio de Janeiro. Die blutige, menschenverachtende Wirklichkeit beweist es täglich.«
1)  Ausführlich begründe ich sie in meinem Beitrag: Wirtschaftlicher Universalismus und literarische Toleranzutopien. Kultur-ökonomische Aspekte der Multi- und Interkulturalität, in: Dauenhauer, E. (Hrsg.): Kultur- und Kunstökonomie, Heft II, Landau 1993, S. 43 ff.
2)  A.a.O., S. 43 ff. und in: WALTHARI, Heft 28/1997, S. 19 ff.
3)  Ermacora, F. u. Pan, Chr.: Grundrechte der europäischen Volksgruppen, Wien 1993.
Copyright by WALTHARI® 



 
Sonderdruck 2008

  www.walthari.com 
 
»Das Elsaß ist wie ein zerbrochener Spiegel.«
    Redewendung unter Elsässern

22 Seiten,  flexibler Einband  /  Direktpreis: 5,- Euro  zzgl. Versandkosten

 

Leseprobe

Über den Verlust einer jahrhundertealten Kultur und ihres kollektiven Gedächtnisses

Untergang einer regionalen Primärkultur. Der hochdramatische Vorgang hat sich leise aus dem alltäglichen Leben in die dunkle Geschichte geschlichen. Unwiderruflich. Eine Region deutsch-alemannischen Ursprungs kappt gerade ihre letzten Wurzeln und schmückt ihr teils aufgezwungenes, teils freiwillig angenommenes Doppelgesicht gänzlich gallisch ein. Noch vor zwanzig Jahren konnte jeder Dorfbub im Elsaß dem Fremden auf alemannisch Auskunft geben. Seit der Jahrtausendwende liegt auch die letzte Grabplatte bereit: zur Eindeckelung des elsässischen Dialekts, der als kulturelle Schatzkammer die lange Geschichte der Region aufbewahrte und wachhielt. Mit dem Verlust einer Sprache geht bekanntlich eine ganze Kultur unter. Das einfranzösisierte Elsaß hat keinen originären Zugang mehr z.B. zu seinen großen Humanisten (Jacob Wimpfeling u.a.). Es war ihm mehr als einmal sogar verboten, sich seiner deutschen Vergangenheit zu erinnern. Nun bedarf es keiner Verbote mehr. Die kulturelle Abkoppelung ist endgültig geschafft und macht staatsoffizielle Nachhilfe überflüssig.
Copyright by WALTHARI®. Aus: www.walthari.com 


Sonderdruck 2010


  www.walthari.com 
 
    Aus dem Inhalt

      1. ...
      2. Historische Schlüsseldaten
      3. Dramatischer Mentalitätswechsel und Sprachverlust
      4. Über den Einstigen Deutsch-Lothringer
      5. Im Lothringer Zipfel
      6. So nach – so fern
      7. Vergessene Lothringische Volkslieder
      8. Verblasste Residenzpracht an der Moselschleife
      9. Diedenhofen (Thionville)
    10. Benachteiligtes Lothringen
    11. Zweierlei Geschichtsschreibung
    12. Gorze
    13. Metz


28 Seiten,  flexibler Einband  /   Direktpreis: 5,- Euro zzgl. Versandkosten

Leseprobe


WALHARI-LÄNDER

Das Sonderheft faßt die beiden Teile des Reiseberichts zusammen, die in den WALTHARI-Heften 52 und 53 erschienen sind. Erklärungsbedürftig ist die Bezeichnung ›Walthari-Land‹. Das  fränkische Epos ›Waltharii poiesis‹, das wohl im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts im Benediktinerkloster zu Weißenburg/Elsaß niedergeschrieben wurde (ausführlich besprochen in mehreren WALTHARI-Heften), bezieht sich auf folgende Städte, Landschaften, Flüsse und Länder: 

Aquitanien (Vers 77 u.a.)
Burgund (Vers 34 u.a.)
Châlon (Vers 53) 
der Rhein (Vers 432) 
der Wasgenwald (Vers 490 u.a.)
die Donau (Vers 19)
Franken (Vers 87 u.a.)
Griechenland (Vers 729)
Irland (Vers 1132) 
Italien (Vers 1135)
Metz (Vers 644 u.a.) 
Pannonien (Vers 59 u.a.)
Sachsen (Vers 756 u.a.)
Speyer (Vers 1011)
Straßburg (Vers 1010)
Thule (Vers 1131) 
Troja (Vers 28)
Umbrien (Vers 1340)
Worms (Vers 87 u.a.).

Rund die Hälfte dieser geographischen Bezugspunkte waren bereits Gegenstand einer Reisebeschreibung in der Heftreihe. Mit Lothringen (Metz) kommt ein weiteres ›Walthari-Land‹ hinzu. Es ist nicht mein Ehrgeiz, über alle geographischen Bezugspunkte im Walthari-Epos Reiseberichte anzufertigen, doch wenn sich die Gelegenheit bietet, will ich den europaweiten Eposraum (Ceylon wird vom Dichter lediglich als symbolisch-rhetorische Formel gebraucht) weiter bereisen und beschreiben. 

Münchweiler, im Dezember 2009
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer 
Copyright by WALTHARI®. Aus: www.walthari.com