Walthari



 
 


Aktuelle Texte



12. Oktober 2016
 
Stilistik frißt Recht und Moral
 
Kunstvolle Form ist verführerisch. Sie macht zuweilen blind gegenüber der Sache, selbst wenn die Form das Recht und die Moral verhöhnt. In Frankreich bewundert gerade die intellektuelle Szene die Liebesbriefe, die der ehemalige Staatspräsident Fr. Mitterand an seine Nebenfrau Anne zwischen 1964 und 1970 geschrieben hat. Der Sozialist und einstige Vichy-Getreue (Pétain verlieh ihm einen Orden, man darf sich ja wandeln) nahm sich ein Verhalten heraus, das sich sonst nur Diktatoren erlauben: Seiner Nebenfrau räumte er eine staatliche Dienstwohnung ein, wohin er sich unter strenger Geheimhaltung regelmäßig schlich, während er seine Ehefrau bei offiziellen Anlässen die Erste Dame spielen ließ. Als ein Literat das Doppelleben öffentlich machen wollte, wurde der Druckerei das Ende angedroht. Die Presse, in Frankreich ohnehin staatlich dotiert und damit abhängig, wurde abgehört. Diese Rechts- und Morallumperei zählt bei den Bewunderern wenig im Vergleich zu den Liebesbriefen und -gedichten.
Die Masche hat in Frankreich Tradition. Der rumänisch-französische Schriftsteller Émil Cioran (1911-1995) bewunderte Hitler und verstieg sich in schlimmsten Antisemitismus. Nach Cioran »sind alle Mittel gerechtfertigt, Terror, Mord, Bestialität und Heimtücke, wenn sie … den Aufstieg eines Volkes fördern«. Dann »sind es Tugenden. Alle Triumphe sind moralisch.« Weder diese Vernichtungsphantasien noch sein späterer tiefschwarzer Nihilismus hindert Intellektuelle (auch außerhalb Frankreichs) nicht daran, ihn als großen Stilist zu bewundern und seine Teufelsnatur kleinzureden oder zu unterschlagen, während deutsche Literaten und Philosophen, die nazi-affinen Versuchungen unterlagen, verteufelt werden. Mitterand führte ein paralleles, Cioran ein sukzessives Doppelleben und ihre Bewunderer ein moralisches.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
 



21. Juli 2016
 
Inzestuöser Literaturbetrieb
Von Erich Dauenhauer
 
Gelegentlich platzt einem Literaten, der noch auf Unabhängigkeit hält, der Kragen. Für seinen Protest zahlt er im Regelfall einen hohen Preis: ausgestoßen zu werden aus dem eingespielten Kartell aus Werbemanagern, Journalisten, Buchhandelsvertretern und Jurymitgliedern. Der Betrieb läuft wie geschmiert nach dem Einheitsgeschmack der wenigen Großfeuilletons. Wie bei der Kleidermode hat das Büchermachen eine Frühjahrs- und Herbstsaison unter dem Motto ›Deutschland sucht den Superstar‹.
 
Dem Österreicher Leopold Federmair, Schriftsteller und Hochschullehrer, ist mit diesem Hinweis der Kragen geplatzt. Er rechnete jüngst in der ›Neuen Zürcher Zeitung‹ mit dem Kartellbetrieb auf eine Weise ab, die ihm die Mainstreamer nicht verzeihen werden. Die Literaturszene hat sich in der Tat ritualisiert und damit auf Langeweile eingestellt: Vorlaufprogramme zweimal jährlich, zwei Buchmessen im Jahr, eingespielte Literaturpreise in Serie, Rankinggerangel – alles unter der ökonomischen Vorherrschaft, zu der auch Literaturkritiker beitragen. Die Geschmacksurteile würden »von den Rankings selbst geformt«. Dem »Baden im Einheitsbrei« verdanken wir, so Federmair weiter, »Romane… mit einer Automatik und sprachlichen Glätte«, die »reibungslos in den Betrieb passen«. Es sei «eine Mär«, daß deutschsprachige Literaten nicht so gut erzählen könnten wie angelsächsische Autoren. »Der Idealtypus des heutigen Mainstreams ist eine Art ›Thomas Mann light‹, wozu Federmair »die meisten Buchpreisträger der letzten Jahre« zählt. Preise seien, so der Tenor, weniger Qualitätsmerkmale als Mittel zur »medialen Aufmerksamkeit« und damit Umsatztreiber. Literarische Stipendiaten? Herauskomme »Stipendiatenprosa«. Kritik sei »sinnlos geworden«, weil »in dieser Kulturgesellschaft außer Anpassung nichts mehr möglich ist«. Was der österreichische Kollege beklagt, konnte man seit Jahrzehnten in der Literaturzeitschrift Walthari immer wieder lesen, ebenso im gleichnamigen Internetportal.
 
Das gut vernetzte Literaturkartell hat keinen Blick für den Reichtum außerhalb seines autistischen Betriebs. Zwischen der marksteuernden Literaturkritik, den Jurys, Verlagen, Werbemanagern und dem Buchhandelsmanagement geht es geistig inzestuös zu.
© Erich Dauenhauer, Romancier und Herausgeber der Literaturzeitschrift walthari®  - Aus: www.walthari.com
 


11. September 2015
 
Epochenwandel
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
 
Jetzt steht sie wirklich bevor, ja, sie überschreitet bereits leibhaftig die Türschwelle, während fast alle im Luxusschloß noch schlafen. Und bei vollen Bäuchen genußvoll träumen, als wäre die Zeit paradiesisch verewigt worden.
Wenig geübt im bösen Wachen, bemerken die Schläfer zu spät, wer…
Die politerfahrenen Eidgenossen sind dagegen hellwach: »Uneinigkeit ist das Programm, das heute die Schweiz kennzeichnet. Das sind keine heiteren Perspektiven für eine gedeihliche Zukunft. Wo sind die mahnenden Köpfe, die beherzt Gegensteuer geben?« (NZZ Nr. 175/2015, Seite 1).
Derweil blasen deutsche Meinungsführer chorharmonisch ins falsche Horn: Nicht mehr Religion und Politik, sondern Ökonomie und Wissenschaft trieben die Gesellschaften an. Wirklich? Wo doch weltweit einhundert Millionen Christen besonders in islamischen Staaten verfolgt werden und…
Deutsche gehen seit einhundert Jahren mit Schuldgefühlen sogar in ihren Urlaub, flüstern anglogallische Intellektuelle zufrieden. Beweis: ihre überschießende Empfangskultur. Zum Vergleich: Es hat 500 (fünfhundert) Jahre gedauert, bis Spanien und Portugal sich entschädigungslos dafür entschuldigt haben, daß sie ehemals die Juden aus ihren Ländern verjagt haben.
Und immer noch ernähren sich hierzulande deutsche Literaten, Verlage und Medien von der »Mystifizierung der Schuld« (Roman Bucheli am 22. August 2015). Nazifilme als Renner und Kandidaten bei Filmfestivals (wie jüngst in Venedig).
Eine besonnene Stimme aus dem Max-Planck-Institut gesellt sich spät den vielen Plädoyers in diesem Walthari-Portal bei: Beschneidet die Vormacht der Parteien endlich mit der Kontrollmacht der direkten Demokratie. Auf die Idee, überschäumende Zuwanderungen direktdemokratisch zu legitimieren, kommen nur Schweizer. Dem Merkelismus wäre…
© Walthari®  Aus: www.walthari.com
 



3. August 2015
 
Weitere Blamage der Kultusminister
- Politischer Zynismus zur gescheiterten Rechtschreibreform -
 
Sie haben manche Reformruine zu verantworten, darunter die gescheiterte Bologna-Reform an Universitäten und die Rechtschreibreform. Die Betreiber von damals sind nicht mehr im Amt und besichtigen dann klammheimlich oder offen (wie der ehemalige bayerische Kultusminister) ihre kulturellen Trümmerfelder.
Dieses Walthari-Portal und die Literaturzeitschrift Walthari gehörten zur Minderheit der Medien, die von Anfang an den Reformirrsinn kritisierten und die jetzt für jedermann erkennbaren Folgen prognostizierten. Das orthographische Chaos an Schulen und Hochschulen ist perfekt, wie jeder Lehrer und Hochschullehrer bestätigen kann. Der Irrglaube, wonach es eigentlich nicht so wichtig sei, die Muttersprache  zu beherrschen, hinterläßt schwere kulturelle, aber auch ganz persönliche Schäden. Denn die Sprache ist nicht nur ein Informationswerkzeug. Politischer Zynismus als Merkmal des bürgerfernen Parteienstaates: Nicht mehr im Amt, braucht man sich nicht noch zu verantworten. Die gleiche Sachlage besteht beim aktuellen Griechenland-Desaster. Die griechischen Rückzahlungspflichten sind so weit in die Zukunft verschoben, daß sämtliche der heutigen Euroretter sich politisch werden davongemacht haben. Ohne das Tribunal der direkten Demokratie ist dieser Zynismus nicht auszuräumen. Daher die verbissenen Verleumdungskampagnen der parteienstaatlichen Machthaber. Der Verfassungssouverän, das Volk, hat…
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
 



29. April 2012
Synthetische Biologie und der Roman
Stimmen im Labyrinth
Von Erich Dauenhauer

Meist hinkt die Literatur den Realitäten hinterher. Geschildert werden dann in Romanen, wie es einmal war. Balzac, Fontane und Thomas Mann stehen für Hundertschaften von Schriftstellern, die im Rückblick ihre ästhetischen Nester bauten. Der Leser kann sich darin sozialkritisch oder einfach nostalgisch wärmen.

Riskanter und meist gar nicht wärmend sind Romane, die den Blick in die Zukunft wagen. Riskant, weil sie von künftigen Ereignissen gnadenlos widerlegt werden können. Im günstigen Fall teilen sie das Schicksal des Vergessens, ansonsten steht der Autor blamiert da (Autorinnen wagen sich kaum an Zukunftsromane). Wärmen kann man sich an prognostischer Literatur deshalb selten, weil der Leser zu vieles mental und emotional umsortieren muß. Nestbauten trifft man auf diesem Feld nicht an. 
Mit der poetischen Collage (Untertitel) ›Stimmen im Labyrinth‹ habe ich einen solchen literarischen Blick in die Zukunft gewagt. Seither blicke ich gespannt auf die neuesten Forschungsergebnisse derjenigen Wissenschaften, die für Zukunftsszenarien bedeutsam sind. In der Zeitschrift ›Science‹ (Nr. 336/2012, S. 341) konnte man jüngst lesen, daß zwei Entwicklungssprünge gelungen seien: (1) Im Labor gelang es, künstliche Nukleinsäuren mit eigens dafür erzeugten Enzymen in DNA zu übersetzen und (2) aus der so entstandenen DNA weitere künstlichen Nikleinsäuren zu erzeugen. Herkömmliche Bio-Bausteine (Zellen) können somit um künstliche Nukleinsäuren ergänzt werden (Fall 1) und aus deren Nachkommen völlig neue biologische Einheiten (Fall 2). Damit sind die naturhaften Erbmoleküle DNA (Desoxynukleinsäure) und RNA (Ribonukleinsäure) nicht mehr die einzigen Moleküle, die genetische Informationen speichern und weitergeben können! Im neuen Baustein XNA steht X als Platzhalter für sechs Zuckervarianten, darunter TNA: T = Threose. 
Die Sensationsmeldung in ›Science‹ sorgt unter Wissenschaftlern für gehörige Aufregung, war aber in den Plappermedien allenfalls eine Randnotiz wert. Immerhin handelt es sich um den Startschuß für neues, künstliches Leben, wie es die Evolution in Jahrmillionen nicht hervorgebracht hat. 
Aber nicht nur in der Medienszene, auch in der Literaturszene wird der Entwicklungsbruch in der Menschheitsgeschichte kaum wahrgenommen. Was die synthetische Biologie auf ihrem zukünftigen Entwicklungsprogramm hat, ist mit plastischen Schilderungen im Roman ›Stimmen im Labyrinth‹ seit 2010 zu besichtigen, und zwar genau in den beiden oben geschilderten Gestaltvarianten. Homun gehört zur ersten neuen Homokategorie, Technovero zur zweiten. Wie die neue Welt um Althomo
© WALTHARI®  – Aus: www.walthari.com
Bezugsmöglichkeiten des Romans Stimmen im Labyrinth:
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