Walthari
 

Literaturbesprechungen


 
7. November 2017
                                   
Defoe, Daniel:: Kurze Geschichte der pfälzischen Flüchtlinge.
Mit einem Vorwort von John Robert Moore.
Aus dem Englischen von Heide Lipecky,
Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2017,
86 Seiten, 8,- Euro ISBN 978-3-423-14591-6
 
Der berühmte Daniel Defoe (1660-1731) veröffentlichte im Jahre 1709 einen erschütternden Bericht über das Elend pfälzischer Flüchtlinge nach England. Zehntausende flohen aus ihrer Heimat, um Armut und religiösen, militärischen (durch französische Truppen)  Verfolgungen zu entgehen. Sie kamen vom Regen in die Traufe, sahen sich Hetzkampagnen und Ausgrenzungen ausgesetzt. Die sozialkritische Ader Defoes ließ ihn Statistiken studieren und Gespräche mit Betroffenen führen, ehe er an die Öffentlichkeit trat. Als Pfälzer bin ich natürlich von dem Bericht fasziniert, wobei der Leser sich vorweg mit dem umfangreichen Vorwort von John Robert Moore beschäftigen sollte. Die »poor Palatines« wurden zum Übertritt in den anglikanischen Glauben angehalten oder zur Rückkehr aufgefordert, obschon man sie auf die Insel und nach Amerika (damals noch englische Kolonie) gelockt hatte. Dabei hieß sie die englische Regierung willkommen. Defoe hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die Einwanderer, wohl auch aus eigener familiärer Erfahrung (sein Vater kam aus Norddeutschland). In dem Verteidigungstext tauchen alle Argumente eines Für und Wider auf, die auch heute vorgetragen werden: Nächstenliebe, Arbeitskonkurrenz usw. Nach Defoe sollte es eine Ehre sein und »zum Ruhm der Nation« gereichen, die fleißigen Neuankömmlinge aufzunehmen. Die »weisesten und überaus staatsklugen Fürsten« erachteten es zu ihrem »Vorteil wie auch für ihre Ehre«.., »solch fleißigen Fremden, welche die Bedrückung in Gewissensdingen oder anderes aus ihrer Heimat vertrieben hatte, Ermutigung und Anreiz zu geben, ihren Lebensunterhalt anderswo zu suchen«. Für Defoe ist es eine »anerkannte Pflichtmaxime«, »daß Scharen von Menschen Macht und Reichtum einer Nation sind« (27). Das trifft natürlich in der heutigen Zeit nicht mehr zu. Wohlfahrtsstaatliche Überlastungen, erdrückende Bevölkerungsdichte usw. kannte man damals nicht (41 ff.).
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 






3. Oktober 2017

                                   
Morich, A. (Hrsg.): Kosmischer Tanz, Eranos 2015 und 2016,
Schwabe Verlag, Basel 2017, 262 Seiten, 38,- Euro
ISBN 978-3-7965-3697-7
 
Vom hastigen Zeitgeist überwältigte Leser werden mit diesem Sammelband entweder wenig anfangen können oder befreiend lesen. Ein Dazwischen gibst es nicht, weil eine Urform menschlichen Ausdrucks zur Sprache kommt, die letztlich die Vernunft überschreitet. Genau darin sieht Eranos, gegründet 1933, seine Aufgabe: im Dialog der Kulturen und Wissenschaften rein rational nicht erschöpfend erfaßbare Tiefenschichten im Menschen, in der gesamten Natur und im Kosmos zum Vorschein zu bringen oder zumindest ahnen zu lassen. Der vorliegende Tagungsband bietet dazu acht Referate über den Tanz in verschiedenen Kulturen (Indien, Japan, Nepal, Altägypten, Islam und Christentum), dazu eine Interpretation der Himmelsscheibe von Nebra und des Bienentanzes. Ich beginne mit dem Beitrag von Karsten Massei (›Geistige Geheimnisse der Bienen‹), weil ich als ehemaliger Imker zu diesem Thema auf eigene Erfahrungen zurückgreifen kann. Massei beginnt mit dem Motto ›Alles spricht‹ und will damit sagen, daß die Ausdrucksvielfalt der gesamten Natur gedeutet werden kann, was bekanntlich ein komplexer erkenntnistheoretischer Akt ist, der im Essentialismus nicht aufgehen darf. Leichter werden Deutungen in der lebendigen Natur und noch leichter bei Tieren und Menschen anhand ihrer Gesten. Der Autor demonstriert den Sachverhalt am Bienenvolk, dessen Systemverhalten gut erforscht ist. Wer je die Schwänzeltänze für die Kompaß- und Trachtinformation armnah beobachtet hat, staunte und staunte. Aber dieses Naturphänomen gleicht den Abermillionen anderer ›Naturwundern‹ und avancierte seit der Antike zum Kultbeispiel, weil man Insekten spezifische Kommunikationsfähigkeiten nicht zutraute. Von »geistigen Geheimnissen« ließe sich allenfalls im Quantensinne sprechen, den der Autor nicht anspricht.
 
Die anderen Beiträge sind weniger deutungsüberschüssig, weil sie meist im Weltanschaulichen verharren und den naturwissenschaftlichen Faktenbindungen (wie bei den Bienen) nicht unterworfen sind. Ob Shiva-Tanz (Indien; der Rezensent war vor Ort), Butoh (Japan) Sakhela (Nepal), Sufi-Mystik (Islam) oder tanzender Christus (eine Metapher von der Spätantike bis in die beginnende Neuzeit) – stets geht es ums Transzendieren, wofür der Tanz ein probates Mittel ist. Im rituellen Tanz sucht der Leib von seiner Erdschwere abzuheben, um eine höhere Erlebnisebene zu erreichen, die der Ratio verschlossen ist. Der Schwerpunkttext im Band ist zweifellos der Beitrag von Martin Leutzsch (›Christus als Tänzer‹). Großartig. Ein Schock für geschichtsvergessene Dauertrauernde im Büßergewande.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com




5. Juli 2017
 
Edith Stein Jahrbuch, Band 23/2017,
herausgegeben im Auftrag des Teresianischen Karmel in Deutschland und Österreich
(Unbeschuhte Karmeliten), Schriftleitung: Dr. Ulrich Dobbhan,

Echter Verlag, Würzburg 2017, ISBN 978-3-429-4343-8,
208 Seiten, 19,80 Euro
 
In ein Edith Stein Jahrbuch einzutauchen kommt dem Eintritt in ein weltabgewandtes Terrain gleich. Der Binnenblick läßt fast alles, was die Moderne und Postmoderne ausmacht, Wirtschaft, Technik, Politik, Medien- und Netzkosmos in aktuellen Gewändern, hinter sich. Er richtet sich wie unter einer Zentralperspektive auf die Gestalt, auf die Schriften, auf das Umfeld und auf die Nachwirkungen der Märtyrerin, Heiligen und Europa-Patronin, deren intellektuelles spirituelles und schicksalsgeprägtes Format magisch anzieht. Es gibt eine Edith-Stein-Gesellschaft in Speyer, die alle Aktivitäten sammelt und in jedem Jahr auflistet (hier 190 ff.). Damit beginne ich auch bei dieser Ausgabe die Lektüre, die neben den neuen Biographien ein gutes Bild über die Lebendigkeit der ES-Gemeinde vermittelt. Der Sammelband beginnt mit zwei Beiträgen unter ›Aktualität‹, es folgen drei Beiträge unter ›Biographie‹, zwei Texte unter ›Philosophie‹ und drei Abhandlungen unter ›Spiritualität‹. die Benediktinerin Beate Gutjahr vergleicht die Karmeliterin (1891-1942) mit der Benediktinerin und Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen (1098-1179), was allein schon dem Titel nach viel über das Gewicht der Konvertitin Stein aussagt. Beide Heilige, so Gutjahr, lagen im Vorauswissen Gottes und waren tief vom Heiligen Geist erfaßt, bei Hildegard schon als Kind, bei der Philosophin mit ihrer Konversion. Gutjahrs Darstellung kann man selber als kontemplativen Text lesen, gleiten doch die reflexiven Passagen immer wieder in Betrachtungen und Anbetungen über. Allzu moralisch und undifferenziert fällt der abgedruckte Predigttext von Erzbischof Heiner Koch (Berlin) aus (besonders S. 169), Nicht »alles Große wächst im Teilen«, Das gilt eher fürs Herstellen, das allem Teilen vorausgehen muß und an das sich die Berufsverteiler meist nicht beteiligen. Die komplizierte Lebenspragmatik, auf die auch Stein verweist (70), ist mit Moral allein nicht angemessen zu gestalten. Der Schlüsselsatz im Harmonie-Aufsatz von Elisabeth Maier lautet wohl: »In der Familie Stein wurde viel gelesen und das Theater besucht« (19). Edith suchte in der Kunst und Literatur Schönheit und Harmonie, womit sie schon zu ihren Lebzeiten bei der zeitgenössischen Malerei und bildenden Kunst hätte lange suchen müssen. Bei Picasso und den Zwölftonmusikern wäre sie nach ihrem Schönheitsempfinden sicherlich nicht glücklich gewesen. Nach Harald Müller-Baussmann waren für Stein die acht Jahre als Lehrerin im Kloster St. Magdalena »unverzichtbar gewesen« (70). Dann hätte der Leser auch gerne Näheres gewußt, warum. Lebensgeschichtlich bleiben diese Jahre blaß, ja fast eine Leerstelle. Liegen dazu keine Informationen vor? Hat der Ort in Domnähe, der von Beckmann-Zoller als »geistlich dichten Ort« bezeichnet wird (103), keine Spuren hinterlassen?
 
Die beiden Schwergewichte im Jahrbuch sind zweifellos die Beiträge über die ›Vermittlung von thomasischer und phänomenologischer Philosophie‹ (Beate Beckmann-Zoller) und ›Vom Nihilismus zur Seinsbejahung‹ (Tammo Mintken). Da war (ist) die Philosophin in ihrem Element, sie vermittelt zwischen Theologie und Philosophie und analysiert Heidegger von ihrer spirituellen Grundeinstellung her. Meine kritischen Eingangsbemerkungen finde ich bei Stein bestätigt (vgl. 70).
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com