Walthari
 

Literaturbesprechungen


 
3. Oktober 2017
                                   
Morich, A. (Hrsg.): Kosmischer Tanz, Eranos 2015 und 2016,
Schwabe Verlag, Basel 2017, 262 Seiten, 38,- Euro
ISBN 978-3-7965-3697-7
 
Vom hastigen Zeitgeist überwältigte Leser werden mit diesem Sammelband entweder wenig anfangen können oder befreiend lesen. Ein Dazwischen gibst es nicht, weil eine Urform menschlichen Ausdrucks zur Sprache kommt, die letztlich die Vernunft überschreitet. Genau darin sieht Eranos, gegründet 1933, seine Aufgabe: im Dialog der Kulturen und Wissenschaften rein rational nicht erschöpfend erfaßbare Tiefenschichten im Menschen, in der gesamten Natur und im Kosmos zum Vorschein zu bringen oder zumindest ahnen zu lassen. Der vorliegende Tagungsband bietet dazu acht Referate über den Tanz in verschiedenen Kulturen (Indien, Japan, Nepal, Altägypten, Islam und Christentum), dazu eine Interpretation der Himmelsscheibe von Nebra und des Bienentanzes. Ich beginne mit dem Beitrag von Karsten Massei (›Geistige Geheimnisse der Bienen‹), weil ich als ehemaliger Imker zu diesem Thema auf eigene Erfahrungen zurückgreifen kann. Massei beginnt mit dem Motto ›Alles spricht‹ und will damit sagen, daß die Ausdrucksvielfalt der gesamten Natur gedeutet werden kann, was bekanntlich ein komplexer erkenntnistheoretischer Akt ist, der im Essentialismus nicht aufgehen darf. Leichter werden Deutungen in der lebendigen Natur und noch leichter bei Tieren und Menschen anhand ihrer Gesten. Der Autor demonstriert den Sachverhalt am Bienenvolk, dessen Systemverhalten gut erforscht ist. Wer je die Schwänzeltänze für die Kompaß- und Trachtinformation armnah beobachtet hat, staunte und staunte. Aber dieses Naturphänomen gleicht den Abermillionen anderer ›Naturwundern‹ und avancierte seit der Antike zum Kultbeispiel, weil man Insekten spezifische Kommunikationsfähigkeiten nicht zutraute. Von »geistigen Geheimnissen« ließe sich allenfalls im Quantensinne sprechen, den der Autor nicht anspricht.
 
Die anderen Beiträge sind weniger deutungsüberschüssig, weil sie meist im Weltanschaulichen verharren und den naturwissenschaftlichen Faktenbindungen (wie bei den Bienen) nicht unterworfen sind. Ob Shiva-Tanz (Indien; der Rezensent war vor Ort), Butoh (Japan) Sakhela (Nepal), Sufi-Mystik (Islam) oder tanzender Christus (eine Metapher von der Spätantike bis in die beginnende Neuzeit) – stets geht es ums Transzendieren, wofür der Tanz ein probates Mittel ist. Im rituellen Tanz sucht der Leib von seiner Erdschwere abzuheben, um eine höhere Erlebnisebene zu erreichen, die der Ratio verschlossen ist. Der Schwerpunkttext im Band ist zweifellos der Beitrag von Martin Leutzsch (›Christus als Tänzer‹). Großartig. Ein Schock für geschichtsvergessene Dauertrauernde im Büßergewande.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com







27 Juli 2017

                                   
Nehamas, Alexander: Über Freundschaft
Aus dem Englischen von Elisabeth Liebl,

Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017, 287 Seiten, 22,- Euro
ISBN 978-3-423-28123-2
 
Der in Athen geborene Autor hat an der Princeton University eine Professur für Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft inne, was ihn dreifach dazu befähigt, über das Thema zu schreiben. Die sechs Kapitel werden in zwei Teile eingerückt, die keine Überschriften tragen und daher den Leser im Unklaren darüber lassen, worin sie sich unterscheiden. Auf der letzten Seite der Einführung (15) werden Gründe genannt, die aber in beiden Teilen vorkommen und sich daher als untaugliche Unterschiedskriterien erweisen. Sie sechs Kapitel lauten:
1.       »Ein Freund ist ein anderes Selbst« - die aristotelischen Grundlagen
2.       »Kein anderes Vorbild als sich selbst» - die Herausbildung der modernen Freundschaft
3.       Eine Grundstruktur der Seele – Freundschaft und die Künste
4.       »Und so weiter« oder Warum wir unsere Freunde lieben
5.       »Ohne eine Andeutung von Humor« - eine Freundschaft zerbricht
6.       Das hohe Gut der Freundschaft.
 
Mit Blick auf das Herkommen und den Beruf des Autors verwundert es nicht, daß die altgriechische Perspektive im 1. Kapitel vorherrscht. Mit Aristoteles wird zwischen mehreren Freundschaftsarten unterschieden, worüber die Tugend-Philia den ersten Platz einnimmt. Nehamas hat den angelsächsischen Erzählstil angenommen: mit Fallbeispielen, alltagsnaher Sprache usw. Waren noch in der Antike die Tugenden objektive Vorbildgrößen, die anzueignen die Pflicht der Edlen war, so ändert sich die Sicht mit der Neuzeit radikal. So bei Montaigne: Kein anderes Vorbild als man selbst (53). Freundschaft wurde zu einer privaten Beziehung (55). Dadurch entsteht ein Bruch zwischen Privatheit und Öffentlichkeit sowie zwischen Werten (Moral) und der persönlichen Zuneigung. Mit dem Universalismus der Aufklärung (generelle Menschenwürde) gerät die Freundschaft in Differenzverdacht. Der Autor setzt Freundschaft mit den Künsten in Beziehung (Kapitel 3). Sie ist in der Tat unter Literaten und Künstlern von eigener, intensiver Art. Dafür bringt Nehamas bekannte Beispiele. An den weiteren Kapiteln werden Freundschaftskriterien erörtert, unter denen Offenheit, Humor und Distanz hervorstechen. Ja, auch Distanz, um den Freund nicht zu erdrücken.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



5. Juli 2017
 
Edith Stein Jahrbuch, Band 23/2017,
herausgegeben im Auftrag des Teresianischen Karmel in Deutschland und Österreich
(Unbeschuhte Karmeliten), Schriftleitung: Dr. Ulrich Dobbhan,

Echter Verlag, Würzburg 2017, ISBN 978-3-429-4343-8,
208 Seiten, 19,80 Euro
 
In ein Edith Stein Jahrbuch einzutauchen kommt dem Eintritt in ein weltabgewandtes Terrain gleich. Der Binnenblick läßt fast alles, was die Moderne und Postmoderne ausmacht, Wirtschaft, Technik, Politik, Medien- und Netzkosmos in aktuellen Gewändern, hinter sich. Er richtet sich wie unter einer Zentralperspektive auf die Gestalt, auf die Schriften, auf das Umfeld und auf die Nachwirkungen der Märtyrerin, Heiligen und Europa-Patronin, deren intellektuelles spirituelles und schicksalsgeprägtes Format magisch anzieht. Es gibt eine Edith-Stein-Gesellschaft in Speyer, die alle Aktivitäten sammelt und in jedem Jahr auflistet (hier 190 ff.). Damit beginne ich auch bei dieser Ausgabe die Lektüre, die neben den neuen Biographien ein gutes Bild über die Lebendigkeit der ES-Gemeinde vermittelt. Der Sammelband beginnt mit zwei Beiträgen unter ›Aktualität‹, es folgen drei Beiträge unter ›Biographie‹, zwei Texte unter ›Philosophie‹ und drei Abhandlungen unter ›Spiritualität‹. die Benediktinerin Beate Gutjahr vergleicht die Karmeliterin (1891-1942) mit der Benediktinerin und Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen (1098-1179), was allein schon dem Titel nach viel über das Gewicht der Konvertitin Stein aussagt. Beide Heilige, so Gutjahr, lagen im Vorauswissen Gottes und waren tief vom Heiligen Geist erfaßt, bei Hildegard schon als Kind, bei der Philosophin mit ihrer Konversion. Gutjahrs Darstellung kann man selber als kontemplativen Text lesen, gleiten doch die reflexiven Passagen immer wieder in Betrachtungen und Anbetungen über. Allzu moralisch und undifferenziert fällt der abgedruckte Predigttext von Erzbischof Heiner Koch (Berlin) aus (besonders S. 169), Nicht »alles Große wächst im Teilen«, Das gilt eher fürs Herstellen, das allem Teilen vorausgehen muß und an das sich die Berufsverteiler meist nicht beteiligen. Die komplizierte Lebenspragmatik, auf die auch Stein verweist (70), ist mit Moral allein nicht angemessen zu gestalten. Der Schlüsselsatz im Harmonie-Aufsatz von Elisabeth Maier lautet wohl: »In der Familie Stein wurde viel gelesen und das Theater besucht« (19). Edith suchte in der Kunst und Literatur Schönheit und Harmonie, womit sie schon zu ihren Lebzeiten bei der zeitgenössischen Malerei und bildenden Kunst hätte lange suchen müssen. Bei Picasso und den Zwölftonmusikern wäre sie nach ihrem Schönheitsempfinden sicherlich nicht glücklich gewesen. Nach Harald Müller-Baussmann waren für Stein die acht Jahre als Lehrerin im Kloster St. Magdalena »unverzichtbar gewesen« (70). Dann hätte der Leser auch gerne Näheres gewußt, warum. Lebensgeschichtlich bleiben diese Jahre blaß, ja fast eine Leerstelle. Liegen dazu keine Informationen vor? Hat der Ort in Domnähe, der von Beckmann-Zoller als »geistlich dichten Ort« bezeichnet wird (103), keine Spuren hinterlassen?
 
Die beiden Schwergewichte im Jahrbuch sind zweifellos die Beiträge über die ›Vermittlung von thomasischer und phänomenologischer Philosophie‹ (Beate Beckmann-Zoller) und ›Vom Nihilismus zur Seinsbejahung‹ (Tammo Mintken). Da war (ist) die Philosophin in ihrem Element, sie vermittelt zwischen Theologie und Philosophie und analysiert Heidegger von ihrer spirituellen Grundeinstellung her. Meine kritischen Eingangsbemerkungen finde ich bei Stein bestätigt (vgl. 70).
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: https://www.walthari.com