Walthari
 
 

Archiv zu Persönlichkeitsmanagement



13. September 2010
Ferdinand Freiligrath
geb. am 17.Juni 1810 in Detmold
gest.  am 18. März 1876 in Bad Cannstatt

Sein ehemals großer Ruhm als Dichter und Patriot ist im heutigen kollektiven Gedächtnis der Deutschen auf einen Restposten in Literaturlexika zusammengeschrumpft. Es demaskiert die links-grüne Medienlandschaft, daß sein 200. Geburtstag fast vollständig übergangen wurde. Vielleicht einer unter zehntausend Bürger kennt noch eines seiner Gedichte. Anthologien sparen ihn aus, er paßt nicht mehr in den heimatlos flatternden Zeitgeist. Dabei erwarb sich der Lehrersohn große Verdienste auf dem Weg zur Deutschen Einheit 1871. Als er 1868 aus dem Londoner Exil zurückkehrt, feierten ihn die Zeitgenossen als Patrioten und Sozialrevolutionär. In seinem Gedicht (›Von unten auf‹, 1846) schildert er den preußischen König auf seiner Rheinfahrt und läßt den Schiffsheizer als »Proletarier-Maschinist«  das Feuer der Revolution schüren. Es blieb dem Spötter Heinrich Heine vorbehalten, über Freiligrath herzufallen, der in seinen besten Gedichten keineswegs einer Kriegspoesie verfallen war. Eine Sturmtrompete wird zerschossen und ist nur noch als »klanglos Wimmern« zu vernehmen, ein »Schrei voll Schmerz«. Das könnte man auf das kollektive Vergessen übertragen.
© Erich Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com
 


21. November 2010

Schopenhauer, A.: Senilia. Gedanken im Alter
herausgegeben von Franz Volpi und Ernst Ziegler
C. H. Beck Verlag, München 2010, 374 Seiten, 29,95 Euro

Dieses Buch gewährt tiefe Einblicke in die verschachtelten Denkkammern eines der einflußreichsten Geister der deutschen Kultur. ›Gedanken im Alter‹ lautet der Untertitel, was erwarten läßt, daß der knorrige Philosoph in seinen letzten Lebensjahren noch knorriger über das Weltgeschehen denkt und urteilt. Und so ist es auch. Franco Volpi bereitet in seiner Einleitung den Leser darauf vor. Die Eintragungen beginnen im Jahre 1852 und enden 1860 mit dem Tode Schopenhauers. Volpi nennt die ›Senilia‹ das »philosophische Testament«, in dem es bunt zugeht: »Zitate, Reflexionen, Erinnerungen, wissenschaftliche Überlegungen, psychologische Beobachtungen, Beschimpfungen und Tiraden gegen seine Gegner, Entwürfe und Pläne, Benimmregeln und Lebensmaximen. Es sind die letzten Tropfen der Weisheit, die das Philosophieren ihm bietet: eine geistige Arznei, die ihm das Alter erträglich und sogar angenehm macht.«
Die Erbärmlichkeit der conditio humana war der Generalbaß aller Schopenhauer-Schriften, aber hier dominiert der Grundton alle Obertöne. Kants Lehre war für ihn »die einzige ernstliche und große Leistung der Philosophie« (S. 90). Spott und Hohn gießt er auf die »Universitäts-Philosophie«, man solle die »Philosophie-Profeßoren« von den Hohen Schulen fernhalten. Die Kirche steht für Schopenhauer der Wahrheit im Wege. Theologen beschimpft er als »Antagonisten der wirklichen Philosophie« (S. 94). »Gelehrsamkeit« stehe im umgekehrten Verhältnis zur »Gottseligkeit«. Er mokiert sich gar über den »Hegelschen Unsinn«. An der »Göthe’schen Farbenlehre« zweifelt er allerdings so wenig wie an seiner eigenen, die heute niemand mehr kennt. Man liest also viel Überhebliches und Üb erholtes, dennoch sind die ›Senilia‹ ein historisches Dokument von großem Gewicht. »Die deutsche Sprache ist der Dummheit in die Hände geliefert« (S. 154). Bekanntlich war Schopenhauer nicht nur ein scharfer Denker, sondern auch ein unerbittlicher Sprachzensor. Davon gibt es in den ›Senilia‹ reichlich Proben (so auf S.212). Das Buch hilft mit einem Personenregister; für die Themenorientierung muß sich der Leser mit einer ›Übersicht der Senilia‹ genügen, was aber ein Sachregister nicht ersetzt. Franco Volpi führt einleitend in das Denken Schopenhauers ein, Ernst Ziegler hat ein zwanzigseitiges editorisches Nachwort verfaßt. Auf acht Seiten werden Manuskriptproben abgebildet, die den Überarbeitungseifer bezeugen. Das »Ding an sich« (Kant) ist für den Philosophen des Pessimismus die blinde, unergründliche Schöpfungskraft, die keinem Zweck dient; jede Ordnung erweist sich als Blendwerk. Vergeblich alle menschlichen Versuche, der irrationalen Kraft seinen Willen aufzuzwingen. Das Leben ist nach Schopenhauer nicht wert, gelebt zu werden, überwiegen doch Elend und Schmerz. »Das Leben ist ein Geschäft, welches die Kosten nicht deckt« (›Die Welt als Wille und Vorstellung‹, Bd. 2). Schien dieses Motto auf ihn selber bis vier Jahrzehnte zuzutreffen, so erfuhr der »Kaspar Hauser« der Philosophie  im Alter hohe Anerkennung und damit glückliche Jahre. Dieser Zeit entsprangen die ›Senilia‹, die als ars bene vivendi gelesen werden können. Das steht in Opposition zu seiner verkündeten Weltanschauung. Philosophie, heißt es jetzt, habe dem Leben praktische Orientierung zu geben, um die Sorge um sich selber lebensweisheitlich zu gestalten. Davon legen die ›Senilia‹ Zeugnis ab, die unter dem Motto stehen: Die eigene Existenz als Kunstwerk gestalten. Nietzsche griff diese Formel auf und prägte ein ganzes Zeitalter. Doch Cicero ist stets mitzubedenken: »senectus, quam ut adipiscantur omnes optant, eudem accusant adepti.«
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer ( ausgenommen die Originalzitate). Aus: www.walthari.com


18. Dezember 2009

Direkte Demokratie und Bürgergesellschaft
Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer
13. Folge

Idee und Praxis direktdemokratischer Bürgerbeteiligung hat unter deutschen Journalisten und Parteipolitikern nur wenige Freunde. Dabei werden Vorurteile, Halbwissen und Ängste bewußt ins Spiel gebracht, um die Alleinherrschaft der repräsentativen Demokratie zu sichern. Diese Herrschaftsform befindet sich gänzlich in den Händen der Parteien, die sich vom Volk (dem Verfassungssouverän) zunehmend abgekoppelt haben, indem sie sich gegenüber dem Volkswillen weitgehend immun eingerichten. Zur Immunisierungsstrategie gehören Zulassungsschranken zum Parteienkartell, das konkurrierende Wahlvereine weitgehend ausschließt. Schon bei der Kandidatenaufstellung im Parteienkartell haben Bürger, die nicht Mitglied einer Partei sind (kaum mehr als ein Prozent aller Bürger gehören einer Partei an), keinerlei Mitbestimmungsrechte. 

Die Schwächen dieser Parteienherrschaft, die sich den Staat zur Beute gemacht hat, sind unzählige Male beschrieben worden, so auch in diesem WALTHARI-Portal. Der an der Universität Konstanz lehrende Politologe Ph. Manow erkennt denn auch in der heutigen Demokratieform Züge einer Wiedergängerin der verblichenen Monarchie (in: ›Im Schatten des Königs. Die politische Anatomie demokratischer Repräsentation‹, 2008). Deren macht leitete sich bekanntlich vom Gottes-Gnadentum ab, also von einem unangreifbaren doppelten Oben. Den Ersatz der vertikalen durch die horizontale Legitimation nach dem Motto »Was alle berührt, muß auch von allen gebilligt werden« (Papst Bonifaz VIII. im Jahre 1294!) haben die Parteien immunstrategisch pervertiert. 

Gewiß, in direkten Demokratien geht es in der Politik bedächtiger und durchaus auch fehlerhaft zu. Entscheidungsprozesse dauern oft länger, wodurch aber Fehlentscheidungen drastisch reduziert werden, wie Schweizer Untersuchungen ergaben. Denn nicht mehr nur Politiker diskutieren unter sich (im Parlament, in Ausschüssen und im Fernsehen), Diskussionen finden auch auf breiter Bürgerebene statt, was zum Klärungs- und Legitimationsprozeß entscheidend beiträgt und die Akzeptanz von Entscheidungen erhöht. Nachweislich sind der soziale Friede stabiler, das wirtschaftliche Wachstum höher und der Minderheitenschutz besser als in repräsentativen Demokratien (vgl. die Forschungsergebnisse von Adrian Vatter an der Universität Zürich). Die Pro-Kopf-Kosten der US-Wahlkämpfe  belaufen sich auf ein Vielfaches dessen, was vergleichsweise in der Schweiz anfällt. Die Auswirkungen der Wahlversprechungen anläßlich der Bundestagswahl 2009 steigerten die Staatsverschuldung auf 100 Milliarden Euro, also auf 1.220 Euro je Einwohner in einem einzigen Haushaltsjahr. Undenkbar für eidgenössische Verhältnisse.

Eine reine Schutzbehauptung ist die Angstparole der Parteien, in direkten Demokratien würden dem Links- und Rechtsextremismus Tür und Tor geöffnet. Der Verweis auf Hitler setzt auf historische Unkenntnis: Seine Kandidatur zum Reichspräsidenten, der in der Weimarer Republik direkt vom Volk gewählt wurde, scheiterte 1932 kläglich. Im Jahr 1933 war es nicht das Volk, es waren die Parlamentarier, also die Machtinhaber der repräsentativen Demokratie, die mehrheitlich dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt haben! Zweimal (1928 und 1929) stieß Hitler mit Volksbegehren auf Ablehnung. Weil direktdemokratische Mühlen langsamer mahlen, werden also weniger politische Fehlentscheidungen getroffen (Einzelheiten dazu in: ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹ 2007, vgl. Fenster Sachbücher, Sektion zeitkritische Schriften). Das läßt sich an den Ergebnissen im erwähnten Musterland der direkten Demokratie eindrucksvoll belegen. Dort werden extreme Ausschläge (etwa in Sachen Ausländerfeindlichkeit) plebiszitär korrigiert – ohne parlamentarische Inszenierungen und journalistische Horrorzeichnungen, wie sie in Deutschland an der Tagesordnung sind. 

Obschon direkte Abstimmungen weltweit zunehmen, kommt der Prozeß in Deutschland nur mühesam in Gang. Der Grund: Die interne Machtaufteilung im Parteienkartell würde durch direktdemokratische Mitsprache aufgelöst. Daher verteidigen die etablierten Parteien mit Zähnen, Klauen und Schutzbehauptungen ihren privilegierten Status – auf Kosten praktizierter Volkssouveränität. Schon die Direktwahl des Bundespräsidenten, wie es Charles Blankert u.a. vorschlagen (HB Nr. 99/09, S. 8), findet kein öffentliches Echo. 

Alle Wahlen machen die Parteien unter sich aus. Unter Parteipolitikern, Journalisten und Verfassungsrichtern herrscht mehrheitlich ein Einvernehmen darüber, daß es schädlich sei, über periodische Wahltage hinaus dem Volk eine direkte Mitsprache einzuräumen. Das entsprach immer schon dem Denken der Mächtigen und Eliten, wie man bei Horaz nachlesen kann (›odi profanum vulgus et arceo‹.). »Mehr direkte Demokratie würde hierzulande nur dazu führen, daß gut organisierte Interessengruppen Mehrheiten für ihre Strategie der Verhinderung zu organisieren wüßten«, hieß es abwehrend in der FAZ (Nr. 193/04, S. 11). Das gleiche Qualitätsblatt beklagt die Parteienmacht anläßlich des ZDF-Skandals um den entlassenen Chefredakteur. Auch der derzeitige Präsident der Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, hält »nicht viel davon, ein Referendum punktuell und einzelfallbezogen für die Ratifizierung des (EU-)Verfassungsvertrags vorzusehen« (HB Nr. 152/04, S.2). Da Verfassungsrichter von den Parteien vorgeschlagen werden, überrascht dieses Votum nicht. 

Doch manche Politiker werden wenigstens spät einsichtig, so der ehemalige Ministerpräsident Baden-Württembergs, Erwin Teufel, der als Quintessenz seiner politischen Erfahrungen jüngst notierte: »Für mein Leben wurde die Einsicht prägend, daß die Gemeinde allzuständig ist. Sie ist den Menschen am nächsten.« Die Gemeinde (Polis): Urzelle direktdemokratischer Aktivität. Zurecht lehnt Erwin Teufel den bürgerfernen Vollzeitparlamentarier ab. Dagegen wehren sich die etablierten Parteien mit allen Mitteln der errungenen Systemmacht, deren Gebrauch an die einstige bürgerferne Adelsherrschaft erinnert. An die Stelle des Schutzschildes Gottes-Gnadentum sind reichlich andere Abweisschilder getreten, wie die Praxis des Bundeswahlausschusses belegt. Claus Leggewie kritisierte als renommierter Politikwissenschaftler das wachsende Demokratiedefizit von untern nach oben: An die Stelle des Bürgerwillens treten Parteizirkel, Lobbyisten und NGOs. Es haben sich in der Tat mächtige nationale und internationale Politbürokratien und -netze etabliert, die jeder Legitimation entbehren und dennoch den politischen Ton angeben. Der Bürger kann nur noch ohnmächtig zuschauen; das tägliche Infobombardement soll ihn unfähig und vergessen machen, wer unberufen über ihn herrscht. 

Die globale Bilanz direktdemokratischer Bürgerbeteiligungen nimmt sich bescheiden aus. In den rund 200 Staaten der Welt gab es bisher insgesamt nur 1.500 nationale Volksabstimmungen. Etwa tausend fanden in den letzten vierzig Jahren statt, rund 600 davon in Europa, voran in der Schweiz. In Zeiten medienglobaler Totalaufklärung zeugt diese Minimalisierung des Volkswillens für eine unterentwickelte politische Kultur. Während dem Bürger zunehmend tagesaktuelle Einblicke in die politischen Entscheidungsprozesse verschafft werden, wird er zugleich vermehrt entmachtet und entpolitisiert durch die Kartelle von Entscheidungsträgern, die er nicht oder nur indirekt legitimiert hat. Dieser gegenläufige Prozeß führt zwangsläufig zum Konflikt mit explosivem Ausgang. Ein mehrhunderttausendfaches Heer international agierender Machtträger entscheidet über das Schicksal der Erde – ohne ausrechende Bodenhaftung mit den mündigen Bürgern. Es fehlen Legitimationsstränge von unten nach oben. Doch wann schon haben Mächtige daran eine erkennbares Interesse gezeigt? 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen Originalzitate. Aus: www.walthari.com


28. Oktober 2007 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sie
in Zeiten der Du-Seuche

Von Erich Dauenhauer

Ein epochaler gesellschaftlicher Bruch ist zu registrieren, dessen Anfangsrisse vor etwa dreißig Jahren erkennbar wurden und der sich mittlerweile zu einer veritablen Kontinentaldrift in der globalen Sprachlandschaft entwickelt hat. War einst das Du den Nahverhältnissen der Familie und Freundschaft, den Künstler-, Medien- und Sportgruppen vorbehalten, so hat es heutzutage auf breiter gesellschaftlicher Front die Herrschaft angetreten, so rigoros wie gedankenlos, alles einebnend und mit wenig Respekt vor Unterschieden, die dem Einzelnen Luft und Selbstachtung lassen. In der Welt der rasch dahingeplapperten Vornamen, des zischenden Tschüß und der ballernden Hallos gerät das Sie als Distanzwahrer in eine Minderheitsposition, über die selbst in aufgeklärten Gesellschaften der Geruch des Außenseitertums verbreitet wird. So haben sich die Verhältnisse verkehrt. Normalität wird ins Exzentrische umgemünzt und im Brei der wabernden Du-Gemeinschaft an den Rand gedrängt. Aus der differenzierenden Trias der Ansprechformen brach zuerst das wohlig-respektierende Euch (gegenüber älteren, aber vertrauten Menschen außerhalb der Familie) weg, nun geht es dem Sie an den angeblichen Stehkragen, so daß wir bald in einer vollkommenen Hallo-Du-Tschüß-Volksgemeinschaft leben dürfen, in welcher...

Worin besteht der Schaden? Bei Helmuth Plessner konnte man schon vor Jahrzehnten die kommende Verlustbilanz studieren. In seiner philosophischen Anthropologie gehört die »Sehnsucht« nach einem persönlichen Schutzraum zur Conditio humana. Nicht jedermann darf einem auf den Leib rücken, allein schon deshalb nicht, um die Leibbedrücker anzuhalten, sich anständig zu benehmen. Dem Du entgleitet die soziale Hygiene schneller als dem Sie, welches zu Abstand und Anstand animiert. In Heft 20 der Literaturzeitschrift WALTHARI heißt es, daß ein »zwischenmenschlicher Mindestabstand« vor »rigoristischen Zugriffen und schambesetzten Selbstentblößungen schützt und ... Aggressionen minimiert« (S. 78). Was in der Küßchen-Branche und unter Parteigenossen du-glatt so leicht in Skandale führt, taugt nicht zum Normalumgang unter selbstbewußten Bürgern.

Wie es im Zeitalter der Du-Seuche zugeht, erlebt man täglich im Fernsehen, im Beruf, im Krankenhaus, im Sport, auf Bahnreisen usw. »Na, wie geht’s uns, Opa«, hört man Pflegerinnen allmorgendlich lautstark sagen, um, ohne eine Antwort abzuwarten, in den Du-Jargon einzuschwenken. Bis zu den sittenbespuckenden Achtundsechzigern, die sich nach ihren Kultur- und Politikvertrampelungen adelsfein herausgeputzt haben (auf toskanischen Landgütern, im lukrativen Beratungs- und Uni-Schaugeschäft usw.), pflegten Studierende ganz selbstverständlich den Sie-Umgang. Heute poltern Erstsemester gegenüber Seniorstudenten auf tiefem Du-Niveau los. Nur noch Spuren vom Zauber der Dezenz und des feinfühligen Takts... »Permissive Nähe wird in den Medien als vorgeblicher Emanzipationsgewinn vor-exerziert...« (WALTHARI-Heft 20). Von den Hochformen des Begegnungseros’ haben sich Wohlstandsgesellschaften verabschiedet. Die glückvollen Formen der Achtungsdistanz und anspielungsreichen Indirektheiten aus Herzensbildung finden nicht einmal mehr in Romanen...
© WALTHARI® – Aus:  www.walthari.com


7. Dezember 2008 

Gabriel Marcel 
geb. am 7. Dezember 1889 in Paris
gest.  am 8. Oktober 1973 in Paris

Wird als katholischer Existenzialist bezeichnet, er selber verstand sich als Neosokratiker oder als Vertreter des »christlichen Sokratismus«, weil er den Menschen nur Fragen stellen, aber keine Überzeugungen aufdrängen wollte. Glaubte entgegen christlicher Lehre an Seelenwanderung (›Homo Viator‹). Stark beeinflußt von Bergons Philosphie. Empfand eine Seelenverwandtschaft zu Proust (beider Mütter waren Jüdinnen, beider Väter Katholiken). Cartsianische Ansichten in ›Sein und Haben‹ (1934), worin zwischen Außen (Objekte) und Innen (Subjekt) streng getrennt wurde. Überwindung des Dualismus nur durch das persönliche Bewußtsein. Arbeitete als Musik- und Theaterkritiker, schrieb Theaterstücke (u.a. ›Le monde cassé‹, 1933). Thema: Verlust des Sakralen und der kulturellen Identität infolge hybrider Technifizierungen (›Les hommes contre l’humain‹, 1951). Einsamkeit als existenzielle Grunderfahrung, die durch die Moderne noch verstärkt werde, weil diese mit Objekten das Transzendente verstelle. Denn Sein entstehe nur im Dialog mit dem Transzendenten, womit auch die »Insularisierung« des Subjekts überwindbar werde (›Metaphysisches Tagebuch›, 1927). Erst in der Erkenntnis des Anderen gelinge das Cogito). Es bleibe jedoch ein Geheimnis, wie das gelinge (›Geheimnis des Seins‹, 1951). Obschon Gott wissenschaftlich nicht beweisbar sei, könne man seine geheimnisvolle Existenz im Gebet erleben. Erst in der Erfahrung des »absoluten Du« öffne sich die menschliche Existenz.
© Erich Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com


22. Februar 2008

Arthur Schopenhauer
geb. am 22. Februar 1788 in Danzig,
gest. am 21. September 1860 in Frankfurt/Main

Vertreter der pessimistisch gestimmten Willensmetaphysik. Leben heißt für den Danziger vornehmlich Leiden. 1818 erschien ›Die Welt als Wille und Vorstellung‹. Zentraler Satz: »Die Haupt- und Grundtriebfeder im Menschen wie im Tier ist der Egoismus, das heißt der Drang zum Dasein und Wohlsein.« Damit werden Verstand und Vernunft sekundär. Der unruhige Egoismus neigt zur Selbstzerstörung infolge seiner Gier nach ständig Neuem. Um den destruktiven Willenstrieb zu entlasten, gibt es drei Abhelfer: die Kunst, das Mitleiden und die Resignation. Mitleid wird nicht moralisch gesehen, sondern als eine Form der Selbstfindung. Hinter dem »Schleier der Maja« wird der »Schmerz der ganzen Welt« sichtbar. Der Mitleidende erkennt, daß alles Streben nichtig ist. 
Am wirkungsmächtigsten war Schopenhauers Resignationsempfehlung, womit der Wille gebrochen werden soll, um frei zu sein. Das wirkliche Dasein verlangt, »daß wir die Welt abschütteln«. Schopenhauer will sich an der Berliner Universität mit Hegel messen, der großen Zulauf hat, während Schopenhauer sich  mit fünf Studenten zufrieden geben muß und die Universitätslaufbahn aufgibt (1831). Aus Berlin flieht er vor der Cholera zunächst nach Mannheim, dann nach Frankuft/Main, wo er ab 1833 bis zu seinem Lebensende bleibt. Im Gegensatz zu Hegel sieht er in der Geschichte keine Vernünftigkeit wirken, wofür er später bei Nietzsche begeisterte Zustimmung findet. Auch an Kants Kategorischem Imperativ, welcher Ethik mit Vernunft begründet, findet der Danziger kein Gefallen. Allein im Mitleid, d.h. mit Blick auf das Wohl des Anderen, erwächst eine moralische Triebfeder, mit der zugleich eine Selbstfindung erreicht wird. Diese Sicht steht in der Nähe der indischen Philosophie (mystische All-Einheitslehre). Schopenhauer war ein glänzender Stilist und Aphoristiker. Im Unterschied zu hochmoralischen Pflichtentwürfen begünstigt er asketische Lebenspragmatik.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com

»So ist die wahre Lebensweisheit, daß man überlege, wieviel man unumgänglich wollen müsse, 
wenn man nicht zur höchsten Asketik, die der Hungertod ist, greifen mag: 
je enger man die Grenze steckt, desto wahrer und freier ist man.«
Arthur Schopenhauer


9. Juli 2009

Was Idole anrichten 

Zur Michael Jacksons Todesfolge: Der Pomp in Los Angeles und das ihn begleitende weltweite Medienspektakel haben Millionen Menschen in ihren Bann geschlagen, aber noch mehr Millionen ungläubig staunen lassen. Was hierbei ablief, kam für übliche Zeitgenossen aus einer anderen Welt und löste Kopfschütteln aus. Wer je auch nur wenige Minuten einen Jackson-Auftritt beobachtet hatte und über den privaten Hintergrund nur grob informiert war, mußte sich fragen: So große Bewunderung über so viel Verqueres! Über das zur Maske erstarrte Gericht fielen zuvor die Medien her, um nach dem Todesfall globale und lukrative Aufmerksamkeiten einzusammeln, indem sie plötzlich das tief gefallene Szenenidol zum Heiligen und Bürgerrechtler hochstilisierten. Statt stille private Trauer: inszenierte Massenhysterie im Tränenbild einer umgepolten Erinnerung.

Der Fall wäre trotz hypersentimentaler Medienblase kaum der Rede wert, legte er nicht ein Phänomen bloß, das als gesellschaftliche Eruption auf pseudokünstlerischer Rauschbasis bezeichnet werden kann und offenbar weltweit verbreitet ist. Periodisch überschwemmt es die quotensüchtigen Medien, die sich selbst dann beteiligen, wenn sie das idolatrische Phänomen kritisieren. Dabeisein ist alles.

Wer einmal Idolenstatus erreicht hat, bleibt i.d.R. lebenslang süchtig nach diesem Gift der Selbstentfremdung. Doch die Schäden gehen weit darüber hinaus. Sie befallen die Gesellschaft und Politik, sogar das Recht und die Wissenschaften. Opfer der falschen Bewunderung sind beileibe nicht nur Gutgläubige, auch kritische Geister sind dem Idolenbetrieb häufig wehrlos ausgeliefert, weil das System oder die Masse...

Dazu zwei Beispiele, ein historisches und ein aktuelles. Der Imperialist und Menschenverächter Napoleon führte bei seinen Eroberungszügen stets staatlich beauftrage ›Kunstsammler‹ und ›Hofmaler‹ mit sich. Was er zwischen Ägypten, Rußland und Spanien an Kunstschätzen einsammeln ließ, ist in französischen Museen heute noch als Beutekunst zu bestaunen. Schlimmer noch traf es den Historienmaler Antoine-Jean Gros, der auf einem Gemälde von 1804 (›Napoleon bei den Pestkranken von Jaffa‹) eine glatte Geschichtsfälschung beging. Der zynische Imperator hatte die Pestkranken überhaupt nicht besucht, sondern seine erkrankten Soldaten vergiften lassen. Auf dem Ölgemälde berührt der angeblich fürsorgliche Korse einen pestkranken Soldaten mit der linken Hand, ohne Atemschutzmaske wie sein dahinterstehender Begleitoffizier.

Das aktuelle Beispiel bezieht sich auf Altbundeskanzler Helmut Schmidt, den die Medien anläßlich seines 90. Geburtstages verdientermaßen nicht nur gewürdigt haben, sondern zum politischen Helden aufwerteten (nicht nur die ›Zeit‹ mit speziellen Beilagen). Mag es auch dem nüchternen Analytiker Schmidt nicht geheuer dabei gewesen sein, er hat es geschehen lassen und mit zahlreichen Medienauftritten gefördert. Haften geblieben ist nicht allein sein Visionsspruch. Von den Schmidtiaden gingen durchaus auch...
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus:www.walthari.com



19. August 2008

Altgriechische Bürgergesinnung 
Rückbesinnung auf ein Freiheitsmodell als Maßstabsquelle

Mit seiner Schrift ›Politik und Anmut‹ (2000) glaubte Christian Meier eine ›wenig zeitgemäße Betrachtung‹ (Untertitel) vorgelegt zu haben, doch sollte er sich täuschen. Nachdem ich seine Hauptgedanken in der Schrift ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹ aufgegriffen hatte, häuften sich einschlägige Beiträge, ohne daß freilich auf die beiden Anstoßtexte Bezug genommen wurde.
Worum geht es? Verkürzt gesagt: um ein bürgerliches Freiheitsbegehren und um Begründungspflichten. Beide Verhaltensweisen entwickelten sich in Griechenland ab dem 8. Jahrhundert zu einem gelebten Gesellschaftsmodell, das den Staat durch direkte Bürgermitsprache kleinhielt.

»Die Bürger Altgriechenlands kämpften nicht allein gegen äußere und innere Feinde, sie kämpften vor allem gegen sich selber, gegen die Versuchungen der Feigheit, Roheit und Ungerechtigkeit. In demokratischen Zeiten vertrauten sie mehr dem Gewicht von Argumenten als auf Gewalt und List...«, führte ich aus und fuhr fort: »Die Griechen kannten keine heiligen Bücher und mußten das gesellschaftliche Kunststück fertigbringen, ihre Identität ästhetisch und lebensphilosophisch herzustellen und zu bewahren. Es war die ›ganz außerordentliche Bedeutung des Ästhetischen‹, das als Klammer wirkte. Charis, die Anmut, konstituierte die Öffentlichkeit und war ›die Grundlage des Zusammenlebens‹ – eine einmalige Soziogenese, wie sie sich weltgeschichtlich seither nicht mehr wiederholte. Es gab weder Oberpriester noch einen zentralen Hof noch unangreifbare Götter. ›Die Griechen kannten auf Erden nichts über sich.‹ Was sie verband, waren Lebensgeschmack und gesellschaftliche Prinzipien (Tugenden). Geachtet wurde, wer in öffentlichen Versammlungen stil- und respektvoll aufzutreten wußte...  Die Orestie ist das beste Beispiel dafür« (Zitate im Zitat: Christian Meier).

Weiter schrieb ich: »In gelungenen Poliszeiten waren Gleichheit, Freiheit und Ordnung verwirklicht. Aus alledem entsprang die oft gepriesene griechische Helle, der leichte Sinn (rhathymia) und die kluge Weltneugier, kurz: der Glanz (lamprotes) einer Kultur, die so wenig Nachahmung fand. Meier verschweigt nicht die Schattenseiten dieser glanzvollen  Bürgergesellschaft, zu der auch die Sklaverei gehörte. Doch zu den Früchten der griechischen Polisdemokratie zählen die Geburt der europäischen Philosophie, Dichtung und Demokratie. Diese Früchte waren keine Geschenke von Göttern: ›Die Freiheit, der Glanz, die Anmut des griechischen Lebens waren keineswegs einfach ein Geschenk‹, sondern das Ergebnis einer aktiven, freiheitsbewußten Bürgerschaft, die auf Anmut, Mut und Heiterkeit setzte und der Welt ›eine neue Form des Politischen‹ vorlebte, nämlich die aktive Bürgergesellschaft. Teilhabe (an Abstimmungen, Verteidigungsmaßnahmen usw.) war zwingende Voraussetzung. Ihren Staat führten die Griechen am engen Zügel, sie verlangten bei Überschüssen sogar Gelder zurück« (Quelle: ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹, Münchweiler 2007, S. 71 ff.).

Im Merkur-Heft 10/2007 erinnerte Christian Meier erneut an das Griechenmodell: »Diesen Griechen lag sehr  viel daran, in kleinen selbständigen Gemeinwesen zu leben. So haben sie auch, als der Raum für die wachsende Bevölkerung zu eng wurde, kaum daran gedacht, ihren Nachbarn Land wegzunehmen, sondern weit in der Ferne neue, wiederum kleine selbständige Gemeinden gegründet. Sie haben überhaupt vergleichsweise sehr wenig Wert darauf gelegt, Eroberungen zu machen oder gar andere in ihren Verband aufzunehmen. Das hätte sich nicht mit dessen Charakter vertragen...  Gemeinwesen – das waren sie alle zusammen, ganz konkret und unvermittelt. Die zentralen Instanzen, die sie brauchten, sollten möglichst wenig eigene Macht haben. In voller Körpergröße, so wie sie waren, wollten sie das Ganze des Gemeinwesens selber ausmachen. Das hieß auch: Jeder sollte sich möglichst allseitig ausbilden, für alles befähigt sein. Kein Gedanke an all die Unterordnungen, Spezialisierungen, Abhängigkeiten, die heute dazu tendieren, alles im Staat kleinzumachen, die Einzelnen auf Funktionen zu beschränken und zu instrumentalisieren. Vielleicht kann man sagen: Die Gemeinwesen sollten klein sein, damit die Zugehörigen möglichst groß sein konnten« (S. 939 f.; Hervorhebung: E.D.).

Wenn die Polis in Not geriet, beauftragten die Bürger einen der Ihren, um das »Gemeinwesen wieder ins Lot zu bringen. Wer damit betraut war, konnte wie ein Monarch wirken, wenn es galt, akute Mißstände zu beheben. Andererseits mußte er, in Hinblick auf die Zukunft, sich selbst wegdenken. Die Gemeinwesen – anders gesagt: die verschiedenen Kräfte in ihnen – sollten ja befähigt werden, sich selber zu halten; in der richtigen Balance« (S. 943; Hervorhebung: E.D.). Für Solon von Athen war Maßhalten (mäte lian) der Schlüssel zur rechten Ordnung. »Die Mahnung, maßvoll zu sein, hatte das Delphische Orakel mit aller Macht den Griechen eingeschärft. ... Man kann es kaum anders verstehen denn als Ausdruck der Tatsache, daß, wo kein Subjekt herrschen soll, die Suche nach einem Objektiven, nach dem Maß, das Korrelat der Freiheit ist. Gewiß, ohne spezifische Maßverhältnisse geht es auch anderswo nicht. Aber hier scheinen sie geradezu existentiell gebraucht worden zu sein. Es scheint, daß in diesem vielfach so maßlosen Volk geradezu im Übermaß nach dem Maß gestrebt worden ist – auf der ganzen Skala kultureller Äußerungen« (S. 944). 

Davon und von den weiteren Merkmalen der griechischen Gesellschaft sind die heutigen Wohlfahrtsstaaten mondweit entfernt. Eine Wende könnte man nur »aus der Mitte der Gesellschaft« erhoffen, doch der Parteienstaat hält alle Bürgerlichkeit nieder und verengt Zug um Zug die Freiheitsräume. Kurz gesagt: zu viel Staat, zu wenig Gesellschaft. Was wir haben, sind systemwendige Politiker in »grauen Anzügen«, also Mittelmaß. In den überbelichteten Hybridräumen der modernen Medien ist bürgerliche Agora-Kommunikation unmöglich. Das »Modell einer in die Zivilgesellschaft eingelassenen Politik« gehört nach Wieland Elfferding »längst zum Gerümpel«.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com


Vom 29. November 2008 

Teil 20 der Tugendbeschreibungen

Großmut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit

Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Diese drei Geschwister des guten Herzens hat die postmoderne Gesellschaft ins Exil geschickt. Großmütig zu sein gilt heutzutage eher als Schwäche denn als Tugend. Von Hochherzigkeit wagt kaum noch jemand zu sprechen, weil schon das Wort altväterlich klingt. Und freigebig? Wer ist heutzutage noch freigebig, d.h. geberfreudig, ohne dazu von außen gedrängt zu werden (so häufig an Weihnachten usw.)? Ich will die drei vergessenen Tugenden begriffsgeschichtlich aus dem Exil holen. 

Großmut. Schon bei den Griechen war Megalopsychia (Großherzigkeit, hohe Gesinnung) eine häufige Begleiterin tapferer Helden (bei Homer). Demokrit erweiterte den Wortsinn um die Charakterstärke, »Taktlosigkeit gelassen zu ertragen«. Demostenes rühmte die großmütige Gesinnung der Griechen, und Platon sah aus der Megaloprepeia (Großartigkeit) die gewünschte Philosophenkönige hervorgehen. Erst Aristoteles hat in seinen beiden Ethiken (Eudemische und Nikomachische Ethik) den Großmut systematisch in den Tugendkreis eingefügt und weist ihm einen Platz in der rechten Mitte zwischen Kleinmut (Mikropsychia) und Aufgeblasenheit (Chaynotes) zu. »Der wahrhaft Großmütige muß gut sein« er sei über alle Ehre erhaben. Er handle bei Gefahr todesmutig und könne sich durch Selbsterkenntnis vor Hochmut schützen. Damit war das Inhaltsprogramm für die weitere Antike, für das gesamte Mittelalter und für die Neuzeit vorgegeben. Die Stoiker übernahmen die erhabene Haltung (Ataraxie) gegenüber Gut und Böse, ebenso Epikur; für ihn war Großmut ein Kennzeichen des Weisen. Cicero und Seneca folgten dieser Deutung, die mit Beginn des christlichen Mittelalters um die Milde erweitert wurde (bei Ambrosius). Großmut wird vor allem als Tugend des Herrschers gesehen, der Gnade vor Recht ergehen läßt. Einhart und Alkuin z.B. lobten an Karl dem Großen nicht nur seine Tapferkeit, sondern auch seinen Großmut und konnten sich dabei auf den christlichen Tugendkanon berufen (Demut, Milde, Nächstenliebe usw.). Die griechische Makropsychia wird als lateinische Magnanimitas geläufig (große Seele). Dabei beruft man sich auf Aristoteles und die Stoiker ebenso wie auf die Bibel und die Kirchenväter. Was zwischen Gott und den Menschen die göttliche Gnade, das ist für den Christen die großmütige Seelengröße dem Nächsten gegenüber. Tapfer zu sein hat man nun auch im Leiden. Abaelard verbindet den Großmut mit Ausdauer, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Mäßigung und steht damit ebenso in aristotelischer Tradition wie Bonaventura, der dazu ermunterte, im Vertrauen auf Gott Großes zu wagen und es demütig zu verwalten. In solche Seelengröße strahle das göttliche Gnadenlicht ein. Besonders Märtyrer sind leidenstapfer und großherzig im Vergeben ihrer Peiniger. Durchgehend, von der Antike über das Mittelalter bis zu Beginn der Neuzeit, wird Großmut in Gesellschaft von Tapferkeit und Demut gesehen. Ohne diesen Tugendverbund würden das vernunftgemäße Gute und ein erfülltes Leben verfehlt. Es blieb dem Gang der Neuzeit vorbehalten, der Magnitudo animi in den lebenspraktischen und ethischen Schatten zu stellen. Der Renaissancemensch  war stolz, nicht demütig-großherzig, ebenso das in den Städten aufkommende Bürgertum. Der herrschende Adel in absolutistischer Gestalt gab sich über- und hochmütig und die nachfolgenden Mystagogen martialisch. Im ›Handbuch Ethik‹ (2006, rezensiert in diesem WALTHARI-Portal) kommen Großmut und Demut nicht einmal mehr als Stichwort vor. Diese altehrwürdigen Tugenden sind also vergessen. In Politik und Gesellschaft sieht es danach aus... 

Hochherzigkeit. Sie ist die nächste Verwandte zum Großmut, wie sich allein schon aus der teilweisen Wortgleichheit im Griechischen und Lateinischen ergibt (Megalopsychia, Magnitudo animi). Im Deutschen gruppieren sich Hochgemutheit, Hochsinn und Seelengröße um diesen Begriffssinn, den Polybios an der altrömischen Nobilität und Thomas von Aquin am wahren Christenmenschen ausmachten. Hochherzigkeit wurzelt wie Großmut in rechter Selbsteinschätzung, unterscheidet sich aber von diesem dadurch, daß sie auch ohne Tapferkeit zu denken und praktikabel ist. Dafür sorgt die Demut. Zum großen Mut gehören Weitblick und Standhaftigkeit, zum großen Herzen die aufnehmende Hinneigung zum Nächsten. Großmut verzeiht, großherzig muß man helfen... 

Freigebigkeit. Auch Eleutheriotes steht in naher Verwandtschaft zum Großmut, nimmt aber in der altgriechischen Tugendlehre keine zentrale Rolle ein. Nach Aristoteles hat der Freigebige (Eleutherios) auf Gerechtigkeit zu achten und freudig zu geben (Nikomachische Ethik, Ziffer 1119 b 22 ff.). Die innere Haltung gebe das rechte Maß vor. Bei den Römern steht Liberalitas für den Begriffssinn. Für Cicero ist derjenige freigebig, der mit Wohlwollen (Gratuia) gibt, ohne auf eigenen Vorteil bedacht zu sein (De officiis, I, 15, 48). Einem Vir bonus gegenüber ist Freigebigkeit allerdings unschicklich! Cicero warnt vor dem Mißbrauch der Freigebigkeit und denkt dabei an Caesars Volksfütterungen  aus Machtgründen. Ambrosius kann sich auf den 2. Korintherbrief berufen, der den freudigen Geber lobt. Das althochdeutsche Milti (Milde) berührt insofern die Freigebigkeit, als damit die Belohnung des Königs gegenüber seinen Gefolgsleuten bezeichnet wurde. Vom Herrscher erwartete man großzügige Zuwendungen für tapfere Dienstleistungen. Thomas von Aquin definiert Freigebigkeit so (in: Summa theologica, II/II): »Der Freigebige kann loslassen. Daher darf man sein Tun auch weitsinnig nennen, denn was weit ist, hält man nicht an sich, sondern gibt es weg. Darauf zielt der Ausdruck Liberalitas. Gibt nämlich jemand etwas von sich weg, entläßt er es aus seiner Obhut (Custodia) und Herrschaft (Dominio) und zeigt, daß sein Herz nicht mehr daran hängt.« In N. Hartmanns Ethik (1925) wird Freigebigkeit nur noch unter den aristotelischen Tugenden nebenbei erwähnt. Danach gänzliches...

Wer heutzutage an diese drei einst hochgeschätzten Tugendtrias erinnert und für ihre Rückkehr aus dem Exil plädiert, muß mit Kopfschütteln rechnen. Zugreifen, jeden Vorteil ausnutzen lautet die Devise in einer herzkalt gewordenen Gesellschaft, die von politischer Machtgier und von einer quotenversessenen Medienoligarchie in Beschlag genommen wird und den inneren Zusammenhalt verloren hat, weil Großmut, Hochherzigkeit und Freigebigkeit als Kitt abgebröckelt sind. Nicht einmal in ethischen Lehrbüchern wird ihrer gedacht, geschweige denn, daß sie zwischenmenschlich praktiziert würden. Postmoderne Helden sind weder tapfer noch demütig, daher...
© WALTHARI® – Aus: www.walthari.com

Die Volltextversion aller Tugendbetrachtungen
wird als Buchveröffentlichung erscheinen.


Vom 6. Dezember 2007

Hayek, Fr. A.: Der Weg zur Knechtschaft
Olzog Verlag, München 2007, 323 Seiten, 39,- Euro 

Es handelt sich um die Prachtausgabe eines Jahrhundertbuches, dessen Herausgabe von der Friedrich-Naumann-Stiftung gefördert wurde. Hayek war ein scharfer Gegner aller sozialistischen Varianten und ein Antipode zu John M. Keynes, der dem Staat auch ökonomische Lenkungsaufgaben über die Rahmensetzung hinaus zubilligte. Das Buch wurde 1944 verfaßt und ist allein schon deshalb aktuell geblieben, weil planwirtschaftliche Gesinnungen die politische Szene nicht nur in Deutschland beherrscht. »Den Sozialisten in allen Parteien«, dieses Motto schrieb der Nobelpreisträger ins befleckte Stammbuch der Staatsgläubigen. Für Hayek wäre die gegenwärtige Bundeskanzlerin und ihr gesamtes Kabinett ein ›sozialistischer Haufen‹, der vergessen habe, daß (1) jeder Planwirtschaft die Tendenz zum Totalitarismus innewohne und (2) daß staatlicher Dirigismus (so im Gesundheits-, Bildungswesen usw. auch heute wieder) bestenfalls drittbeste Ergebnisse zeitigt, meistens aber auf desaströse Ressourcenvergeudung hinauslaufe. Man lese die aktuellen Parteiprogramme der CDU und SPD und zwischendurch in Hayeks Klassiker: Den ›Weg zur Knechtschaft‹ hat das feige und denkfaule Bürgertum (vgl. I. Kant) erneut angetreten, unter Verhältnissen des Überwachungsstaates, dessen Greifarme bald auch private Rechner erfassen werden. Fünfzehn Kapitel laden zum Lesen ein, darunter ›Die große Illusion‹, ›Die angebliche Zwanghaftigkeit der Planwirtschaft‹, ›Planwirtschaft und Demokratie‹, ›Planwirtschaft und Totalitarismus‹ (besonders lesenswert) und ›Sicherheit und Freiheit‹. Für Hayek gehört es zum politischen Täuschungskanon, den Zusammenhang zwischen Wirtschaftsdirigismus und politischer Diktatur zu bestreiten. Nur in einer Übergangsphase sehe es so aus, als ob das Politische unberührt bleibe. Hayek hat alle historischen und aktuellen Belege auf seiner Seite, wenn er feststellt, »daß alles, was sich, wie die Planwirtschaft, nur auf unsere wirtschaftlichen Interessen auswirkt, die höheren Lebenswerte nicht ernstlich in Mitleidenschaft ziehen könne« (122). Für Deutschland verheißt das nichts Gutes. Ich habe dem politischen Konzept Hayeks in ›Aktive Bürgergesellschaft in einem gebändigten Staat‹ (2007; vgl. Fenster Sachbücher) ein eigenes Kapitel gewidmet. Was besonders betrübt: Trotz aller Erkenntnisse und Erfahrungen macht die Politik die alten Fehler, und das feige Bürgertum (vgl. WALTHARI-Heft 32) fällt darauf herein.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 


Vom 29. Januar 2007

Teil 13
Klugheit

1

Friedrich Schiller hat in seinen ›Ästhetischen Briefen‹ das Modell eines Bürgerstaates entworfen, worin dem anmaßenden »Kaltsinn« repräsentativer Herrschaft dadurch vorgebeugt werden sollte, daß die Bürger mit festem Charakter, also selbstbewußt und tugendhaft, auftreten sollen. Keine republikanische Gesinnung ohne Charakterbildung – so die politische Botschaft in seinen ›Ästhetischen Briefen‹. Damit lebt, ganz im Sinne der Aufklärung, das ganze Programm der Tugendhaftigkeit auf, das in der griechischen Antike schon breit dargelegt (so in der ›Nikomachischen Ethik‹ von Aristoteles) und über die Jahrhunderte weitergetragen wurde. Wenn beispielsweise in unseren Tagen ein Buch mit dem provokanten Titel ›Disziplin‹ auf den Bestsellerlisten ganz oben steht, zeugt das indirekt von einer Tugendlücke, die nicht nur in Schulen als besonders schmerzlich empfunden wird. Der altgriechische Ursprungssinn von Askese (übende Tüchtigkeit, Selbstdisziplin) wies bereits auf die große Bedeutung dieser charakterlichen Seite hin, ohne welche die Polisgemeinschaften nicht hätten überleben können. 

2

Am 19. Juni 2003 ist unter dem Titel ›Privatheit und Askese‹ diese Tugendseite hier vorgestellt worden. Zuvor beschäftigten sich die Beiträge in diesem WALTHARI-Fenster mit Gelassenheit, Redlichkeit, Bescheidenheit, Standhaftigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit, Dankbarkeit und Ma’at (tiefer Richtungssinn). In den Jahren 2004 und 2005 waren Hochherzigkeit, Dezenz und nochmals Askese die Themen. Heute nun eine weitere Kardinaltugend: Klugheit. Die Griechen nannten sie Phronesis oder Sophrosyne und die Römer Prudentia. Im Mittelhochdeutschen taucht sie als ›Kluchheit‹ auf. Mit der Wendung ›kluoc‹ deckte um das Jahr 1150 der Dichter Wolfram von Eschenbach eine breite Sinnpalette ab: (1) fein, zierlich und zart, (2) aber auch gewandt und glatt, (3) schließlich listig und gescheit. Begriffsgeschichtlich sind davon bis heute die beiden letzten Sinnstränge übrig geblieben. Klugheit ist zwischen verständigem Wissen um das Richtige und weisheitlicher Übersicht angesiedelt. Der Kluge weiß sich durchzuschlagen, er kann sich ebenso gewandt wie gescheit geben und kennt durchaus die Versuchung der List. Die Ethiklehren lassen allerdings keinen Zweifel: Keine sittliche Grundhaltung ohne Klugheit, denn mit ethisch-naivem Purismus ist nicht durch die Welt zu kommen. Dem Gutgesinnten ist also aufgetragen, klug, d.h. ebenso prinzipienfest wie situativ-gewandt, seine Ziele zu verfolgen. 

3

Darauf hat schon Aristoteles (a.a.O.) hingewiesen, wenn er die Klugheit über alle Verstandestugenden stellte und sie zur Handlungsmaxime erhob. Sie sei weder mit Gerissenheit noch mit reiner Verstandestätigkeit zu verwechseln, vielmehr ein praktischer Lebenssinn (Sophrosyne) »mit Bezug auf menschliches Gut und Übel«. Im Unterschied zur Schlauheit, die auch rein Böses anstreben könne, orientiere sich Klugheit stets am Guten. Diesen sittlichen Hintergrund sieht auch Thomas von Aquin: »Prudentia dicitur genetrix virtutum« (die Klugheit ist die Gebärerin aller Tugenden). Das bedeutet nichts weniger, als daß keine andere Tugend (Gerechtigkeit, Standhaftigkeit usw.) ohne Klugheit praktikabel ist: »Omnes virtus moralis debet esse prudens«, jede Tugend ist notwendig klug - oder stumpf, möchte man hinzufügen. Das liegt am Augenmaß und Wissen, die zum Kern der Klugheit gehören. Nur deren Ratio practica läßt den Menschen nicht an der widrigen Wirklichkeit scheitern. Thomas hat eine ausgefeilte Tugendlehre entwickelt, zu deren festem Bestand u.a. Gedächtnis (memoria), Umsicht (circumspectio), Gelehrigkeit (docilitas), Geschicklichkeit (sollertia) und Vorsicht (cautio) rechnet. Der Kluge sinnt stets über die richtigen Mittel und Wege nach, läßt sich beraten und handelt mit Scharfsinn. 

4

Das Klugheitsbild war mit Thomas von Aquin faktisch ausgemessen. Was folgte, waren Variationen und Farbverschiebungen der Pudentia, so bei N. Machiavelli, dessen kluger fürstlicher Machtgebrauch ins Verwegene gleitete, so auch bei den französischen Moralisten (Chamfort u.a.), die zur schlauen Galanterie neigten. Erst Chr. Thomasius knüpfte an den antiken und thomistischen Klugheitsbegriff wieder an, wenn er forderte, Klugheit sei an das Gute zu binden und lehre die Wahl der rechten und gerechtfertigten Mittel. Selbst die Liebe hat bei Thomasius klug zu sein (»amor est prudentia«). Bei Kant zählt die Klugheit zu den Postulaten der praktischen Vernunft. Klugheit erteile Ratschläge zum persönlichen und sozialen Glücklichsein (Eudämonie). »Das Wort Klugheit wird in zwiefachem Sinn genommen, einmal kann es den Namen Welt-Klugheit, im zweiten den der Privat-Klugheit führen. Die erste ist die Geschicklichkeit eines Menschen, auf andere Einfluß zu haben, um sie zu seinen Absichten zu gebrauchen. Die zweite [ist] die Einsicht, alle diese Absichten zu seinem eigenen dauernden Vorteil zu vereinigen. Die letztere ist eigentlich diejenige, worauf selbst der Wert der ersteren zurückgeführt wird, und wer in der erstern Art klug ist, nicht aber in der zweiten, von dem könnte man besser sagen: er ist gescheit und verschlagen, im Ganzen aber doch unklug« (›Grundlegung zur Metaphysik der Sitten‹, 2. Abschnitt, Fußnote).

5

Im Laufe der Moderne und vor allem aber in der Nachmoderne hat der Klugheitsbegriff eine dramatische Abwertung erfahren. Schon bei M. Scheler fand eine Verschiebung von der ethischen Tugendhaftigkeit zur bloßen Situationsgewandtheit statt (vgl. Pieper, J.: ›Traktat über die Klugheit‹, 6. Auflage, 1960). Endgültig moralisch abgewirtschaftet hat ein Klugheitsverständnis, das eine gewitzte Cleverneß und Gerissenheit als klug ausgibt. Damit wird jede Verbindung mit dem Guten und Vornehmen, mit Wahrhaftigkeit und Dezenz gekappt. Die moralische Verdunkelung der Nachmoderne (überbordende Kriminalität, Korruption usw.) hat den Verlust der Tugenden zur Ursache, angeführt von der utilitaristischen Aushöhlung der im Gutsinn verwurzelten Klugheit. Sie ist zur abzockenden Vorteilsverschaffung mißraten und kann dafür sogar öffentliche Anerkennung ernten. Was sind das für Zeiten, da der Gerechte für dumm, der Dezente für naiv-schüchtern und der Dankbare für altväterlich angesehen wird? Doch auch dieser verwilderten Dekadenz (vgl. WALTHARI-Heft 48) schlägt irgendwann die finale Stunde. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com


Vom 24. Oktober 2005

Das verachtete Tugendquartett
- Bescheidenheit, Dezenz, Bedürfnisbeschränkung, Askese -

Von Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer

Obschon dieses Tugendquartett zum Überlebensprogramm in einer entfesselten Postmoderne gehört, wird es weit häufiger verachtet als geschätzt und noch seltener praktiziert. Ob im Privaten, in Unternehmen oder im öffentlichen Raum der Medien und Politik: wer in bescheidenem und dezentem Stil auftritt, gilt als Schwächling, als unterentwickelte Figur aus der Vormoderne. Im Privaten schon fegen die Du-Seuche und die lauttönende Rabulistik alles beiseite, was aus dem kostbaren Magazin der Dezenz zum geistvollen und eleganten Lebensstil angeboten wird. In Unternehmen dominieren die sog. Durchsetzungstypen; bereits Trainingsprogramme für Vorstellungsgespräche stellen auf Egostärke ab, auf ein Selbstbewußtsein also ohne Schwächezugeständnis. Was sich schließlich im medialen und politischen Raum öffentlich präsentiert, kann geradezu als alltägliches Verachtungsspektakel vor den Toren des Tugendquartetts bezeichnet werden. Der kläglich gescheiterte Bundeskanzler Gerhard Schröder, Gitterrüttler und auch sonst mit tribunenlautem Gehabe, darf als aktuelle Aufgipfelung eines unbescheidenen Politikstils betrachtet werden, der mit Dauergeklapper von seiner Maß- und Realitätsferne ablenken wollte. Schröderistische Indezenz gilt als schick und ist erfolgreich, zumal die Medien dem pathologischen ›Charme der Überdehnung‹ einen hohen Unterhaltungswert zubilligen. Im Sport gar beherrschen Schreihälse weitgehend die Szene, und selbst in Wissenschaft und Kunst wird Bescheidenheit bestraft: durch Nichtbeachtung. Die Kultur der gekonnten Andeutungen und des gehaltvollen Stils kann in der rasenden Postmoderne der schweren Substanz einer Sache keine Geltung mehr verschaffen. Darin liegt die Hauptkrankheit der westlichen Spätneuzeit. Denn Substanzialität gedeiht am prächtigsten im stillen Garten des Tugendquartetts. Es ist mehr als nur ein lebensphilosophisches Mißverständnis, wenn Bescheidenheit, Dezenz, Bedürfnisbeschränkung und Askese als Schwächeprogramm gebrandmarkt werden. Schon die dramatisch unbescheidene Auszehrung von Umwelt und Natur sollte die Verächter der Tugendquadriga in Scham versinken lassen (das Tugendquartett ist durchaus auch als Quadriga zu sehen: die vier Tugenden ziehen den gleichen Substanzwagen).

Bescheidenheit: Unter den drei begriffsgeschichtlichen Bedeutungen ist der Sinn von discretio (fein gebildet, von höfischem Takt) ebenso verloren gegangen wie der Sinn von Bescheidwissen, Einsicht und Erkenntnis ((Luther übersetzte noch das griechische Gnosis mit Bescheidenheit: in 2. Petr. 1,5.6). ...     Bescheidenheit als bürgerliche Tugend, ohne die das Gemeinwesen keinen Bestand haben kann. Für Bollnow zählt die Bescheidenheit zur »einfachen Sittlichkeit« (so auch sein Buchtitel 1947), die von jedem verlangt werden könne. Diese Bedeutung knüpft an Ciceros modestia und an die frühbürgerliche Auffassung an, wonach Ansehen und Glück sich aus geziemender Zurückhaltung speisen, welcher jede Übertreibung fremd ist (vgl. Schwenk: ›Bescheidenheit‹, in: Hist. Wb. d. Ph., Bd. 1, Sp. 837 f.). 

Dezenz: Der lateinische Ursinn hat sich bis heute erhalten. Decens bedeutet schicklich, anständig, reizend und anmutig; es leitet sich von dem Verb decedere ab, das auch den Sinn von sich zurückziehen, sich zurückhalten oder zurückstehen haben kann. Dezenz gehört zu den knappsten und damit kostbarsten Lebensstilmerkmalen, die auf einen gefestigten Charakter und kontrollierten Geist schließen lassen.  Äußere Signale sind an (dezenter) Kleidung und Wortwahl sowie an souveräner Geduld erkennbar. Dezente Naturen haben den Blick frei für das Wesentliche.  Es sind zugleich Meister im stillen Beobachten von (angeblichen) Nebensächlichkeiten und von Verdrängtem. Als unaufdringliche Zeitgenossen wissen sie genau, wann sie schweigen und was sie reden müssen sowie wann es sich schickt zu gehen. Schon aus dieser Kurzcharakterisierung ergibt sich: Dezente Geister sind Gegentypen der gängigen Ego- und Medialtrommler und schon als bloße Erscheinung das schlechte Gewissen der tellurischen Schandbetreiber. 

Bedürfnisbeschränkung: Bedürfnisse sind sowohl das Movens der biologischen Evolution als auch der kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung. Zur Bedürfnislehre tragen die Philosophie und mehrere Wissenschaften (Psychologie, Ökonomie u.a.) wertvolle Erkenntnisse bei. So etwa vermittelte die historische Schule der Nationalökonomie die Einsicht, daß Bedürfnisse keine absoluten Größen sind, vielmehr vom »Klima, der Landessitte, dem Kulturstand, der gesellschaftlichen Stellung« abhängen (Karl Bücher: ›Die Entstehung der Volkswirtschaft‹, Bd. 2, 8. Auflage, 1925, S. 339). Nach Nietzsche sind es »unsere Bedürfnisse, die die Welt auslegen; unsere Triebe und deren Für und Wider«. Nun entspricht es schon der bloßen Lebenserfahrung, daß unsere Bedürfnisse ins Grenzenlose steigen können; beschränkt wird diese Neigung z.B. durch mangelnde Kaufkraft. Seit Anfang der Kulturentwicklung ist Bedürfnisbeschränkung ein Hauptanliegen von Religionen, Gesetzen, sozialen Regeln und Lebensphilosophien. ...
     Schon Aristoteles hat solche Kasteiungen verurteilt und mit seiner Mesoteslehre für das rechte Maß plädiert (in: ›Nikomachische Ethik‹). Diese Linie der kontrollierten Bedürfnisentfaltung übernahm die römische Stoa (besonders Seneca: vgl. seine kurzgefaßte Lehre in: ›Weisheitliche Lebensführung‹, S. 118-122; Bibliographisches dazu unter Fenster Sachbücher in diesem WALTHARI-Portal). Beherrschungsversuche der grenzenlosen Bedürfnisneigungen durchziehen als kulturelles Anliegen die gesamte Menschheitsgeschichte und kennzeichnen als mißlungene Anstrengungen die postmoderne Gegenwart. Der westliche Wohlstand beruht zweifellos auf einer bedürfnisentgrenzten Ausbeutung natürlicher Ressourcen, die in Teilen nicht erneuerbar sind. Mißlungene Bedürfnisbeherrschungen sind neben dem Materiellen zuhauf auch im kulturellen, sozialen, medialen und psychischen Bereich zu beobachten. Die sog. sexuelle Befreiung ab dem letzten Jahrhundertdrittel hat gewiß auch zur Entgrenzung in Ehe und Familie beigetragen. Seinen Bedürfnissen freien Lauf zu lassen gilt als persönliche Reife und Ausdruck wahrer Freiheit. Demgegenüber erweisen sich Bedürfnisbeschränkungen im Bereich der Umwelt und Natur, in der wirtschaftlichen, persönlichen usw. Entfaltung nicht allein aus Knappheitsgründen als notwendig, sie sichern auch als freiwillige Maß-Gabe das kulturelle Fundament im privaten und öffentlichen Raum.  Es sind die Überschreitungen dieser selbstgewählten Maß-Gabe, welche die Moderne und Postmoderne bis ins Mark erschüttern und zu den bekannten Aus-Wüchsen und Verwilderungen führen. Jede bedürfnisentgrenzte Zeit trägt den Keim einer vorzeitigen Selbstauflösung in sich.

Askese: Dieser Teil des Tugendquartetts wird am meisten mißverstanden, weil im modernen Wortsinn der ursprünglich semantische Raum verkürzt bleibt. Das griechische askeo bedeutete: bearbeiten, sich technisch oder künstlerisch verfeinern. Bei Xenophon, Platon und Epiktet wurde daraus: sich leiblich und geistig ertüchtigen durch gymnastische Übungen und zuchtvolle Lebensweise. Im Weisheitsverständnis Platons war jede Tugend (1) tief zu begreifen und (2) beständig zu üben (Gorgias, Ziff. 527). Besonders der Übungsaspekt, die Askese also i.w.S., prägte das Vorbereitungsprogramm der Athleten für die Olympischen Spiele, die auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken konnten:  In der athletischen Lebensweise drückte sich Askese im zugespitzten Sinne aus, sie bedeutete nicht einfach Verzicht auf übliche Gewohnheiten wie Weingenuß, vielmehr bestand sie aus einem körperlichen und mentalen Übungsprogramm, das auch eine stärkende Ernährung mit einschloß. Aus der athletischen Askese hat dann die Stoa eine ganze Lebensphilosophie gezimmert: Weisheitliches Leben gelingt danach nur in der Beherrschung der Gedanken und Triebe, was ohne beständiges Üben nicht möglich ist. ...     Bei Nietzsche führt der Weg zur »goldenen Natur« des Übermenschen über Beherrschung (egkrateia); und Bemühung (askäsis); vgl. WALTHARI-Heft 45: Zagreus-Mythos). Die neuzeitliche Begriffskarriere schlechthin geht auf Max Webers innerweltliche Askese zurück: Der Geist des globalisierenden Kapitalismus ist danach calvinistischen Ursprungs; tüchtiger Erwerb und Sparsamkeit gelten als Erweis gnadenhaften Auserwähltseins (›Wirtschaft und Gesellschaft‹, 4. Auflage, 1956, S. 315). Sieht man von religiös motivierten Vereinseitigungen (vor allem im Christentum und Hinduismus) ab, so beinhalten lebensphilosophische Askese-Auffassungen durchgängig folgende Elemente: zuchtvolles (!), beständiges Training von Geist und Körper zum Zweck eines erfüllten Daseins im privaten und öffentlichen Raum. Die erwünschte Stärkung erfolgt über maßvolle Bescheidung (Verzicht auf alles Überflüssige) und tapferes Bemühen.  Eine asketische Lebensweise in diesem Sinne ist also keineswegs mit Weltabgewandtheit oder plagebeladener Kasteiung zu verwechseln. Durch die delirierende Postmoderne waten lebensphilosophisch eingestellte Asketen als dezente Kämpfer gegen den Bedürfnisrausch und die Hybris. 
© WALTHARI®   Aus: www.walthari.com



Vom 28. Juni 2005

Rückfälligkeiten – eine unterschätzte Verhaltenskonstante

Vor Jahren wurde in diesem WALTHARI -Portal die Ansicht geäußert, daß es für Kenner der menschlichen Psyche und Zivilisation nicht verwunderlich wäre, wenn zu öffentlichen Ehren und Staatsämtern gelangte einstige Sozialrevolutionäre nach dem Verlust ihrer ergatterten Stellung in alte Verhaltensweisen und Gesinnungen zurückfallen würden. Frühe, nur mühesam überdeckte Muster leben bekanntlich schon bei drohendem Machtverlust leicht wieder auf. Dieser Psychosozio-Mechanismus erklärt die Wiederkehr von 68er Mustern mit geändertem Vokabular, aber mit verwandter Gesinnung (statt marxistische Kapitalismuskritik nun neosozialistische Reiche-Kritik usw.). Das Erscheinungsbild der regierenden SPD und der Grünen wird wahrscheinlich nach einem Machtwechsel grundlegend anders sein. Man nennt das euphemistisch die Rückbesinnung auf die Quellen.
Auch in anderen Bereichen ist das Phänomen der Rückfälligkeit als Verhaltenskonstante zu beobachten. Davon wissen nicht allein Strafrichter und Psychiater zu berichten, sondern auch Sozialforscher. Vor mehr als dreihundert Jahren hat Samuel Pufendorf (1636-1694), Professor in Heidelberg, die Menschenrechte der Freiheit, Gleichheit und Solidarität (socialitas) verkündet, also lange vor den Amerikanern (1776) und den Franzosen (1789). Seine welthistorische Leistung (vgl. die Literaturzeitschrift WALTHARI, Heft 24/1995) wird öffentlich so wenig gewürdigt wie seine Korporationslehre. Voraussetzung für Frieden und menschliche Wohlfahrt sind für Pufendorf vertragliche Vereinbarungen auf allen Ebenen: für die Familie, Gemeinde, den Territorialstaat und das Imperium. Bevor Menschen sich vertraglich binden, leben sie, so der Begründer der Menschenrechte, in einem Naturzustand, wo die Stärkeren sich durchsetzen. Erst im Recht (unter Verträgen) unterwerfen sich die Menschen Regeln und Bindungen und gewinnen im Gegenzug Schutz, Wohlfahrt und Freiheit. Typisch für das vor- bzw. außervertragliche Leben seien Streit, Furcht, Armut, Einsamkeit und Zügellosigkeit. Im pactum dagegen, darunter auch der Ehevertrag, erlange man Ehre und Handlungsfreiheit (vgl. De officio hominis et civis, 1673). Der Prozeß der modernen Zivilisation verdankt seine soziale Stabilität wesentlich der Durchsetzung dieser pufendorfschen Vertragstheorie. Bindungen an das Recht, sei es auf der Ebene der Ehe, der Gemeinde oder sonstwo, verschaffen Sicherheit und Freiheit. 
Der bis heute unterschätzte Zivilisationsbruch ereignete sich im Gefolge der 68er Wirren. Im pufendorfschen Sinne hat sich seither ein gesellschaftlich und politisch breiter Rückfall in ›rohe Naturzustände‹ ereignet, also in bindungsfreie Formen und Rechtsverachtungen. Der Rückgang der bürgerlichen Ehe infolge Lebenspartnerschaften u.ä. ist dafür ebenso einer der vielen Beweise wie der unfaßbare, auf Unwahrhaftigkeit und Verfassungsverachtung beruhende Antrag eines Kanzlers, ihm nach Art. 68 GG das Vertrauen auszusprechen – mit der öffentlich erklärten Absicht, die Abstimmung zu verlieren! Das ist unwahrhaftig und ein grober Mißbrauch des Art. 68 GG. Nach dem pufendorfschen Rechtskodex bewegen sich die gegenwärtigen Gesellschaften und Staaten zurück in ihre Naturzustände. Zur Bindungsscheu gesellen sich Zukunftsblindheit (etwa durch Kinderlosigkeit). Rückfälligkeiten  - eine unterschätzte Verhaltensneigung.
Waltharius
© WALTHARI, Aus: www.walthari.com

Ergänzungstext: Samuel Pufendorf. Ein vergessener Menschenrechtsdenker, 
in: WALTHARI-Portal v. 1. Nov. 2003, Fenster Wissenschaftsforum im  Archiv.


Vom 27. Februar 2005

Gabriel, M. A.:  Islam und Terrorismus.
Was der Koran wirklich über Christentum, 
Gewalt und die Ziele des Djihad lehrt 
Resch-Verlag, Gräfelfing 2004, 269 Seiten, 14,90 Euro 

Der Toleranzbegriff westlicher Multikultis macht blind gegenüber existenzbedrohenden Gefahren. Schon vor Jahren wurde in diesem WALTHARI-Portal die Frage gestellt, warum man den Koran so wenig lese und wie man nach gründlicher Lektüre noch annehmen könne, daß Demokratie und Menschenwürde einerseits und der Islam und seine Lebens- und Ausbreitungspraktiken andererseits vereinbar seien. Weil der Koran auch Toleranzstellen aufweist, der Islam keine Einheit darstellt und auch friedliche Richtungen kennt (z.B. die Sufisten), neigen westliche Intellektuelle, Politiker u.a. zu Verharmlosungen und zur Hoffnung auf eine Demokratisierung und koranische Aufklärung. Die Erkenntnis, daß die islamischen Offenbarungstexte, die allerdings als unabänderlich, weil von Gott gegeben angesehen werden, umgeschrieben werden müßten oder einem aufklärerischen Reinigungsprozeß unterworfen werden müßten, wenn Islam und Demokratie kompatibel ›gemacht‹ werden sollen, diese Erkenntnis wird permanent unterdrückt: aus Textblindheit, aus Angst vor politischen Folgen usw.  Der Konflikt erweist sich bei gebotener Ehrlichkeit als unauflösbar, weil weder die als gottgegeben betrachteten Texte noch die Fundamentalwerte der Menschenwürde zur Disposition gestellt werden können. Genau davon handelt das angezeigt Buch. Der Autor war Professor für Islamische Geschichte an der Al-Azhar Universität in Kairo, ist also eine authetische Lehrautorität aus der islamischen Welt, die er für unreformierbar hält  und deren Gefahrenpotenzial er quellengenau nachweist. Selbst Leser, die sich mit der islamischen Gefahr, die keineswegs nur von Seiten der Fundamentalisten droht, schon näher beschäftigt haben, fallen von einem Schrecken in den nächsten, wenn sie mit fortschreitender Lektüre die Binnenansicht des ehemaligen islamischen Geistlichen, der mit zwölf Jahren den gesamten Koran auswendig wußte und als gelehrter Kritiker später Folter, Gefängnis und Morddrohungen ertragen mußte und enttäuscht zum Christentum übertrag, in aller Offenheit kennenlernen. Gabriel kommt zu dem Ergebnis: Die Djihadstellen des Koran heben die Toleranzsuren mehr als auf; Mohammeds Heiliger Krieg dauert heute noch an; und die Islamisierung der Welt bleibt oberstes Ziel. In 26 Kapiteln wird ein biografisches und islamische Bild gezeichnet, das allen Toleranzutopisten die Augen öffnen sollte; wie sich der kämpferische Islam in Gestalt nicht allein des Terrorismus, sondern auch in der Unterwanderung westlicher Gesellschaften (durch saudi-arabische u.a. Finanzquellen, also aus Geldern westlicher Autofahrer) zeigt, läßt sich fugenlos in die Tradition und die Textgestalt einordnen. Am erschütterndsten sind die Erlebnisberichte des Autors, so etwa wenn er im Kapitel ›Menschenrechte unter dem Islam‹ einen ahnungslosen ehemaligen Baptistenpastor, der zum Islam konvertierte, vor Studenten regelrecht vorführte. Dem Eroberungs- und Missionsziel ist, wie Geschichte und Gegenwart, aber auch Textstellen lehren, kein Mittel fremd: Krieg und Steinigung, Täuschung und Lüge. Solange orthodoxe Muslime in der Minderheit sind, wird ihnen Anpassung bis zur Lehrverleugnung nahegelegt, dürfen und sollen sie täuschen. »Mit Christen und Juden gehen sie um, als wären sie Brüder. Den Islam präsentieren sie diesen Ländern als Antwort auf alle Probleme der Menschheit. Diese verwestlichten Muslime stellen ihre Religion so dar, als stünde sie für Barmherzigkeit, Freiheit, Gerechtigkeit und Versöhnung. Sie porträtieren den Islam als eine Religion, die keine Vorurteile gegenüber Rassen oder Kulturen kennt... Muslimische Gruppen nutzen Friedensgespräche oder Friedensvereinbarungen, um sich Zeit zu verschaffen, damit sie neue Pläne schmieden, Vorbereitungen treffen und sich für den Sieg positionieren können. Muslimische Militärführer sagen der anderen Seite, was immer sie hören will, um Zeit zu gewinnen, doch wenn es dann darum geht, die Zusagen einzulösen, sieht die Geschichte ganz anders aus...  Schauen wir uns an, wie Mohamed mit Lügen umging, denn sein Verhalten ist Teil der Grundlage des islamischen Gesetzes... Der Erste, dem der Prophet Mohammed erlaubte, den Islam oder ihn als Propheten zu verleugnen, war Amar Bin Jassir. Jassir, der ein Freund Mohammeds war, wurde vom Stamm der Quraisch gefangen genommen und als Geisel festgehalten. Als die Quraisch Jassir folterten, verleugnete er Mohammed und den Islam, um freizukommen« (S. 116 ff.). 
Was in deutschen Intellektuellenkreisen davon wahrgenommen wird, läßt sich exemplarisch im ›Merkur‹ (Nr. 6/2004) nachlesen. Am stärksten dürfte es die aufgeklärten Muslime bedrücken, die ihre mehr oder weniger gelebte Religion unter dem Gezerre der Schriftauslegung praktizieren müssen. Am liebsten würden sie diejenigen Koranstellen, die unzweideutig gegen die Menschenwürde (der Frauen, Andersgläubigen usw.) verstoßen, ungehört und ungelesen machen, doch in den Moscheen wird strenggläubig gepredigt.
© WALTHARI®,  ausgenommen die Originalzitate. Aus:www.walthari.com



 Vom 1. Dezember 2004

Telepathogene Dauervisagen 
– Persönlichkeitsmanagement im idolatrischen Fernsehzeitalter - 

Immer die gleichen Gesichter, die täglich in Millionen von Wohnzimmern hineinschaukeln, nein, zwangsverordnet werden, denn man kann ihnen selbst beim Programmhüpfen nicht ausweichen. Ihre Gesichter sind längst zu Visagen degeneriert, zu hautfaltigen Landkarten in Großaufnahme, zu aufmaskierten Mentalitätsträgern, zu Stereotypen fernsehköchelnder Langeweile. Es mögen um die zweihundert Visagisten sein, die sich seit Jahr und Tag öffentlich vorführen lassen, munter daherplappernde Sprechfiguren aus Politik und den Medien, aus dem Unterhaltungszirkus und aus den Verbänden, dazu einige Versprengte aus den Wissenschaften und Künsten. Unsäglich ihre langweilige Dauerpräsenz,  weiß man doch schon, was sie von sich geben werden, ehe sie den Mund aufmachen. Sie haben es ja schon hundertmal gesagt, immer dasselbe, ja häufig das Wortgleiche.
Die tägliche telepathogene Vorführung halten die Visagisten für nutzbringende Persönlichkeitspflege, wohingegen der ausgeleierte TV-Betrieb mit dieser Maskerade einen Beitrag zur informellen Grundversorgung zu leisten glaubt. Wozu sonst die Zwangsgebühren für die Öffentlich-Rechtlichen, die ihre Abrufkartei mit behördlicher Bequemlichkeit durchspielen. Es prandelt und blümelt, daß es nur so dröhnt im telestereotypen Wortgetöse. Pathogen: krankheitserregend, weil idolatrisch. TV-Idole liegen einem demokratischen Gemeinwesen wie Steine im Magen.
Wer wirklich was zu sagen hätte, verbirgt sein Gesicht vor dem geistlosen Fernsehbetrieb. Mit den Namen Karl Heinz Bohrer oder Michael Theuinissen z.B. verbindet man kein bekanntes Fernsehgesicht. Dezenz und Geist sind eben knappe Güter in der Hoppelepoche um sich kreisender Quotenbetreiber.

Waltharius
© WALTHARI, Aus: www.walthari.com



Vom 20. Oktober 2004

Deutsche werden sich zunehmend fremd

Dieser Befund ergibt sich unschwer aus der zugespitzten Identitätskrise in den letzten Jahren. Die Nachkriegsgenerationen bezogen ihr Selbstbild aus einem ungewöhnlichen wirtschaftlichen Erfolg. Das erlaubte es der politischen Klasse, nach außen Deutschland mit dem Scheckbuch von den Realitäten weitgehend fernzuhalten und im Innern das Volk mit sozialstaatlicher Rundumversorgung einzulullen. Zu den Realitäten, die nun mit Wucht über Deutschland hereinbrechen, gehören nationale und persönliche Risiken. Erstmals erleben die Deutschen, daß Globalisierung zwar der Mehrheit Vorteile bringt, eine beträchtliche Minderheit aber auch arbeitslos machen kann und selbst Traditionsunternehmen zum Verschwinden bringt, und zwar deshalb, weil der wuchernde Steuer-, Sozial- und Tarifstaat sich verrechnet, d.h. die wirtschaftlichen Realitäten falsch einschätzt: Zu überdreht ist die Steuerschraube, zu lähmend sind die bürokratischen Fesselungen, zu hoch (im internationalen Vergleich) die Löhne, zu luxuriös der Freizeit- und Urlaubsstil, zu üppig die Sozialleistungen, zu meritorisch das Bildungssystem usw. Da das alles unhaltbar geworden ist, blicken die Deutschen erschrocken in ihren zerbrochenen Wirtschaftsspiegel und bemerken spät, daß sie etwas versäumt haben: nämlich ihre Identität auch kulturell, gesellschaftlich-sozial und auch ›mythos‹-haft zu verwurzeln. Nimmt man die Erschütterungen der europäischen Identität hinzu (durch die mögliche Aufnahme der Türkei in die EU; durch das volksfernes Brüsselregiment usw.), so fühlen sich die Deutschen zunehmend fremd im eigenen Land, erst recht in Europa. Ihrer politischen Klasse bringt sie kaum noch Vertrauen entgegen (vgl. sinkende Wahlbeteiligungen u.a.m.). Auch anderen Orientierungsmächten (Kirche, Verbände, Medien usw.) trauen sie wenig zu. Schon die kleinsten Ansätze einer aufmunternden Selbstwertendeckung sehen sie flugs vergangenheitstrübe eingeschwärzt. Was sollen sie schon mit einem Vaterland anfangen, dessen Wirtschaft dauerhafte Massenarbeitslosigkeit produziert, dessen Muttersprache zunehmend verdenglischt wird, dessen politische Klasse sich den Staat teilweise zur Beute gemacht hat und dessen Identität (nach dem Willen eines einst turnschuhbewehrten, heute weltpolitisch agierenden Ministers) vornehmlich im Holocaustbild verwurzelt sein soll, einer Grundeinfärbung aller Gedanken und Gefühle also, die nach den ›Gesetzen‹ der Psychoanalyse unaufhaltsam in eine nationale Psychose führt und in Dauerdepressionen schon geführt hat? Wer nur hat ein Interesse am nachhaltigen Patientenstatus der Deutschen?
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus:www.walthari.com


Vom 29. Mai 2004

Wirtschaftsethische Selbstverpflichtung für Führungskräfte 

Was der hippokratische Eid für Ärzte (niedergeschrieben etwa 400 v. Chr., in aktualisierter Fassung: vgl. Deutsches Ärzteblatt 1/2/94, S. B 39), das sollte eine wirtschaftsethische Selbstverpflichtung für Führungskräfte sein. Beiden Eliten ist ein jeweils hohes Gut anvertraut: bei Ärzten die Gesundheit und bei Managern die Wohlstandsbereitung. Führungskräfte sollten sich stets bewußt bleiben, daß es bei ihrer Aufgabenerfüllung nicht allein auf Leistungen, sondern auch auf moralische und kulturelle Standards ankommt, die zu mißachten schwere Schäden beim Einzelnen, bei der Betriebsgemeinschaft und auch in der Gesellschaft verursacht. Ein Managereid käme zudem einem persönlichen Qualitätssiegel gleich und besäße eine Ansporn- und Zähmungsfunktion zugleich. Angesichts des anhaltenden Ansehensverlustes von Managern wäre ein Verhaltenskodex, wie er im folgenden Eidestext zum Ausdruck kommt, für alle Seiten von unschätzbarem Wert: Er trägt letztlich zum sozialen Frieden bei und regt zum Vorbildverhalten an, so daß Unternehmenswohl und Gemeinwohl sich nicht fremd bleiben. Wenn Selbstverpflichtungen einmal zur Ehrensache geworden sind, erhält die Fortentwicklung von der reinen Leistungsgesellschaft zur solidarischen Kulturgemeinschaft eine wirkliche Chance. Bekanntlich sind Vertrauen, Motivation und Solidarität die wichtigsten Aktivposten in der betrieblichen Sozialkapital-Bilanz, die auf die Qualität der Arbeit einwirkt. In Zeiten zunehmender parteien- und staatsdirigistischer Eingriffe können moralisch integre Führungskräfte die bedrohten unternehmerischen Freiheiten besser verteidigen als ›Profitbosse‹, denen es an Glaubwürdigkeit gebricht. Ein hohes betriebliches und gesellschaftliches Ansehen der Führungskräfte läge schließlich in ihrem eigenen Interesse, mindert es doch die  körperlichen und  psychischen Belastungen, steigert die Arbeitsfreude u.v.m. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com , Mai 2004

Manager-Eid
WALTHARI-Fassung

§ 1 Generalklausel 
...
§ 2 Oberste Handlungsziele
... 
§ 3 Fordern und fördern
...
§ 4 Leistungs- und Unternehmenskultur
...
§ 5 Unternehmens- und Gemeinwohl
... 
§ 6 Schonender Ressourcenverbrauch
... 
§ 7 Ehrlicher Makler
...

© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com , Mai 2004
 



Vom 15. Juni 2004
Hochherzigkeit
- Zugleich eine Verteidigung des humanen Utilitarismus’ -

1 – Wortverwandtschaft. Mag auch Hochherzigkeit in der Moderne zum seltenen Wortgänger geworden sein (weil die Gesinnung dafür dünn geworden ist), in der zweieinhalbtausendjährigen Tugendlehre stand sie zumeist in hohem Ansehen und in nächster Verwandtschaft zu Hochgesinntheit, Hochsinn, Hochgemutheit, Großmut, Seelengröße, Freigebigkeit, Großzügigkeit, Edelmut und Generosität. Hinter dieser Wortfamilie halten sich neben Weitsicht, Zuneigung und einem reinen und weiten Herzen auch soziale Tapferkeit und Zutrauen verborgen.  Wer hochherzig denkt und handelt, will den besseren oder zumindest den sich bessernden Mitmenschen, dem er fast alles verzeiht, außer (so Baltasar Graciàn, in: ›Der kluge Weltmann‹) Gemeinheit und Schändlichkeit, »denn Schandmale lassen sich durch keinen Kunstgriff beseitigen«.

2 – In der Tugendlehre macht die Hochherzigkeit (Megalopsychia) seit der ›Nikomachischen Ethik‹ des Aristoteles eine moralische Karriere. Der Platonschüler rechnet sie zur Idealform menschlichen Verhaltens und sieht sie in Gesellschaft zum Ehrgeiz auf Ehre (!), zur Freigebigkeit und Großzügigkeit. Die Megalopsychia justiere den Menschen auf die rechte Mitte zwischen Aufgeblasenheit und Kleinmut (Mikropsychia). Der Megalopsychos sei mutig, gerecht und erstrebe das Große und Hohe. Als Tugend setze Hochherzigkeit andere Tugenden voraus und schmücke deren Vollendung. – Auch die Stoa sieht die Magnanimitas im Verbund mit Tapferkeit und Hochsinn (magnitudo animi), was von Cicero fortgeschrieben wird: Bei ihm rangiert die Magnanimitas sogar unter den vier Kardinaltugenden; er verbindet sie mit Tapferkeit (fortiutudo), Standhaftigkeit (constantia), Geduld (patientia) und Nachsicht (indulgentia; in: ›De officio‹, I, 152). – Mit Thomas von Aquin nimmt Hochherzigkeit eine Sinnwendung zur christlichen Nächstenliebe und zur Gnadenabhängigkeit des Menschen (in: ›Summa theologica‹, II). ...
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com

Weiterführende Literatur: Weisheitliche Lebensführung

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WALTHARI, Postfach 100019, 66979 Münchweiler
gegen eine geringe Gebühr bezogen werden.