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Romane

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Gerichtsasche Roman U1

Ohne Dekor

Obschon Alfred Döblin bereits 1913 eine Abkehr vom Requisitenroman forderte, wird bis heute munter so weitererzählt, als gäbe es nicht das Fernsehen, das Internet und das Kino. Mit Gerichtsasche legt der Autor einen anspruchsvollen Reflexionsroman auf rechtsphilosophischem Hintergrund vor. Gedanken und Gespräche kreisen um die Justiz, die sich in einer Krise befindet. Als im Sommer 2012 ein bekannter Staatsrechtslehrer und ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht den Verfassungsnotstand! ausrief (mit Ausrufezeichen), war das Manuskript zu Gerichtsasche weitgehend abgeschlossen. Die dramatischen Zuspitzungen einer auch politisch motivierten Rechtsverachtung haben sich lediglich in den Schlußkapiteln niedergeschlagen. Ein junger, hochbegabter Jurist will promovieren und erhält bei seiner Materialsammlung für seine Dissertation überraschende Einblicke in das judikative, legislative und professorale Rechtsdenken und –handeln. Das Promotionsvorhaben scheitert und kann als Reflex interpretiert werden für den Bruch zwischen dem Recht und der Gerechtigkeit, die sich beide aus unterschiedlichen Quellen speisen. Von besonderer Brisanz sind fiktionale Einflechtungen nationalsozialistischer Unrechtsspuren. Am Ende hat der gescheiterte Doktorand den besseren Teil erwählt, worüber bei anderen Hauptfiguren keine Freude aufkommt.  

 Zum Autor: Erich Dauenhauer legt mit ›Gerichtsasche‹ seinen achten Roman vor. Der Romancier hatte über drei Jahrzehnte einen Lehrstuhl an der Universität in Landau/Pfalz inne. Er lebt in Münchweiler a.d.Rod.


246 Seiten,  flexibler Einband,  Direktpreis: 17,50 Euro zzgl. Versandkosten

Bezug über: siehe oben


Rezension

In Forschung & Lehre Nr. 5/2013,  Seite 397, findet sich folgende Rezension des Romans Gerichtsasche:
 
Recht und Gerechtigkeit

 
Ein begabter, junger Jurist, der promovieren will, erhält bei seiner Recherche zahlreiche Einblicke in das judikative, legislative und professorale Rechtsdenken und Rechtshandeln. Der Doktorand untersucht die Vorurteilsstrukturen von Richtern, die versteckt in Gerichtsurteile eingehen und den Gesetzessinn auf eine Weise unterlaufen, dass man glauben könnte, dieser sei beliebig auslegbar. Er versucht, empirisch zu beweisen, dass Urteile nichts anderes als subjektiv eingefärbte Interpretationen der Gesetze sind und dass die Gesetzesbindung des Richters sich als richterliche Selbstentfaltung erweist. „Ja, alles Recht bleibt immer nackt. Man muss es einkleiden, um den schönen Schein zu erzeugen. In einem Urteil vollzieht ein Gericht genau diese Verkleidung.“ (S. 93).
 
Die Meinungen des Doktorvaters und des Doktoranden driften schließlich auseinander, nach dem Motto „Doktorand untergräbt die Justiz“. Das Promotionsvorhaben scheitert an dem Bruch zwischen Recht und Gerechtigkeit. Der „gescheiterte“ Doktorand wählt letztlich den für ihn besseren Weg, in dem er die von ihm entwickelte juristische Software verkauft, dadurch vermögend wird und ein Leben als Privatier führen kann.
 
In diesem „Reflexionsroman“ wird unser Rechtsstaat aus verschiedenen Blickwinkeln kritisch beleuchtet. Durch die spannende Schreibweise des Autors wird der Leser durch die ständigen Fragen und Antworten unweigerlich dazu veranlasst, sich seine eigenen Gedanken zum Grundthema des Romans, dass sich die Justiz in Deutschland in der Krise befindet, zu machen.
 
Ein insgesamt, auch aufgrund von Anspielungen auf die Zeit des Nationalsozialismus und aufgrund von politischen und rechtsphilosophischen Betrachtungen denkwürdiger Roman, der lange nachwirkt.

Birgit Ufermann, Rechtsanwältin,
 - Justitiarin -

Deutscher Hochschulverband (DHV), Rheinallee 18-20, 53173  Bonn
Forschung & Lehre erscheint als Monatsschrift des DHV in einer Auflage von rund 30.000 Exemplaren.





18. Dezember 2014
 
Augsberg, I. / Lenski, S.-Ch. (Hrsg.): 
Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt des Rechts.
Annäherungen zwischen Rechts- und Literaturwissenschaft,
erschienen in dem Werk: ›Literatur und Recht‹, Band: 6, hrsg. von  M. Schneider,
Wilhelm Fink Verlag, München 2012, 217 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro
 
Das ist feinste und zugleich schwerste Kost in der hochdramatischen Debatte um das Verhältnis zwischen Rechts- und Literaturwissenschaft. Was neben dem komplexen Sachverhalt die Lektüre noch erschwert, ist das Fehlen eines Apparats (kein Namens-, Stichwort- und Literaturverzeichnis), der für Rückgriffe und Querlesen unerläßlich wäre. So verliert man leicht beim Lesen der dreizehn Kapitel den Überblick, zumal bei gründlicher Lektüre die Herrschaft der Fußnoten einem zu schaffen macht. Denn die Haupttexte unterliegen der Referenz eines weiten Gedankennetzes. Davon macht lediglich der Beitrag von C. Pornschlegel zu Kleists ›Findling‹ eine Ausnahme. Die Rationalität und ›Grammatik‹ des Rechts unterscheiden sich fundamental von denjenigen der Literatur. Das trifft auch für ihre Wissenschaften zu. Recht ist verfahrenstechnisch ein streng geregeltes und selbstreferentiell geschlossenes System. Seine Paradoxien und schwache Ontologisierung schaffen Abgründe, deren »Invisibilisierung »den festen Boden (darstellen), auf dem es arbeiten kann« (14). Recht bleibt dennoch auf Letztbegründungen angewiesen, die in Verfahren zu gewinnen sucht. Literatur hingegen ist fiktional und im Regelspiel offen, selbst noch im Sprachgebrauch (ich z.B. schreibe als Autor nach der alten Rechtschreibung). Ihr ›Erkenntnisgewinn‹ zielt nicht auf Gerechtigkeit oder gar Moral, sondern auf Betroffenheit. Die Leitfrage dieses Sammelbandes »Lassen sich Metaregeln für die Implementation literaturwissenschaftlicher Kategorien in die juristischen Entscheidungsprozesse bestimmen?« weist  daher in die falsche Richtung. Literatur erfindet sich Parallelwelten im offenen Textbau, während Recht nichts zu erfinden hat, es sei denn als Richterrecht. Es hat in weitgehend kanonisierter Sprache Sachverhalte zu erfassen und über sie nach Regeln zu befinden. Daran hat sich nicht allein der Rechtspositivismus zu halten. Das Spiel der Literatur mit der Justiz lebt vom Respekt vor dem Recht, wie ich es im Roman ›Gerichtsasche‹ versucht habe. Den dichten Eingangstext von Ino Augsberg werden selbst geübte Denker zweimal lesen müssen. Textprobe (eine noch ›einfache‹ Stelle): »Dass die traditionellen Differenzen von Innerlichem (Sinn) und Äußerlichem (Stil) kollabieren, heißt also nicht, dass sie einfach verschwinden; aber sie lassen sich nicht mehr in klassisch-klinischer Reinheit durchhalten, sondern müssen verdoppelt, multipliziert, ineinander verfaltet werden. Wieder mit Blick auf den Prozess der medialen Formatierung gesprochen meint das zumal, dass Schrift nicht bloß ein anderer Aggregatzustand von Sprache ist; aber es besagt auch, dass die klassische Vernachlässigung der Medien zugunsten des vorgeblich allein entscheidenden Inhalts nicht einfach umgekehrt werden kann, indem nunmehr die generative Funktion der Medien in den primären Fokus der Betrachtung rückt« (21). Auch andere Beiträge werden ihre Leser suchen müssen.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 
 
 

19. Mai 2014  

Nachlese 10
 
»Die Macht des Gerichts steht in direktem Verhältnis
zur Ohnmacht des Volkes.«
 
Dieser politische und gesellschaftliche Erweckungssatz steht im Leserbrief von Dr. L. König aus Münster (in: FAZ vom 13.05.2014, S. 6). Seine Bedeutung wird erst mit seiner vorausgegangenen historischen Aufklärung erkennbar: Der Begriff des Rechtsstaates entwickelte sich »in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf das Scheitern der bürgerlichen Revolutionen, auf die Restauration und die politische Resignation des Bürgertums in Deutschland. Da man die Exekutive politisch nicht gleichberechtigt mitbestimmen konnte, wollte man sie wenigstens durch juristische Gelehrsamkeit über den Begriff des Rechtsstaats binden. Aus der Not der politischen Ohnmacht wurde eine juristische Tugend: die Bindung der Exekutive an Gesetz und Recht. – Vor diesem Hintergrund ist die Rechtsprechung des BVerfG zu den Europäischen Verträgen von Maastricht und Lissabon und zuletzt zur Geldpolitik der EZB zu verstehen.« Die Exekutive in Deutschland (früher ein Fürstenstaat, heute ein Parteienstaat) duldet nicht, daß das letzte Wort vom Verfassungssouverän (dem Volk per Referendum) gesprochen wird, sondern vom Verfassungsgericht. Das Gericht beruft sich direkt auf das Grundgesetz, nur indirekt auf den Demos, dessen Entmachtung damit rechtsstaatlich fortgesetzt wird. Hatte früher der Rechtsstaat die Aufgabe, die bürgernegierende Fürstenmacht in Schranken zu halten, so dient er heute zum Schutze des Parteienstaates vor plebiszitären Einmischungen. »Im Unterschied dazu (zum Volk als Inhaber des letzten Wortes) kann sich das BVerfG nicht auf eine eigene, rechtlich unbegrenzte Souveränität, sondern nur auf eine sekundäre, aus der schriftlichen Verfassung abgeleitete, rechtsprechende Gewalt zur Kontrolle der Politik, aber doch auch auf die zugrundeliegende Idee des Rechtsstaats berufen. Was den Engländern die ›sovereignty of the Queen in Parliament‹, das ist den Deutschen der idealistische, universalistische Begriff des Rechtsstaates. Diese höchste Errungenschaft der deutschen Rechtswissenschaft zu opfern und sich selbst durch Ermächtigung des EuGH zu entmachten, ist die juristische Elite der deutschen Gesellschaft nicht bereit. Stattdessen galt es, den deutschen Begriff der Rechtsstaatlichkeit in Verbindung mit dem kongenialen Begriff der Verfassungsidentität dogmatisch dafür zu nutzen, eine juristisch plausible und scheinbar zwingende Begründung für das eigene letzte Wort auch im Europarecht zu entwickeln. Die Ohnmacht des deutschen Volkes war – wie im 19. Jahrhundert – von den in Deutschland herrschenden politischen Kräften gewollt.«
Daß mit dem Rechtsstaat die Ohnmacht des Volkes einhergeht, ist wahrlich ein aufregender Befund, der den Roman ›Gerichtsasche‹ in einem neuen Licht erscheinen läßt. Nach dem Willen der politischen Klasse und der juristischen Elite darf das letzte Wort nicht dem Volk überlassen werden. Auch »der Karlsruher Blick« scheut die direkte Demokratie, will er doch selber das letzte Wort behalten. Im Gegensatz zur Schweiz hat die Ohnmacht des Volkes in Deutschland eine fortwirkende Tradition.
© Erich Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com




16. März  2014
 
Nachlese 9
 
Parochial silence – einhegendes Schweigen
- Über juristische Wunderlichkeiten -
 
Auf einer Berliner Tagung hatte die Bundesverfassungsrichterin Susanne Baer das Publikum über ein Justizverhalten aufgeklärt, das sich wie ein roter Faden durch die Gerichtsgeschichte zieht und die aktuelle Judikative immer noch auszeichnet: parochial silence – einhegendes Schweigen. Über sieben Musterfälle berichtet die FAZ Nr. 11/2013, S. 18), die sämtlich die Praxis des Gerichtshofs der Europäischen Union in Luxemburg betreffen. Ignoriert würden massive Verstöße gegen geltendes Europarecht. Die Richter erscheinen in dem Bericht als Erfüllungsgehilfen der EU-Zentralisten in der Kommission und in einzelnen Ländern, was darauf hinausläuft, dass die Verantwortlichen für Rechtsbrüche gerichtlich nicht belangt werden.
 
»Demokratischer Rechtsstaat oder oligarchischer Richterstaat?«, fragte sich Univ.-Prof. Dr. Bernd Rüthers in der JZ 2002, S. 365-371. Seine zweite Hypothese lautet: »Die Enthaltsamkeit der deutschen Justiz und Jurisprudenz gegenüber ihren Methoden hat selbst durchaus Methode. Sie verschleiert erhebliche Missstände.« Enthaltsamkeit: Parochial silence, wie es in meinem Roman ›Gerichtsasche‹ fiktional geschildert wird. Im 20. Kapitel wird unter dem Motto »Einfach ignorieren!« eine Rechtspraxis aufgespießt, die Rüthers Hypothese bestätigt. Ein hoher Richter sagt im Roman (S. 228): » In einem Rechtsstaat kann es nämlich nicht hingenommen werden, daß man gegenüber Gesetzesmängeln und ideologischen Unterwanderungen nach dem Motto verfährt: Einfach ignorieren, wenn es nicht paßt.« Rüthers legt dafür unter Punkt II haarsträubende Fälle vor, spricht von »unverbindlichen ›Küchenrezepten‹« im Richteralltag und kommt zu dem Ergebnis: »Auf diese Weise setzen sich diejenigen Argumente gegenüber allen sachlichen und methodischen Einwänden durch, die das vom Senat gewünschte Ergebnis stützen.« Umdeutung von ganzen Rechtsordnungen« im 20. Jahrhundert habe »geradezu ›Wende-Experten‹ und Weltmeister in der pikanten Disziplin« (der Juristerei) hervorgebracht. Um zu überleben, galt es, »möglichst zu vergessen und zu verdrängen«. Parochial silence…
© Erich Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com




5. März 2014
 
Nachlese 8
 
Staatliche Akteure als Rechtsbrecher, gerichtlich gedeckt?  »Der Kauf von Steuersünder-Dateien durch den Staat ist ersichtlich (!) rechtswidrig« (Prof. Dr. Paul Kirchhoff). Denn schon im Strafrecht dürfen illegal erworbene Beweismittel nicht verwendet werden. Dennoch hat jüngst der Verfassungsgerichtshof von Rheinland-Pfalz entschieden, daß die Justiz (und die Finanzämter) auch Material verwenden dürfen, das auf strafbare Weise beschafft wurde (Az.: VGH B 26/13). Kein Ausrutscher im Rechtswesen, das sich seiner Fundamente (vgl. den Roman ›Gerichtsasche‹) so wenig bewußt ist.
 
Verschwiegenheit ade. Seltsam, daß zufällig (?) auch die Presse zur Stelle ist, wenn Steuerfahnder… Hier wird nicht nur Recht gebrochen, sondern auch bürgerliches Vertrauen zerstört. Verschwiegenheitsbrüchig ist neulich sogar ein Bundesjustizminister geworden, der zwischen Rechtsstaat und Parteienstaat nicht zu unterscheiden wußte. Eine bestimmte Figur im Roman hätte dies…
© Erich Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com




25. November 2013

Nachlese 7

  Annäherungen zwischen Rechts- und Literaturwissenschaft
Vgl. Rezension in Fenster "Literaturzeitschrift"

 
Der Sammelband erscheint in der Reihe ›Literatur und Recht‹ und bietet neben dem Vorwort, einer Einleitung und Schlußbetrachtung zehn Beiträge, die in drei Gruppen eingeteilt sind: Verfahren in Literatur und Recht; Das Recht (in) der Literatur und im Film / Die Literatur im Recht; Modalität und Textualität des Rechts. Ich lese einige Beiträge als Romanautor (›Gerichtsasche‹, 2012). Der Mitherausgeber Augsberg referiert eingangs über ›Verfaltungen zwischen Rechts- und Literaturwissenschaft‹ und bietet, unter Einbezug der angelsächsischen ›Recht und Literatur‹-Bewegung, einen Überblick über den Stand der Diskussion. Kein Zweifel: Die Rechtsvertreter aller Sparten stehen in der Regel der Literatur und ihrer Wissenschaft fern, während nicht wenige Romanautoren seit je das Recht zur Vorlage gewählt haben (Kleist u.v.a.). Das liegt daran, daß viele Autoren gelernte Juristen waren und sind. Wie schwer sich die Justiz mit der Leitdifferenz ›Fiktion vs. Wirklichkeit‹ tun, zeigt Bernhard von Becker anhand eines aktuellen höchstrichterlichen Urteils auf. Es erstaunt zu lesen, daß »in keinem der bekannten Fälle aus der letzten Zeit« externe Gutachten herangezogen wurden (S. 110), obschon die Gerichte erkennbar von Problematik nichts verstanden.
Die Seiten 124 bis 126 sollte sich jeder Richter, der über Literatur urteilt, hinter den Rasierspiegel stecken. Fabian Steinhauer bohrt am tiefsten in seinem Beitrag ›Figuren, Schemata, Schemen‹. Bei aller Gemeinsamkeit zwischen Recht und Literatur: »das normative Universum, die Dogmatik und die Institutionenbildung« sind in beiden Bereichen grundverschieden. Wer in das Sprachgehäuse eines Romans eintritt, begegnet und erfindet zugleich eine andere Wirklichkeit, nämlich eine fiktionale. Das ist eine andere Wirklichkeit als bei der Aufarbeitung eines juristischen Falls. Die Sprache stiftet jeweils verschiedene Welten, und im Lesergehirn werden buchstäblich andere Regionen aktiviert. Die »Urszene« der Gemeinsamkeit ist die Rhetorik (S. 51). Erhellend die Analyse des Verfahrens der ›Orestie‹ von Katrin Trüstedt unter dem Titel ›Nomos und Narrative‹. In der Tat: Aischylos geht »zu leicht über … den grundlegenden Konflikt und den Widerstand der anderen, unterlegenen Seite hinweg« (S. 76).
In ›Gerichtsasche‹ gehe ich fiktional auf die ›Orestie‹ ein.
© Erich Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com




31.  Oktober 2013

Nachlese 6: 

Justiz-GAU

»Im Zweifel für den Richter« überschreibt die FAZ vom 30. Juli 2013 ihren Leitartikel auf Seite 1 und beschreibt darin nichts weniger als den größten anzunehmenden Unfall (GAU) bei der dritten Gewalt. Es handle sich um ein »Selbstverständnis, das argwöhnen läßt, hier sei eine Kaste am Werk, die sich nur sich selbst verpflichtet weiß«. Weil »viele Richter ihr ganzes Leben in der Justiz verbringen«, bestehe die »Gefahr« »falsche(r) Loyalitäten«. Im Falle Mollath beobachte man ein »Jonglieren mit Begriffen zu Lasten eines Bürgers« und ein »waghalsiges Manöver«, was infolge der öffentlichen Empörung die »Rechtssicherheit« infrage stelle – unfaßbar schwere Vorwürfe in einem Rechtsstaat, der »nicht totalitäre Züge annehmen« dürfe. »Um so beunruhigender ist eine Mentalität, die sich durch den ganzen Fall zieht«, nämlich daß Richter sich gegenseitig schützten und sich als unfähig erwiesen, eigene Fehler einzugestehen. »Im Zweifel für den Richter« selbst dann, wenn »Befangenheit noch eine freundliche Formulierung ist«.
Ein veritabler Justiz-GAU wohl über den Fall Mollath hinaus, wie in zahlreichen justizkritischen Schriften nachzulesen ist.
Man lese den Roman ›Gerichtsasche‹, um in das verdeckte Justizmilieu…




7. Oktober 2013

 
Nachlese 5:

Darnstädt, Th.: Der Richter und sein Opfer.
Wenn die Justiz sich irrt.
Piper Verlag, München und Zürich 2013, 351 Seiten, 19,99 Euro
 
Muß man Angst haben, in die Hände der Justiz zu geraten?, fragt der promovierte Jurist und Journalist und überläßt es dem Leser, aus der Fülle des dargebotenen Materials seine Antwort zu finden. Und die Antwort kann nur lauten: Ja, unschuldige Bürger müssen Angst haben. Denn wenn auch in der Mehrheit der Urteilsfälle rechtförmig korrekt und faktengerecht gearbeitet wird, der beträchtliche Rest (in der Strafjustiz ist die Rede von einem Drittel an Fehlurteilen) desavouiert das ganze System. Darnstädt schildert haarsträubende Mißgriffe, die offenbar größer an der Zahl sind, als systemextern bekannt ist. Denn Richter geben Fehler ungern zu, müssen sie auch nicht, sind sie doch selbst dann nicht belangbar, wenn sie Menschen zu Unrecht zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilt haben und Existenzen ruinieren. Hart urteilt Darnstädt auch über Staatsanwälte, die als weisungsgebundene Beamte nicht Teil der unabhängigen Justiz sind (S. 310). Der Autor deckt schwerwiegende Systemfehler schonungslos auf: das Richterprivileg, das einen  »Schlendrian« zulasten von Unschuldigen zur Folge habe; Tricksereien, um Berufungsgerichte hinters Licht zu führen usw. »Ein Richter, der fahrlässig« (also nicht nur grob fahrlässig oder vorsätzlich) »die Wahrheit verfehlt«, müsse »vors Gericht«, sagt Darnstädt und verlangt »neue Richter« und eine bessere Kontrolle, vor allem aber eine »Kultur des Zweifels«. Damit stößt er auf die mentale und rechtsphilosophische Ebene vor, die Gegenstand meines Romans ›Gerichtsasche‹ (2012) ist. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer,  ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com  
 

23. Juni 2013
 
Nachlese 4:
Pragst, R.: Verurteilt. Mein Jahr als Strafrichter.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2013, 217 Seiten, 14,90 Euro
 
Der Autor versichert, daß sich »alle Fälle und Begebenheiten dieses Buches … so ereignet« haben. Er berichtet von seinen Erfahrungen als Strafrichter auf Probe, ohne auch nur ein Wort über die fehlende richterliche Unabhängigkeit zu verlieren, die sich zwangsläufig aus dem Probestatus ergibt (vgl. S. 84). Denn Richter auf Probe arbeiten, wie der Name schon sagt, auf Bewährung, stehen also unter Beobachtung, was ihre Unabhängigkeit nach Art. 97 Abs. 1 GG tangiert. Ich lese den Sachbericht als Autor des Romans ›Gerichtsasche‹ und vermisse jenen rechtsphilosophischen Hintergrund, dessen Fehlen für die Justizkrise mitverantwortlich ist. Junge Juristen werden im System, in welchem der Mollath-Skandal u.a. möglich ist, offenbar formalmethodisch so intensiv sozialisiert, daß sie im Fälle-Gestrüpp gefangen bleiben und sich mit dem angeblichen Kontingenzcharakter des Rechts zufrieden geben (schon im Vorwort gesteht der Autor, daß Strafprozesse »unberechenbar« seien). Wer Spaß hat am Rundgang durchs dargebotene  Gerichtsgestrüpp, wobei »ein Prozeß gegen eine Drogenbande« im Mittelpunkt steht, lese diesen Erfahrungsbericht, der in dieser Fülle an Details und wörtlicher Rede nur zustande gekommen sein kann, wenn der Autor minutiös Tagebuch geführt hat. Er notierte sogar, daß bei einem Staranwalt die »grauen Augen unter den struppigen Brauen kalt glitzerten« (S. 56).
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer,  ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



3. Juni 2013
 
Nachlese 3:  »Justizalarm«

So überschrieb der Starjournalist Heribert Prantl seinen Verriß, der nicht nur einem Landgericht galt (weil es die Wiederaufnahme des Falles Mollath seit Monaten verweigert und damit die Entlassung aus der Psychiatrie verzögert), sondern der ganzen Justiz. »Das Urteil, das den Mann in die Psychiatrie geschickt hat, stütze sich auf eine gefälschte Urkunde und auf falsche Zeugenaussagen, es basiere auf haarsträubenden Fehlern. Die Kombination der Anträge von Anklage und Verteidigung, hätte einen Justizalarm auslösen müssen. Passiert ist aber bisher nichts. Eine Entscheidung ist nicht getroffen. Das ist alarmierend« (SZ Nr. 123/2013).

 
Die ARD beleuchtet am 3. Juni 2013 in einer Spezialsendung die haarsträubenden Untersuchungs- und Urteilsfehler, die den Bayerischen Landtag zu einem Untersuchungsausschuß bewogen, der auch den Vorsitzenden Richter vernahm. Aufgedeckt wurden unsägliche Vorgänge, so ein Telefonat des Richters mit dem Steuerfahnder; so auch die persönliche Bekanntschaft des Richters mit dem Angeklagten. Der Richter führt seine Fehler (schon das angegebene Datum der Tatzeit im Urteil stimmt nicht) auf eigene private Probleme zurück, die aber das Gericht keineswegs zur raschen Wiederaufnahme des Prozesses veranlaßt. Der Grund für diese gerichtliche Überheblichkeit hier und andernorts ist klar: Richter sind, ebenso wie Steuerfahnder, für eigene Fehler nicht belangbar (ausgenommen bei Vorsatz).
 
Im Roman ›Gerichtsasche‹ wird der Vizepräsident eines Gerichts ebenfalls vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuß vernommen. Der Roman nimmt mit umgekehrten Vorzeichen vorweg, was sich als Justizalarm nicht nur im Falle Mollath vor aller Augen abspielt. Und offenbart noch weit mehr.
© Walthari®  Aus: www.walthari.com




21. Mai 2013

   
Nachlese 2: Sind „Dichter die besseren Juristen“?
 
Dies fragte sich unlängst ein bekannter Rechtswissenschaftler bei der verspäteten Vorstellung des Buches von Richard Weisberg: ›Rechtsgeschichten‹ - Über Gerechtigkeit in der Literatur (2013). Nicht nur Juristen werden sich bei der Rezension verwundert die Augen darüber gerieben haben, worauf Weisberg überzeugend hinweist, daß nämlich Recht nichts anderes als eine »relativistische Methode zur Ordnung der Wirklichkeit durch Sprache« sei, so der Rezensent Michael Stolleis. Zur Verwunderung trug sicherlich auch der Hinweis bei, daß die »gefährliche Macht« des Rechts, Taten in Texte zu verwandeln, erst so richtig riskant wird, wenn »aus dem (Rechts-)Text Folgerungen (wieder) für die Wirklichkeit« gezogen werden. Denn der zweifache konstruktivistische Akt »verflüssigt“ reale Substanzen durch offene Verfahren und hybridisiert damit die ontologische Grundverfassung der Welt so, daß sie in eine bloße Überzeugung des Gerichts (gängige Formel) wahrheitsförmig gegossen werden könne. Jede gelungene Revision hebelt dieses Wahrheitsverständnis aus, ohne daß freilich das Publikum und wohl auch die meisten Juristen bemerken, welche Akrobatik hier am Werk ist. Der US-Verfassungsrechtler Weisberg hatte sein Buch schon 1984 vorgelegt, was hierzulande nicht einmal von Rechtsphilosophen frühzeitig registriert wurde (wie sonst ließe sich die 30jährige Verspätung erklären?). Entgangen ist der Justiz und der Rechtswissenschaft, was Weisberg auch sonst in der Zunft demaskiert, so etwa, daß Dichter, mögen sie auch keine Juristen sein (Dostojewski, Melville u.v.a.), die besseren Juristen sind, weil sie nämlich ihre Gerechtigkeitssuche nicht allein an das Verfahrensrecht binden müssen (wie jedes Gericht). In der Dichtung können die Schranken des Rechts überstiegen und die Sache auf dem größeren Feld der Gerechtigkeit erörtert werden, was keinem Richter erlaubt sein kann. Daher sind Urteile bloße Rechtsüberzeugungen in Gestalt des Vorurteilsrahmens der Urteilenden – genau das zentrale Thema im Roman Gerichtsasche. Wer das einmal durchschaut und es ausspricht, muß damit rechnen, in der Szene nicht gelitten zu sein. Allenfalls bleibt es  bei dem vorsichtigen Hinweis, daß »Kunst und Literatur,… hilfreich sein« können (so der ehemalige Verfassungsrichter Winfried Hassemer am 14. Mai 2013). Es komme darauf an, anstelle der »historischen Wahrheit« einzig auf die »forensische Wahrheit« zu setzen, »die sich herstellt (!), wenn bei der Aufklärung des Geschehens alle Regeln der Verfassung und der Strafprozeßordnung beachtet worden sind«. Doch genau daran zweifelt der Leser, wenn er die Gerichtsasche durchgearbeitet hat.
© Walthari®  Aus: www.walthari.com


12. Februar 2013

Nachlese 1

Am 5. Februar 2013 hat der Bundesgerichtshof mit Urteil die Praxis der deutschen Steuerfahndung gerügt, ohne die rechtsfreie Stellung der Fahnder aufzuheben. In ›Gerichtsasche‹ wird das Problem thematisiert.

 
Am gleichen Tag wurden auf einem Symposion in Nürnberg die Arbeitsergebnisse einer Historikerkommission bekannt gegeben, die sich mit der Nazi-Infiltrierung im Bundesjustizministerium nach 1949 beschäftigte. Unbehelligt konnte Ministerialdirigent Eduard Dreher bis in die 70er Jahre die Strafrechtsreform vorbereiten, obschon bekannt war, daß er als Staatsanwalt an einem Sondergericht in Innsbruck zwischen 1943 und 1945 Todesurteile mitzuverantworten hatte. Dreher war sogar Mitverfasser eines Strafrechtskommentars. Im Roman ›Gerichtsasche‹ werden Nazi-Imprägnierungen des deutschen Rechtswesens ebenfalls thematisiert.
© Walthari®  Aus: www.walthari.com   
 





Roman Labyrinth U1
Inhalt
Homo poeticus 
Wir, die Überlebenden
Die Geister, die sie riefen
Althomo
Göttlicher Affe
Homun
Wehrbrief an Transmundanisten
Homuna
Technovero
Evolution
Naturhalber
Sub specie mortis

Führung durch ein cybermystisches Labyrinth
Teufels Werk
Im Hörbild Gottes
Aus Althomos intimem Tagebuch
Von Herakles zu Pico
Plotstopp oder: Wo bleibt die Handlung?
Vom Schicksal der Denkerzunft
Literarisches Rauschen
Erträumtes Bürgerkönigtum

Im Bergriffslabor: Labyrinth
Urknallig
Duft-Magie
Licht-Blicke
Entleerung der Poesie
Disput über die Hölle
Homo divinus: Heinrich Seuse schreibt 
an Francesco Petrarca
Homo cupidus: Petrarca schreibt an Suso
Ockhams Rasiermesser
Vernehmung eines Romanschreibers
Contratänzchen
Tödliche Zumutung
Typengrabung
Komplexe Komposition
Im systemischen Begriffslabor
Bewegen im Bewegtwerden
Sprachpartitur
Seelengewiß im Gehäuse der Sprache
Mimirs Brunnenhaupt
Im Dreiklang der Poesie


Inhaltsbeschreibung
Ganz unterschiedliche Stimmen melden sich in der ›Poeti-schen Collage‹ (Untertitel) zu Wort: historisch verortbare und zeitlos anonyme, diesseitige und jenseitige. Die ›Stimmen im Labyrinth‹ können als konkurrierende Sicht-weisen auf die Welt gelesen werden. Sie fügen sich auf den ersten Blick zu keinem Gesamtbild. Verwirrend wirken zudem die verschiedenen Zeitschichten, aus denen heraus erzählt wird. Irritierend mag schließlich wirken, daß man-che Stimmen sich gelegentlich selber widersprechen. Ins-gesamt ist, so scheint es, die perspektivische Vielfalt schwerlich auf einen Nenner zu bringen, es sei denn auf einen poetischen, der es dem Leser anheimstellt, sich ein eigenes Bild zu machen. In der Poesie kann nämlich Un-mögliches möglich werden, und Disparates verwandelt sich dabei unversehens in eine dissipative Struktur. Dazu will u.a. die leitmotivische Erzählstruktur beitragen. Wie in der Musik werden zentrale Themen (Kontingenz u.a.) immer wieder aufgegriffen und variiert. Heft 54 der Lite-raturzeitschrift WALTHARI kommentiert unter dem Schwerpunktthema ›Poetische Labyrinthe‹ diese pointili-stische Erzählweise, die im 21. Jahrhundert einen Trend-bruch markiert. 

255 Seiten,  flexibler Einband
Bezug über: siehe oben




25. Mai 2014

Nachlese 4

Nach siebenjähriger Forschungsarbeit ist es Wissenschaftlern an der Johns Hopkins Universität in Baltimore gelungen, das Chromosom eines eukaryotischen Lebewesens nachzubauen. Eukaryoten (darunter auch der Mensch) sind Lebewesen mit Zellkernen, in welche die DNA eingebaut ist. 2010 gelang einem anderen US-Forscherteam den Zellenachbau von prokaryotischen Lebewesen (Bakterien), die ohne Zellkern auskommen. Ein Chromosom besteht aus langen Ketten des Erbmoleküls DNA, das von Eiweißstoffen umlagert ist. Die künstliche DNA-Kette hat 270.000 Bausteine. Die synthetische Biologie macht in immer kürzeren Abständen riesige Fortschritte. Im Roman ›Stimmen im Labyrinth‹ kann man synthetische Gestalten agieren sehen.

© Erich Dauenhauer. Aus: www.walthari.com




26. November 2013

 
Nachlese 3
 
Aus den USA kommt soeben die Nachricht, daß in zwanzig bis dreißig Jahren die meisten Kinder nicht mehr im Bett, sondern in High-Tech-Laboratorien gezeugt würden. Sex als evolutionäre Fortpflanzungsmethode habe bald ausgedient, weil sein Ergebnis zufällig, also nicht vorhersehbar sei, während bei industrieller In-vitro-Fertilisation fast alles genau berechnet werden könne. Kombiniert würde diese Methode mit Gen-Datenbanken, die genaue Anlageprofile auswiesen und optimierende Eingriffe erlaubten. Man bestellt dann Wunschkinder nach Maß und Berechnung. Die so gezeugten Gestalten sieht man im Roman ›Stimmen im Labyrinth‹ (2010) agieren.
© Erich Dauenhauer. Aus: www.walthari.com





12. November 2013

 
Nachlese-1
 
29. April 2012
 
Synthetische Biologie
und der Roman Stimmen im Labyrinth
Von Erich Dauenhauer
 
Meist hinkt die Literatur den Realitäten hinterher. Geschildert werden dann in Romanen, wie es einmal war. Balzac, Fontane und Thomas Mann stehen für Hundertschaften von Schriftstellern, die im Rückblick ihre ästhetischen Nester bauten. Der Leser kann sich darin sozialkritisch oder einfach nostalgisch wärmen.
 
Riskanter und meist gar nicht wärmend sind Romane, die den Blick in die Zukunft wagen. Riskant, weil sie von künftigen Ereignissen gnadenlos widerlegt werden können. Im günstigen Fall teilen sie das Schicksal des Vergessens, ansonsten steht der Autor blamiert da (Autorinnen wagen sich kaum an Zukunftsromane). Wärmen kann man sich an prognostischer Literatur deshalb selten, weil der Leser zu vieles mental und emotional umsortieren muß. Nestbauten trifft man auf diesem Feld nicht an.
 
Mit der poetischen Collage (Untertitel) ›Stimmen im Labyrinth‹ habe ich einen solchen literarischen Blick in die Zukunft gewagt. Seither blicke ich gespannt auf die neuesten Forschungsergebnisse derjenigen Wissenschaften, die für Zukunftsszenarien bedeutsam sind. In der Zeitschrift ›Science‹ (Nr. 336/2012, S. 341) konnte man jüngst lesen, daß zwei Entwicklungssprünge gelungen seien: (1) Im Labor gelang es, künstliche Nukleinsäuren mit eigens dafür erzeugten Enzymen in DNA zu übersetzen und (2) aus der so entstandenen DNA weitere künstlichen Nikleinsäuren zu erzeugen. Herkömmliche Bio-Bausteine (Zellen) können somit um künstliche Nukleinsäuren ergänzt werden (Fall 1) und aus deren Nachkommen völlig neue biologische Einheiten (Fall 2). Damit sind die naturhaften Erbmoleküle DNA (Desoxynukleinsäure) und RNA (Ribonukleinsäure) nicht mehr die einzigen Moleküle, die genetische Informationen speichern und weitergeben können! Im neuen Baustein XNA steht X als Platzhalter für sechs Zuckervarianten, darunter TNA: T = Threose.
 
Die Sensationsmeldung in ›Science‹ sorgt unter Wissenschaftlern für gehörige Aufregung, war aber in den Plappermedien allenfalls eine Randnotiz wert. Immerhin handelt es sich um den Startschuß für neues, künstliches Leben, wie es die Evolution in Jahrmillionen nicht hervorgebracht hat.
 
Aber nicht nur in der Medienszene, auch in der Literaturszene wird der Entwicklungsbruch in der Menschheitsgeschichte kaum wahrgenommen. Was die synthetische Biologie auf ihrem zukünftigen Entwicklungsprogramm hat, ist mit plastischen Schilderungen im Roman ›Stimmen im Labyrinth‹ seit 2010 zu besichtigen, und zwar genau in den beiden oben geschilderten Gestaltvarianten. Homun gehört zur ersten neuen Homokategorie, Technovero zur zweiten. Wie die neue Welt um Althomo
© Walthari®  Aus: www.walthari.com



12. November 2013

 
Nachlese-2
 
Was in meinem Roman ›Stimmen im Labyrinth‹ (2010) fiktional vorweggenommen wurde, wird nach und nach zur Realität. Wiederum ging die literarische Phantasie der wissenschaftlichen, gesellschaftlichen usw. Entwicklung voraus. Dafür liefert Karin Harrasser mit ihrem Buch ›Körper 0.2. Über die technische Erweiterung des Menschen‹ (2013) ein neueres Beispiel. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis meine Romanfiguren Technovero, Homun und Humana als reale Figuren auftreten werden. Dann könnte man Homuna laut sagen hören:
»Unschätzbar wertvoll an meinem Design: daß mein Körper immun gemacht wurde gegen Krankheiten, wie sie in tausendfältigen Variationen unter dem alten Menschengeschlecht auftraten. Den Seuchen etwa war über Jahrhunderte nicht beizukommen, bis die medizinische Forschung dem Übel nach und nach auf die Schliche kam. Aber dann war schon die Schlußphase der naturwüchsigen Homospezies erreicht. Nicht mehr Seuchen, Kriege und Hunger waren die zivilisatorischen Feuerproben, es war die geschundene Erde, die sich rächte.
Meine eingebauten Mikrotechnos bilden mit den naturbelassenen Körperteilen eine Symbiose, eine angeblich vollkommene Einheit aus gewachsener Natur und feinsensorischer Technik, die zusammen mich vor Krankheiten immun macht. Gefeit bin ich zudem vor inneren Schwächeanfällen und Attacken von außen, dank eines Überwachungssystems, dem alle Daten über meinen Zustand laufend übermittelt werden, ohne daß ich es merke. Schon bei geringen Abweichungen von den Standardwerten tritt das Überwachungssystem in Aktion und behebt per Fernsteuerung die Gefahr, alles ganz automatisch.«
Auch das dicke Ende der Anthropotechnik, die aus dem Althomo (eine weitere Romanfigur) einen versklavten Menschen gemacht hat, wird im Roman vorweggenommen. Der Transhumanismus entspricht der Fortschrittslogik des technischen Zeitalters, das den alten Menschen…
Wie die Welt im Jahre 2050 aussehen könnte, kann man in ›Stimmen im Labyrinth‹ nachlesen, nein vorweglesen.
© Erich Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
 
 



Ein angesehener Chefarzt in pensionsnahem Alter wird von der fixen Idee befallen, sein bisheriges Junggesellendasein aufzugeben und seine Altersjahre neu einzurichten. Voller Hoffnungen heiratet er diese Frau (sie bleibt, wie die meisten Romanfiguren, namenlos), die sich jedoch alsbald als Femme fatale entpuppt. Was als späte eheliche Erfüllungsidylle gedacht ist, endet in einer Katastrophe: Völlig überraschend für alle, die den angesehenen Gehirnchirurgen kennen, wählt er den Freitod, der von seiner Umgebung und in der Öffentlichkeit als Verzweiflungstat gedeutet wird. Um seinen Selbstmord nachträglich verständlich zu machen, hat er testamentarisch bestimmt, daß »seine letzte Lebensstrecke« recherchiert und nachgezeichnet werde. Mit dieser Aufgabe wird eine junge Schriftstellerin betraut, die gehalten ist, Faktenlücken erzählerisch zu schließen. Obschon sich der biographische Bericht auf einen umfangreichen schriftlichen Nachlaß und auf Befragungen von ›Lebenszeugen‹ stützen kann, schält sich kein dominierendes Tatmotiv heraus. Die Biographin selber gerät, mitgenommen von den verwirrenden Nachforschungen, immer mehr in eine eigene Identitätskrise. 
Als literarischer Reflex auf die Vexiergestalt der Postmoderne wird mehrperspektivisch erzählt. Eine der zahlreichen Hintergrundfolien gibt der Roman ›Godwi‹ von Clemens Brentano (1778-1842) ab. Prägend für die Kompositionstechnik insgesamt ist das ›bestürzende‹ Verhältnis zwischen Literatur und Wissenschaft. 

249 Seiten, flexibler Einband

Bezug über: siehe oben



  
 
   Der Roman erzählt die Reiseerlebnisse eines deutschen Arztes, der - überstürzt - zunächst nach Brasilien reist und später nach Peru weiterfliegt, um seinen ausgeflippten Sohn zu suchen. Unterwegs lernt er eine dunkelhäutige Brasilianerin kennen, die ihm bei seinem aussichtslos scheinenden Unternehmen beistehen will. Speranza ging in Deutschland zur Schule und lebt als Reiseführerin in Rio. Zwischen Dr. Zeiser und der wesentlich jüngeren Speranza entwickelt sich ein kompliziertes Liebesverhältnis, in dessen Verlauf nicht nur die Lebensgeschichten und die Hoffnungen der beiden grundverschiedenen Menschen erkennbar werden, sondern auch die allgemeinen Gegensätze zwischen Weiß und Schwarz, Reich und Arm, Amtskirche und afrobrasilianischem Animismus, zwischen Ratio und Mythos, zivilisatorischer Ordnung und chaotischer Kriminalität. Im Figurenensemble um die beiden Hauptpersonen gewinnt der Armenpriester Frederico, ein Jesuit aus Schlesien, exemplarische Bedeutung: Seinen Kampf gegen Armut und Okkultismus muß er mit dem Leben bezahlen. Angesichts des menschenverachtenden Zynismus' der brasilianischen Oberschicht und des Elends der meist farbigen Bevölkerung drängt sich - mit jedem Reisetag stärker - die Frage nach dem Sinn von Hilfe und von Leben überhaupt auf. Verzweifelt sucht der deutsche Arzt Halt und neues Glück an der Seite Speranzas (d.h. Hoffnung), doch die Geliebte ist unverschuldet aidsinfiziert. In dieser ausweglosen Situation findet der Vater endlich seinen Sohn...

In 4. Auflage 2001

351 Seiten,  flexibler Einband
Link zur Leseprobe:  aus Kapitel  18: Zynische Welt

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27. Juli 2013

Papst Franziskus auf den Spuren eines WALTHARI-Romans

Papst Franziskus hat bei seinem Brasilienbesuch soeben das Armenviertel Rocinha in Rio de Janeiro besucht. Im 6. Kapitel des Romans Herrenhaut und Armenseele (vierte, neu bearbeitete Auflage 2001) begleitet die Hauptfigur des Romans einen Pater bei seinem Favela-Besuch. Beim Gang durch die Rosinha wird fast wörtlich vorweggenommen, was der Papst anklagt. Auch szenisch gibt es frappierende Ähnlichkeiten.

»Favella Rocinha, größtes Armenviertel der Welt. In vierzehntausend Hütten hausen zweihunderttausend Marginalisados. ›Sie können sich jetzt selber ausrechnen, Herr Zeiser, wieviel Armenhäusler in einer Bretterbude zusammengepfercht sind‹, sagt Pater Frederico. ›Und dabei ist die Rocinha unsere Vorzeige-Favela! In den anderen Elendsquartieren um die Stadt sieht es viel schlechter aus, kein Wasseranschluß, keine Geschäfte, keine Schulen, nichts, was zum anständigen Leben gehört. In der Rocinha gibt es dagegen einige Bäckereien - das will was heißen! Aber nicht, daß Sie jetzt meinen, auf den Gesindebuckel könnte sich jedermann ohne Gefahr wagen, o Gott, das wäre lebensgefährlich!  Kein Stadtoffizieller traut sich das zu, und die Polizei führt ihre Razzien nur mit Panzerwagen durch! Was die Riobesucher bei ihren Stadtrundfahrten zu sehen bekommen, ist glatter Augenbetrug! Nur in gebührendem Abstand fahren die  Busse am Armutsberg vorbei, wobei die romantisch gelegene Hüttenstadt in den rosigsten Farben geschildert wird. Alle Fahrgäste schauen dann entzückt auf dieses angebliche Naturparadies der Armen. In Wahrheit ist die Rocinha eine soziale Zeitbombe! Doch keine Angst, Herr Zeiser, uns beiden wird nichts passieren, das verspreche ich Ihnen. Die Favelados kennen ihren Pater und wissen, daß er nur gute Freunde mitbringt.‹

Es ist zehn Uhr am Vormittag. Wir nehmen die ersten Treppenstufen und passieren den untersten Hüttenring. Stromdrähte, an hölzernen Haltemasten aufgezogen, markieren unsere Aufstiegsschneise.

Elektrizität, ja, sie gäbe es in jeder Baracke, weil keine Familie ohne Fernsehen sein dürfe. Mit der Blickdroge wolle man das Elend betäuben, fügte der hagere Jesuit hinzu, der jetzt mit festen Schritten vorausgeht…«

Das Kapitel umfaßt 24 Seiten, der Roman 349 Seiten. Er kostet bei Direktbezug (Walthari-Verlag, Postfach 19, 66979 Münchweiler) 17,50 Euro.

 



 
 
Endläufe
Zum Inhalt

Eine wahre Odyssee durch die spätindustrielle Postmoderne erleben die deutsche Psychologin Roberta und der geflohene ehemalige Rotgardist Huang. Das kinderlose Ehepaar, das im Westen seinen Lebensunterhalt im Beratungsgeschäft bestreitet, gerät dabei in Situationen, die den überdrehten Zeitgeist schonungslos offenlegen. Ob leere Kongreßbetriebsamkeit oder überzogene Urlaubskulte, ob globale Unternehmertätigkeit oder feministische Kirchenreform - auf  fast allen Etappen ihrer Odyssee treffen sie auf Welt-Anschauungen, die an  Endläufe gemahnen. 

 

318 Seiten, Fadenbindung, flexibler Einband
Link zur Leseprobe:  aus Kapitel  Vaginale Potenzen

Bezug über: siehe oben



 
 
Helles Geleit
Zum Inhalt

Erzählt wird die Geschichte von Alice und Reimar. Alice weiß, daß sie nicht  mehr lange zu leben hat. Mit Reimar, einem  Rauschgiftfahnder, entscheidet sie sich, ihre letzte Zeit einer gefahrvollen Operation gegen die Drogenmafia zu opfern.

231 Seiten, Fadenbindung, Hardcover
Link zur Leseprobe:  aus Kapitel 1

Bezug über: siehe oben



 
 
Die Abordnung
Zum Inhalt

Irgendwo in einer deutschen Provinzstadt tritt ein junger Richter sein neues Amtes an.  Er ist "abgeordnet", um den Prozeß um den Bau eines Kernkraftwerkes in die Wege zu leiten. Fleißig und sachkundig - sein Erststudium galt der Physik - vertieft er sich in den Gutachterstreit, aber das städtische Umfeld, wohlstandsverwöhnt und korrupt zugleich, absorbiert ihn zunehmend und entfremdet ihn seinem Auftrag, bis er sich  eines Tages entschließt "auszusteigen".

271 Seiten, Fadenbindung, Hardcover
Link zur Leseprobe:  aus Kapitel  III

Bezug über: siehe oben



 
 
Auf einem spanischen Flughafen bricht ein unbefristeter Streik aus. Um dem zermürbenden Warten ein Ende zu bereiten, entschließen sich zehn deutsche Urlauber, die sich in einem  Sprachkurs kennengelernt haben, zu einem riskanten Experiment: sie wollen die Zeit bis zum Rückflug in einer nahen Benediktiner-Abtei überbrücken und sich dort einem "mentalen Training" unterziehen.
Ruhe und Abgeschiedenheit des Klosters scheinen die ideale Voraussetzung für die geplanten Identitäts- und Toleranzübungen zu bieten. Doch das Unternehmen will nicht gelingen... 

223 Seiten, Fadenbindung, Hardcover
Link zur Leseprobe:  Kapitel 1

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Leseproben
4. Januar 2008

Daueraktueller Roman: Herrenhaut und Armenseele

Anlaß der Erinnerung:
Vor Weihnachten 2007 wurde der katholische brasilianische Bischof Luiz Flavio Cappio in die Intensivstation eines Krankenhauses der Stadt Petrolina eingeliefert. Sein Hungerstreik (seit 23 Tagen) hatte ihn so sehr geschwächt, daß er das Bewußtsein verlor, als er vom Urteil des Obersten Gerichtshofs Brasiliens erfuhr, wonach ein schwerer Eingriff in die Natur (Verlegung eines Flußlaufs) bestätigt wurde. Der Eingriff begünstigt die Großgrundbesitzer und benachteiligt die Kleinbauern seiner Diözese im Nordosten des Landes. Bischof Cappio unterstützt seit Jahren die Landlosenbewegung und wird deshalb (auch sein Orden: die Franziskaner) bedroht. Dieses Szenario 2007/2008 gleicht auffällig einer Beschreibung in dem Roman ›Herrenhaut und Armenseele‹, der bereits 1991 erschien und in 4. Auflage vorliegt. Wieder einmal folgt die Wirklichkeit der Fiktion. 
© WALTHARI® – Aus: www.walthari.com

Die häßliche Realität holt erneut eine Romanfiktion ein

Am 12. November 2002 melden die Agenturen: Bischof Jorge Jiménez Carvajal, Oberhirte in Bogotà und Vorsitzender des Lateinamerikanischen  Bischofsrates, wurde zusammen mit seinen Begleitern von marxistischen Farc-Rebellen entführt. Er befand sich auf einer Landfahrt zu seinen Gläubigen, die zu den ärmsten und bedrängtesten der Welt zählen. Im Mai 2002 hatte er gegen die Ermordung von 117 Zivilisten durch Rebellen protestiert und sich dadurch zur Zielscheibe gemacht. Am 15. November 2002 kam er wieder frei.
Im Jahre 1992, also zehn Jahre zuvor, erschien mein Roman mit dem Titel Herrenhaut und Armenseele (er liegt seit 2001 in vierter, neu bearbeiteter Ausgabe vor). Darin schildere ich einen vergleichbaren Überfall in Brasilien, das ich zuvor besucht und dessen soziales Elend ich studiert hatte. Die männliche Hauptfigur im Roman, ein deutscher Arzt, unternimmt zusammen mit einem Bischof und einem Pater eine »verrückte Landpartie«.

»13.22 Uhr: Endlich am zweiten Ziel. Ein Pater in brauner Kutte eilt aus der Barackentür und tritt in die Staubwolke, die unser Jeep erzeugt hat. Ich werde mit den anderen Ankömmlingen wie ein alter Bekannter umarmt und erfahre sogleich den Grund für die sichtlich aufgeregte Besorgtheit des holländischen Franziskaners. Nicht weit von hier sei es gestern fast zu einem Blutbad gekommen, abends, gegen acht Uhr. Er  habe plötzlich Schreie und Schüsse gehört, sofort sei er zur Kolonie hinübergeeilt, wo landlose Bauern einige Holzhütten errichtet hätten, um ihre Familien unterzubringen. Da habe er eine Handvoll Reiter über das Häuflein der verschreckten Menschen und Tiere herfallen sehen. Die Eindringlinge hätten nicht nur in die Luft, sondern auch gezielt auf Hunde und Hühner geschossen - man wisse ja aus früheren Überfällen, wie rasch aus dem Wortkrieg ein einseitiger Waffengang werden könne. Die Pistoleiros schössen dann sogar auf Menschen und zündeten die Hütten an. Glücklicherweise sei es gestern anders verlaufen, vermutlich hätten sich die Banditen durch Kutte und Kreuz beeindrucken lassen, jedenfalls seien sie abgezogen, als er, der Pater,  sich schützend vor die völlig verängstigten Frauen und Kinder gestellt habe. Die Opferbilanz diesmal: fünf niedergestreckte Hühner, ein toter  und ein angeschossener Hund. Das Jaulen des verletzten Tieres habe die Kinderschreie so stark übertönt, daß die Campesinos die arme Kreatur schließlich töten mußten. 
Hüttenelend unter der Äquatorsonne. Eigentlich sind es keine Hütten, sondern nur Holzgerüste, abgedeckt mit Pflanzenmaterial, behangen mit Kochgeschirr und Kleidern. Unter den schützenden Dächern spielen Kinder so friedlich, als hätte es den gestrigen Überfall nicht gegeben. Auch die Frauen haben sich beruhigt, schwatzend stehen sie um den Gemeinschaftsherd und bereiten eine Gemüsesuppe zu. Ich vermisse alte Menschen, vermutlich hat man sie zurücklassen müssen. Landbesetzer werden vermutlich nicht alt, im Kampf gegen die Natur, im Streit mit den Söldnern der Latifundistas. 
In der Baracke des Franziskaners wird uns schwarze Bohnensuppe und Fladenbrot gereicht. Zum erstenmal ergibt sich die Gelegenheit, mit Don Freire ausführlicher ins Gespräch zu kommen. Ja, so sehe der Alltag eines Bischofs im Nordosten Brasiliens aus, ein staubiges Amt und manchmal auch gefährlich. Mindestens einhundert Tage im Jahr sei er mit dem Jeep unterwegs, um den Menschen Mut zuzusprechen; um die wenigen Priester in ihren Nöten anzuhören; um zu taufen und die Messe zu lesen. Bitterarm wie diese Landbesetzer seien fast alle in dieser Gegend, kaum ein Campesino besitze mehr als das, was er auf dem Leib trage. Die Frauen hätten ein besonders schweres Los, den ganzen Tag über seien sie voll damit beschäftigt, ihre große Familie mit dem Allernötigsten zu versorgen. Für das Elend dieser Menschen seien viele Ursachen verantwortlich, voran die Seca, die Dürre. Seit Jahren eine unbegreifliche Laune der Natur, vielleicht auch eine Prüfung Gottes, deren Sinn er, der Bischof, allerdings nicht verstehen würde; denn die Plage treffe nur die Ärmsten, ausgerechnet seine Nordestinos. Womit hätten sie verdient, daß so viele Kinder und Alte Hungers sterben müßten? Jährlich mehr als eine halbe Million! Nein, das könne nicht der Wille Gottes sein - wo bleibe da der gerechte Christus und Erlöser? Nächtelang grüble er darüber nach, bete und sinniere, faste und weine auch. Im Grunde seines Herzens schäme er sich vor dem Herrgott, weil sein Glaube manchmal nicht stark genug sei, um solche Zweifel abzuwehren. Denn das Bibelwort vom gütigen und verborgenen Ratschluß Gottes könne er vor sterbenden Kindern nur mit zitternder Stimme aussprechen, wo doch die gängigen TV-Serien auch in Brasilien den grenzenlosen Lebensluxus zum Inhalt hätten. Kinder und Alte fragten ihn, wohin sie denn auswandern müßten, um so schön wohnen zu können wie die Leute im Fernsehen. Da blieben ihm jedesmal die biblischen Trostworte im Halse stecken. Gott, der Allmächtige, müsse sich ernsthaft gefallen lassen, daß man ihn nach der Gerechtigkeit frage, ihn zuerst, noch vor den Großgrundbesitzern und der Regierung, die an zweiter und dritter Stelle anzuklagen seien. Was solle er antworten, wenn die Leute wissen wollten, warum Gott zugelassen habe, daß die Fazendeiros viel Land und sie keines besäßen? Er, Don Freire, prangere in fast jeder Sonntagsmesse, die sein Landradio direkt übertrage, deutlich diese ungerechte Verteilung des Bodens an, aber was habe es schon gebracht? Wenig. 
Ob ich wüßte, daß sich zwei Millionen Quadratkilometer im Eigentum ganz weniger Latifundistas befänden? Nicht selten verwalteten sie  Familienländereien von der Größe Luxemburgs, während in seinem Sprengel zehn Millionen Campesinos nicht einen einzigen Quadratmeter bewirtschaften könnten. Und ganz unerträglich sei der Umstand, daß nur fünfzehn Prozent der Latifundien überhaupt bestellt würden, der Rest liege brach! Sei es da verwunderlich, wenn die Mittellosen einen Teil des Brachlandes kurzerhand besetzten, um  Ackerbau im kleinen zu betreiben? Hier kämpfe jede Familie ums Überleben. Er scheue sich daher in seinen Radiopredigten nicht, solche Landnahme zu rechtfertigen. Dafür würden er und seine Mitarbeiter allerdings hart bestraft - dreiundsechzig Priester und über eintausend Landbesetzer seien in den letzten Jahren erschossen worden. Das Werk gedungener Pistoleiros, die von den Reichen als Privatarmeen gehalten würden. Es sei auch schon vorgekommen, daß Militärpolizisten für Ordnung und Recht gesorgt hätten - im Sinne der Großgrundbesitzer, was sonst! Natürlich könnten die bestochenen Staatsbüttel vor gerichtlicher Verfolgung sicher sein, da mit der Justiz und der Regierung vorher alles abgesprochen werde. Wenn auf seine Person noch kein Kopfgeld ausgesetzt worden sei, dann verdanke er diesen Umstand einzig  seinem Bischofsring. Einen Nachfolger der Apostel ermorde man nicht so leicht, das würde denn doch ein zu großes Aufsehen erregen und den internationalen Druck auf die Herrschaftsklasse Brasiliens verstärken.« 

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Endläufe: Vaginale Potenzen

Nicht gerade den Größten Angenommenen Unfall, aber einen GAU der markerschütternden Sorte hatte Roberta zu verdauen. In ihrer Ehe, diesem altbürgerlichen Zweierboot, dessen Insassen im Takt zu rudern gezwungen sind, mehr oder weniger, in diesem Zweier ohne Steuermann war sie glücklich, nicht nur im großen und ganzen. Sie fand das Glück fast täglich und um so mehr, je länger sie mit Huang zusammenlebte. Drei Ehejahre haben diesem Zustand nichts anhaben können, drei Jahre mit dem gleichen Mann im selben Boot, am gleichen Tisch - und noch keine Spur von Ermüdung oder Abnutzung. Wer hat schon so viel Dusel! Sie sagte es sich jeden Tag und hatte diesen Gedanken noch wenige Minuten, bevor Hu die Tür hinausgeschoben worden war - dann stand sie wie vor einem Abgrund.
Mit Hu hatte sie öfter über die Gefahren gesprochen, die von seiner Beratertätigkeit ausgingen, aber die Gefahren lagen immer in weiter Ferne. Wieder einmal war im Westen eine Chinaeuphorie ausgebrochen, Manager und Politiker ließen sich von Experten wie Huang Feng begierig beraten. Aus rotgardistischen Zeiten kannte Huang zahlreiche Provinzen Chinas, besonders diejenigen im Westen und Süden seines Landes, wo Straßen und Fabriken mit einer Eile gebaut wurden, als wolle das Reich der Mitte den industriellen Vorsprung Japans, seines Dauerkonkurrenten, in wenigen Jahren aufholen.
Ein Jahr lang war Huang als Jungrevolutionär umhergezogen, sprach mit Bauern und Arbeitern und wußte aus Verhören, wie die Feinde der Revolution, darunter Kaufleute und Verwaltungsbeamte, insgeheim dachten und beim Geschäftemachen vorgingen. Was ihn außerdem vor den meisten anderen Chinaberatern auszeichnete, war das Ausmaß seiner Verwestlichung, die ihm jenen inneren Abstand zu seinen Landsleuten verschaffte, auf den die Fabrikherren in Europa und Amerika so großen Wert legten. Diese und andere Vorzüge ließen ihn als kompetenten und glaubwürdigen Berater erscheinen - erstaunlicherweise nicht allein in den Chefetagen des Westens; auch die Planbüros Pekings, Shanghais und Kantons lockten mit Angeboten.
Den Verlockungen aus seinem Heimatland widerstand er allerdings hartnäckig. Sie waren erstens nicht lukrativ genug, zweitens zu doppelbödig und drittens aus meist schmutzigen Mündern, wie man in China sagt. Immer noch herrschte das alte System, das ihm seine Jugendjahre geraubt hatte. Da erschien es ihm nur logisch, die kapitalistische Seite zu beraten. Seit er es gewagt hatte, nicht nur hinter den Kulissen, sondern in Verhandlungsdelegationen offen in Erscheinung zu treten, seit dieser Zeit mußte er jedoch damit rechnen, als Verräter am chinesischen Volk angesehen zu werden. Verräter konnten jederzeit ›bestraft‹ werden - wenn nicht aus ›regierungsamtlicher Veranlassung‹, so im Auftrag der noch mächtigeren chinesischen Geheimbünde, die an all den Plätzen der Welt ihre Horchposten hatten, wo chinesische Clans ihren Geschäften nachgingen. Es war längst kein Geheimnis mehr, daß bei jedem größeren Geschäft zwei oder drei Netzpatriarchen die Finger im Spiele hatten, manchmal mit Wissen und sogar im Auftrag hoher Regierungsstellen. Selten, daß sich die Offiziellen aus der Deckung wagten - Peking beispielsweise hatte die Stirn: Die Regierung scheute sich nicht, ausgebürgerte oder geflohene Landsleute, die als ausländische Staatsbürger zu ihren Verwandten ins Land kamen, kurzerhand zu verhaften und sie nicht einmal dann freizulassen, wenn auswärtige Regierungen energisch dagegen protestierten. Warum also sollten die Mächtigen ihn, den kleinen Huang, mehr schonen als die einsitzenden Menschenrechtler aus den USA und Europa? Ausgerechnet ihn, den Kapitalistenberater, der landestypische Verhandlungspraktiken preisgab und somit großen ökonomischen Schaden anrichten konnte?
Mit Roberta hatte Huang alle möglichen Strafaktionen vorsichtshalber durchgespielt, vor allem solche, die am wahrscheinlichsten waren. Nein, Mordanschläge waren auszuschließen, wenigstens solange, wie auf dem ›Verräterkonto‹ Huangs nichts Außergewöhnliches verbucht werden mußte - ein Gesichtsverlust zum Beispiel, das wäre so ein Fall. Huang riet daher jedem seiner Klienten eindringlich, ihre chinesischen Verhandlungspartner niemals in eine ausweglose Lage zu manövrieren - man müsse ihnen, trotz aller Härte in der Sache, immer einen Ausweg lassen. Millionenschwere Übervorteilung oder ein Gesichtsverlust - diese beiden Fälle würden eine ›Liquidierung‹ Huangs geradezu provozieren. Nicht ohne Grund riet er vor jeder Sitzung zur harmonischen Verhandlungsatmosphäre. Nach chinesischer Sitte hat man einander höflich garzukochen: man aß und trank am runden Tisch, bevor man zum Geschäft kam, und dabei ließ man den Gästen diskret jene Freuden zukommen, die sie wünschten.
Nein, keine Liquidierung, viel wahrscheinlicher war, daß man ihn zu erpressen versuchte. Das Zuspielen verleumderischer Informationen an Huangs Auftraggeber war eine weitere denkbare Strafvariante. Deutlich härter und daher auszuschließen waren gezielte Unfälle auf der Straße oder im Fahrstuhl. Und gar nicht so ungewöhnlich: eine zeitweilige Entführung, mit der man gehörig einschüchtert, damit die Geisel über die Gegenseite ausplaudere. Wenn überhaupt eine Strafaktion, so war nach aller Erfahrung anzunehmen, daß eine telefonische Vorwarnung vorausgehen würde. Erst drohen, dann spürbar anpacken, schließlich vernichtend zuschlagen. Eine Liquidierung also erst ganz am Ende - so das alte Gesetz der Netzpatriarchen, an dem nicht zu zweifeln war.
Daß es anders lief, war weniger für Roberta als für Huang eine Überraschung. Keine anonyme Stimme hat telefonisch vorgewarnt, kein Clanchef hat eine langsame Steigerung der Druckmittel angeordnet, vielmehr begann es mit der Entführung - die Vorstufe zu allem Möglichen. Hatte Huang vielleicht unbemerkt oder ungewollt ›dem chinesischen Volk schweren Schaden zugefügt‹? Waren am Ende alte Rechnungen aus seiner Rotgardistenzeit zu begleichen? ›Den Gegner in Räume der Ungewißheit einsperren‹ - dieses alte chinesische Sprichwort wurde hier perfekt praktiziert. Vergeblich grübelte Roberta darüber nach, ob Hu irgendein Fehlverhalten irgendwann angedeutet hat - nichts, sie konnte sich an nichts dergleichen erinnern.
Obschon ihr beider Verhalten für den Ernstfall genau abgesprochen war, dauerte es Stunden, bis Roberta die Schocklähmung überwunden hatte. Erst gegen Ende der Schreckensnacht - sie war eingenickt, aber aus schweren Träumen immer wieder aufgeschreckt - hatte sie sich gefaßt und konnte wieder so klar denken, daß sie die verabredete Strategie befolgte. Als kurz nach acht Uhr Memu seinen aufmunternden Morgenspruch zum Tage ausspuckte, sah sich Roberta von einer Morgenhelle umflutet, die ihr gespenstisch vorkam. Welche Realität galt in diesem Augenblick? Die geträumte, die noch schwer nachhing? Oder die grausame von gestern Abend? Oder die nicht weniger faßbare Helle dieses Morgens? Waren am Ende Memus virtuelle Räume wirklicher? Vor ihr baute sich die Realität eines anbrechenden Tages auf, der unter der vereinbarten Devise stand: absolute Funkstille am Vormittag, keine Hilferufe nach draußen, kein Nachrichtenempfang von draußen, sich totstellen, um mögliche Horcher und Beobachter zu verunsichern. Und am Nachmittag einen Ort aufsuchen, der nur schwerlich auszuspionieren war.
Wenn Männer missionarisch reden, vermehren sie den Wortmüll aus Unverstand und schaden ihrer Sache. Frauen betreiben in vergleichbaren Fällen den Ruin ihrer Identität. Was an diesem späten Vormittag die Hauptrednerin von sich gab, war maskuliner Wortmüll und weiblicher Identitätsverlust in einem. Das Fraueninstitut der örtlichen Universität sah es seit Jahren als seine gesellschaftspolitische Pflicht an, zweimal wöchentlich ein offenes Frauenforum anzubieten, mit semesterweise wechselnder Thematik und unter der Obhut etablierter Frauenvereinigungen. Im laufenden Wintersemester ging es um brennende Fragen der Vaginistinnenbewegung.
Hybride Welten: »Aus diesem Gedankengefängnis, verehrte Schwestern, müssen wir heraus! Die Gebärfähigkeit der Frau wurde in der Vergangenheit von den Männern so interpretiert, als sei der weibliche Körper vornehmlich eine Regenerationsmaschine - ein trickreiches Verfahren, um die Frau zu domestizieren. Dem männlichen Macht- und Aggressionsstreben, genauer gesagt: der Herrschaft der Männer über unsere Vagina ist bekanntlich Lysistrata sehr wirkungsvoll entgegengetreten, indem sie ...«
Werden sie ihn nur einschüchtern und ihn dann wieder freilassen? Oder foltern? Vielleicht gerade in diesem Augenblick? Er wird, wie ich ihn kenne, auf die Zähne beißen und sich was einfallen lassen, um die Zwangslage zu verkürzen. Vielleicht begnügen sie sich damit, seinen Klienten verleumderische Informationen zustecken zu lassen, um ihm das Beratergeschäft zu vermasseln. Brennendster Grübelpunkt: Wie wahrscheinlich ist der schlimmste aller denkbaren Fälle - nein, nicht weiterdenken, nicht ausdenken - es wäre wie ein freier Fall ins Leere.
»... war die Pille, diese listige Erfindung der Männer, letztlich doch ein Scheinsieg der Phallusträger. Aber reingefallen sind sie, liebe Schwestern! In die eigene Lustfalle getappt! Hatten sie doch geglaubt, sich in unserer Scheide ganz risikolos austoben zu können! Und nach Lust und Macholaune noch den Zeitpunkt zu bestimmen, wann unser Bauch zu schwellen beginnt. Wir sind die Opfer einer fehlgeleiteten Evolution! Wir wehren uns entschieden gegen das Schicksal der Schwangerschaft - mit allen Mitteln!«
Ein Spitzlippchen der missionarischen Sorte, eine von jenen Stechfliegen, die den Wohlstandsgürtel der Erde mit ideologischer Malaria verseuchen, macht sich zur Rede bereit. 
Hu hat mir beteuert, keinem chinesischen Netz anzugehören - und nie angehört zu haben. Vielleicht ködern sie ihn jetzt...
»Zwischenruf: Wirst du, Ellen, etwa zum Gebärstreik aufrufen? Das wäre schon deshalb unsinnig, weil die Männer längst etwas erfunden haben, das uns überflüssig macht.« Die Frau in der letzten Sitzreihe ist aufgestanden und redet mit strenger Raucherstimme. Spitzlippchen fällt ihr ungehalten ins Wort.
»Ein Irrweg, Schwesterchen! Du meinst die Klonierung, ich kann mir’s schon denken, aber damit setzt das Patriarchat lauter Monster in die Welt! Gefühllose Zuchtwesen, wie wir sie aus schlechten Science-Fiction-Filmen kennen. Ein Verbrechen! Das muß man den Vernunftbegabten unter den Männern klarmachen. Sie schaden letztlich sich selber!«
Letztlich ist ihr Lieblingswort. Letztlich weiß sie alles und letztlich sind die Phallusträger an allem schuld. Nicht eine Stunde Liebesglück haben diese gackernden Vaginistinnen je wirklich erlebt, sonst würden sie ni

Ohne Dekor

Obschon Alfred Döblin bereits 1913 eine Abkehr vom Requisitenroman forderte, wird bis heute munter so weitererzählt, als gäbe es nicht das Fernsehen, das Internet und das Kino. Mit Gerichtsasche legt der Autor einen anspruchsvollen Reflexionsroman auf rechtsphilosophischem Hintergrund vor. Gedanken und Gespräche kreisen um die Justiz, die sich in einer Krise befindet. Als im Sommer 2012 ein bekannter Staatsrechtslehrer und ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht den Verfassungsnotstand! ausrief (mit Ausrufezeichen), war das Manuskript zu Gerichtsasche weitgehend abgeschlossen. Die dramatischen Zuspitzungen einer auch politisch motivierten Rechtsverachtung haben sich lediglich in den Schlußkapiteln niedergeschlagen. Ein junger, hochbegabter Jurist will promovieren und erhält bei seiner Materialsammlung für seine Dissertation überraschende Einblicke in das judikative, legislative und professorale Rechtsdenken und –handeln. Das Promotionsvorhaben scheitert und kann als Reflex interpretiert werden für den Bruch zwischen dem Recht und der Gerechtigkeit, die sich beide aus unterschiedlichen Quellen speisen. Von besonderer Brisanz sind fiktionale Einflechtungen nationalsozialistischer Unrechtsspuren. Am Ende hat der gescheiterte Doktorand den besseren Teil erwählt, worüber bei anderen Hauptfiguren keine Freude aufkommt.  

 

Zum Autor: Erich Dauenhauer legt mit ›Gerichtsasche‹ seinen achten Roman vor. Der Romancier hatte über drei Jahrzehnte einen Lehrstuhl an der Universität in Landau/Pfalz inne. Er lebt in Münchweiler a.d.Rod.

cht...
»Laß doch die Männer zu euch ins Bett steigen! Wie anders wollt ihr sie zähmen? Außerdem könnt ihr natürliche Kinder gebären - wenn ihr es wollt!« Die Dame mit rotem Hut hat das gebärfähige Alter überschritten. Sie sitzt in der zweiten Reihe und sagt es mit zum Publikum gewendeten Oberkörper.
»Ti. Würde den Machos so passen! Ich bin für Streik! Und zwar auf der ganzen Linie! In der Küche sowieso, warum nicht auch im Bett? Wir Frauen sind doch immer nur die Opfer!« Die es herausschleudert, ist schätzungsweise dreißig und verliebt in Empörungsgesten. Silberschmuck an jedem Finger, gut zu erkennen an den fuchtelnden Armen.
»Aber Gitta! So’n Beischlaf kann doch was sehr Schönes sein - durchaus was Angenehmes, auch für eine Frau! Ist ja auch von der Evolution so gewollt - oder? Sonst säßen wir alle nicht hier!« Wie kann sich ein Muttertyp nur hierher verirren?
»Fehlt nur noch, daß wir stillen sollen!« Ein anonym bleibender Protestruf. Unruhe im Saal.
»Darf ich endlich zu meiner Kernthese kommen, liebe Schwestern.« Spitzlippchens Stimme klingt mahnend. »Um es rundheraus zu sagen: Dem Penisneid der Frauen entspricht der Gebärneid der Männer.« Und lauter in das schäumende Auditorium hinein: »Im Unterschied... « Nur langsam schrumpft die Lärmsäule. »Im Unterschied zur Samenspende der Phallusträger ist die Menschwerdung in der Vagina ein demiurgischer Schöpferakt!« 
Bravorufe. 
»Ein Akt, um den uns die Männer beneiden!«
Anschwellendes Stimmengewirr. 
»Daher wäre ein Gebärstreik...«
Es war Hu’s Idee. ›Geh im Ernstfall entweder in ein Lesben-Café oder zu den Vaginistinnen!‹ Verrückt, dachte ich im ersten Augenblick, änderte aber schnell mein Urteil, als Hu hinzufügte: ›Solchen Weiberzirkus meiden die Chinesen wie der Teufel das Weihwasser. Auch die Totschläger unter ihnen halten solche Frauen für böse Geister, die zur Tarnung in Weiberkleider geschlüpft seien. Für einige Stunden kannst du dich dort einer Überwachung entziehen und in Ruhe nachdenken.‹ 
Wie Recht er hat - hierher, ins vaginistische Tollhaus, wird sich mit Sicherheit kein Spitzel verirren. Aber in Ruhe nachdenken? In diesem Zirkus?
»Hört mir mal zu, Schwestern!« Ein Amazonentyp betritt den Kampfplatz. »Mit meiner Vorrednerin bin ich mehr als einverstanden! Daß ein breiter Gebärstreik unserer Bewegung schaden würde, wissen einige von euch aus persönlicher Erfahrung. Wir sind nun mal von der Natur zu Vaginaträgerinnen bestimmt ...« 
Der Satz geht in lauten Protesten unter. Jetzt zieht die Amazone ihr Schwert: 
»Was habt ihr bloß! Wenn ihr schon Gebärneid und Penisneid gegeneinander ausspielt, dann entspricht dem Phallusträger die Vaginaträgerin! Logisch - oder?« 
Atemlose Stille. Die junge Frau im Lederdreß einer Motorradfahrerin macht wirklich eine gute Figur. Nichts wirkt verschrägt oder aufgesetzt. 
»Ich bin stolz, mich von den Männern durch meine Gebärmutter unterscheiden zu können. Ich kann Kinder austragen! Versteht ihr das überhaupt noch?«
»Das können Brutmaschinen auch!« Störfeuer aus einer feixenden Ecke.
»Jaja, aber zwischen dem Ausbrüten von Hühnereiern und menschlichen Embryos bestehen gewisse Unterschiede! Für mich jedenfalls. Und soll ich euch sagen, welche? In meinem Bauch hängt das Kind nicht einfach an Ernährungssträngen - es wird auch mit Mutterwärme versorgt - ist eingepackt in eine mütterliche Seele und wird damit auch psychisch versorgt. Daher halte ich das Austragen und Gebären für einen Schöpfungsakt, wie er nur Gott und den Frauen vorbehalten ist. Wer da von biologischem Zwang spricht oder vom Schleppbauch, hat nichts kapiert! Eine solche Einstellung steht quer zur Evolution und verschenkt eine Machtposition, wie sie im biologischen Kosmos kein zweites Mal vorkommt! Ich nenne das die vaginale Potenz. Keine noch so perfekte Klonierung wird jemals ...« 
Eigentlich wollte ich hier über den Gefühlsraum des Schreckens nachdenken, hier, wo ich nichts zu befürchten habe. Seit gestern abend bin ich eine ›Erlebnisspezialistin‹ im ›Raum der Enge‹, wie es in der Gefühlstheorie heißt. Doch diese vaginistischen Potenzweiber lassen es nicht zu. Mal belustigt mich die Gaudi, mal fesseln mich Argumente.
Nicht übel, was diese Amazone gerade von sich gab.
Hu wirkte gefaßt. Ich muß die ganze Zeit ängstlich zu ihm hingeschaut haben. Seine Hände bewegten sich kaum. Bei Chinesen verraten die Hände mehr als ihr Gesichtsausdruck. Schon als Kind lernen sie, das Gesicht einfrieren zu lassen, spätestens mit zwanzig beherrschen sie alle Ausdrucksvariationen, von der Lachmaske bis zum Pokergesicht. Um so mehr verraten die Hände. 
»Ich muß schon sagen, in diesem geistigen Antiquitätenladen fehlt kein verstaubtes Stück! Von Lysistrata bis zur Sancta Clonia wird hier jeder Unsinn propagiert. Wenn ihr so weiter...«
»Stellt bitte das Mikrofon ab! Sofort, ja!« Eine Dame in wehendem Sackkleid schleppt sich nach vorn. »Hab’ ich sechzig Jahre dafür gekämpft, daß ihr Frischlinge...« 
Sofort verkeilen sich helle Frauenstimmen. Über das zweite Mikrofon mahnt eine Dame im Rollstuhl zur Ruhe. Nachdem der Protest sich gelegt hat, fährt die Seniorin im Sackkleid fort: »Jawohl, ich bleibe dabei, angesichts der altehrwürdigen Frauenbewegung seid ihr alle Frischlinge! Und wißt ihr, was ihr noch seid? Wollt ihr es wirklich wissen? Ganz ungeschminkt aus dem Munde einer ergrauten Frauenrechtlerin? Die meisten von euch könnten nämlich dem Alter nach meine Enkelinnen sein - daher sage ich es ganz ungeniert: Gender-Gänse! So benehmt ihr euch nämlich.« Sie spricht im Tonfall der Speakerin im englischen Unterhaus - laut, formell, sehr energisch. 
Von welcher emotionalen Farbe ist dieser Saal eingetönt? Sicher nicht von blauer intellektueller Kühle - eher von bunter Gereiztheit. Auf keinen Fall von der hoffnungsvollen Stimmung der historischen Frauenbewegung.
Wenn Hühner sich vergackern, haben Habichte leichtes Spiel. Männer würden schallend hinauslachen, säßen sie hier. Eine Nonnenausgabe hat ihr metaphysisches Stimmchen suggestiv über den Saal gelegt und feiert ihren Belehrungsgipfel mit dem Satz: »Euer Leib gehört nach dem Willen Gottes nicht euch!« 
Wo bleibt der Schlachtruf ›Mein Bauch gehört mir‹? Unwillkürlich fällt Roberta das Zitat ein:. ›Der Leib ist der Angriffspunkt der Gefühle, der Resonanzkörper für emotionale Wellen, die von Situationen ausgehen und die Gefühlsfarbe des Raumes bestimmen.‹ Ein Basissatz der Gefühlstheorie, dutzendmal gelesen und überdacht. Kreist wörtlich in ihrem Kopf, sobald eines der Wörter in dem Schlüsselsatz fällt. Kann man damit die vielarmige Wirklichkeit in diesem Raum erklären? Zwischen chaotischem Palaver und unheimlicher Stille ist keine dominante Gefühlsfarbe auszumachen - es gibt eben sehr viele vaginistische Potenzen, beischlafwillige und gebärfreudige, schwangerschaftsfeindliche und bedingt phallusabgeneigte.
Um eine Greisin, die auf dem Weg zum Rednerpult plötzlich zusammengesunken ist, bildet sich hastig ein Kranz von Helferinnen und Schaulustigen. Über ein tragbares Telefon fordert jemand ärztliche Hilfe an. Gedämpftes Gemurmel im Saal. ›Im Schreck zuckt Enge auf, seine Plötzlichkeit durchfährt den Körper wie ein Blitz und treibt ihn entweder in Panik oder in ratlose Leere.‹ Auch dies ein Basissatz der Gefühlstheorie - paßgenau.
Notplan: Memu auf SOS stellen, nicht die Polizei verständigen, nachtsüber sich in den eigenen vier Wänden verbunkern, tagsüber an Orten aufhalten, die den Dunkelmännern unzugänglich sind. Nach Hu ist ein solcher peinigender Zustand geduldig zu ertragen. ›Wenn wir aus unserem alltäglichen Dahinwesen durch eine schlimme Krankheit, durch den Tod eines nahen Menschen, durch einen schweren Unfall usw. plötzlich aufgeschreckt werden, blicken wir in eine aufgerissene Spalte unserer Existenz, die sich mit Angst füllt, vielfach aber, besonders bei genialischen Menschen, in einen verborgenen Ort für urgewaltige Antriebskräfte verwandelt.‹
»Na, Schwester, willst du nicht nach Hause gehen? Die Hühner haben ausgegackert.«
Roberta war sitzen geblieben und wollte als letzte den Saal verlassen. Aus der abziehenden Vaginistinnenschar löste sich eine Hosenfrau und flüsterte nahschwesterlich in Robertas Ohr: »Kummer? Bedrückt dich was?«
»Mein Mann ist mir abhanden gekommen.« Weil die Hosenfrau so mild wie eine Wöchnerin dreinschaute, war es Roberta herausgerutscht.
»Wie bitte? Dein Mann? Und deshalb läßt du dich hängen? Du solltest froh sein, den Dominanzling loszusein! Komm, ich lade dich zum Pushing ein. Das wird dir guttun.«
Beim Hinausgehen verwandelt sich die milde Wöchnerin ungeniert in eine Fummlerin. Sie hakt sich unter und läßt ihrem Mundwerk wohllüstig freien Lauf. Wie den Lesbensack loswerden? - »Ich steh auf Männer.« 
Roberta sagt es trocken und mit einer Bestimmtheit, die den angestauten Drang der Hosenfrau sichtbar abkühlt.

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Helles Geleit:  aus Kapitel 1

Sie wird nicht durchkommen. Der Satz irrte in dem gekachelten Raum der Intensivstation umher, in den ich hineingeschoben worden war, nur halb bei Bewußtsein und umfangen von dem Gefühl, unendlich verlassen zu sein. Das Gemurmel der Schwerstern im Hintergrund änderte nichts an meiner Einsamkeit. Zuerst hörte es sich wie ein Sterbegebet an, dann vewandelte es sich in das Gesumm von Insekten, wie es an schwülen Hochsommertagen ein Unwetter ankündigt. Der Arzt, der das Todesurteil gesprochen hatte, war mit harten Schritten hinausgegangen und hatte die Tür hinter sich zufallen lassen.

Wie matt und leblos ich auch war, das ärztliche Todesurteil bohrte sich in mein Gehirn. Ich konnte es körperlich spüren. Jedes der vier Wörter senkte sich in die Tiefe meines Bewußtseins, Steinen gleich, die mit gebremster Geschwindigkeit dem dunklen Grund eines Bergsees zustreben. Und das Seltsamste: Obwohl ich den Vorgang physisch spürte, schmerzte er nicht. Die ärztliche Mitteilung verursachte auch keine Angst, ich hätte nicht die Kraft gehabt, mit derlei aufwendigen Regungen mich zu beschäftigen - ich: ärmlicher Rest eines Lebens, das soeben von einem unerbittlichen Richter abgeurteilt worden war. Es kam mir in diesem Augenblick vor, als eroberte eine bisher verdrängte Wahrheit das mir verbliebene Bewußtsein, hart ausgesprochen und doch schwerelos sanft begriffen: Sterben ist die einsamste, die kälteste Strecke des Lebens. Über soviel Wachheit verfügte ich noch, um zu erfassen, was mein Körper mich lehrte. Dann überwand mich der Schlaf.

Mein Fall ist klar in jedem halbwegs guten Lehrbuch der Inneren Medizin beschrieben: "Leukose, unheilbare Blutkrankheit mit untersschiedlicher Lebenserwartung. Während der ersten Zeit ist noch eine fast normale Lebensführung möglich, teilweise sogar mit Arbeits- und Reisetätigkeiten. Alle bisher praktizierten Behandlungen haben toxische Nebenwirkungen. Folgende Untersuchungen sind in angemessenen Abständen angebracht: Blutbild, Knochenmark, Thorax, Leber, Nieren, Harn und Augenhintergrund. Bei akutem Schub..." - nein, nicht weiter, genug, daß ich es aus Erfahrung weiß. Ich will über mein Leiden keine Einzelheiten erzählen. Sie sollen bleiben, wo sie sind - in der geheimzuhaltenden Datenbank der Ärzte und in mir.

Wie lernt man begreifen, warum sich eine unheilbare Krankheit ausgerechnet im eigenen Körper festgesetzt hat? Bisher habe ich mich mit der Erklärung zufriedengegeben, daß zerstörerische Kräfte ebenso zu dieser Welt gehören wie die Freude über eine blühende Sommerwiese. Irgendeine dieser Kräfte hat in meinem Körper etwas in Gang gesetzt, auf das ich keinen Einfluß habe und das auch die Ärzte nur mildern, nicht aber ausschalten können. In den Tagen der mörderischen Schübe unterwerfe ich mich gefügig der aufwendigen Behandlung. Jeder Schub treibt mich ein weiteres Stück dem unvermeidlichen Ende zu. Niemand spricht es klar aus, aber ich weiß es. Ein Schub gleicht dem Abseilen in eine Gletscherspalte: jedesmal diese helle Kälte, dieses gläserne Gefängnis. Nein, schildern kann man nicht, was während der Zeit der Ermattung vor sich geht. Gefühle und Gedanken kippen einfach weg. Anfänglich leiste ich noch Widerstand, ich will zum Leben zurück; dann erstarrt auch diese letzte Kraft in der Eiskammer des Gletschers. Ein Sieg der zerstörerischen Natur.

Endlich, endlich, zwischen den Schüben: das geschenkte Leben! Unbeschwert wie an Kindergeburtstagen lebe ich auf, schaue durchs Fenster, lese, bin unternehmungslustig. Es sind Tage und manchmal auch Wochen voll glücklicher Erwartungen. Ich habe dann keinen Grund, an das Ende zu denken.

Einmal, zu Beginn einer solchen Glücksphase, habe ich mir eine Schabernack erlaubt. Trauen Sie sich zu, fragte ich den Ärztlichen Direktor, meine restliche Zeit quartalsgenau zu schätzen? Zweimal wich er mir aus, mit Sätzen wie: Fragen Sie den Herrgott! Und ärgerlich: Wir spielen hier nicht Lotto! Ich versuchte es auf einem Umweg: Wie viele Leukämiepatienten meiner Spielart haben Sie schon behandelt? - Ihrer Spielart? fragte er zurück. Meine Formulierung hatte ihn stutzig gemacht, und er verstand: Diese Frau will ihr körperliches Unglück geistig besiegen, wenigstens für eine Weile. Er rückte mit seiner Schätzung heraus, die er mit allem Vorbeh alt versah, ja, aufgrund seiner längjährigen Erfahrungen traue er sich eine Schätzung schon zu. Nach den Regeln der Wahscheinlichkeit setzt er meine Lebenserwarung auf fünf Kalenderquartale an, bei Toleranzabweichungen von einem Quartal nach oben und unten.

Der Schuß saß. Ob Spaß oder bitterer Ernst, zum erstenmal raste es mir in Kopf und Brust, ich hatte mich eindeutig zu weit vorgewagt, mein Dasein zum Tode taugt nicht zum Schabernack. Die Quartalsschätzung warf mich mit Wucht aus meinem gerade wiedergewonnenen seelischen und körperlichen Gleichgewicht. Erst die leichte Nachbehandlung half mir wieder auf. Seither weiß ich, es gibt mehrere Abstufungen der Gewißheit, mit denen man Wahrheiten zur Kenntnis nimmt. Manches begreifen wir nur allmählich, die Umstände haben sozusagen Geduld mit uns. Altersschmerzen in den Gliedern wachsen uns langsam zu. Meine Mutter klagte mit fünfzig über ein rheumatisches Ziehen in der rechten Schulter; es kam und ging, und als es blieb, hatte sie sich daran gewöhnt. Mit siebzig brachte sie es auf mehr als ein Dutzend Schmerzstellen, mit denen sie allmählich umzugehen gelernt hatte. Was mir hingegen widerfuhr, war - schockartig provoziert und von plötzlicher Gewißheit - die höchste Wahrheitsstufe. Dahinter beginnt die Ewigkeit.

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Die Abordnung: aus Kapitel III

Gegen Abend hatten Wind und einige verfrühte Blitze den Himmel ausgewaschen. In graugedecktem, von nachhängenden Regentropfen leicht verpunktetem Anzug überquerte der Richter den Marktplatz und stand nach wenigen Schritten vor der ehemaligen Zechstube der Landsknechte,  in deren Innenhof er trat.

Die Zechstube war umgebaut worden und stellte nun ein besonders gelungenes Beispiel wiedergewonnener Altstadtkultur dar: vier unterschiedlich hohe, in der Fassadengestaltung aufeinander abgestimmte Fachwerktrakte umschlossen den Innenhof, Fenster in altdeuschen Variationen, teils mit gewölbten Butzenscheiben, teils mit ältlichtrübem Flachglas, durch welche seitlich weggebundene Bauernvorhänge weiß hervorschimmerten. Eine Wendeltreppe duckte sich unter einem Dreiecksbalkon weg ins Innere des mittleren Traktes. Das Rot und Geld der Blumenkästen auf den Fenstersimsen hob sich vom Schwarz des Eichengebälks spielerisch ab, und über allem hingen, ja hingen vier Schindeldächer, gelbe Segel, von den Jahren lastschwer eingedrückt und ineinander verwoben - eine Karavelle der Fröhlichkeit nannte man daher diesen Ort von alters her. Und neuerdings noch anspruchsvoller: Residenz des Weingewissens, in welcher - so sagte man weiter - jedermann einige rauschhafte Stunden erleben, die Welt vergessen konnte, soweit er vorurteilsfrei dem bündischen Küferkult sich hinzugeben bereit war.

Punkt 21 Uhr ertönte ein Glockenzeichen - dem Richter fiel unwillkürlich das Sakristeiglöckchen seiner Meßdienerzeit ein. Von allen Seiten strömten Menschen auf den Innenhof, frische Gäste, die auf der Straße ungeduldig das Zeichen erwartet hatten und nun durch den steinernen Rundbogen schritten: ortsvertraute Weinküfer, die ihren Frauen und Töchtern vorangingen und ihre wässrig-roten Gesichter zwischen Lächeln und dem Ernstblick besonderer Kennerschaft hin- und herverwandelten. Kaum Zeit für Begrüßungen.

Er drängte sich, links und rechts um Nachsicht bittend, zur Straßenseite des Innenhofes zurück, der ihm wie ein überfüllter Hörsaal erschien, eng und weit zugleich, vieltönig eingeschlemmt. Fanfarentöne kündigten die Ausfahrt der Karavelle an, ein Herold - mehr Harlekin dachte er zuerst, dann aber erinnerte ihn die bunte Gestalt an die Kirchendiener in seiner Kindheit - der Herold also traf auf den Dreiecksbalkon, hieb mit einem Schellenstab knochenhart auf den Holzboden, so dreimal - die festliche Gesellschaft war mit dem letzten Schlag augenblicks still, knarrend rasterte das Flügeltor ein. Straße und Welt und Alltag blieben ausgesperrt, es konnte beginnen.

Höret! Höret, ihr Küfer, Ritter und Brüder! Höret, Gäste von nah und fern! Höret die Bacchuslesung! erscholl es über der Menge. Erneute, diesmal lautere Fanfarenstöße aus einem Lautsprecher von den Dächern herab, ein Meer von Köpfen drehte sich nach oben, die Schallquelle war nicht genau auszumachen, und nach drei weiteren, deutlich härteren Hieben mit dem Schellenstab erschien eine Bischofsgestalt, kein Zweifel, die schelmische Imitation eines Pontifex. Mit geübter Hand begrüßte der Weinbischof Gäste- und Küferschaft. Zurufe, Jubel. Dann war zu klatschen, der Herold gab dazu das Zeichen. Lachend begleitete die Festgesellschaft die Eröffnung der Zeromonie, fast alle schienen mit deren Ablauf vertraut, lediglich einige Gäste verharrten regungslos vor dem Balkonschauspiel. Zum bischöflichen Bild paßte alles, beinahe alles, Mitra, Untergewand, Schulterbehang, ja selbst der Stab hielt das Bild eindeutig. Nein, kein Brustkreuz, stattdessen zwei Weinorden, breit und prunkvoll, und der kunstvoll geschnitzte Stabknauf begnügte sich mit einer wildförmigen Rebwurzel.
Der Richter stand steif. Mit leicht geöffnetem Mund. Seine hohe Gestalt gewährte ihm eine gute Sicht über die Menge.

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...und kamen nach Santo Domingo: Kapitel I

Gegen Ende der siebziger Jahre, als es mehr literarische Moden als Literaten gab; als die Intellektuellen stärker als sonst an sich zu leiden pflegten; als die Wissenschaft in Blüten stand und der Glaube im Elend; und als nicht nur Laien glaubten, daß furchtschlagende Schwarze Löcher seit Urzeiten sich im All eingenistet haben - in dieser ebenso bewegten wie empfindsamen Zeit trug sich im altkastilischen Norden Spaniens, nahe dem unruhigen Baskenland, eine Geschichte zu, die in Öffentlichkeit und Wissenschaft ohne Zweifel den seltsamsten Gegenstand abgegeben haben würde, wenn einer der Beteiligten es gewagt hätte, seine Erlebnisse unter die gierigen Tagesmedien zu bringen. Daß dergleichen nicht geschah, mag damit zu erklären sein, daß sich niemand ohne Not der allgemeinen Lächerlichkeit aussetzt; und: daß sich niemand in langwierige medizinische, psychologische und andere Untersuchungen verwickeln lassen will, deren Ausgang ungewiß: denn es kann bis auf den heutigen Tag als sicher gelten, daß selbst die gelehrtesten Methoden nicht ausgereicht hätten, die Vorgänge in dem kleinen, gänzlich abseits gelegenen Orte Silos zu erklären.

Da weder die exakten noch die öffentlichen Denker sich der Ereignisse annehmen konnten, habe ich mich entschlossen, der sensibelsten aller Künste, der Literatur, die Wahrheit anzuvertrauen, um auf diese hineinhorchende Weise etwas Licht in die verworrene Sache zu bringen; und sicher bin ich, nicht den schlechtesten Weg gewählt zu haben: indem wir eine Geschichte beschreiben, interpretieren wir sie auch.

Gleich zu Anfang bekenne ich freimütig, daß ich nicht uneigennützig handle, wenn ich mir das spanische Abenteuer von der Seele schreibe. Ich hoffe so, manchen bedrückenden Traum erst gar nicht träumen zu müssen. Zwar bin ich von Berufs wegen auf außergewöhnliche Vorkommnisse angewiesen, weiß Gott - wie und wo sonst könnte man die menschliche Natur typenreiner und besser beobachten! Wenn man aber am Ende an eigenen Hautverbrennungen zu leiden hat, besteht doppelter Grund, unsere Geschichte zu erzählen, und zwar in allen Einzelheiten.

Unsere Geschichte, ja. Es begann mit einem beinahe alltäglichen Ereignis, einem Streik. Was bedeutet schon eine Arbeitsverweigerung in einem Jahrhundert, das seine Zeit langsam zu Grabe trägt! Manchmal jedoch blähen unberechenbare Streikwinde eine Schicksalsblase auf, in den bizarrsten Farben und Formen, so daß das Leben selbst für eine kurze Dauer ein Kunstwerk zu sein scheint. Über einen solchen seltenen Glücksfall - Unglücksfall! würde unsere Gruppe energisch eingewandt haben - ist zu berichten.

In Silos, einem kleinen, gänzlich abseits gelegenen Orte zwischen dem Städtedreieck Burgos, Soria und Arranda de Duero, wohin sich die geistlichen Nachfahren des heiligen Benedikt von Nursia seit alters zurückgezogen und eines der mächtigsten Klöster des Landes aufgebaut haben, genauer gesagt: in der Abtei Santo Domingo de Silos, erlebten deutsche Sprachurlauber vier Tage und drei Nächte, als hätte eine unsichtbare Hand das meiste auf den Kopf gestellt.

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